Sezession
1. Januar 2005

Autorenportrait Robert Michels

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 8 / Januar 2005

sez_nr_8von Peter Boßdorf

Robert Michels, geboren 1876 in Köln und gestorben 1936 in Rom, hat sich als knapp 24-jähriger dem organisierten Sozialismus angeschlossen, aus „jugendlichem Idealismus“, wie er knapp drei Jahrzehnte später in seiner feuilletonistischen Aufsatzsammlung Bedeutende Männer festhielt. Seine akademische Ausbildung war zu diesem Zeitpunkt bereits weitgehend abgeschlossen. Nach seiner Schulzeit hatte er an der Sorbonne, in München und in Halle studiert. Hier promovierte er im Jahr 1900 bei Johann Gustav Droysen.

Schon als junger Mann scheint sich Michels von Loyalitäten, die seine Herkunft vermeintlich geboten, frei gemacht zu haben. Er empfand, wie er rückblickend festhielt, ein grundsätzliches Faible für die romanischen Länder, das sich allerdings de facto auf Frankreich und Italien beschränkte, und wandte sich zunächst dem Internationalismus sozialistischer Provenienz, später, nach seiner Übersiedelung nach Turin und noch vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges, dem neuen, nicht mehr in radikaldemokratischer Tradition stehenden italienischen Nationalismus zu.
Relevanter und persönlich folgenreicher war jedoch die Weigerung des Millionärssohns, die Interessen der sozialen Schicht, der er entstammte, als die seinen zu betrachten. Seine Parteinahme für den Sozialismus war radikal und kompromißlos. Er propagierte nicht die Versöhnung der Arbeiter mit der bürgerlichen Gesellschaft und ihrem Staat auf dem Weg der sozialen und demokratischen Reformen, sondern den Klassenkampf ohne Wenn und Aber. Der Weg, der ihn zu dieser Position geführt hat, liegt im Dunkeln, er ist allerdings nicht untypisch für diese Zeit. Das Unbehagen über das kapitalistische Antlitz, welches das Deutsche Reich trug, hatte sehr viele Intellektuelle schon bald nach dessen Gründung erfaßt. Sie zogen daraus unterschiedlichste Schlüsse, wie denn der Status quo zu überwinden wäre, manche von ihnen – sicherlich eine Minderheit – eben sozialistische.
Die SPD, zu der Michels kurz nach der Jahrhundertwende – zunächst war er der Sozialistischen Partei Italiens beigetreten – stieß, war in der Zweiten Internationale die prägende Kraft. Zahlreichen Sozialisten im Ausland galt sie als Vorbild, an dem man sich zu orientieren hätte. Trotz ihrer imponierenden Organisationskraft und ihrer Wahlerfolge konnte die Partei jedoch weder auf die Innenpolitik noch gar auf die Außenpolitik des Reiches Einfluß nehmen. Ihre Stigmatisierung und der Ausschluß von der Teilhabe an der politischen Macht funktionierten bis in die Zeit der Kriegskredite hinein. Die SPD wurde zwar nicht mehr verfolgt, blieb aber ein Staat im Staate, stets darauf bedacht, daß ihre organisatorische Aufbauleistung nicht durch neuerliche Repressalien gefährdet würde. Theorie und Praxis hatten das Überleben in einem der Partei auferlegten Dilemma zu gewährleisten: Auf der einen Seite durfte sie die bestehende Ordnung de facto nicht gefährden, um zu verhindern, daß der Staat in einer zum letzten entschlossenen Gegenwehr ihren leicht verletzlichen Apparat gar zerschlüge. Auf der anderen Seite mußte sie so gefährlich erscheinen, daß der Gegner das Risiko eines Schlages gegen die Arbeiterbewegung, zum Beispiel durch eine Verschärfung des Wahlrechts, als hoch genug ansehen würde, um von diesem abzusehen.


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