Niederlage – Befreiung

pdf der Druckfassung aus Sezession 8 / Januar 2005

sez_nr_8Geschichtspolitisch kommt dem Jahr 2005 außerordentliche Bedeutung zu. In Erinnerung an das Kriegsende werden auf allen Kontinenten Feierlichkeiten, Gottesdienste, Vorträge und Symposien stattfinden, und der Medienmarkt produziert eine Fülle von Filmen, Büchern und Zeitschriften. Dieser Aufwand ist nur zum Teil dadurch erklärbar, daß 2005 zum letzten Mal Zeugen des Geschehens von 1945 in größerer Zahl beteiligt sein können. Die tiefere Ursache für die Wichtigkeit des Gedenkens liegt in der symbolischen Funktion, die das Jahr 1945 für die politische Ordnung gewonnen hat. „1945“ ist zur Chiffre für den Triumph über das Böse geworden, ein Akt der „Befreiung“ von universaler Geltung. „1945“ markiert den Beginn einer neuen Ära, die auf das Gute gegründet wurde. Deshalb scheint dieses Datum dem gewöhnlichen Lauf der Geschichte enthoben, eine Art absoluter Zäsur, keinem anderen Datum des 20. Jahrhunderts, wahrscheinlich überhaupt keinem anderen Datum vergleichbar. Der französische Historiker Etienne François, ein Spezialist für die Formen kollektiver Erinnerung, hat von „immerwährender Gegenwart“ gesprochen. „1945“ liegt in einer mythischen Zeit außerhalb der Zeit. Was davor war, ist ohne Belang, die Welt entstand neu. Alle Legitimität erwächst aus der Möglichkeit, hier anzuknüpfen.

 Gastbeitrag

Fremde Federn reichen Beiträge ein. Sind sie gut, bringen wir sie.

Sol­che Bedeu­tung hat ihren Preis: die Rei­ni­gung des Erin­ne­rungs­wür­di­gen von allem, was die Bedeu­tung stört. Des­halb wird beim Geden­ken an das Jahr 1945 weder das Ende des bri­ti­schen Impe­ri­ums noch der Beginn der sta­li­nis­ti­schen Herr­schaft in Ost­mit­tel- und Ost­eu­ro­pa, weder die gro­ße „Säu­be­rung“ in Frank­reich noch der Abwurf der Atom­bom­ben über Japan eine Rol­le spie­len. Sonst wären Irri­ta­tio­nen zu fürch­ten, müß­te man über Kon­ti­nui­tät und Dis­kon­ti­nui­tät der Ent­wick­lung in ande­rer als der gewohn­ten Wei­se nach­den­ken. Selbst­ver­ständ­lich gibt es in Groß­bri­tan­ni­en His­to­ri­ker, die Chur­chill vor­wer­fen, die Über­see­ge­bie­te ohne Not auf­ge­ge­ben und damit dem Ein­fluß der USA aus­ge­lie­fert zu haben, und in Frank­reich ande­re, die glau­ben, daß Zehn­tau­sen­de von Toten in Fol­ge der épura­ti­on ein zu hoher Preis für die Schaf­fung der Vier­ten Repu­blik gewe­sen sei­en. In den ehe­ma­li­gen Ost­block­staa­ten fra­gen vie­le, wie man dazu kam, Sta­lin die Beu­te aus dem Pakt mit Hit­ler zu über­las­sen und ihm zu erlau­ben, sei­ne Macht bis an die Elbe aus­zu­deh­nen, und die Mehr­heit der Japa­ner bezwei­felt, daß die Ver­nich­tung von Hiro­shi­ma und Naga­sa­ki mili­tä­risch sinn­voll oder mora­lisch akzep­ta­bel gewe­sen sei. Aber nichts davon hat Ein­fluß auf das Bild vom Sieg des Guten über das Böse. Wer dar­an Kor­rek­tu­ren anbrin­gen will, setzt sich dem Ver­dacht aus, der unbe­dingt gemie­den wird, dem, für das Böse Par­tei zu ergreifen.
Die­ser Ver­dacht ist in Deutsch­land beson­ders wirk­sam, weil das NSRe­gime den ein­zi­gen Fokus der deut­schen Iden­ti­tät bil­det: „Die deut­sche Geschich­te ist kurz. Sie dau­ert gera­de ein­mal zwölf Jah­re: von 1933 bis 1945. Davor mag es etwas gege­ben haben und danach auch. Aber das sind nur Ver­gan­gen­hei­ten. Geschich­te – als etwas, das als Erzäh­lung gegen­wär­tig geblie­ben ist – sind nur die Jah­re der Bar­ba­rei. Der Natio­nal­so­zia­lis­mus und der Holo­caust gel­ten heu­te als Dreh- und Angel­punk­te der deut­schen Geschich­te. Und die Deut­schen sind alles ande­re als ein geschichts­ver­ges­se­nes Volk. Das The­ma bestimmt die fami­liä­ren Tra­die­run­gen, domi­niert die Lehr­plä­ne in den Schu­len und ist ein fes­tes Ele­ment in den Zei­tungs­feuil­le­tons. Kei­ne Kino­sai­son ohne zwei bis drei Fil­me, die im Drit­ten Reich spie­len. Kei­ne Fern­seh­wo­che ohne Nazi­do­ku. Kei­ne Buch­hand­lung ohne Hitler-Tisch.“

Die zitier­ten Sät­ze stam­men von Robin Alex­an­der, einem lin­ken Jour­na­lis­ten. Sie kenn­zeich­nen die Situa­ti­on tref­fend, aber man spürt ein Unbe­ha­gen zwi­schen den Zei­len. Denn der beschrie­be­ne Zustand ist zwar das Ergeb­nis erfolg­rei­cher lin­ker Geschichts­po­li­tik, aber die Homo­pho­nie der Auf­fas­sun­gen wirkt künst­lich, nährt den Ver­dacht, daß der all­ge­mei­ne Kon­sens nur durch Druck zustan­de kommt und die­ser Druck einen Gegen­druck erzeu­gen könn­te, der auf die Dau­er stark und stär­ker als der Druck wird. Die Angst vor dem Gegen­druck erklärt viel von der Beun­ru­hi­gung der Ver­ant­wort­li­chen im Hin­blick auf das Gedenk­jahr 2005. So äußer­te Gün­ter Morsch, der Direk­tor der Stif­tung Bran­den­bur­gi­sche Gedenk­stät­ten, Sor­ge über „Ten­den­zen …, die ver­schie­de­nen Ver­bre­chens­kom­ple­xe des 20. Jahr­hun­derts zu ver­mi­schen und weni­ger zu dif­fe­ren­zie­ren: Zu ver­glei­chen, was nicht ver­gleich­bar ist, und gleich­zu­set­zen, was nicht gleich­ge­setzt wer­den kann. Dies ver­letzt die Gefüh­le der Opfer und scha­det dem Anse­hen Deutschlands.“
Gemeint sind vor allem zwei „Ver­bre­chens­kom­ple­xe“, die in den ver­gan­ge­nen Jah­ren inten­siv dis­ku­tiert wur­den: der alli­ier­te Bom­ben­krieg gegen die deut­sche Zivil­be­völ­ke­rung und die Ver­trei­bung der Deut­schen aus den Ost­ge­bie­ten. In bei­den Fäl­len führ­te die Kon­fron­ta­ti­on mit den lan­ge ver­dräng­ten oder ver­schwie­ge­nen Fak­ten zu einer erheb­li­chen Irri­ta­ti­on. Aber die nahe­lie­gen­de Fra­ge, ob das, was die Sie­ger des Zwei­ten Welt­kriegs den Deut­schen ange­tan haben, nicht in irgend­ei­ner Wei­se dem ent­spre­che, was die Deut­schen den Juden und ande­ren Völ­kern ange­tan hat­ten, war so hoch­gra­dig tabu­iert, daß sie öffent­lich nicht gestellt wer­den konn­te. An der Viru­lenz des Pro­blems der „Auf­rech­nung“ ändert das wenig. Das erklärt auch Morschs ent­lar­ven­de For­mu­lie­rung vom Ver­gleich, der „die Gefüh­le der Opfer“ ver­let­ze. Gemeint sind selbst­ver­ständ­lich nicht die Gefüh­le deut­scher Opfer, viel­mehr wird den Deut­schen der Sta­tus als Opfer impli­zit aberkannt.
Die Mei­nung, daß „Täter kei­ne Opfer“ sein kön­nen, ver­tritt nicht nur die „anti­deut­sche“ Frak­ti­on der Lin­ken, sie bil­det einen inte­gra­len Bestand­teil des übli­chen Deu­tungs­mus­ters der NS-Zeit. Dadurch tabu­iert man wir­kungs­voll die Beschäf­ti­gung mit his­to­ri­schen Zusam­men­hän­gen, die „ent­las­tend“ wir­ken könn­ten (von der Ratio­na­li­tät des Anti­kom­mu­nis­mus über die Ursa­chen des Zwei­ten Welt­kriegs bis zur Inhu­ma­ni­tät alli­ier­ter Poli­tik) und sta­bi­li­siert die Kol­lek­tiv­schuldthe­se. Der­zu­fol­ge sind die Deut­schen qua eth­ni­scher Zuge­hö­rig­keit ver­ant­wort­lich und haft­bar für das, was von der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Füh­rung in ihrem Namen getan wur­de. Der Begriff ist nicht sehr beliebt, da er fak­tisch die „völ­ki­sche“ Defi­ni­ti­on des Deut­schen vor­aus­setzt und Denk­mus­tern ent­spricht, die sonst als „ras­sis­tisch“ ver­ur­teilt wer­den. Aber alles Reden über „Täter­volk“ oder „Land der Mör­der“ ist nur in die­sem Zusam­men­hang sinnvoll.
So effek­tiv die Kol­lek­tiv­schuldthe­se geschichts­po­li­tisch sein mag, sie stellt für die Deut­schen auch das größ­te Hin­der­nis dar, die all­ge­mei­ne Deu­tung des Jah­res 1945 zu über­neh­men. Bezeich­nen­der­wei­se wur­de die Inter­pre­ta­ti­on als „Befrei­ung“ in Deutsch­land lan­ge Zeit nur von einer Min­der­heit ver­tre­ten. Nach dem Krieg spra­chen bloß Kom­mu­nis­ten von „Befrei­ung“ und mein­ten damit die „Befrei­ung“ durch die Sowjet­uni­on. Damit war immer­hin klar, wen man als „Befrei­er“ anse­hen soll­te, weni­ger ein­deu­tig war schon, wer als „Befrei­ter“ zu gel­ten hat­te. Da kam neben der eige­nen Par­tei nur die Mas­se der „Werk­tä­ti­gen“ in Fra­ge, die der „Faschis­mus“ im Bünd­nis mit dem „Kapi­tal“ unter­drückt hat­te: der Sieg der Roten Armee als nach­ge­hol­te Revo­lu­ti­on der Arbei­ter­klas­se. In der DDR kano­ni­sier­te man spä­ter die Gleich­set­zung von Pro­le­ta­ri­at und Nati­on, und bis heu­te gibt es einen gewis­sen intel­lek­tu­el­len Nach­trab, der in die­sem Sinn vom 8. Mai als dem Tag spricht, an dem die „Befrei­ung der Deut­schen“ (Kurt Pät­zold) stattfand.

Die Vor­stel­lung zwingt aller­dings zu der Annah­me, daß das NSRe­gime eine Art Fremd­herr­schaft gewe­sen sei, die von der Bevöl­ke­rung nur mit Zäh­ne­knir­schen gedul­det wur­de. Die sys­te­ma­ti­sche Erset­zung des Begriffs „deutsch“ durch „faschis­tisch“ in der kom­mu­nis­ti­schen Geschichts­schrei­bung (etwa „faschis­ti­sche Wehr­macht“ an Stel­le von „deut­sche Wehr­macht“) dien­te und dient der­sel­ben Absicht. Als ver­ant­wort­lich gilt immer nur die „faschis­ti­sche Cli­que“ mit­samt der „Reak­ti­on“. In der DDR hat sich des­halb nie das Gefühl einer Ver­ant­wor­tung aller für das zwi­schen 1933 und 1945 Gesche­he­ne bil­den kön­nen, schul­dig war nur eine sozi­al genau abgrenz­ba­re Minderheit.
Die­se Exkul­pa­ti­on des Vol­kes hät­te den Begriff der „Befrei­ung“ in West­deutsch­land eigent­lich ver­däch­tig machen müs­sen. Wenn er in den bei­den letz­ten Jahr­zehn­ten trotz­dem durch­ge­setzt wur­de, so des­halb, weil man die Klar­heit der DDR-Ter­mi­no­lo­gie mied und vor allem der Alter­na­ti­ve aus­zu­wei­chen such­te: den 8. Mai 1945 als „Nie­der­la­ge“ zu bestim­men. Hein­rich Böll stell­te ein­mal fest, man erken­ne „… die Deut­schen immer wie­der dar­an …, ob sie den 8. Mai als Tag der Nie­der­la­ge oder Befrei­ung bezeich­nen“. Er mein­te damit selbst­ver­ständ­lich, daß der, der von „Nie­der­la­ge“ sprach, auf die Sei­te Hit­lers trat, wäh­rend der, der von „Befrei­ung“ rede­te, sich auf die Sei­te des Guten, Mora­lisch-Unbe­denk­li­chen und Demo­kra­ti­schen geschla­gen hat­te. So ein­fach lie­gen die Din­ge aber nicht.
Das ist schon dar­an zu erken­nen, daß der, der von „Befrei­ung“ spricht, tun­lichst das Objekt der „Befrei­ung“ ver­schweigt. Die Kol­lek­tiv­schuld ange­nom­men, kann das deut­sche Volk jeden­falls nicht das Ziel des Befrei­ungs­akts gewe­sen sein. In einem Text, der für die gän­gi­ge Deu­tung sym­pto­ma­tisch ist, äußer­te Ger­hard Hirsch­feld: „Die Mehr­zahl der Deut­schen hat­te den Krieg ihres ‚Füh­rers‘ bereits seit lan­gem zu ihrem eige­nen Krieg gemacht.“ Des­halb sei auch zuzu­ge­ben, daß die „… von außen erzwun­ge­ne Besei­ti­gung des NS-Regimes … für die Mehr­heit der Deut­schen gleich­be­deu­tend mit dem Zusam­men­bruch von Staat und Gesell­schaft und dem Ver­lust ihrer bis­her gül­ti­gen Wert­vor­stel­lun­gen und Idea­le“ war; nach der Beset­zung des Rei­ches durch die Alli­ier­ten hät­ten sich nur die Opfer und Geg­ner des Natio­nal­so­zia­lis­mus befreit gefühlt. Stel­le man aber die „Dia­lek­tik von Nie­der­la­ge und Zer­stö­rung einer­seits und Befrei­ung und Neu­an­fang ande­rer­seits“ in Rech­nung, müs­se das Jahr 1945 als „wirk­li­che Befrei­ung“ betrach­tet werden.
Von „wirk­li­cher Befrei­ung“ wird hier in einem geschichts­phi­lo­so­phi­schen Sinn gespro­chen: da die Befrei­er aus­drück­lich nicht als Befrei­er kamen, die Befrei­ung nir­gends die Kenn­zei­chen einer Befrei­ung auf­wies und die Befrei­ten sich nicht als Befrei­te fühl­ten, muß es hin­ter dem Schlei­er der Tat­sa­chen eine ande­re Rea­li­tät geben. Die Fol­ge der Ereig­nis­se wird als his­to­risch not­wen­dig gedeu­tet, damit aber von allen kon­kre­ten Umstän­den abge­se­hen. Der His­to­ri­ker Andre­as Hill­gru­ber hat auf die Kon­se­quen­zen, die die­se Ent­fer­nung von der geschicht­li­chen Situa­ti­on zur Fol­ge haben muß, sehr früh hin­ge­wie­sen. 1986 erschien sein Essay Zwei­er­lei Unter­gang, in dem er die Fra­ge stell­te, mit wem sich die Deut­schen in Erin­ne­rung an die Kriegs­la­ge 1944 / 45 eher iden­ti­fi­zie­ren woll­ten: mit der vor­rükken­den sowje­ti­schen Armee, die das Ende des NS-Regimes brin­gen wür­de – und also die „Befrei­ung“ – oder mit den Wehr­machts­sol­da­ten, die in aus­sichts­lo­ser Lage die Front hiel­ten, um ihren Lands­leu­ten die Flucht vor einem unbarm­her­zi­gen Feind zu ermög­li­chen. Hill­gru­bers Fest­stel­lung – „das deut­sche Ost­heer schütz­te in einem ganz ele­men­ta­ren Sin­ne die Men­schen“ – trug ihm prompt den Vor­wurf ein, er sei ein „kon­sti­tu­tio­nel­ler Nazi“.

Zum dama­li­gen Zeit­punkt hat­te sich schon etwas im kol­lek­ti­ven Bewußt­sein der Deut­schen ver­scho­ben. Nicht nur die Nach­ge­bo­re­nen, son­dern auch die Erleb­nis­ge­nera­ti­on sah die Vor­gän­ge von 1945 in einem ande­ren Licht. Bei einer Umfra­ge des Insti­tuts für Demo­sko­pie äußer­ten 58 Pro­zent der vor 1933 gebo­re­nen, daß sie den 8. Mai als „Befrei­ung“ erlebt hät­ten, 31 Pro­zent spra­chen von einer „Nie­der­la­ge“. Aller­dings sag­te mehr als die Hälf­te, daß im Mai 1945 eine Welt zer­bro­chen sei, bei den Ver­trie­be­nen waren es sogar 60 Pro­zent. Unter ihnen dürf­te die Erin­ne­rung an das Elend des Zusam­men­bruchs noch am leben­digs­ten gewe­sen sein, aber auch sie lern­ten, daß Gefan­gen­schaft, Inter­nie­rung, Ver­schlep­pung und Ver­lust der Hei­mat an Bedeu­tung ver­lo­ren, und daß Tod, Fol­ter, Ver­ge­wal­ti­gung und Berau­bung von Deut­schen bes­ten­falls als bedau­er­li­che Begleit­um­stän­de, schlimms­ten­falls als gerech­te Stra­fe zu gel­ten hatten.
Gesetzt, daß die Auf­fas­sung der brei­ten Mas­se den Reflex von Anschau­un­gen bil­det, die die poli­ti­sche und intel­lek­tu­el­le Füh­rung ent­wi­ckelt hat, stellt sich die Fra­ge, was die Eli­ten der Bun­des­re­pu­blik dazu bewog, mit Nach­druck auf die Iden­ti­fi­zie­rung von „1945“ und „Befrei­ung“ hin­zu­ar­bei­ten. Das wich­tigs­te Motiv dürf­te dar­in lie­gen, an die Posi­ti­on der Sie­ger anzu­schlie­ßen. Das heißt, es geht nicht um Fra­gen der Per­for­mance, son­dern dar­um, die poli­ti­sche „Grund-Lage“ zu ändern: man tritt von der Sei­te der Ver­lie­rer auf die der Gewin­ner. Die Teil­nah­me Bun­des­kanz­ler Schrö­ders an den Fei­ern in der Nor­man­die im ver­gan­ge­nen Jahr und sei­ne Ankün­di­gung, im kom­men­den Mai nach Mos­kau zu rei­sen, sind signi­fi­kan­ter Aus­druck dafür.
Der Begriff der „Grund-Lage“ stammt von dem Poli­tik­wis­sen­schaft­ler Hans-Joa­chim Arndt. Nach sei­ner Mei­nung war die Grund-Lage der Deut­schen nach dem Ende des Zwei­ten Welt­kriegs die von Besieg­ten: „Die Besieg­ten von 1945 mögen vie­le gute Grün­de dafür anfüh­ren, die­ses Datum als durch spä­te­re Ereig­nis­se und Ent­wick­lun­gen über­holt anzu­se­hen, als durch fol­gen­de Ent­schei­dun­gen und Gesin­nun­gen und Hand­lun­gen über­deckt, zuge­schüt­tet, gar getilgt – oder durch vor­aus­lie­gen­de Ursach- Daten bedingt und damit rela­ti­viert. Das his­to­ri­sche und poli­ti­sche Fac­tum Bru­tum für die Deut­schen bleibt die­ser 8. Mai 1945 …“. Als Arndt das for­mu­lier­te, konn­te man längst deut­lich erken­nen, wie schwer es den Deut­schen – vor allem den West­deut­schen – fiel, das „Fac­tum Bru­tum“ anzu­er­ken­nen, wie groß ihre Nei­gung war, der unan­ge­neh­men Tat­sa­che auf die eine oder ande­re Art aus­zu­wei­chen, auf Wohl­stand oder wie­der­ge­won­ne­ne Repu­ta­ti­on eine alter­na­ti­ve Exis­tenz zu grün­den. Das sei aber, so Arndt, nur um den Preis der poli­ti­schen Iden­ti­tät der deut­schen Nati­on möglich.
Seit Grün­dung der Bun­des­re­pu­blik hat­te jeder Schritt zu grö­ße­rer Eigen­stän­dig­keit damit erkauft wer­den müs­sen, den West­mäch­ten Loya­li­tät zuzu­si­chern. Loya­li­tät äußer­te sich nicht nur in der Art der Reor­ga­ni­sa­ti­on oder der Über­nah­me von Bünd­nis­pflich­ten, son­dern auch in einer bestimm­ten Art von Geschichts­po­li­tik. Schon zu Beginn der fünf­zi­ger Jah­re war die Über­zeu­gung ver­brei­tet, daß der Neu­an­fang nur mög­lich sein wür­de, wenn man sich ent­schloß, über gewis­se, noch sehr leben­di­ge Erin­ne­run­gen an die Nach­kriegs­zeit hin­weg­zu­ge­hen. Damals ver­öf­fent­lich­te die Bun­des­re­gie­rung eine Bro­schü­re unter dem Titel Vom Cha­os zum Neu­be­ginn, die die Ent­wick­lung seit der Kapi­tu­la­ti­on dar­stel­len soll­te. Der Text ist weni­ger auf­schluß­reich im Hin­blick auf die Infor­ma­ti­on, die er bie­tet, als im Hin­blick auf das, was er ver­schweigt, und die Art und Wei­se, wie die Dar­stel­lung ver­kürzt wur­de: „Ohne Hin­wei­se auf die Poli­tik der Sie­ger­mäch­te in den Jah­ren 1945 und 1946 wäre unse­re Schil­de­rung unvoll­stän­dig geblie­ben. Die­se Zeit ist bereits so geschicht­lich, daß wir sie ohne Res­sen­ti­ments betrach­ten kön­nen. Ech­ter His­to­ris­mus weiß nichts vom Recht des Sie­gers und der Recht­lo­sig­keit des Besieg­ten. Er weiß nur um die Ver­ant­wor­tung, die der Besitz der Macht auf­er­legt. Wir sind glück­lich, daß unse­re Bezie­hun­gen zu den Alli­ier­ten schon seit gerau­mer Zeit nur vom Geist die­ser hohen Ver­pflich­tung, die jeder Füh­ren­de vor sei­nem Volk und vor der Geschich­te trägt, bestimmt wird.“

Die Ver­klau­su­lie­rung hat­te den Zweck, ein ganz bestimm­tes Bild von Krieg und Nach­krieg zu zeich­nen: Erwähnt wur­den aus­drück­lich die Opfer an Men­schen und Mate­ri­al, aber der Ver­ur­sa­cher trat nur auf, wenn es sich um die Sowjet­uni­on han­del­te, von den Bom­ben­schä­den etwa, die Bri­ten und Ame­ri­ka­ner zu ver­ant­wor­ten hat­ten, sprach man wie von Natur­ka­ta­stro­phen, im übri­gen galt der Blick den Auf­bau­leis­tun­gen, jeder Bezug auf die Schre­cken von 1945 stand im Ruch des „Res­sen­ti­ments“. Der Gerech­tig­keit hal­ber sei hin­zu­ge­fügt, daß kei­nes­wegs der Ver­such gemacht wur­de, unter Bezug­nah­me auf Hit­ler als Ver­ur­sa­cher des Welt­kriegs alle Opfer der Deut­schen zu recht­fer­ti­gen, auch die Zusam­men­ar­beit des Wes­tens mit Sta­lin und das Nicht­ein­hal­ten von Zusa­gen der Alli­ier­ten erschien in einem pro­ble­ma­ti­schen Licht. Sol­che Kon­zes­sio­nen waren unum­gäng­lich, wegen der zeit­li­chen Nähe der Ereig­nis­se einer­seits, wegen der Sor­ge vor einem neu­en deut­schen Natio­na­lis­mus ande­rer­seits, der aus Nie­der­la­ge und kol­lek­ti­ver Demü­ti­gung erwach­sen konnte.
Bis zum Ende der fünf­zi­ger Jah­re zeig­ten sich vie­le Beob­ach­ter, nicht zuletzt auf Sei­ten der Sie­ger­mäch­te, irri­tiert, daß weder der Zusam­men­bruch noch der Ver­lust der Ost­ge­bie­te oder die Tei­lung zur Ent­ste­hung einer radi­ka­len Bewe­gung führ­ten. Man rech­ne­te im Grun­de mit der Wie­der­kehr Wei­ma­rer Ver­hält­nis­se und gewöhn­te sich nur ganz all­mäh­lich dar­an, daß es kei­ne „deut­sche Gefahr“ mehr gab. Abge­se­hen von dem ande­ren Aus­maß der Nie­der­la­ge 1945 im Ver­gleich zu der von 1918 spiel­te für die Aus­sichts­lo­sig­keit eines neu­en Natio­na­lis­mus auch die klu­ge Hal­tung Ade­nau­ers eine Rol­le, der dem natio­na­len Selbst­ge­fühl Spiel­raum gab. Außer­dem tra­ten alle Par­tei­en für die Wie­der­ver­ei­ni­gung ein und die wich­tigs­ten lehn­ten die Aner­ken­nung der Oder-Nei­ße-Gren­ze ab, die Ver­trie­be­nen­or­ga­ni­sa­tio­nen hiel­ten die Erin­ne­rung an das Ver­lo­re­ne wach und der Staat selbst zeig­te sich demons­tra­tiv als deut­scher Staat. Ein wei­te­rer Fak­tor, der sta­bi­li­sie­rend wirk­te, war die unge­stör­te Über­lie­fe­rung der Ereig­nis­se an der Basis. In der Bevöl­ke­rung blieb die Erin­ne­rung an Rea­li­tä­ten von Krieg und Nach­krieg erhal­ten, die die Poli­tik aus Grün­den der Oppor­tu­ni­tät ver­schwieg. Daß die­se Erin­ne­rung nicht stär­ker an die Ober­flä­che trat, hat­te damit zu tun, daß der Wie­der­auf­bau alle Ener­gien band und mit dem wach­sen­den Wohl­stand zu einer Ent­po­li­ti­sie­rung führ­te, die erst in den unru­hi­gen sech­zi­ger Jah­ren in Fra­ge gestellt wurde.
Der „Anti­fa­schis­mus“ von Stu­den­ten­be­we­gung und „Außer­par­la­men­ta­ri­scher Oppo­si­ti­on“ ziel­te nicht nur auf eine Ver­schie­bung im Bild der NS-Zeit, son­dern auch auf eine Umwer­tung des Jah­res 1945. Die Neue Lin­ke ver­trat dabei Inter­pre­ta­tio­nen, die weni­ger ortho­do­xen mar­xis­ti­schen Vor­ga­ben als viel­mehr den Mus­tern der alli­ier­ten Umer­zie­hung folg­te. Erst jetzt konn­te die Behaup­tung kol­lek­ti­ver Schuld auf brei­te­re Zustim­mung rech­nen. Denn zu den wich­tigs­ten Waf­fen im Kampf gegen das „Estab­lish­ment“ gehör­te die Behaup­tung, daß die Väter­ge­nera­ti­on aus Ver­bre­chern bestehe, und schlim­mer noch: aus unbuß­fer­ti­gen Ver­bre­chern. Das mach­te es mög­lich, die Ver­hält­nis­se ins­ge­samt als „faschis­tisch“ zu bezeich­nen, die gan­ze Nach­kriegs­ent­wick­lung in Fra­ge zu stel­len und die neue Feind­se­lig­keit gegen­über den Sie­gern, vor allem den USA, zu recht­fer­ti­gen. Aber das alles blieb affek­tiv und ohne schlüs­si­ges Kon­zept, auch wenn ein kon­ser­va­ti­ver Beob­ach­ter das Ent­ste­hen einer „natio­nal­bol­sche­wis­ti­schen“ (Cas­par von Schrenck-Not­zing) Strö­mung in der APO für mög­lich hal­ten konnte.

Die Nei­gung zum Thea­ter­haf­ten und Nur-Mora­li­sie­ren­den hat den Erfolg der Acht­und­sech­zi­ger nicht nur nicht ver­hin­dert, son­dern erst ermög­licht. Jede ernst­haf­te Ver­knüp­fung von „anti­im­pe­ria­lis­ti­scher“ Agi­ta­ti­on und Deut­scher Fra­ge hät­te die Ord­nung der Nach­kriegs­zeit tat­säch­lich zur Dis­po­si­ti­on gestellt. Davor scheu­te die Stu­den­ten­be­we­gung zurück, und das glei­che gilt für ihre Erben in der orga­ni­sier­ten Lin­ken, der grü­nen und der Frie­dens­be­we­gung. Als 1985 des vier­zigs­ten Jah­res­tags des Kriegs­en­des gedacht wur­de, war ein Mann wie Ekke­hart Krip­pen­dorff, der zu den Vete­ra­nen der APO gehör­te, schon sehr allein mit sei­ner „Klas­sen­ana­ly­se“ des Gesche­hens von 1945: „Das Deut­sche Reich soll­te als Wirt­schafts- und Mili­tär­macht … auf Dau­er zer­schla­gen wer­den. Befrei­ung von der NS-Herr­schaft war das Mit­tel dazu, nicht aberZiel und Zweck. Natür­lich wur­den Hun­dert­tau­sen­de aus den Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern, Zucht­häu­sern und Gefäng­nis­sen sehr real befreit im Zuge der sieg­rei­chen Kampf­hand­lun­gen, und inso­fern war und ist für sie der 8. Mai 1945 sub­jek­tiv Tag der Befrei­ung. Er ist es auch für die­je­ni­gen, die auf die Nie­der­la­ge im Stil­len seit lan­gem gehofft hat­ten und nicht zuletzt auch für die­je­ni­gen, denen der Zusam­men­bruch von Reich und Regie­rung die Augen geöff­net hat­te, die ein­zu­se­hen began­nen und aus den eige­nen Feh­lern zu ler­nen bereit waren: Neu­be­ginn, Stun­de Null. Aber objek­tiv, das heißt nach Maß­ga­be derer, die über Gro­ße Poli­tik befan­den und ent­schie­den, war Befrei­ung und gar Volks­herr­schaft (,Demo­kra­tie‘) für die Deut­schen nicht das Kriegs­ziel gewe­sen, son­dern bes­ten­falls Mit­tel zur dau­er­haf­ten Siche­rung des län­ger­fris­ti­gen, des eigent­li­chen Pro­jek­tes: der Aus­schal­tung des Deut­schen Rei­ches als kon­kur­renz­fä­hi­ger Großmacht“.
Die­se Art „real­po­li­ti­scher Beur­tei­lung“ war in den acht­zi­ger Jah­ren noch nicht voll­stän­dig mar­gi­na­li­siert. Der Her­aus­ge­ber des Spie­gels, Rudolf Aug­stein, urteil­te ähn­lich wie Krip­pen­dorff über die Bedeu­tung des 8. Mai, und im bür­ger­li­chen Lager gab es wenigs­tens Wider­wil­len dage­gen, das Kriegs­en­de zu „fei­ern“. Alfred Dreg­gers Ein­spruch gegen die Teil­nah­me Kanz­ler Kohls am alli­ier­ten Geden­ken zum Jah­res­tag der Inva­si­on hat­te Erfolg und fand in der Uni­on noch brei­te Unter­stüt­zung. Aber man sah sich doch einem neu­en, mäch­ti­gen Zeit­geist gegen­über und des­sen Inkar­na­ti­on in Per­son des Bun­des­prä­si­den­ten Richard von Weiz­sä­cker. Die von ihm in sei­ner Rede zum 8. Mai 1985 ange­bo­te­ne Deu­tung des Kriegs­en­des ent­hielt zum ers­ten Mal das, was bis heu­te als kon­sens­fä­hig gilt. Dabei spiel­te der Bezug auf tra­di­tio­nel­le Posi­tio­nen – der Zusam­men­hang zwi­schen 1919 und 1939, der „Euro­päi­sche Bür­ger­krieg“, die Hoff­nung, daß das Kriegs­en­de nicht das Ende der deut­schen Geschich­te sei – kaum eine Rol­le, ent­schei­dend waren Umin­ter­pre­ta­tio­nen, wie die der Ver­trei­bung als einer „erzwun­ge­nen Wan­der­schaft von Mil­lio­nen Deut­schen“, über­haupt die Nei­gung, das deut­sche Leid ein­zu­eb­nen im Ver­hält­nis zum Leid aller ande­ren und die zen­tra­le For­mu­lie­rung: „der 8. Mai war ein Tag der Befreiung“.
Weiz­sä­ckers Rede dürf­te eine der wir­kungs­volls­ten offi­zi­el­len Anspra­chen der deut­schen Nach­kriegs­zeit gewe­sen sein. Das hing auch damit zusam­men, daß er nicht nur auf die Deu­tung des Jah­res 1945 ziel­te, son­dern auf eine Kor­rek­tur des Bil­des der Nach­kriegs­ge­schich­te ins­ge­samt. Damit räum­te er vie­le bis dahin zäh ver­tei­dig­te Posi­tio­nen der Bür­ger­li­chen, gab den „Moder­ni­sie­rern“ nach und inte­grier­te den Teil der Lin­ken, der sich in der Par­tei der Grü­nen poli­tisch eta­bliert hat­te und über außer­or­dent­li­chen Ein­fluß in den Medi­en ver­füg­te. Hier zeich­ne­ten sich die ers­ten Umris­se der „Neu­en Mit­te“ ab, und Weiz­sä­ckers Rede war ihre Magna Charta.

Die Neue Mit­te wur­de seit den acht­zi­ger Jah­ren zum bestim­men­den Fak­tor des gesell­schaft­li­chen und poli­ti­schen Lebens. Das gilt für die Bon­ner wie für die Ber­li­ner Repu­blik. Denn die Erwar­tung, daß die Ereig­nis­se von 1989 die von 1945 in ihrer Bedeu­tung redu­zie­ren wür­den, hat sich als falsch erwie­sen. Im Vor­feld des fünf­zigs­ten Jah­res­tags des Kriegs­en­des mut­maß­te der Lei­ter des Mün­che­ner Insti­tuts für Zeit­ge­schich­te, Horst Möl­ler, daß der durch den Kol­laps der Sowjet­uni­on ein­ge­lei­te­te „rasan­te his­to­ri­sche Wan­del“ ein Mehr an his­to­ri­scher Erfah­rung mit sich brin­ge, das „die Wir­kungs­ge­schich­te des 8. Mai 1945 sehr viel kom­ple­xer erschei­nen läßt als bis zum Jahr 1989“. Die Aus­ein­an­der­set­zung des Jah­res 1995 um ein ange­mes­se­nes Geden­ken zeig­te aller­dings, daß die ton­an­ge­ben­den Krei­se mit Zähig­keit an der ein­mal eta­blier­ten Auf­fas­sung fest­hal­ten woll­ten und gera­de jeden Ver­such zurück­wei­sen wür­den, den Aspekt des Zusam­men­bruchs oder den der Grün­dung einer zwei­ten deut­schen Dik­ta­tur im Kon­text des Jah­res 1945 zur Gel­tung zu bringen.
Die Zahl der Oppo­nen­ten war klein und beschränk­te sich im wesent­li­chen auf einen Kreis jün­ge­rer kon­ser­va­ti­ver Intel­lek­tu­el­ler. Die­se „Neue Rech­te“ ver­such­te durch den in vie­len Zei­tun­gen publi­zier­ten Auf­ruf „Gegen das Ver­ges­sen“ und eine zen­tra­le Gedenk­ver­an­stal­tung einen ande­ren Akzent zu set­zen als in den offi­zi­el­len Fei­er­lich­kei­ten. Aber man hat­te die Ent­schlos­sen­heit unter­schätzt, mit der die­se Absicht von einer gro­ßen Koali­ti­on bekämpft wur­de, die von der radi­ka­len Lin­ken bis zum Bun­des­kanz­ler­amt reich­te. Das eigen­ar­ti­ge Bünd­nis kam zustan­de, weil mit dem Appell „Gegen das Ver­ges­sen“ eine zen­tra­le geschichts­po­li­ti­sche For­mel aus ihrem Kon­text – der NS-Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung – genom­men und auf die Situa­ti­on der Deut­schen im Jahr 1945 bezo­gen wor­den war. Das berühr­te einen emp­find­li­chen Punkt. Denn die­se For­mel besaß ritu­el­len Cha­rak­ter und gehör­te zu den wich­tigs­ten Ele­men­ten jener „Zivil­re­li­gi­on“, die in den acht­zi­ger Jah­ren ein­ge­setzt wur­de, um die Erin­ne­rung an die Zeit des Natio­nal­so­zia­lis­mus wachzuhalten.
Für die Lin­ke bedeu­te­te es eine mas­si­ve Irri­ta­ti­on, daß aus­ge­rech­net die von Uni­on und FDP gestell­te Regie­rung das Bekennt­nis deut­scher Schuld zum Mit­tel­punkt eines Bür­ger­kul­tes mach­te, sogar auf dem „sin­gu­lä­ren“ und „unver­gleich­ba­ren“ Cha­rak­ter die­ser Schuld beharr­te. Aller­dings ging und geht es nicht nur um Schuld. Denn der Erin­ne­rung wird ein prak­ti­scher und ein meta­phy­si­scher Nut­zen zuge­schrie­ben: sie ver­hin­dert die Wie­der­ho­lung des Übels und ver­hilft zur Abso­lu­ti­on: „Das Geheim­nis der Erlö­sung heißt Erin­ne­rung“. Inso­fern muß jedes kon­kur­rie­ren­de Geden­ken als pro­ble­ma­tisch betrach­tet werden.
Zuge­spitzt könn­te man sagen, daß für die Ereig­nis­se von 1945 und das, was Deut­schen wider­fah­ren ist, die Umkeh­rung des­sen gel­ten soll, was im Hin­blick auf die Unta­ten der NS-Zeit gilt: „Das Geheim­nis der Erlö­sung heißt Ver­ges­sen“. Für ein sol­ches Ver­ges­sen las­sen sich gute Grün­de anfüh­ren. Es gibt unter Psy­cho­lo­gen seit lan­gem Zwei­fel dar­an, daß die per­ma­nen­te Kon­fron­ta­ti­on mit dem Schre­cken der Ver­gan­gen­heit zur Gesun­dung der mensch­li­chen See­le füh­re. Und was auf den ein­zel­nen zutrifft, könn­te auch auf das Kol­lek­tiv zutref­fen. Wenn man die Ent­schlos­sen­heit, mit der die Deut­schen die Vor­gän­ge des Jah­res 1945 ver­drän­gen, wohl­wol­lend deu­te­te, müß­te man den Schluß zie­hen, daß es sich um eine lebens­ret­ten­de Maß­nah­me han­delt. Eine Art Amne­sie, um nicht immer wie­der auf etwas gesto­ßen zu wer­den, was uner­träg­lich ist.
Aller­dings ver­ges­sen die Natio­nen nor­ma­ler­wei­se ihre Schand­ta­ten – die Fran­zo­sen die Bar­tho­lo­mä­us­nacht und die Mas­sa­ker der Revo­lu­ti­on, die Ame­ri­ka­ner die Aus­rot­tung der India­ner, die Rus­sen die Unter­stüt­zung des bol­sche­wis­ti­schen Ter­rors –, nicht das Leid, das ihnen zuge­fügt wur­de. In der Geschich­te dürf­ten sich kaum Par­al­le­len zum Ver­hal­ten der Deut­schen fin­den las­sen, wes­halb der Ver­dacht nahe liegt, daß es sich nicht um The­ra­pie, son­dern um Patho­lo­gie han­delt. Und wenn man nach der eigent­li­chen Ursa­che die­ser Patho­lo­gie forscht, dann fin­det man sie in der Nie­der­la­ge selbst. Die Nie­der­la­ge hat die Deut­schen davon über­zeugt, daß sie zu den „wider­leg­ten Völ­kern“ (Arnold Geh­len) gehören.

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