Autorenportrait Robert Michels

pdf der Druckfassung aus Sezession 8 / Januar 2005

sez_nr_8von Peter Boßdorf

Robert Michels, geboren 1876 in Köln und gestorben 1936 in Rom, hat sich als knapp 24-jähriger dem organisierten Sozialismus angeschlossen, aus „jugendlichem Idealismus“, wie er knapp drei Jahrzehnte später in seiner feuilletonistischen Aufsatzsammlung Bedeutende Männer festhielt. Seine akademische Ausbildung war zu diesem Zeitpunkt bereits weitgehend abgeschlossen. Nach seiner Schulzeit hatte er an der Sorbonne, in München und in Halle studiert. Hier promovierte er im Jahr 1900 bei Johann Gustav Droysen.

 Gastbeitrag

Fremde Federn reichen Beiträge ein. Sind sie gut, bringen wir sie.

Schon als jun­ger Mann scheint sich Michels von Loya­li­tä­ten, die sei­ne Her­kunft ver­meint­lich gebo­ten, frei gemacht zu haben. Er emp­fand, wie er rück­bli­ckend fest­hielt, ein grund­sätz­li­ches Fai­ble für die roma­ni­schen Län­der, das sich aller­dings de fac­to auf Frank­reich und Ita­li­en beschränk­te, und wand­te sich zunächst dem Inter­na­tio­na­lis­mus sozia­lis­ti­scher Pro­ve­ni­enz, spä­ter, nach sei­ner Über­sie­de­lung nach Turin und noch vor dem Aus­bruch des Ers­ten Welt­krie­ges, dem neu­en, nicht mehr in radi­kal­de­mo­kra­ti­scher Tra­di­ti­on ste­hen­den ita­lie­ni­schen Natio­na­lis­mus zu.
Rele­van­ter und per­sön­lich fol­gen­rei­cher war jedoch die Wei­ge­rung des Mil­lio­närs­sohns, die Inter­es­sen der sozia­len Schicht, der er ent­stamm­te, als die sei­nen zu betrach­ten. Sei­ne Par­tei­nah­me für den Sozia­lis­mus war radi­kal und kom­pro­miß­los. Er pro­pa­gier­te nicht die Ver­söh­nung der Arbei­ter mit der bür­ger­li­chen Gesell­schaft und ihrem Staat auf dem Weg der sozia­len und demo­kra­ti­schen Refor­men, son­dern den Klas­sen­kampf ohne Wenn und Aber. Der Weg, der ihn zu die­ser Posi­ti­on geführt hat, liegt im Dun­keln, er ist aller­dings nicht unty­pisch für die­se Zeit. Das Unbe­ha­gen über das kapi­ta­lis­ti­sche Ant­litz, wel­ches das Deut­sche Reich trug, hat­te sehr vie­le Intel­lek­tu­el­le schon bald nach des­sen Grün­dung erfaßt. Sie zogen dar­aus unter­schied­lichs­te Schlüs­se, wie denn der Sta­tus quo zu über­win­den wäre, man­che von ihnen – sicher­lich eine Min­der­heit – eben sozialistische.
Die SPD, zu der Michels kurz nach der Jahr­hun­dert­wen­de – zunächst war er der Sozia­lis­ti­schen Par­tei Ita­li­ens bei­getre­ten – stieß, war in der Zwei­ten Inter­na­tio­na­le die prä­gen­de Kraft. Zahl­rei­chen Sozia­lis­ten im Aus­land galt sie als Vor­bild, an dem man sich zu ori­en­tie­ren hät­te. Trotz ihrer impo­nie­ren­den Orga­ni­sa­ti­ons­kraft und ihrer Wahl­er­fol­ge konn­te die Par­tei jedoch weder auf die Innen­po­li­tik noch gar auf die Außen­po­li­tik des Rei­ches Ein­fluß neh­men. Ihre Stig­ma­ti­sie­rung und der Aus­schluß von der Teil­ha­be an der poli­ti­schen Macht funk­tio­nier­ten bis in die Zeit der Kriegs­kre­di­te hin­ein. Die SPD wur­de zwar nicht mehr ver­folgt, blieb aber ein Staat im Staa­te, stets dar­auf bedacht, daß ihre orga­ni­sa­to­ri­sche Auf­bau­leis­tung nicht durch neu­er­li­che Repres­sa­li­en gefähr­det wür­de. Theo­rie und Pra­xis hat­ten das Über­le­ben in einem der Par­tei auf­er­leg­ten Dilem­ma zu gewähr­leis­ten: Auf der einen Sei­te durf­te sie die bestehen­de Ord­nung de fac­to nicht gefähr­den, um zu ver­hin­dern, daß der Staat in einer zum letz­ten ent­schlos­se­nen Gegen­wehr ihren leicht ver­letz­li­chen Appa­rat gar zer­schlü­ge. Auf der ande­ren Sei­te muß­te sie so gefähr­lich erschei­nen, daß der Geg­ner das Risi­ko eines Schla­ges gegen die Arbei­ter­be­we­gung, zum Bei­spiel durch eine Ver­schär­fung des Wahl­rechts, als hoch genug anse­hen wür­de, um von die­sem abzusehen.

Inner­par­tei­lich wur­den die Sozi­al­de­mo­kra­ten in den Jah­ren um die Jahr­hun­dert­wen­de durch die Kri­tik der soge­nann­ten Revi­sio­nis­ten in Atem gehal­ten, die den Abschied vom Mar­xis­mus als aus­schließ­li­ches theo­re­ti­sches Bezugs­sys­tem anstreb­ten, um die Dis­kre­panz zwi­schen Pro­gramm und Pra­xis zu über­win­den. In die­ser „revi­sio­nis­ti­schen Kri­se“ (Jac­ques Droz) stand Robert Michels auf der Sei­te der Mehr­heit, die den Ver­such, die Par­tei auf einen beken­nend refor­mis­ti­schen Kurs zu brin­gen, abwies. Eine Zustim­mung zu dem Bild, das die SPD im gro­ßen und gan­zen abgab, lag dar­in nicht. Auch er sah die Not­wen­dig­keit, den Anspruch der Par­tei und die Wirk­lich­keit ihrer Poli­tik in Ein­klang zu brin­gen – sie hat­te jedoch sei­ner Auf­fas­sung nach ihre revo­lu­tio­nä­ren Ziel­set­zun­gen nicht auf­zu­ge­ben, son­dern ihnen end­lich ent­spre­chen­de Taten fol­gen zu las­sen. Hier traf er sich mit den Maxi­ma­lis­ten um Rosa Luxem­burg, die, unter dem Ein­druck der Rus­si­schen Revo­lu­ti­on von 1905, dem Instru­ment des Gene­ral­streiks im Arse­nal der Par­tei wie­der einen pro­mi­nen­ten Platz ein­räu­men wollten.
In einer rück­bli­cken­den Betrach­tung hat sich Michels knapp zwei Jahr­zehn­te nach die­sen Ereig­nis­sen als Ver­tre­ter einer Rich­tung gese­hen, die, sofern man sie über­haupt zur Kennt­nis nahm, mit dem unglück­li­chen und letzt­lich auch unpas­sen­den Eti­kett des Anar­cho­syn­di­ka­lis­mus ver­se­hen wur­de, und die streng­ge­nom­men, so Michels, als sol­che auch nie exis­tiert hat. Er lehn­te den Revi­sio­nis­mus ab, er konn­te sich mit dem mehr­heit­lich durch­ge­setz­ten Kurs der Par­tei nicht wirk­lich anfreun­den, und er fand auch kei­nen Kon­nex zu den Maxi­ma­lis­ten, die in der Theo­rie schon im gro­ßen und gan­zen vor­weg­nah­men, was sie im Zuge der Zuspit­zung der inner­par­tei­li­chen Aus­ein­an­der­set­zun­gen anläß­lich des Ers­ten Welt­krie­ges zur Spal­tung der Arbei­ter­be­we­gung füh­ren soll­te. Mit ihnen teil­te Michels die Radi­ka­li­tät, aber nicht die Anschau­un­gen, aus denen sie sich speis­te. Sei­ne waren zu die­sem Zeit­punkt bereits durch eine ganz ande­re, in Frank­reich und Ita­li­en weit vor­an­ge­trie­be­ne Revi­si­on des Mar­xis­mus geprägt.
Robert Michels hat die wesent­li­chen Autoren, die die­se Revi­si­on unter dem Ban­ner des Syn­di­ka­lis­mus betrie­ben, in der Pha­se sei­nes sozia­lis­ti­schen Enga­ge­ments nicht nur wahr­ge­nom­men, er hat eini­ge von ihnen auf sei­nen Stu­di­en­auf­ent­hal­ten und Rei­sen auch per­sön­lich ken­nen­ge­lernt. Zu nen­nen ist hier ins­be­son­de­re Geor­ges Sorel, der die­ser Strö­mung viel­leicht nicht die aus­ge­feil­te theo­re­ti­sche Aus­for­mung gege­ben hat, sie aber durch sug­ges­ti­ve Denk­fi­gu­ren nach­hal­tig zu prä­gen ver­stand und zudem als eine Inte­gra­ti­ons­ge­stalt für publi­zis­ti­sche Pro­jek­te fungierte.
Der Sorel, den Michels zunächst ken­nen­lernt, ist jener der syn­di­ka­lis­ti­schen Pha­se, in der er die berühm­ten Betrach­tun­gen Über die Gewalt ver­faß­te. Sie soll­ten eine gan­ze Genera­ti­on radi­ka­ler Intel­lek­tu­el­ler mit weit aus­ein­an­der­lau­fen­den Lebens­we­gen prä­gen – nicht zuletzt Beni­to Mus­so­li­ni. Weni­ger weit­schwei­fig und für heu­ti­ge Leser leich­ter zugäng­lich hat Sorel sei­ne Auf­fas­sun­gen in dem Essay Die Auf­lö­sung des Mar­xis­mus zusam­men­ge­faßt – der im his­to­ri­schen Rück­blick auf sei­ne intel­lek­tu­el­le Bio­gra­phie aller­dings schon als ein Abschied von den Illu­sio­nen des Syn­di­ka­lis­mus gele­sen wer­den kann. In die­sem Text knüpft Sorel kri­tisch an den Revi­sio­nis­mus Bern­steins an – und treibt sei­nen eige­nen über die­sen hinaus.

Allein als künst­le­ri­sches Bild, so Sorel, ist der Mar­xis­mus gegen die Ein­wän­de, die der Revi­sio­nis­mus und die bür­ger­li­che Kri­tik vor­tra­gen, immun. Als sozio­lo­gi­sche Ana­ly­se schei­tert er an der Wirk­lich­keit, ist ste­ril und nutz­los. Der Kapi­ta­lis­mus zeigt sich ein Vier­tel­jahr­hun­dert nach dem Tod von Marx näm­lich vita­ler, als die­ser insi­nu­ier­te. Es hat nicht mehr den Anschein, daß er den Keim zu sei­ner Über­win­dung in sich trägt. Sei­ne inne­re Logik treibt ihn nicht in den Unter­gang. Wenn man die­sen Unter­gang den­noch her­bei­füh­ren will, darf man nicht dar­auf hof­fen, daß der Kapi­ta­lis­mus an sei­nen Wider­sprü­chen schei­tert; man muß den Klas­sen­kampf viel­mehr schü­ren, muß den psy­cho­lo­gi­schen Bruch des Pro­le­ta­ri­ats mit den herr­schen­den Ver­hält­nis­sen betrei­ben, wo ein mate­ri­el­ler ausbleibt.
Das Pro­le­ta­ri­at kann jedoch nur dann ins Gefecht gegen die Bour­geoi­sie ein­tre­ten, wenn es nicht deren Ver­lo­ckun­gen erliegt. Sei­ne Psy­cho­lo­gie ist aber anfäl­lig, sei­ne Akzep­tanz der bestehen­den Ver­hält­nis­se bil­lig zu erkau­fen. Die Ent­ste­hung sozia­lis­ti­scher Par­tei­en, die sich am par­la­men­ta­ri­schen Spiel betei­li­gen, hat sei­ne Vita­li­tät unter­mi­niert. Für Sorel ist die Demo­kra­tie der Sumpf, in dem der Sozia­lis­mus zu ver­sin­ken droht. Man muß die Arbei­ter­be­we­gung daher von der Beherr­schung durch die sozia­lis­ti­schen Par­tei­en befrei­en, die Gewerk­schaf­ten vom Par­la­men­ta­ris­mus lösen und den Angriff gegen das demo­kra­ti­sche Regime als sub­ti­le und dem­ago­gi­sche Form bür­ger­li­cher Herr­schaft rich­ten. Die Demo­kra­tie sug­ge­riert eine gemein­sa­me poli­ti­sche Grund­la­ge, die den Klas­sen­kampf in kon­sti­tu­tio­nel­le Bah­nen lenkt, ihn ent­schärft und schließ­lich neu­tra­li­siert. Der Syn­di­ka­lis­mus ist ange­tre­ten, um die Ent­zwei­ung zwi­schen Bour­geoi­sie und Pro­le­ta­ri­at, die die Mit­wir­kung der sozia­lis­ti­schen Par­tei­en im par­la­men­ta­ri­schen Sys­tem und der Oppor­tu­nis­mus der Gewerk­schaf­ten zum Ver­schwim­men zu brin­gen dro­hen, wie­der­her­zu­stel­len und zuzu­spit­zen. Wenn sich der Klas­sen­kampf nicht von selbst ein­stel­len will, ist er mit künst­li­chen Mit­teln ins Werk zu set­zen. Die Gewalt ist in der Aus­ein­an­der­set­zung nicht allein ein gegen die bür­ger­li­che Deka­denz gerich­te­tes Aus­drucks­mit­tel pro­le­ta­ri­scher Vita­li­tät. Sie ent­zau­bert zugleich durch wil­lent­li­che Regel­ver­let­zung die demo­kra­ti­sche Illu­si­on, es lie­ßen sich auf Dau­er unan­greif­ba­re und all­seits akzep­tier­te Kon­flikt­lö­sungs­me­cha­nis­men etablieren.
Die pro­le­ta­ri­sche Wirk­lich­keit hat es jedoch auch mit dem Syn­di­ka­lis­mus nicht gut­ge­meint. Der Fun­ken, so wird bereits nach eini­gen weni­gen eupho­risch beglei­te­ten Streiks erkenn­bar, will von der elek­tri­sier­ten Min­der­heit par­tout nicht auf die Mas­sen über­sprin­gen. Der Arbei­ter möch­te nicht nur durch indi­vi­du­el­len sozia­len Auf­stieg sel­ber mög­lichst Bour­geois wer­den, er eifert die­sem kul­tu­rel­len Leit­bild sogar nach, wenn gar kei­ne Chan­cen erkenn­bar sind, jemals die eige­ne Klas­se hin­ter sich las­sen zu kön­nen. Man muß das Pro­le­ta­ri­at gar nicht eigens durch die Demo­kra­tie und die ihr auf den Leim gehen­den sozia­lis­ti­schen Par­tei­en kor­rum­pie­ren. Der Arbei­ter ist hin­sicht­lich sei­ner Moti­va­ti­ons­struk­tur, sei­ner Ver­hal­tens­wei­sen und sei­ner Wert­vor­stel­lun­gen, ohne daß frem­des Zutun nötig wäre, nicht wesent­lich vom Bour­geois unter­schie­den – und das heißt aus sorelia­ni­scher Sicht: deka­dent, eigen­nüt­zig, würdelos.

Die theo­re­ti­sche Belie­big­keit des Syn­di­ka­lis­mus jen­seits des gemein­sa­men Wun­sches, das wir­kungs­volls­te Geschütz gegen die bür­ger­li­che Welt in Stel­lung zu brin­gen, offen­bar­te sich in sei­ner Sinn­kri­se. Die Wege sei­ner Prot­ago­nis­ten, die wie eine Bewe­gung aus­ge­se­hen hat­ten, lie­fen aus­ein­an­der. Eini­ge such­ten nach ande­ren, neu­en Mythen, die die mora­li­sche Qua­li­tät des Pro­le­ta­ri­ats ver­bes­sern könn­ten, die in ihm Gemein­schafts­sinn und Opfer­sinn zu wecken ver­sprä­chen. Sie fan­den die­se Mythen in der Nati­on und im natio­na­len Krieg, tra­ten mit den Natio­na­lis­ten der Rech­ten in eine osmo­ti­sche Bezie­hung und mün­de­ten schließ­lich in den Faschis­mus ein. Noch am ehes­ten den syn­di­ka­lis­ti­schen Posi­tio­nen treu blie­ben in Ita­li­en aus­ge­rech­net jene, die sich doch ursprüng­lich am meis­ten von ihnen ent­fernt zu haben schie­nen, indem sie eine kri­ti­sche Nähe zur refor­mis­ti­schen Sozia­lis­ti­schen Par­tei such­ten oder gar in ihr ver­blie­ben – sie wider­stan­den in der Regel der faschis­ti­schen Versuchung.
Robert Michels ist kei­nen der bei­den Wege mit­ge­gan­gen. 1907 über­sie­del­te er nach Turin, habi­li­tier­te sich dort und befaß­te sich mit dem Sozia­lis­mus fort­an eher aus einer pro­fes­sio­nell-distan­zier­ten War­te. Er ließ ab von einem Syn­di­ka­lis­mus, der, wie Max Weber ihm in einem Brief vor­ge­hal­ten hat­te, „ent­we­der die nich­ti­ge Schrul­le intel­lek­tu­el­ler Roman­ti­ker“ dar­stel­le oder „eine Gesin­nungs-Reli­gi­on, die auch dann zu Recht besteht, wenn es nie ein Zukunfts­ziel gibt, wel­ches ‚erreicht‘ wird und wenn auch wis­sen­schaft­lich fest­steht, daß dazu kei­ner­lei Chan­ce ist.“ Die Kri­tik der Demo­kra­tie und der psy­cho­lo­gi­sche Ansatz sei­ner Sozio­lo­gie sind aller­dings Erb­stü­cke des mit­er­leb­ten Syn­di­ka­lis­mus, die sei­ne nun begin­nen­den „ent­sa­gungs­vol­len Stu­di­en“, wie sie Fried­rich Nau­mann in einer Rezen­si­on genannt hat, prä­gen. Sie – und ins­be­son­de­re das Haupt­werk Zur Sozio­lo­gie des Par­tei­we­sens in der moder­nen Demo­kra­tie – las­sen aber auch das Tor erken­nen, durch das Michels zum Faschis­mus schließ­lich gefun­den hat: die von Gaeta­no Mos­ca und Vilf­re­do Pare­to for­mu­lier­te Elitentheorie.
Robert Michels kann­te bei­de Autoren auch aus per­sön­li­chen Begeg­nun­gen. Mos­ca war ein Kol­le­ge in Turin, mit Pare­to stand er offen­bar, nach­dem er dem Ruf an die Uni­ver­si­tät Basel kurz vor Aus­bruch des Ers­ten Welt­krie­ges gefolgt war, in enge­rer Ver­bin­dung – Pare­to leb­te zu die­ser Zeit, seit 1907 von allen Lehr­ver­pflich­tun­gen an der Uni­ver­si­tät Lau­sanne frei­ge­stellt, am Gen­fer See.
Daß stets eine Herr­schaft sei und somit eine orga­ni­sier­te Min­der­heit der Mas­se als nicht­or­ga­ni­sier­ter Mehr­heit ihren Wil­len auf­zwin­ge, dar­in stimm­ten Mos­ca, Pare­to und Michels über­ein. Pare­to – und selek­tiv rezi­pie­rend folg­te ihm hier Michels – bet­te­te die­se sozio­lo­gi­sche Ana­ly­se der Poli­tik jedoch in eine all­ge­mei­ne, psy­cho­lo­gi­sie­ren­de Hand­lungs­theo­rie ein. Der zufol­ge agie­ren Indi­vi­du­en nicht ratio­nal im Sin­ne des homo oeco­no­mic­us, son­dern ihrer Trieb­struk­tur, (Pare­tos „Resi­du­en“) gemäß, stets bestrebt, dies mit schein­lo­gi­schen Hand­lungs­be­grün­dun­gen (Pare­tos „Deri­va­tio­nen“) zu kaschie­ren. Die Eli­te, von Pare­to als eine Funk­ti­ons­eli­te sozu­sa­gen wert­neu­tral ver­stan­den, zeich­net sich nicht, und hier war Mos­ca gegen­tei­li­ger Auf­fas­sung, durch einen ethi­schen Anspruch und einen durch ver­ant­wor­tungs­be­wußt genutz­te Über­le­gen­heit gespeis­ten Pater­na­lis­mus aus, son­dern durch einen beson­ders inten­si­ven Macht­wil­len und durch die Bereit­schaft, die­sem bei Bedarf ohne Hem­mun­gen auch mit­tels Gewalt Gel­tung zu verschaffen.

Pare­to unter­stell­te einen Kreis­lauf der Eli­ten: Die zur Füh­rer­schaft befä­hi­gen­den Resi­du­en ver­lö­ren in der herr­schen­den Klas­se an Gewicht, dyna­mi­sche­re Ele­men­te son­der­ten sich von ihr ab und ver­schmöl­zen mit auf­stre­ben­den Kräf­ten aus der beherrsch­ten Mas­se zu einer Gegen­eli­te, die, nicht zuletzt auf­grund ihrer grö­ße­ren Gewalt­be­reit­schaft, schließ­lich die Herr­schen­den ver­drän­ge und sich an deren Stel­le set­ze. Mit die­sem Modell ließ sich auch das Phä­no­men des Syn­di­ka­lis­mus, der im übri­gen durch eine unver­hoh­len eli­tä­re Atti­tü­de gekenn­zeich­net war, in einen grö­ße­ren Zusam­men­hang stellen.
Robert Michels hat nicht nur, des­sen ter­mi­no­lo­gi­sche Über­spannt­hei­ten bei­sei­te las­send, an Pare­to ange­knüpft, er hat vor allem einen eigen­stän­di­gen und wesent­li­chen Bei­trag zur demo­kra­tie­kri­ti­schen Eli­ten­theo­rie geleis­tet. Mos­ca und Pare­to ließ sich aus sozia­lis­ti­scher Sicht viel­leicht noch ent­geg­nen, daß sie das, was für die bür­ger­li­che Klas­sen­ge­sell­schaft zu kon­sta­tie­ren war, als zei­tun­ge­bun­den und all­ge­mein-mensch­lich aus­ga­ben. Michels jedoch unter­zog genau die sozia­le Erschei­nung einer Ana­ly­se, von der ihrem eige­nen Anspruch gemäß ange­nom­men wer­den soll­te, daß die neue, dann wahr­haft demo­kra­ti­sche Zeit in ihr bereits erkenn­bar wäre.
Der Ort die­ser Ana­ly­se ist das 1911 erschie­ne­ne und in den 20er Jah­ren noch­mals über­ar­bei­te­te Buch Zur Sozio­lo­gie des Par­tei­we­sens in der moder­nen Demo­kra­tie. Es war nicht nur zu sei­ner Zeit erfolg­reich, son­dern ver­dient es noch heu­te, ohne daß man in prin­zi­pi­el­ler Ehr­furcht vor den „alten Meis­tern“ ver­sin­ken woll­te, als ein „Klas­si­ker“ der Dis­zi­plin bezeich­net zu werden.
Die Legi­ti­ma­ti­on einer orga­ni­sier­ten Arbei­ter­be­we­gung und die grund­sätz­li­che Inte­gri­tät ihrer Füh­rer wer­den in die­sem Buch nicht in Fra­ge gestellt. Der kapi­ta­lis­ti­schen Expro­pria­ti­on kann die amor­phe und hilf­lo­se Mas­se nur begeg­nen, indem sie ihre Kräf­te bün­delt. Sie ver­mag nicht anders, als sich zu orga­ni­sie­ren, um wehr­haft zu sein. Wer Orga­ni­sa­ti­on will, muß aber erken­nen und akzep­tie­ren, daß er sich damit auch Olig­ar­chie ein­han­delt. Das stren­ge Dik­tum Rous­se­aus, daß Demo­kra­tie und Reprä­sen­ta­ti­on ein­an­der aus­schlie­ßen, daß eine Popu­la­ti­on (oder eine Grup­pe) nur durch sich selbst, nicht aber durch ver­meint­li­che Reprä­sen­tan­ten ver­tre­ten wer­den kann, setzt Maß­stä­be, die die Wirk­lich­keit von Staat, Par­tei oder Gewerk­schaft nicht zu erfül­len vermögen.
Die Orga­ni­sa­tio­nen des Pro­le­ta­ri­ats bil­den, wie demo­kra­tisch und ega­li­tär die Ansprü­che, unter denen sie ange­tre­ten sind, auch sein mögen, somit eine olig­ar­chi­sche Struk­tur aus, in der sehr weni­ge sehr vie­len ihren Wil­len dik­tie­ren. Es ent­steht eine Arbei­ter­aris­to­kra­tie, die sich, Ent­wick­lungs­brü­che ein­mal aus­ge­klam­mert, de fac­to durch Koopt­ati­on erneu­ert. Das in der Theo­rie pos­tu­lier­te Abhän­gig­keits­ver­hält­nis der Reprä­sen­tan­ten von den Reprä­sen­tier­ten kehrt sich mehr und mehr um. Wo eine herr­schen­de Min­der­heit doch ein­mal gestürzt wird, sind es nicht die Mas­sen, die sich an ihre Stel­le set­zen, son­dern nur eine neue Min­der­heit, die an die Spit­ze getra­gen wird: Dies gilt im Staat genau­so wie in sei­ner beschei­de­nen Kopie, der Par­tei. „Revo­lu­tio­nen“, so Michels, „hat es gege­ben, Demo­kra­tie nicht.“ „Die Mas­sen begnü­gen sich damit, unter Auf­bie­tung aller Kräf­te ihre Her­ren zu wech­seln. … Ein beschei­de­ner Erfolg.“

In das par­la­men­ta­ri­sche Sys­tem der bür­ger­li­chen Demo­kra­tie inte­griert, ero­diert die revo­lu­tio­nä­re Aus­rich­tung der Arbei­ter­be­we­gung von ihrer Spit­ze her. Die Arbei­ter­füh­rer las­sen sich mehr und mehr dazu ver­lei­ten, die Inter­es­sen des ver­meint­lich grö­ße­ren Gan­zen, an dem sie im Par­la­ment oder gar in der Regie­rung mit­wir­ken, gegen jene zu behaup­ten und durch­zu­set­zen, in deren Auf­trag sie zu han­deln vor­ge­ben. Der laten­te Refor­mis­mus der sozia­lis­ti­schen Par­tei­en und Gewerk­schaf­ten, den der Syn­di­ka­lis­mus behaup­te­te, fin­det durch Michels eine wis­sen­schaft­li­che Erklä­rung. Hier gehen Erkennt­nis­se aus der Pra­xis sei­nes Enga­ge­ments bruch­los in sei­ne soge­nann­ten „ent­sa­gungs­vol­len Stu­di­en“ über. Auch die kon­sta­tier­te Aus­weg­lo­sig­keit des Unter­fan­gens, Demo­kra­tie Wirk­lich­keit wer­den zu las­sen, doku­men­tiert kei­nen Gesin­nungs­wan­del: Die Vor­stel­lung, daß es stets Min­der­hei­ten sind, die etwas bewe­gen, gehör­te bereits zu den syn­di­ka­lis­ti­schen Grundgewißheiten.
Die Des­il­lu­sio­nie­rung über die Demo­kra­tie, der Michels in der Sozio­lo­gie des Par­tei­we­sens wis­sen­schaft­li­chen Aus­druck ver­lieh, ließ natür­lich auch ganz ande­re Optio­nen offen als bloß die faschis­ti­sche, die er selbst spä­ter gewählt hat. Sei­ne Ent­wick­lung hät­te ihn von die­sem Punkt aus gut und ger­ne auch zu der Posi­ti­on eines Ver­nunft­re­pu­bli­ka­ners füh­ren kön­nen, der, wie zum Bei­spiel Max Weber, bei aller Erha­ben­heit über die demo­kra­ti­sche Ideo­lo­gie die par­la­men­ta­ri­sche Füh­rer­aus­le­se für eine erfolg­rei­che hält. Aus der The­se, daß sogar sich demo­kra­tisch ver­ste­hen­de Orga­ni­sa­tio­nen und Regime not­wen­di­ger­wei­se Olig­ar­chien aus­bil­den, folg­te nicht zwangs­läu­fig die Kon­se­quenz, die­se Orga­ni­sa­tio­nen oder Regime des­halb zu ver­wer­fen. Michels amü­sier­te sich zwar dar­über, daß Demo­kra­tien immer „wort­reich“ sei­en und „ihre Ter­mi­no­lo­gie … mit einem Gewe­be aus Meta­phern ver­gleich­bar“ wäre. Er nahm die­ses Phä­no­men aber frei von ästhe­ti­schem Res­sen­ti­ment zur Kennt­nis. Es kam ihm nicht in den Sinn, aus sozi­al­hy­gie­ni­schem Wahr­heits­fa­na­tis­mus den heh­ren Anspruch zu erhe­ben, die Herr­schen­den mögen doch, bit­te sehr, gegen­über den Beherrsch­ten das Fak­tum ihrer Herr­schaft nicht durch Volks­herr­schafts­phra­seo­lo­gien ver­schlei­ern. Daß aus der Poten­tia­li­tät einer Ent­wick­lung sei­nes Den­kens zum Faschis­mus schließ­lich doch eine rea­le wur­de, ist auf zwei ande­re Fak­to­ren zurückzuführen.
Zum einen spitz­te der eins­ti­ge Inter­na­tio­na­list und Anti­mi­li­ta­rist Robert Michels das Bekennt­nis zur neu­en Wahl­hei­mat Ita­li­en, die Staats­bür­ger­schaft hat­te er 1913 ange­nom­men, zu einem die Gren­zen zum Unap­pe­tit­li­chen über­schrei­ten­den Natio­na­lis­mus zu. Von der Schweiz aus agi­tier­te er für den Kriegs­ein­tritt gegen die Mit­tel­mäch­te, was zu sei­ner end­gül­ti­gen Ent­frem­dung von Max Weber führ­te. Es lag in der Logik die­ser Ent­schei­dung, daß er sich plötz­lich an der Sei­te jener Wort­füh­rer des Inter­ven­tio­nis­mus wie­der­fand, die wie er von Sozia­lis­mus und Syn­di­ka­lis­mus aus­ge­gan­gen waren. Ihre pro­mi­nen­tes­te Inte­gra­ti­ons­fi­gur fan­den sie in Beni­to Mussolini.
Zum ande­ren bot das Ita­li­en nach dem Ers­ten Welt­krieg ein Bild, das für eine wohl­wol­lend kon­struk­ti­ve Demo­kra­tie­kri­tik nicht gera­de die geeig­ne­te Inspi­ra­ti­on bot. Auf dem Gebiet der Außen­po­li­tik erschien das demo­kra­ti­sche Regime als unfä­hig, den Sieg im Krieg in einen eben­sol­chen im Frie­den umzu­mün­zen. Innen­po­li­tisch sah es dem Kol­laps der öffent­li­chen Ord­nung ohn­mäch­tig zu. Über ihm schien das Fatum zu hän­gen, das Vilf­re­do Pare­to aus­ran­gier­ten Eli­ten, denen Macht­wil­le und Ent­schlos­sen­heit abhan­den gekom­men waren, ver­hei­ßen hat­te: Sie wer­den durch neue, gewalt­be­rei­te Eli­ten verdrängt.

Robert Michels hat daher nicht nur die faschis­ti­sche Macht­er­grei­fung begrüßt. Ihm muß­te auch das Durch­grei­fen des Regimes nach der Matteot­ti-Kri­se von 1925, der Über­gang von einer Poli­tik des Kom­pro­mis­ses zur Eta­blie­rung des unein­ge­schränk­ten Herr­schafts­an­spru­ches als fol­ge­rich­tig und begrü­ßens­wert erschei­nen. Bereits im Okto­ber 1922, kurz nach dem Marsch auf Rom, war er der Faschis­ti­schen Par­tei bei­getre­ten. 1928 wur­de er an der als eine faschis­ti­sche Kader­schmie­de kon­zi­pier­ten Uni­ver­si­tät Perugia Ordi­na­ri­us für Volkswirtschaftslehre.
Der wis­sen­schaft­li­che Ertrag die­ser Lebens­pha­se ist über­schau­bar, auch wenn es an Publi­ka­tio­nen nicht man­gel­te. Er bemüh­te sich, im deutsch­spra­chi­gen Raum durch Sach­bü­cher und Arti­kel Ver­ständ­nis für das neue Ita­li­en zu wecken. Er ver­such­te, den Faschis­mus als eine Voll­endung des Risor­gi­men­to dar­zu­stel­len, da er nicht mehr bloß das Bür­ger­tum, son­dern die gan­ze Nati­on in den Staat inte­grie­re, und inter­pre­tier­te ihn geis­tes­ge­schicht­lich als Über­win­dung abwe­gi­ger und die sozia­le Ent­wick­lung läh­men­der Fra­ge­stel­lun­gen des 19. Jahrhunderts.
Vor allem aber schien er anzu­stre­ben, mit einem wei­te­ren gro­ßen Wurf dem faschis­ti­schen Herr­schafts­ver­ständ­nis ein Fun­da­ment zu geben, in des­sen For­mu­lie­rung er ver­meint­lich an Max Weber anknüpf­te. Mus­so­li­ni erschien ihm nun als cha­ris­ma­ti­scher Füh­rer, der als auto­chtho­ne und authen­ti­sche Ver­tre­tung des Volks­wil­lens spon­ta­ne Gefolg­schaft fand. Michels blen­de­te dabei aus, daß Weber nicht die cha­ris­ma­ti­sche und auch nicht die tra­di­tio­na­le, son­dern die büro­kra­ti­sche Herr­schaft als jene ansah, die sich in der Moder­ne durch­set­ze. Er räum­te zwar die Mög­lich­keit ein, daß auch wei­ter­hin Füh­rer mit außer­all­täg­li­chen Eigen­schaf­ten auf­trä­ten. Die als­bal­di­ge Ver­all­täg­li­chung ihrer Herr­schaft sei aber unaus­weich­lich. Die Kri­tik, daß Michels hier hin­ter sei­nen eige­nen Erkennt­nis­stand aus der Zeit vor Mus­so­li­ni zurück­fiel, ist nicht von der Hand zu wei­sen. Die schein­lo­gi­schen Herr­schafts­be­grün­dun­gen – Pare­to hät­te gesagt: die Deri­va­tio­nen – des Faschis­mus wer­den von ihm nicht als sol­che ent­zau­bert – son­dern ausgeschmückt.

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