Sezession
1. Januar 2005

Niederlage – Befreiung

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 8 / Januar 2005

sez_nr_8Geschichtspolitisch kommt dem Jahr 2005 außerordentliche Bedeutung zu. In Erinnerung an das Kriegsende werden auf allen Kontinenten Feierlichkeiten, Gottesdienste, Vorträge und Symposien stattfinden, und der Medienmarkt produziert eine Fülle von Filmen, Büchern und Zeitschriften. Dieser Aufwand ist nur zum Teil dadurch erklärbar, daß 2005 zum letzten Mal Zeugen des Geschehens von 1945 in größerer Zahl beteiligt sein können. Die tiefere Ursache für die Wichtigkeit des Gedenkens liegt in der symbolischen Funktion, die das Jahr 1945 für die politische Ordnung gewonnen hat. „1945“ ist zur Chiffre für den Triumph über das Böse geworden, ein Akt der „Befreiung“ von universaler Geltung. „1945“ markiert den Beginn einer neuen Ära, die auf das Gute gegründet wurde. Deshalb scheint dieses Datum dem gewöhnlichen Lauf der Geschichte enthoben, eine Art absoluter Zäsur, keinem anderen Datum des 20. Jahrhunderts, wahrscheinlich überhaupt keinem anderen Datum vergleichbar. Der französische Historiker Etienne François, ein Spezialist für die Formen kollektiver Erinnerung, hat von „immerwährender Gegenwart“ gesprochen. „1945“ liegt in einer mythischen Zeit außerhalb der Zeit. Was davor war, ist ohne Belang, die Welt entstand neu. Alle Legitimität erwächst aus der Möglichkeit, hier anzuknüpfen.

Solche Bedeutung hat ihren Preis: die Reinigung des Erinnerungswürdigen von allem, was die Bedeutung stört. Deshalb wird beim Gedenken an das Jahr 1945 weder das Ende des britischen Imperiums noch der Beginn der stalinistischen Herrschaft in Ostmittel- und Osteuropa, weder die große „Säuberung“ in Frankreich noch der Abwurf der Atombomben über Japan eine Rolle spielen. Sonst wären Irritationen zu fürchten, müßte man über Kontinuität und Diskontinuität der Entwicklung in anderer als der gewohnten Weise nachdenken. Selbstverständlich gibt es in Großbritannien Historiker, die Churchill vorwerfen, die Überseegebiete ohne Not aufgegeben und damit dem Einfluß der USA ausgeliefert zu haben, und in Frankreich andere, die glauben, daß Zehntausende von Toten in Folge der épuration ein zu hoher Preis für die Schaffung der Vierten Republik gewesen seien. In den ehemaligen Ostblockstaaten fragen viele, wie man dazu kam, Stalin die Beute aus dem Pakt mit Hitler zu überlassen und ihm zu erlauben, seine Macht bis an die Elbe auszudehnen, und die Mehrheit der Japaner bezweifelt, daß die Vernichtung von Hiroshima und Nagasaki militärisch sinnvoll oder moralisch akzeptabel gewesen sei. Aber nichts davon hat Einfluß auf das Bild vom Sieg des Guten über das Böse. Wer daran Korrekturen anbringen will, setzt sich dem Verdacht aus, der unbedingt gemieden wird, dem, für das Böse Partei zu ergreifen.
Dieser Verdacht ist in Deutschland besonders wirksam, weil das NSRegime den einzigen Fokus der deutschen Identität bildet: „Die deutsche Geschichte ist kurz. Sie dauert gerade einmal zwölf Jahre: von 1933 bis 1945. Davor mag es etwas gegeben haben und danach auch. Aber das sind nur Vergangenheiten. Geschichte – als etwas, das als Erzählung gegenwärtig geblieben ist – sind nur die Jahre der Barbarei. Der Nationalsozialismus und der Holocaust gelten heute als Dreh- und Angelpunkte der deutschen Geschichte. Und die Deutschen sind alles andere als ein geschichtsvergessenes Volk. Das Thema bestimmt die familiären Tradierungen, dominiert die Lehrpläne in den Schulen und ist ein festes Element in den Zeitungsfeuilletons. Keine Kinosaison ohne zwei bis drei Filme, die im Dritten Reich spielen. Keine Fernsehwoche ohne Nazidoku. Keine Buchhandlung ohne Hitler-Tisch.“


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