1879 verließ er die Moskauer Universität, übersiedelte nach St. Petersburg und widmete sich bis zu seinem Lebensende mit 47 Jahren dem literarischen Schaffen und der Theologie. Seine Drei Gespräche über Krieg, Fortschritt und das Ende der Geschichte und die Kurze Erzählung vom Antichrist liegen nun in einer Neuausgabe vor.
Mit seiner Dichtung beeinflußte er den russischen Symbolismus und war mit Dostojewski eng befreundet: die Figur des Aljoscha in den Brüdern Karamasow trägt die Züge Solowjows (wer Freude an Physiognomik hat, schaue sich dieses geheimnisvoll-auratische Mannsbild einmal an, es gibt zeitgenössische Photographien).
Ich bin auf ihn gestoßen, als ich Josef Piepers kleine Abhandlung Über das Ende der Zeit (1950) gelesen habe. Darin zitiert Pieper die “Solowjewsche Erzählung”, mit der der große Russe auch im Westen, insbesondere in Deutschland, Berühmtheit erlangt hat:
„Es gehört zum überlieferten Bilde vom Antichrist, daß er als ‘Wohltäter’ erscheint; und bei den Audienzen sei er ’so leutselig, daß man davon in allen Post-Zeitungen melden wird’ – so heißt es in dem Leben Antichristi, das ein Kapuziner des 17. Jahrhunderts verfaßt hat. Der Antichrist der Solowjewschen Erzählung ist der Verfasser eines in alle Weltsprachen übersetzten Buches mit dem Titel ‘Der offene Weg zu Frieden und Wohlfahrt in aller Welt’. Er hat ‘in der ganzen Menschheit eine fest begründete Gleichheit geschaffen: die Gleichheit der allgemeinen Sättigung’. Und nachdem er – aufgrund einer ohne Abstimmung erfolgten Wahl! – zum Weltherrscher proklamiert worden ist, erläßt der Antichrist ein Manifest, das mit folgenden Worten schließt: ‘Völker der Erde! Die Verheißungen haben sich erfüllt! Der Weltfriede ist auf ewig gesichert. Jeder Versuch, ihn zu stören, wird augenblicklich einem unüberwindlichen Widerstand begegnen; denn von heute ab gibt es auf der Erde nur eine einzige zentrale Macht […]. Diese Macht gehört mir […]. Das internationale Recht besitzt endlich die Sanktion, die ihm bis jetzt gemangelt hat. Von nun ab wird keine Macht sich erkühnen, zu sagen ‘Krieg’, wenn ich sage ‘Friede’. Völker der Erde! Friede sei mit Euch!’ So Solowjew im letzten Jahre des 19. Jahrhunderts.“
Pieper bezieht sich hier auf Solowjows Kurze Erzählung vom Antichrist. Von einem eigenständigen Werk kann nicht die Rede sein, auch wenn die Kurze Erzählung auf Deutsch in der Schweiz 1946 in der Übersetzung von Karl Noetzel, 1947 in Deutschland übersetzt von Ludolf Müller (so auch in der Werkausgabe enthalten), dann 1954 von Erich Müller-Kamp ins Deutsche übertragen in einem Band mit dem Titel Drei Gespräche, weiters 2013 als Separatdruck im anthroposophischen Verlag Urachhaus und 2023 noch einmal die Noetzel’sche Übersetzung mit Kommentaren herausgegeben worden ist.
2025 hat der Karolinger Verlag aus Wien die nur noch antiquarisch erhältliche Ausgabe von 1954 neu verlegt in der aus meiner Sicht schönsten Übersetzung. Sie ist ergänzt um das Vorwort des Literaturnobelpreisträgers Czesław Miłosz aus der englischen Ausgabe, die wie die neue Karolingerausgabe den Originaltitel der russischen Ausgabe trägt: Krieg, Fortschritt und das Ende der Geschichte.
Fünf Russen, die sich an der Côte d’Azur Ende des 19. Jahrhunderts zum Salongespräch einfinden: ein General alter Schule, ein westlich-liberal gesonnener Politiker, ein Herr Z., undoktrinär und am ehesten Solowjows alter ego, ein junger Fürst, der die ideologischen Züge von Tolstoi trägt, sowie eine das Gespräch belebende Dame. Die Kurze Erzählung vom Antichrist ist darin dergestalt enthalten, daß Herr Z. am Schluß des dritten Gesprächs aus fiktiven Aufzeichnungen eines Mönchs ebendiese Erzählung vorliest.
Was fasziniert seine Leser an Wladimir Solowjow, abgesehen von den bereits zitierten prophetischen Passagen über den kommenden Antichrist? Es lassen sich zwei einander beinahe diametral entgegengesetzte Rezeptionslinien herauspräparieren, denen ich beiden nacheinander mit Begeisterung gefolgt bin.
Die erste Lesart ist diejenige, die auch Gerd-Klaus Kaltenbrunner in seinem Aufsatz “Im Zwielicht des Gnostizismus” (in: Vom Geist Europas. Landschaften, Gestalten, Ideen. Bd. 1. MUT-Verlag:,Asendorf 1987) hervorhebt. Solowjow läßt sich als Gnostiker in dem Sinne lesen, daß er eine “religionsphilosophische Geheimlehre” dargeboten hat.
Dabei heißt “Gnosis” zunächst einmal nur “Erkenntnis(lehre)”, die, so Kaltenbrunner, “einer Elite vorbehalten, sowohl rechtgläubig-orthodox als auch ‘ketzerisch’ sein” kann.
Insbesondere Solowjows sein Leben durchwirkendende spekulative Philosophie der “Sophia”, der weiblichen Gestalt der göttlichen Weisheit, trägt starke Züge des frühchristlichen Gnostizismus. Der Solowjow der 1860er- bis 1880er-Jahre denkt die göttliche Heilsgeschichte dispensationalistisch in drei fortschreitenden Weltaltern: Ziel der historischen Entwicklung der Welt ist die Wiedergewinnung der All-Einheit mit dem Schöpfer, ein Gedanke, den auch die ostkirchliche Theologie bereithält.
Diesen gnostischen Solowojow hatte auch Rudolf Steiner rezipiert, als er vor hundert Jahren schrieb:
“Solofjeff spricht so, daß man in einer gewissen Art wieder aufleben fühlt, wie bis zum vierten Jahrhundert die Denker des Christentums sich mit der Vereinigung der Christus-Wesenheit in dem Menschen Jesus von Nazareth auseinandergesetzt haben. Von diesen Dingen so zu reden wie Solowjoff redet, dazu fehlen den west- und mitteleuropäischen Denkern heute überhaupt alle Begriffsmöglichkeiten. (…) Der Westen und der Osten müssen für einander Verständnis finden. Solowjoff kennen lernen, kann auf der Seite des Westens viel zum Gewinnen eines solchen Verständnisses beitragen.” (“Wladimir Solofjeff, ein Vermittler zwischen West und Ost”, 1925, GA 36).
Steiner zitiert eine Buchkritik aus der Feder Solowjows von 1888, die schon in die Richtung einer zweiten Lesart weist und die für heutige Leser erschlagend aktuell wirkt:
“Europa blickt gegnerisch und mit Befürchtung auf uns, weil im russischen Volke dunkle und unklare elementarische Gewalten leben, weil dessen geistige und Kulturkräfte ärmlich und ungenügend sind, dafür aber seine Ansprüche offenbar und scharf bestimmt zutage treten. Gewaltig tönen nach Europa hinaus die Rufe wolle, daß es die Türkei und Österreich vernichten wolle, Deutschland schlagen, Konstantinopel und, wenn möglich, auch Indien an sich reißen wolle. Und wenn man uns fragt, womit wir an Stelle des an uns Gerissenen und Zerstörten die Menschheit beglücken wollen, welche geistige und Kultur Verjüngung wir in die Weltentwickelung bringen wollen, dann müssen wir entweder schweigen oder sinnlose Phrasen schwätzen.”
Europa projiziert seinen Bellizismus auf Rußland, das damals wie heute einen metaphysischen Anspruch erhebt (heute geht es Denkern wie Alexander G. Dugin um die Befreiung des Westens vom Satanismus in einem “heiligen Krieg”), diesem Anspruch aber überhaupt nicht gerecht werden kann. In seinen Zwölf Vorlesungen über das Gottmenschentum (1877–1881), denen auch Dostojewskij und Tolstoi als Hörer beiwohnten, unterzieht Solowjow Rußland einer tiefgehenden Selbstkritik:
“Wir müßten uns statt mit der Frage ‘Warum liebt uns Europa nicht?’ vielmehr mit einer anderen beschäftigen, einer uns näher liegenden und uns wichtigeren Frage: ‘Warum und weshalb sind wir krank?’ Physisch ist Rußland noch ziemlich stark, wie es sich in dem letzten russischen Kriege gezeigt hat; also ist unser Leiden ein sittliches. Auf uns lasten, dem Worte eines alten Schriftstellers gemäß, die im Volkscharakter verborgenen und uns nicht zum Bewußtsein kommenden Sünden – und so ist es vor allem nötig, diese in das Licht des hellen Bewußtseins heraufzubringen. Solange wir geistig gebunden und paralysiert sind, müssen uns alle unsere elementarischen Instinkte nur zum Schaden gereichen. Die wesentliche, ja die einzig wesentliche Frage für den wahren Patriotismus ist nicht die Frage über die Kraft und über die Berufung, sondern über die Sünden Rußlands.”
Wladimir S. Solowjow wandte sich, so möchte ich sagen, aus Volksseelen-Selbsterkenntnis von seiner frühen von ihm selbst so genannten “freien Theosophie” ab. Etwas Fundamentales sei mit Rußlands Seele nicht in Ordnung, die Nation kranke an einem inneren Mangel und zugleich an Selbstüberhebung, stellte er in seinen Vorlesungen fest und erregte damit erst Kopfschütteln bei seinen großen literarischen Freunden, dann harsche Ablehnung.
Denn recht bald, in den 1890er-Jahren, wurde Solowjow klar, was der Grund dieser Krankheit sein muß: das Schisma, die tiefverwurzelte Unfähigkeit Rußlands, die einzige Kirche, die Jesus Christus gestiftet hat, anzuerkennen. Er begann, sich derart intensiv mit dem Katholizismus zu befassen, daß acht Jahre nach dem ersten theosophischen Vortrag zum “Gottmenschentum” ein kroatischer katholischer Bischof dem nach wie vor russisch-orthodoxen Denker eine Audienz bei Papst Leo XIII. ermöglichte.
Im folgenden Jahr veröffentlichte er auf Anregung eines Pariser Jesuiten La Russie et L’Eglise universelle, worin er seine Position zum Primat des römischen Papstes am deutlichsten zum Ausdruck gebracht hat. Von diesem Zeitpunkt an war er überzeugt, daß die moderne Welt vor einer klaren Entscheidung stand: entweder Rom oder Chaos. Das ist die zweite Solowjow-Lesart, die mich seit geraumer Zeit beschäftigt.
Auch aus diesem Werk möchte ich gern einen Abschnitt vorstellen, der im zweiten Teil solche Leser, die ein wenig vertraut sind mit Internetauftritten orthodoxer Influencer, aufhorchen lassen könnte:
“Wenn wir als das besondere Grundprinzip der Einheitlichkeit der Kirche weder Jesus selbst noch seine gläubige Anhängerschaft, sondern die monarchische Autorität des Petrus verstehen, mittels dessen sich Jesus Christus dem Menschen als soziales und politisches Wesen offenbart hat, finden wir darin unsere Ansicht bekräftigt: Allein der Apostelfürst hat das Recht, den Titel des ‘Felsens der Kirche’ dauerhaft und im Unterschied zu allen anderen Aposteln zu tragen. Er allein ist der Fels der Kirche im engeren Sinne des Wortes, und damit wird er zum einheitsstiftenden Grundprinzip der damaligen christlichen Gemeinschaft.
Aber an dieser Stelle werde ich vom bekannten Aufschrei meiner Landsleute unterbrochen. ‘Soll bloß keiner irgendwas sagen über unsere Fehler und Mängel oder darüber, was wir dem dekadenten Westen schulden! Der hat abgedankt, den braucht keiner mehr. Wir haben im Osten alles, was nötig ist, in (sic!) Oriente lux. Der krönende Abschluß der Christenheit ist das heilige Rußland. Was haben wir zu schaffen mit Rom, dem abgelebten Rom, wenn wir selbst das Rom der Zukunft sind, das dritte und letzte Rom?’ (…) Aber solche Sätze zu akzeptieren, würde die formale Verneinung der Notwendigkeit einer universellen Kirche implizieren. Man würde zum alten Judentum zurückkehren, mit dem Unterschied, daß die Singularität des jüdischen Volkes in der Vorsehung durch Gottes Wort besiegelt wurde, wohingegen die Einzigartigkeit Rußlands einzig von den Reden gewisser russischer Propagandisten abhängt, die kaum unfehlbar zu nennen sind.” (La russie et l’Église universelle, 1889, Übersetzung der Passage C.S.)
Wladimir Sergejewitsch Solowjow konvertierte 1896 in einer Hauskapelle, die der Muttergottes von Lourdes geweiht war, in Moskau zum Katholizismus in dessen griechisch-orthodoxem Ritus. La russie et l’Église universelle liegt im französischen Original vor, auf Englisch als Russia and the Universal Church. Unter The Russian Church and the Papacy ist es in einer gekürzten Fassung 2012 u.a. vom Wiener Erzbischof Christoph Schönborn herausgegeben worden.
Solowjow wird dort im Vorwort direkt für den Ökumenismus des Zweiten Vatikanischen Konzils vereinnahmt – was in meinen Augen eine Fehllektüre ist, denn Solowjow vertritt in deutlicher Weise eine “Rückkehrökumene”, d.h. die Bekehrung der orthodoxen Schismatiker unter das Dach der una sancta ecclesia catholica. In der deutschen Werkausgabe aus den 50er-Jahren ist der Text in Una sancta. Schriften zur Vereinigung der Kirchen und zur Grundlegung der universalen Theokratie (1954/1957) enthalten. Es wäre ein Desiderat, auch dieses längst vergriffene Werk Solowjows dem deutschen Lesepublikum wieder zugänglich zu machen.
In seiner Besprechung aus dem Jahre 1961 schrieb der Theologe Hans Meyer:
Für die unmittelbare Gegenwart und die Beurteilung Rußlands hat ja eine andere Geistesrichtung, der dialektische Materialismus, für ganz Europa und darüber hinaus vordergründige Bedeutung. Sollte jedoch die Zeit kommen, in der die religiöse Grundstimmung des russischen Volkes wieder andere Bahnen einschlägt, dann wird auch Solowjew als Ferment im Rahmen der religiösen Auseinandersetzung fruchtbar anzusetzen sein.
Ich denke, diese Zeit ist gekommen. Solowjow sieht die Geschichte nicht mehr sub specie aeternitatis, sondern “bereits sub specie antichristi venturis (im Hinblick auf den kommenden Antichrist)”, so meinte A. Maceina in Stimmen der Zeit, 1953/54): Die Einschaltung des Antichrist wäre die Korrektur, die Solowjow selbst an seiner Drei-Stadien-Geschichtsphilosophie, die auch im zweiten der Drei Gespräche verhandelt wird, vorgenommen hat. Wo das Böse eine Kraft hat, kann es nur ein Stadium geben – dasjenige des Kampfes, in dem auf Erden das Böse die Oberhand gewinnt, das erst durch das Eingreifen Gottes final besiegt werden wird.
Einstweilen bemerkt die Dame im dritten Gespräch, alles sei “wie mit einem feinen, unfaßbaren Schleier überzogen. Die vollkommene Klarheit fehlt. (…) Immer liegt eine Unruhe und gleichsam ein böses Vorgefühl in der Luft”, worauf ihr der General antwortet, dies liege wohl daran, daß “der Nebel vom Schweif des Teufels auf Gottes Erde gewedelt wird.” In diesen Nebel bringt Solowjowlektüre einige Klarheit und sei hiermit nachdrücklich empfohlen.
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Wladimir Solowjow: Krieg, Fortschritt und das Ende der Geschichte. Drei Gespräche und die Kurze Erzählung vom Antichrist, 208 Seiten, gebunden, 24€ – hier bestellen
