Der Mensch ist das einzige Geschöpf, das erzogen werden muß

Das Zitat in der Überschrift stammt von Immanuel Kant. Es stimmt ganz und gar, und jede Pädagogik, die das Gegenteil behauptet, ist nichts wert.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Aber was trägt Erzie­hung aus? Ist sie eine gera­de Bahn? Ums mal ganz pau­schal zu sagen: Zwei mei­ner Kin­der kamen ganz ohne Puber­täts­phä­no­me­ne aus. (Begabt, durch Sti­pen­di­en beför­dert. Bei­de bis heu­te wirk­lich extre­me Lebens­we­ge, extrem gute,sag ich, wenn auch ande­re wohl, als vom Sti­pen­di­en­ge­ber gedacht. Will so ein Sti­pen­di­en­ge­ber, daß du in ganz jun­gen Jah­ren den Dr. machst, um neben­bei vier Kin­der in die Welt zu set­zen und dann lan­ge zu pau­sie­ren?) Zwei Kin­der zeig­ten hef­ti­ge, drei gering­fü­gi­gen – Phänomenen.

All die­se Klei­nen sind (mit Aus­nah­me der Jüngs­ten, die Nest­häk­chen­sta­tus hat und somit eh ALLES darf – sagen ihre älte­ren Geschwis­ter, wenn man sie fragt, und es ist wahr) mitt­ler­wei­le so groß, daß man dar­über frei reden kann. Denn alle haben – so oder so – ihr Leben ziem­lich gut im Griff und machen ihr Ding.

Die eine wird mal als „Con­so­o­mie“ abge­klatscht, die ande­re als die mit dem Aske­se-Tick. Alles befin­det sich schön im Rah­men. Alle Ent­schei­dun­gen die­ser jun­gen Erwach­se­nen mögen Grün­de haben, die sicher auch in den Erzie­hungs­me­tho­den wur­zeln. Inter­es­sant, daß es so unter­schied­lich, ja gegen­sätz­lich aus­schlägt! Daß alle sie­ben irgend­wie zusam­men­hal­ten, ist für mich ein gro­ßes Glück – wenn nicht mein über­haupt größtes!

Als Eltern muß man ohne­hin irgend­wann los­las­sen, wenn ein erwach­se­nes Kind eine ande­re Grund­satz­ent­schei­dung trifft, als man selbst es je getan hät­te – man hat ja alles gege­ben! (Behaup­te ich für mich. Die Kin­der waren immer Haupt­sa­che, egal, wie hart nach außen gekämpft wer­den mußte.)

Was dann dar­aus gemacht wird, kann man allen­falls bestau­nen – und schau­en, daß der Bezie­hungs­draht bestehen bleibt. Ich hal­te das für emi­nent wich­tig. Man darf die Bezie­hung  zu den Kin­dern nie­mals und um kei­nen Preis auf­ge­ben, kos­te es, was es wolle!

Denn ich ken­ne genü­gend Leu­te, auch aus dem „welt­an­schau­li­chem“ Nah­be­reich, die „Schluß gemacht“ haben mit ihren Kin­dern, die “aus dem Ruder” lie­fen: Wegen Homo­se­xua­li­tät; weil das Kind nach der Schei­dung zur Mutter/zum Vater hielt; weil es sich einer vega­nen Sek­te anschloß; weil stur dem Impf­re­gime folg­te; weil es sich par­tout nicht abbrin­gen ließ von Amphet­ami­nen etc pp.

Ein sol­cher Abschied vom (erwach­se­nen) Kind mag jeweils einer gewis­sen Ver­zweif­lung geschul­det sein und einer bestimm­ten Idee von „Kon­se­quenz“, – aber es ist defi­ni­tiv nicht gut! “Kon­se­quenz” hat in Fami­li­en­ban­den mei­nes Erach­tens ohne­hin wenig zu suchen, jeden­falls nicht im gro­ßen Stil, der dann “Ver­ban­nung” hieße.

Blut soll­te stets dicker sein als Was­ser. Kin­der kön­nen fehl­ge­hen. Sie blei­ben die eige­nen Kin­der, auf Gedeih und Verderb!

Eine gute Bekann­te, die hier mit­liest, hat eine les­bi­sche Toch­ter, die wie­der­um ein Kind aus einer Samen­spen­de aus­trug. Sie, die Bekann­te, war (ist!) eine ver­dammt gute Mut­ter, hat­te ihre eige­ne (erfolgs­ver­spre­chen­de) Kar­rie­re zurück­ge­stellt, um für die Kin­der da zu sein. Sie haßt natür­lich die dahin­ter­ste­hen­de Ideo­lo­gie und die­se ver­ma­le­dei­te Tech­no­lo­gie – wie hat sie der Toch­ter die Levi­ten gele­sen! Aber es bleibt ihre Toch­ter, und zwar auf Teu­fel komm raus.

Eine ande­re Freun­din hat einen Sohn, der wahn­sin­nig ver­liebt ist in eine Lin­ke. Vor eini­ger Zeit wur­de sie schwan­ger von ihm. Sie (natür­lich mit schwie­ri­ger per­sön­li­cher “Geschich­te”) will kei­ne Kin­der, mach­te daher einen Abbruch und sag­te sogar, das wür­de sie es SEHR GERN immer wie­der tun. Der Sohn war dage­gen, sogar unter Trä­nen, hat der Freun­din aber letzt­lich den Rücken gestärkt. Mei­ne Freun­din hat­te dann den Kon­takt zu ihrem Kind abge­bro­chen. Für zwei­ein­halb Wochen. Denn: Er bleibt ihr Sohn.

Zurück zu mei­nen eige­nen Leu­ten: Wer je unter den Kin­dern die größ­te Zicke, der ner­vigs­te Pro­blem­bär war, wird am Tisch immer mal bespro­chen. Alle behaup­ten natür­lich, sie zähl­ten damals zu den “Ver­nünf­ti­gen” im Puber­täts­rah­men. Und dann wird (Spaß!) auf­ge­zählt und vorgehalten:

Wer bit­te ist mit Gin Tonic in der Schu­le auf­ge­fal­len? – Wer muß­te Straf­stun­den absol­vie­ren, weil sie dum­mes Zeug an die Tafel geschmiert hat? – Wer hat sich stun­den­lang im Zim­mer ver­bar­ri­ka­diert und dabei alber­ne Musik gehört? – Wer war es, wegen der es eine Klas­sen­kon­fe­renz gab? – Wer hat den Papa mit gewis­sen Kla­mot­ten zur Weiß­glut getrieben?

Jaja, so kann man gut läs­tern & genüß­lich frö­nen, wenn die kri­ti­schen Pha­sen vor­bei sind und alle ein durch­aus ver­nünf­ti­ges Leben führen!

Dabei ist „Puber­tät“ echt har­ter Tobak. Die Kin­der sind (online wie live) umge­ben von Peers, die depres­siv, eßge­stört, pro­mis­kui­tiv, que­er, auf­merk­sam­keits­ge­stört oder wenigs­tens „hoch­sen­si­bel“ sind. Wie soll da bit­te nichts abfär­ben? Leich­ter, um es biblisch zu sagen, geht ein Kamel durch ein Nadel­öhr als ein Jugend­li­cher unbe­scha­det durch die Pubertät.

Jona­than Haidt hat es in sei­nem jüngs­ten Buch, man möch­te sagen: sei­ner Fibel, aber­mals auf den Punkt gebracht: „Smart­phones sind See­len­kil­ler“! (For­mu­lie­rung von Mar­tin Lichtmesz.)

Ver­zeiht Euren Kin­dern ein­fach alles. Sie sind Teil die­ser quan­ti­ta­tiv home­ma­de klei­nen Gene­ra­ti­on (denn wer, bit­te, über­schrei­tet die Zahl von 1,3 selbst­ge­mach­ten Kin­dern?) und zudem Teil einer Kohor­te, die so gehirn­ge­wa­schen wur­de wie kei­ne zuvor. Es kann nur bes­ser werden.

Dran­blei­ben, immer. So wich­tig! Auch jedes Kind, das bereits in den soge­nann­ten Brun­nen gefal­len ist, ist der Ret­tung wür­dig. Auch wenn sie mal fehl­ge­hen, blei­ben unse­re Kin­der unse­re Leu­te, immer! Nicht nör­geln, ein­fach: dranbleiben.

Je frei­er die Insti­tu­ti­on des Vol­kes, des­to stren­ger muß die Erzie­hung sein. Das ist einer mei­ner fun­da­men­tals­ten Erziehungsgrundsätze

sag­te Adolph Dies­ter­weg. Dies­ter­weg leb­te vor rund 250 Jah­ren. Was er, Adolph D., zu einer heu­ti­gen “Dies­ter­weg-Schu­le” sagen wür­de, ist lei­der unklar.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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Kommentare (3)

Maiordomus

7. Mai 2026 09:45

Der Satz von Diesterweg ist weniger veraltet als der von Kant, der regelmässig als Autorität zitiert wird, wiewohl selbst seine klügsten Vorschläge nur fruchtbare Fragestellungen sind und sein damaliges Allgemeinwissen stark vorurteilsbezogen, siehe seine Bemerkungen über fremde Völker, die wikipediaähnliches Lexikonwissen waren oder Ausdruck seiner Lektüre vor allem britischer Zeitungen mit Klischees, die heute unter Rassismus subsumiert werden.  Dabei bleibt Kant als Menschenbildner tiefsinnig, siehe seine Ahnungen vom Radikal-Bösen, die ihn in die Nähe von Augustinus rücken aber auch zum strengen puritanischen Protestantismus, siehe leider zwar menschenferne Vorstellungen von Sexualität, unter dem Niveau der bestgebildeten kath. Theologen des Mittelalters. 
Nicht nur der Mensch muss erzogen werden, das galt schon immer auch für die Wolfsartigen, heute den Hund, und ohne einschlägige Gesangserziehung züchten sie keinen Kanarienvogel von Weltklasse, wobei leider gerade diese Erziehung oft Tierquälerei ist, so wie die Erziehung der Kinder der Familien Bach, Mozart und Bernoulli Menschenquälereiwar , erst recht die Erziehung von Friedrich dem Grossen. Immerhin braucht jede Erziehung Spielraum, sollte sie wirklich Spitzenresultate hervorbringen. Vgl. den besten Erziehungsroman der dt. Literatur, Anton Reiser von Karl Philipp Moritz (1785). 
  

Boreas

7. Mai 2026 10:48

Ich stimme EK zu, auch wenn ich nur einen Kronprinzen großgezogen habe. Die frühkindliche Prägung habe ich der Mutter überlassen aber ab dem 4. Lebensjahr dann aktiv versucht, mit Sauvagerie männliche Impulse zu setzen. Natürlich war ich enttäuscht, als er brausendes Jungenleben in einem Wandervogelbund wegen "Räucherkothenallergie" abwählte, mit beginnender Pubertät das Florett an den Nagel hing, obwohl er es bis zur Teilnahme an den deutschen Jugendmeisterschaften brachte und im ersten "Wuhan-Seuchenjahr nach vergeigter Reifeprüfung den mit großem Aufwand betriebenen Eintritt in das "Einjährige" bei der BW nach kurzem Intermezzo abbrach und in die "Pflege" ging, sah ich mich doch um das Erlebnis "Vereidigung des Sohnes" gebracht. Dann die Diskussion um die Impfjauche, der er zwangsläufig in seinem Beruf ausgesetzt war. Gottseidank hat meine Holde mit ihrer bedingungslosen Mutterliebe mir den Kopf gewaschen und mich auf das Wesentliche hingewiesen: "Es ist Dein Sohn, Du hast nur Ihn, er ist ein guter Mensch, steh zu ihm!" Dafür bin ich ihr heute noch dankbar, wo er mit Verlobter und deren Großvater in einer "Pflege-WG" an der Familienplanung bastelt und seinen Weg macht. Wir leben, um zu hinterlassen, auch wenn es manchmal nur ein Quentchen ist.

Rheinlaender

7. Mai 2026 10:49

Weder Schulleitung, Kollegium noch Elternbeirat dieser Diesterwegschule verfügen offenbar über die Fähigkeit, den logischen Widerspruch zwischen der Forderung nach Vielfalt und Demokratie sowie nach Ablehnung von Diskriminierung und den gleichzeitig erhobenen Forderungen nach weltanschaulicher Homogenität und Konformität zu erkennen. Oder die entsprechend vereinnahmten Personen waren zu eingeschüchtert, um ihrer Vereinnahmung zu widersprechen. Ein Oppositioneller aus dem ehemaligen Ostblock, dessen Name mir entfallen ist, meinte einmal sinngemäß, dass absurde Inhalte bei solchen kollektiven Bekundungen von Konformität durchaus gewollt seien. Erst wenn man Menschen dazu bringen könne, auch offensichtlichem Unsinn öffentlich begeistert zuzustimmen, könne man sich sicher sein, über totale Macht zu verfügen.