Sezession
1. Januar 2005

Multikultur nach dem Mord

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 8 / Januar 2005

sez_nr_8von Christian Vollradt

Der brutale Mord an dem niederländischen Regisseur Theo van Gogh, der am 2. November 2004 in Amsterdam auf offener Straße von einem fundamentalistischen Moslem gleich einer rituellen Hinrichtung begangen worden war, hat – so scheint es – die bisher fast ausschließlich positiv konnotierte Rede von der multikulturellen Gesellschaft über die Grenzen der politischen Lager hinaus diskreditiert. Ausgerechnet in den Niederlanden, unserem als gesellschaftlich besonders modern, liberal und tolerant geltenden Nachbarstaat, ereignete sich diese schreckliche Bluttat, folgten ihr im Verlauf einer wechselseitigen Eskalation weitere religiös-politisch motivierte Anschläge auf moslemische und christliche Einrichtungen. Erschwerend kommt hinzu, daß es sich bei dem Opfer um einen linksliberalen Kulturschaffenden handelte, der sich in aufklärerischem Sinne betätigt hatte, während der Täter, obwohl in den Niederlanden geboren und nur dort aufgewachsen, in einer vollkommen anderen Gesellschaft sozialisiert und vor allem radikalisiert zu sein schien.

Weil niemand mehr ähnliche Konflikte hierzulande ausschließen mochte, erhielten die optimistischen Zukunftsvisionen, die anläßlich des erst vor fünf Jahren reformierten Staatsangehörigkeitsrechtes noch vorherrschten, einen empfindlichen Dämpfer.
Führende sozialdemokratische Innenpolitiker wie Otto Schily oder Dieter Wiefelspütz fühlen sich nun berufen, vor „Multikulti-Seligkeit“, vor „oberflächlicher Menschenfreundlichkeit“ und „Kuscheldiskussionen“ warnen zu müssen. Und die CDU-Vorsitzende Angela Merkel hält sogar die gesamte „Idee der multikulturellen Gesellschaft für dramatisch gescheitert“ und macht die rot-grüne Regierung für die Versäumnisse in puncto Integration verantwortlich. Dabei unterschlägt sie nicht nur die Fehler der Ausländerpolitik aus den Zeiten der christlich-liberalen Bundesregierungen, sondern auch die Einflußnahme prominenter Parteifreunde auf einen programmatischen Wandel der Union in Richtung Multikultur: Geißler, Süssmuth und andere.
Unter dem Eindruck einer freimütiger gewordenen Debatte um Parallelgesellschaften und desintegrative Tendenzen unter hier lebenden Einwanderern erschien am 5. Dezember 2004 in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung ein Gastbeitrag des außenpolitischen Sprechers der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Friedbert Pflüger, der sich beklagte, die „68er“ stellten das von den Menschen empfundene „Bedürfnis nach Liebe zur Heimat“ unter den generellen Verdacht, rechtsradikal zu sein; dem entgegnete er: „Vaterlandsliebe muß mehr sein als Verfassungspatriotismus.“ Das wäre nicht weiter aufsehenerregend, wenn nicht gut zehn Jahre früher derselbe CDU-Abgeordnete noch zu einer ganz anderen Ansicht gelangt wäre; im Frühjahr 1994 meinte Pflüger mit seinem Buch „Deutschland driftet“ vor einer Renaissance des „Völkischen“ warnen und voll Bedauern feststellen zu müssen: „Vorbei die Zeiten, in denen ein weitgehender Konsens bestand, daß wir unser deutsches Selbstverständnis in erster Linie europäisch und verfassungspatriotisch definieren“. Denn, so schlußfolgerte er, das ethnisch bestimmte Volk habe im „republikanischen Verfassungsstaat nichts zu suchen“, die Nation sei „keine Abstammungsgemeinschaft“, ja noch mehr: „Die Nation ist kein Ziel, bestimmt kein Grundwert“.
Noch einmal der Pflüger des Jahres 2004: „Die 68er haben einen multikulturellen Traum geträumt. Die Tore unseres Landes wurden für die Notleidenden und Verfolgten dieser Erde allzuweit geöffnet. Unter dem Siegel der Humanität wurde großzügiger Familiennachzug für Gastarbeiter geschaffen, langjährige Asylverfahren ermöglicht und mit großzügiger Visumspolitik (Volmer-Erlaß) neben Wissenschaftlern auch Drogen- und Menschenhändlern, Extremisten und Terroristen leichtfertig die Einreise ermöglicht. Wer die deutsche Sprache als Integrationsvoraussetzung empfahl oder vor Parallelgesellschaften warnte, wurde vor kurzem noch mit Rechtsradikalismus-Verdacht belegt.“


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