Sezession
1. Januar 2005

Kampf gegen den Terror

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 8 / Januar 2005

sez_nr_8von Martin van Creveld

Am 18. Dezember 2004 hielt der israelische Militärhistoriker Martin van Creveld den im folgenden abgedruckten Vortrag im Rahmen des 8. Berliner Kollegs des Instituts für Staatspolitik.Wenn wir die letzten fast sechzig Jahre betrachten, dann sehen wir, daß diese Zeit voll ist von terroristischen Bewegungen und ihrer Bekämpfung. Wir sehen dies und müssen feststellen, daß beinahe jeder Antiterrorkampf gescheitert ist. Fast alle, die dem Terrorismus entgegentraten, haben versagt; wir sehen ein Versagen nach dem andern in unaufhörlicher Reihenfolge. Gleich nach dem Zweiten Weltkrieg haben die Briten es gegen die Juden in Palästina versucht. Es ist nicht gelungen. Dann haben die Franzosen es in Indochina und in Algerien versucht, es ist nicht gelungen. Dann haben die Niederländer es in Ostindien versucht, es ist nicht gelungen. Dann haben die Amerikaner es in Vietnam versucht, und die haben auch versagt. Dann kamen die Sowjets in Afghanistan, die Inder in Ceylon, die Südafrikaner in Namibia, die Israelis in den besetzten Gebieten: Alle haben versagt, und versagen noch weiter. Wir müssen nur auf die täglich scheiternden amerikanischen Anstrengungen im Irak schauen.
Kurz: Die ganze Geschichte des Antiterrorkampfs seit 1945 ist eine Geschichte des Versagens, und dies, obwohl jeder Versuch unternommen wurde, um zum Erfolg zu gelangen. Der Blick in die Geschichte zeigt, daß die Verantwortlichen wirklich alles versucht haben. Die meisten waren dabei gar nicht weichherzig (obwohl es auch dafür Beispiele gibt) und setzten alle verfügbaren Mittel ein. Die Franzosen beispielsweise hatten auf dem Höhepunkt des Indochinakriegs vierhunderttausend Mann vor Ort, darunter Fremdenlegionäre, die nicht viel Federlesen machten.
Und die Amerikaner haben auf Vietnam sechs Millionen Tonnen TNT abgeworfen, also fast dreimal so viel wie auf Deutschland und Japan zusammen im Zweiten Weltkrieg. Und die Sowjets? Sie haben in Afghanistan angeblich eine Million Menschen umgebracht und fünf Millionen andere zum Fliehen bewogen. Und doch haben weder die Franzosen, noch die Amerikaner oder die Russen den Terrorismus besiegen können. Gemessen an ihrem hochgesteckten Ziel haben sie alle versagt. Und wir müssen feststellen: Im Antiterrorkampf ist irgend etwas ganz und gar schiefgegangen.
Es gibt über dieses Thema eine gewaltige Literatur. Das Problem ist nur, daß die meisten der Bücher von den Verlierern geschrieben worden sind. Manchmal handelt es sich einfach um einen Rechtfertigungsbericht. Wenn dann also einer, der versagt hat im Antiterrorkampf, über seine Niederlage schreibt, wird meist nicht deutlich, woran es letztendlich lag. Deutlich wird nur, daß der Verfasser selbst nicht schuld war. Er hat für seinen Teil seine Arbeit gut gemacht; aber gegen die Umstände kam er nicht an, oder die historische Gesamtsituation ließ ihn nicht zum Zuge kommen. Und deshalb ging der Kampf verloren.
Ein Musterbeispiel dafür ist ein englischer Offizier namens Frank Kitson. Kitson war im letzten Jahre des Zweiten Weltkrieges schon englischer Offizier und blieb nach dem Krieg in der Armee. Dort hat er eine steile Karriere gemacht. Zuerst ging er nach Palästina, um ein erstes Mal im Antiterrorkampf zu versagen, natürlich nicht persönlich, sondern als Teil der hunderttausend Mann starken Kriegsmaschinerie. Kitson wurde nach Malaysia versetzt, dort versagte er ein zweites Mal, dann in Kenia, danach in Zypern. Zuletzt stand er in Aden: Auch dort versagte er im Antiterrorkampf. Aber mittlerweile war er General, und die Belohnung für seine Leistung war die Ernennung zum Befehlshaber des Stabskollegs in Camberley: Kitson sollte zukünftig anderen beibringen können, wie man versagt.


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