Sezession
1. Januar 2005

Vom Anspruch, auserwählt zu sein

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 8 / Januar 2005

sez_nr_8von Alexander Griesbach

Mehr denn je inszenierte sich der alte und neue Präsident der Vereinigten Staaten, George W. Bush, bei den Inaugurationsfeiern für seine zweite Amtsperiode im Januar dieses Jahres als politischer Missionar. Seine Antrittsrede kulminierte in den Sätzen, daß es das große Ziel sei, die „Tyrannei zu beenden“ und daß Amerika „in diesem noch jungen Jahrhundert Freiheit auf der ganzen Welt“ verkünde – „für alle Bewohner dieser Welt“. Bei einem „Freiheitskonzert“ am 19. Januar ließ sich Bush zu den Worten hinreißen: „Von jenseits der Sterne sind wir berufen, für Freiheit einzustehen.“ In dieser Aussage scheint schlagartig ein Phänomen auf, das Bush in seiner Antrittsrede wohl nicht allzu eindeutig in den Vordergrund rücken wollte: nämlich der Auserwähltheitsanspruch der Vereinigten Staaten. Dieser Anspruch ist von Bush keineswegs zurückgewiesen worden, wie es Matthias Rüb in einem Beitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung (22. Januar 2005) glaubend machen wollte, sondern vielmehr eindeutig erneuert worden. Bush kann schon deshalb nicht auf diesen Anspruch verzichten, weil die letzte Konsequenz dieses Sendungsbewußtseins darauf hinausläuft, Richter über andere zu sein. Das ist denn auch der Kern der Bushschen Ankündigungen: Die Vereinigten Staaten werden unter seiner Führung in Zukunft darüber richten, wo ihrer Ansicht nach „Freiheit“ auf der Erde herrscht und wo nicht.

Bushs Rede hebt sich in keiner Weise von denen seiner Vorgänger ab, worauf Rüb zu Recht hinwies. So erklärte etwa Franklin D. Roosevelt am 6. Januar 1942 gegenüber dem Kongreß: „Wir kämpfen heute für Sicherheit, Fortschritt und Frieden, nicht nur um unserer selbst, sondern um aller Menschen willen, nicht nur für eine Generation, sondern für alle Generationen. Wir kämpfen, gleich unseren Vätern, um die Lehre aufrechtzuerhalten, daß vor Gott alle Menschen gleich sind.“
Die Vereinigten Staaten sind derjenige Staat, so die Botschaft vieler US-Präsidenten, in dem diese Lehre mustergültig für die gesamte Menschheit realisiert worden ist. Gotthart Günther, von 1935 – 1937 Asistent von Arnold Gehlen in Leipzig, schrieb in diesem Zusammenhang, daß in den USA „die divergenten Kulturrassen“, in die sich „die Menschheit“ ... auseinander entwickelt hätten, wieder in „eine homogene Gesamtgruppe Mensch zurückgeschmolzen werden“. Dieser Prozeß werde von einer Lebensform (way of life) begleitet, „die so unendlich allgemein ist, daß sie jeder, gleichgültig, von wo er historisch kommt, sich aneignen und in ihr leben kann“.
Das, was gemeinhin als melting pot, als american way of life bezeichnet wird, stellt für Günther, metaphysisch gesprochen, das „dritte Zeitalter der Menschheitsgeschichte“ dar. „Es handelt sich in dem amerikanischen Experiment darum, einen menschlichen Generalnenner zu finden, der für Westeuropäer, Neger, Chinesen, Inder, Russen, Juden, Balkanbewohner, Indianer und Feuerländer gleichermaßen und in demselben zwingenden Sinn verbindlich ist. Das bedeutet aber, daß jeder Immigrant, der amerikanischen Boden betritt, das Wesentlichste und Teuerste, was er besitzt, oder wenigstens besitzen kann, hinter sich lassen muß ... Niemand, der hier wirklich zu Hause sein will, kann eine metaphysisch-historische Vergangenheit beanspruchen, die jenseits der Unabhängigkeitserklärung zurückreicht.“ Es ist dieser „Generalnenner“, der Thomas Jefferson, den dritten Präsidenten der USA (1801 – 1809), zu der Aussage verleitete, daß die Vereinigten Staaten eine „Weltnation“ seien, „die weltweit gültige Ideen verficht“. Nach diesem Generalnenner trachten die USA offensichtlich auch mit der „Neuen Weltordnung“, die sie zu gestalten meinen.
Daß dieser Anspruch als calvinistisch inspiriert bezeichnet werden muß, zeigt unter anderem die Charakterisierung des Calvinismus durch den Religionssoziologen Ernst Troeltsch:
„Die christliche Ethik gewinnt hier (im Neucalvinismus) ein ganz anderes Gesicht als in den beiden anderen Konfessionen, vor allem im Luthertum. Hatte bei diesem gerade die Innerlichkeit der christlichen Liebesmoral die Fernhaltung von den äußeren Dingen der Rechts- und Staatsordnung gefordert; hatte es ferner den Ausschluß der Konkurrenz und des Kampfes ums Dasein in der ständisch-zünftigen Gliederung gefördert, von da aus den Rückzug des Individuums in die innere Seligkeit und äußerlich demütige Unterwerfung unter die gegebenen aristokratischen Ordnungen des Lebens befürwortet, so verlangt der Neucalvinismus die christlich-liberale Ordnung von Staat und Gesellschaft, Selbständigkeit und Befreiung des Individuums, Gleichheit des Rechtes und der Lebensmöglichkeiten, internationale Friedensordnungen und Überwindung des Kampfes ums Dasein durch Selbstdisziplin und tätige soziale Vereinshilfe ... Die patriarchalisch-konservativen Elemente der christlichen Ethik sind zurückgetreten und die freiheitlich-sozialreformatorischen sind dafür in den Vordergrund gestellt.“


 Gastbeitrag

  • Sezession

Kommentare (0)

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.