Sezession
1. Januar 2005

Carl Schmitt und Alexandre Kojève an der Schwelle zur Globalisierung

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 8 / Januar 2005

sez_nr_8von Galin Tihanov

Alexandre Kojève (1902 – 1968) und Carl Schmitt (1888 – 1985) stammten aus recht unterschiedlichen Milieus, schlugen unterschiedliche Laufbahnen ein und positionierten sich an den beiden entgegengesetzten Polen zeitgenössischen politischen Denkens. Kojève inspirierte eine ganze Generation französischer Intellektueller, deren Sympathien und politische Aktivität zumeist der Linken galten. Schmitt hingegen wurde zu einer angesehenen, ja kanonisierten Figur in der konservativen Tradition sozialer und politischer Theorie in Deutschland, ein so einflußreicher wie bis heute umstrittener Denker. Beide aber werden neuerdings als bedeutende Vorgänger der europäischen Debatte um die Moderne gehandelt, die im letzten Drittel des 20. Jahrhundert mit großer Heftigkeit ausgebrochen ist. Schmidt wie Kojève stellten zunächst die Frage nach dem Selbst und dem Anderen in den Mittelpunkt ihres Nachdenkens über die Moderne, stießen aber bald auf die Notwendigkeit, in diesem Kontext auch die in den zwei Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg anbrechende Globalisierung zu berücksichtigen. Aus diesem Grund ist die Beschäftigung mit Schmitts und Kojèves Schriften zu Moderne und Globalisierung zwingend geboten, um ein tieferes Verständnis sowohl ihrer intellektuellen Entwicklung und ihrer Rolle für diese wichtigen frühen Debatten als auch der politischen und philosophischen Widersprüche zu erlangen, die die heraufziehende Globalisierung prägten.

Kojève und Schmitt begegneten sich wahrscheinlich nur einmal persönlich. Von 1955 bis zu ihrem Treffen 1957 in Deutschland führten sie einen lebhaften Briefwechsel. Danach nahm die Intensität ihres Gedankenaustausches ab, und der letzte erhalten gebliebene Brief ist – nach einer Lücke von zwei Jahren – auf den 4. April 1960 datiert. Die einundzwanzig Briefe umfassende Korrespondenz wurde erst 1998 von Piet Tommissen im Rahmen einer Monographie zu Kojève veröffentlicht, nachdem sich akademische Aufsätze bereits auf einzelne Briefe berufen hatten.
In dieser Studie werde ich zunächst die genauen Details ihrer Bekanntschaft rekonstruieren, um dann die Hintergründe zu erläutern, vor denen dieser Dialog nicht nur möglich, sondern für Schmitt wie für Kojève wünschenswert wurde. Abschließend versuche ich eine prägnante vergleichende Analyse ihrer Strategien, die Moderne an der Schwelle zur Globalisierung zu theoretisieren.
Wie Schmitt selber zugibt, war ihm Kojève bis 1948 kein Begriff. Erst nach der Veröffentlichung seines 1947 erschienenen Hauptwerkes Introduction à la lecture de Hegel sei er auf ihn gestoßen. In Wirklichkeit muß ihm Kojèves Name schon vorher begegnet sein. Leo Strauss, der 1932 wichtige Anmerkungen zu Schmitts Der Begriff des Politischen geschrieben hatte, veröffentlichte 1938 sein Buch The Political Philosophy of Hobbes und kündigte darin an, gemeinsam mit Kojève „eine detaillierte Untersuchung der Verbindungen zwischen Hegel und Hobbes“ in Angriff nehmen zu wollen. Zu diesem Zeitpunkt arbeitete Schmitt seinerseits an einem Buch über Hegel, und man kann davon ausgehen, daß er von Strauss‘ und Kojèves Plänen wußte. Jedoch hatte Kojève sich damals als Philosoph noch keinen Namen gemacht, und so sollte es nicht verwundern, daß Schmitt ihn erst in den späten 1940er Jahren, nach der Veröffentlichung von Kojèves Vorlesungen zur „Phänomenologie des Geistes“, bewußt wahrnahm. Am 17. Oktober 1951 schrieb Schmitt einem seiner Schüler: „Die Entdeckung von Hegels Phänomenologie des Geistes war ein ebenso ungeheures Erwachen wie jenes, das um 1905 mit der Entdeckung Hölderlins begann. Es ist schade, daß Ihnen die Zeit fehlt, Alexandre Kojève, Introduction à la lecture de Hegel, Paris (Gallimard) 1950 zu lesen“. Armin Mohler, an den sich dieser höflich drängende Ratschlag richtete, war damals Ernst Jüngers Privatsekretär und Schmitts enger Vertrauter, und offenkundig hatte Schmitt das Bedürfnis, ihm Kojèves bedeutendes Werk ans Herz zu legen.


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