100 Jahre Jugendherberge

Weil nach obrigkeitlicher Ansicht der Lehrer Richard Schirrmann zuwenig Zeit im stickigen Gelsenkirchener Klassenraum und zuviel auf Wandertagen verbrachte, wurde er versetzt.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Dann, so Schirr­mann, „über­fiel mich plötz­lich der Gedan­ke: Jedem wan­der­wich­ti­gen Ort in Tages­mar­sch­ab­stän­den gleich Schu­le und Turn­hal­le auch eine gast­li­che Jugend­her­ber­ge zur Ein­kehr für die wan­der­fro­he Jugend Deutsch­lands ohne Unter­schied“ zu schaffen.

Jener Gedan­ken­blitz am 26. August 1909 datiert als Geburts­tag der deut­schen Jugend­her­bergs­be­we­gung – und zugleich die­ser Initia­ti­ve in aller Welt. 1910 schrieb Schirr­mann einen Auf­satz, in dem er sei­ne Gedan­ken über „Volks­schü­ler­her­ber­gen“ darlegte.

Auch die Kna­ben und Mäd­chen des gemei­nen Man­nes müs­sen frisch­f­röh­li­ches Wan­dern als Gegen­ge­wicht für die Stu­ben­ho­cker­zeit ihrer Schul­jah­re üben. … Wie den­ke ich mir nun zweck­mä­ßi­ge Her­ber­gen für das gewal­ti­ge Heer der Volksschüler? …
Jede Stadt und fast jedes Dorf hat eine Volks­schu­le, die in den Feri­en mit lee­ren Räu­men gera­de­zu dar­auf war­tet, in einen Schlaf- und Spei­se­saal für wan­der­lus­ti­ge Kin­der ver­wan­delt zu wer­den. Zwei Klas­sen­zim­mer genü­gen, eins für Buben, eins für Mädel. Die Bän­ke wer­den teil­wei­se über­ein­an­der gesetzt. Das gibt frei­en Raum zur Auf­stel­lung von 15 Betten. …
Jede Lager­statt besteht aus einen straff mit Stroh gestopf­ten Sack und Kopf­pols­ter, 2 Bet­tü­chern und einer Wolldecke …
Jedes Kind wird ange­hal­ten, sei­ne Lager­statt wie­der fein säu­ber­lich in Ord­nung zu bringen“.

Heu­te bie­tet das Jugend­her­bergs­werk Voll­pen­si­on mit End­rei­ni­gung und Lunch­pa­ket (Fan­ta statt Pfef­fer­minz­tee) sowie Wellness‑, Out­door- (!), Motor­rad-Krea­tiv­pro­gram­me und der­glei­chen Unter­hal­tung an. Trotz ange­prie­se­ner „Fami­li­en­freund­lich­keit“ und auch unter Ver­zicht auf Ani­ma­ti­ons­pro­gram­me wird die mehr­köp­fi­ge Fami­lie mit dem Bil­lig­flie­ger am Mit­tel­meer preis­güns­ti­ger urlau­ben, leider.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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