Die Bedenken beginnen schon bei der äußeren Aufmachung: Das in Groß-Oktav formatierte Buch weist neben dem Text auf nahezu jeder Seite Fotographien von Wahlplakaten, Buch‑, Zeitschriften- und Zeitungstiteln, Parteiemblemen, Anstecknadeln, Politikern und vieles andere mehr auf. Diese illustriertenhafte Über-Bebilderung, die zudem das Buch unnötig verteuert haben dürfte, steht der eigentlichen Aufgabe eines solchen Werkes entgegen, eine nüchterne Analyse der historischen Fakten und der politischen Hintergründe vorzulegen.
Sodann bleibt unklar, nach welchen Kriterien Weißmann sein Themengebiet abgesteckt hat. Das parteipolitische Terrain wird – von SRP über NPD und Republikaner bis zur AfD – weitgehend lückenlos erfaßt. Das vorpolitische Umfeld dagegen wird nur gestreift, etwa in der Darstellung der – willkürlich herausgegriffenen – Zeitschriftenprojekte Nation Europa (1951 ff.) und Die Kehre (2020 ff.).
Wesentliche publizistische Unternehmungen wie z.B. Criticón, Staatsbriefe, Junge Freiheit und Sezession fallen ebenso unter den Tisch wie Fortbildungs- und Vortragsformate wie etwa das Institut für Staatspolitik oder die Bibliothek des Konservatismus; ebensowenig sind dem Autor die von den Rechten frühzeitig als entscheidend erkannten und spätestens seit zehn Jahren immer wirkmächtiger gewordenen Social-Media-Kanäle und Internetmedien irgendeine Erwähnung wert.
Diese Vaporisierung der Metapolitik muß schon deswegen verwundern, weil Karlheinz Weißmann als konditionsstarker intellektueller Langstreckenläufer an einigen der vorgenannten Projekte federführend beteiligt war/ist, so daß er deren Geschichte quasi mit eigenen Bordmitteln hätte wiedergeben können. In jedem Fall beraubt sich Weißmann durch dieses Weglassen von Wesentlichem selbst des politischen Erkenntnismehrwerts, den sich der Leser von seiner Arbeit erhoffen durfte. Denn niemand kann beispielsweise die Mehrfachhäutungen der AfD von Lucke über Petry und Meuthen bis zu Chrupalla/Weidel und die damit verbundenen inhaltlichen Wandlungen dieser Partei verstehen, wenn er den metapolitischen Mutterboden ausblendet, auf dem diese Verschiebung des Overton-Fensters vom „Bürgerlichen“ ins „Rechte“ ins Werk gesetzt werden konnte.
Die Erfolge der französischen Nouvelle Droite um Alain de Benoist, die der frankophile Weißmann ausführlich würdigt, gehören streng genommen nicht unmittelbar zum Thema, sind aber schon im Hinblick auf den Vergleich der unterschiedlichen geistesgeschichtlichen Strukturen Deutschlands und Frankreichs von Interesse. Umso mehr muß irritieren, daß das Pendant zur Nouvelle Droite, eben die deutsche Neue Rechte, bei dem Autor fast nicht vorkommt.
Das berühmte Strauß´sche Diktum, rechts von der Union dürfe es keine demokratisch legitimierte Partei geben, steht nur sinnbildlich für den Geltungsanspruch eines Machtagglomerats sui generis, zu dessen wesentlicher Herrschaftstechnik es von Anfang gehörte und bis heute gehört, Andersdenkende zu diffamieren, zu kriminalisieren und mit allen Mitteln von der politischen Teilhabe auszuschließen.
Daß Weißmann im Lichte dieser perfiden Als-Ob-Politik von CDU/CSU mit seiner Darstellung das wirklichkeitsfremde Feindbild-Narrativ der Linken bedient, es habe gegeben und es gebe so etwas wie eine fließend ineinander übergehende Gesamtrechte von der Union bis zu NPD/Republikaner/AfD, macht fassungslos. Unverständlich bleibt außerdem, warum zerstörerische Strategeme diverser Geheimdienste bei dem Verfasser lediglich am Rande erwähnt und mit dem sibyllinischen Hinweis quittiert werden, „daß manches, das hier behandelt wird, nicht nur nach Maßgabe dessen eingeschätzt werden kann, was vor aller Augen stand und steht“.
Tatsächlich waren und sind viele Fehlentwicklungen und Mißerfolge auf der Rechten ohne die Kenntnis des reich bestückten Instrumentenkastens von KGB, MfS, CIA etc. (Zersetzung des Ansehens führender Akteure, Vernichtung der beruflichen Existenzgrundlage, Einschleusung und „Fernsteuerung“ von NS-Spinnern aller Schattierungen, Inszenierung des sattsam bekannten Tagesschau-Bilderpotpourris aus Schaftstiefeln, Glatzköpfen und Militärkluft, usw. usf.) in einem „seit dem 8. Mai 1945 zu keinem Zeitpunkt souveränen Deutschland“ (CDU-„Rechter“ Wolfgang Schäuble dixit anno 2011) überhaupt nicht nachvollziehbar.
Auch der Komplex der Vergangenheitsbewältigung, der berüchtigte Mohler´sche Nasenring, an dem die Deutschen seit bald drei Generationen geschichtspolitisch durch die Manege gezogen werden, findet bei dem Verfasser wenig Berücksichtigung, obwohl der Zusammenhang zwischen der Schwäche der Rechten und der Durchneurotisierung der im Gegenhitlerland schon länger Lebenden offenkundig ist.
Nein, das ist sie nicht, „die erste echte Bestandsaufnahme der deutschen Nachkriegsrechten“ (Werbeslogan des Verlages). Weißmann liefert – nicht zuletzt in impressionistisch eingeschobenen, zum Teil durchaus interessanten Exkursen (unter anderem über monarchische Restelemente auf der Rechten unmittelbar nach dem Krieg, über die Helgoland-Besetzung der „Deutschen Aktion“ 1950, über das Herunterreißen und Zerfetzen der DDR-Flagge unter Beteiligung des späteren Staatsrechtslehrers Dietrich Murswiek beim Stoph-Besuch in Kassel 1970, über die Lage in Österreich, über „Linke Leute von rechts“ wie etwa Henning Eichberg oder über konservative Ökologen wie Herbert Gruhl) – eine Menge (Anschauungs-)Material; seinem Anspruch, ein kohärentes Gesamtbild der deutschen Nachkriegsrechten zu bieten, wird er nicht gerecht. Das muß man bei einem Autor, der in der Vergangenheit mehrfach unter Beweis gestellt hat, daß er es besser kann, bedauern.
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Karlheinz Weißmann: Zwischen Reich und Republik, Geschichte der deutschen Nachkriegsrechten, 325 Seiten, 39,90 € – hier bestellen
t.gygax
Ich habe mir das Buch gekauft und war " angenehm enttäuscht".Für Neueinsteiger ist es gut verwendbar, da es sehr übersichtlich gegliedert und auch locker geschrieben ist, aber für mich als Zeitzeugen jener Jahre war es doch sehr flach, sehr oberflächlich und manchmal auch zu sehr von persönlichen Abneigungen des Verfassers bestimmt.Man kann Henning Eichberg auch ganz anders sehen.....ein wirkliches Defizit ist, dass sowohl sezession wie auch Götz Kubitschek nicht behandelt werden.Da ist offenbar ein blinder Fleck.....wer weiß?