Autorenporträt Wladimir Solowjow

Wladimir Sergejewitsch Solowjow (1853–1900), den man den Vater der russischen Philosophie genannt hat, war in jungen Jahren Nihilist, dann akademischer Gegner des westlichen Positivismus, dem er mit einem theosophisch-theokratischen System der Geschichtsphilosophie entgegentrat.

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

1879 ver­ließ er die Mos­kau­er Uni­ver­si­tät, über­sie­del­te nach St. Peters­burg und wid­me­te sich bis zu sei­nem Lebens­en­de mit 47 Jah­ren dem lite­ra­ri­schen Schaf­fen und der Theo­lo­gie. Sei­ne Drei Gesprä­che über Krieg, Fort­schritt und das Ende der Geschich­te und die Kur­ze Erzäh­lung vom Anti­christ lie­gen nun in einer Neu­aus­ga­be vor.

Mit sei­ner Dich­tung beein­fluß­te er den rus­si­schen Sym­bo­lis­mus und war mit Dos­to­jew­ski eng befreun­det: die Figur des Aljoscha in den Brü­dern Kara­ma­sow trägt die Züge Solo­wjows (wer Freu­de an Phy­sio­gno­mik hat, schaue sich die­ses geheim­nis­voll-aura­ti­sche Manns­bild ein­mal an, es gibt zeit­ge­nös­si­sche Pho­to­gra­phien).

Ich bin auf ihn gesto­ßen, als ich Josef Pie­pers klei­ne Abhand­lung Über das Ende der Zeit (1950) gele­sen habe. Dar­in zitiert Pie­per die “Solo­wjew­sche Erzäh­lung”, mit der der gro­ße Rus­se auch im Wes­ten, ins­be­son­de­re in Deutsch­land, Berühmt­heit erlangt hat:

„Es gehört zum über­lie­fer­ten Bil­de vom Anti­christ, daß er als ‘Wohl­tä­ter’ erscheint; und bei den Audi­en­zen sei er ’so leut­se­lig, daß man davon in allen Post-Zei­tun­gen mel­den wird’ – so heißt es in dem Leben Anti­chris­ti, das ein Kapu­zi­ner des 17. Jahr­hun­derts ver­faßt hat. Der Anti­christ der Solo­wjew­schen Erzäh­lung ist der Ver­fas­ser eines in alle Welt­spra­chen über­setz­ten Buches mit dem Titel ‘Der offe­ne Weg zu Frie­den und Wohl­fahrt in aller Welt’. Er hat ‘in der gan­zen Mensch­heit eine fest begrün­de­te Gleich­heit geschaf­fen: die Gleich­heit der all­ge­mei­nen Sät­ti­gung’. Und nach­dem er – auf­grund einer ohne Abstim­mung erfolg­ten Wahl! – zum Welt­herr­scher pro­kla­miert wor­den ist, erläßt der Anti­christ ein Mani­fest, das mit fol­gen­den Wor­ten schließt: ‘Völ­ker der Erde! Die Ver­hei­ßun­gen haben sich erfüllt! Der Welt­frie­de ist auf ewig gesi­chert. Jeder Ver­such, ihn zu stö­ren, wird augen­blick­lich einem unüber­wind­li­chen Wider­stand begeg­nen; denn von heu­te ab gibt es auf der Erde nur eine ein­zi­ge zen­tra­le Macht […]. Die­se Macht gehört mir […]. Das inter­na­tio­na­le Recht besitzt end­lich die Sank­ti­on, die ihm bis jetzt geman­gelt hat. Von nun ab wird kei­ne Macht sich erküh­nen, zu sagen ‘Krieg’, wenn ich sage ‘Frie­de’. Völ­ker der Erde! Frie­de sei mit Euch!’ So Solo­wjew im letz­ten Jah­re des 19. Jahrhunderts.“

Pie­per bezieht sich hier auf Solo­wjows Kur­ze Erzäh­lung vom Anti­christ. Von einem eigen­stän­di­gen Werk kann nicht die Rede sein, auch wenn die Kur­ze Erzäh­lung auf Deutsch in der Schweiz 1946 in der Über­set­zung von Karl Noet­zel, 1947 in Deutsch­land über­setzt von Ludolf Mül­ler (so auch in der Werk­aus­ga­be ent­hal­ten), dann 1954 von Erich Mül­ler-Kamp ins Deut­sche über­tra­gen in einem Band mit dem Titel Drei Gesprä­che, wei­ters 2013 als Sepa­rat­druck im anthro­po­so­phi­schen Ver­lag Urach­haus und 2023 noch ein­mal die Noetzel’sche Über­set­zung mit Kom­men­ta­ren her­aus­ge­ge­ben wor­den ist.

2025 hat der Karo­lin­ger Ver­lag aus Wien die nur noch anti­qua­risch erhält­li­che Aus­ga­be von 1954 neu ver­legt in der aus mei­ner Sicht schöns­ten Über­set­zung. Sie ist ergänzt um das Vor­wort des Lite­ra­tur­no­bel­preis­trä­gers Czesław Miłosz aus der eng­li­schen Aus­ga­be, die wie die neue Karo­lin­ger­aus­ga­be den Ori­gi­nal­ti­tel der rus­si­schen Aus­ga­be trägt: Krieg, Fort­schritt und das Ende der Geschich­te.

Fünf Rus­sen, die sich an der Côte d’A­zur Ende des 19. Jahr­hun­derts zum Salon­ge­spräch ein­fin­den: ein Gene­ral alter Schu­le, ein west­lich-libe­ral geson­ne­ner Poli­ti­ker, ein Herr Z., undok­tri­när und am ehes­ten Solo­wjows alter ego, ein jun­ger Fürst, der die ideo­lo­gi­schen Züge von Tol­stoi trägt, sowie eine das Gespräch bele­ben­de Dame. Die Kur­ze Erzäh­lung vom Anti­christ ist dar­in der­ge­stalt ent­hal­ten, daß Herr Z. am Schluß des drit­ten Gesprächs aus fik­ti­ven Auf­zeich­nun­gen eines Mönchs eben­die­se Erzäh­lung vorliest.

Was fas­zi­niert sei­ne Leser an Wla­di­mir Solo­wjow, abge­se­hen von den bereits zitier­ten pro­phe­ti­schen Pas­sa­gen über den kom­men­den Anti­christ? Es las­sen sich zwei ein­an­der bei­na­he dia­me­tral ent­ge­gen­ge­setz­te Rezep­ti­ons­li­ni­en her­aus­prä­pa­rie­ren, denen ich bei­den nach­ein­an­der mit Begeis­te­rung gefolgt bin.

Die ers­te Les­art ist die­je­ni­ge, die auch Gerd-Klaus Kal­ten­brun­ner in sei­nem Auf­satz “Im Zwie­licht des Gnos­ti­zis­mus” (in: Vom Geist Euro­pas. Land­schaf­ten, Gestal­ten, Ideen. Bd. 1. MUT-Verlag:,Asendorf 1987) her­vor­hebt. Solo­wjow läßt sich als Gnos­ti­ker in dem Sin­ne lesen, daß er eine “reli­gi­ons­phi­lo­so­phi­sche Geheim­leh­re” dar­ge­bo­ten hat.

Dabei heißt “Gno­sis” zunächst ein­mal nur “Erkenntnis(lehre)”, die, so Kal­ten­brun­ner, “einer Eli­te vor­be­hal­ten, sowohl recht­gläu­big-ortho­dox als auch ‘ket­ze­risch’ sein” kann.

Ins­be­son­de­re Solo­wjows sein Leben durch­wir­ken­den­de spe­ku­la­ti­ve Phi­lo­so­phie der “Sophia”, der weib­li­chen Gestalt der gött­li­chen Weis­heit, trägt star­ke Züge des früh­christ­li­chen Gnos­ti­zis­mus. Der Solo­wjow der 1860er- bis 1880er-Jah­re denkt die gött­li­che Heils­ge­schich­te dis­pen­sa­tio­na­lis­tisch in drei fort­schrei­ten­den Welt­al­tern: Ziel der his­to­ri­schen Ent­wick­lung der Welt ist die Wie­der­ge­win­nung der All-Ein­heit mit dem Schöp­fer, ein Gedan­ke, den auch die ost­kirch­li­che Theo­lo­gie bereithält.

Die­sen gnos­ti­schen Solo­wo­jow hat­te auch Rudolf Stei­ner rezi­piert, als er vor hun­dert Jah­ren schrieb:

“Sol­o­f­jeff spricht so, daß man in einer gewis­sen Art wie­der auf­le­ben fühlt, wie bis zum vier­ten Jahr­hun­dert die Den­ker des Chris­ten­tums sich mit der Ver­ei­ni­gung der Chris­tus-Wesen­heit in dem Men­schen Jesus von Naza­reth aus­ein­an­der­ge­setzt haben. Von die­sen Din­gen so zu reden wie Solo­wjoff redet, dazu feh­len den west- und mit­tel­eu­ro­päi­schen Den­kern heu­te über­haupt alle Begriffs­mög­lich­kei­ten. (…) Der Wes­ten und der Osten müs­sen für ein­an­der Ver­ständ­nis fin­den. Solo­wjoff ken­nen ler­nen, kann auf der Sei­te des Wes­tens viel zum Gewin­nen eines sol­chen Ver­ständ­nis­ses bei­tra­gen.” (“Wla­di­mir Sol­o­f­jeff, ein Ver­mitt­ler zwi­schen West und Ost”, 1925, GA 36).

Stei­ner zitiert eine Buch­kri­tik aus der Feder Solo­wjows von 1888, die schon in die Rich­tung einer zwei­ten Les­art weist und die für heu­ti­ge Leser erschla­gend aktu­ell wirkt:

“Euro­pa blickt geg­ne­risch und mit Befürch­tung auf uns, weil im rus­si­schen Vol­ke dunk­le und unkla­re ele­men­ta­ri­sche Gewal­ten leben, weil des­sen geis­ti­ge und Kul­tur­kräf­te ärm­lich und unge­nü­gend sind, dafür aber sei­ne Ansprüche offen­bar und scharf bestimmt zuta­ge tre­ten. Gewal­tig tönen nach Euro­pa hin­aus die Rufe wol­le, daß es die Tür­kei und Öster­reich ver­nich­ten wol­le, Deutsch­land schla­gen, Kon­stan­ti­no­pel und, wenn mög­lich, auch Indi­en an sich rei­ßen wol­le. Und wenn man uns fragt, womit wir an Stel­le des an uns Geris­se­nen und Zer­stör­ten die Mensch­heit beglü­cken wol­len, wel­che geis­ti­ge und Kul­tur Ver­jün­gung wir in die Welt­ent­wi­cke­lung brin­gen wol­len, dann müs­sen wir ent­we­der schwei­gen oder sinn­lo­se Phra­sen schwätzen.”

Euro­pa pro­ji­ziert sei­nen Bel­li­zis­mus auf Ruß­land, das damals wie heu­te einen meta­phy­si­schen Anspruch erhebt (heu­te geht es Den­kern wie Alex­an­der G. Dugin um die Befrei­ung des Wes­tens vom Sata­nis­mus in einem “hei­li­gen Krieg”), die­sem Anspruch aber über­haupt nicht gerecht wer­den kann. In sei­nen Zwölf Vor­le­sun­gen über das Gott­men­schen­tum (1877–1881), denen auch Dos­to­jew­skij und Tol­stoi als Hörer bei­wohn­ten, unter­zieht Solo­wjow Ruß­land einer tief­ge­hen­den Selbstkritik:

“Wir müß­ten uns statt mit der Fra­ge ‘War­um liebt uns Euro­pa nicht?’ viel­mehr mit einer ande­ren beschäf­ti­gen, einer uns näher lie­gen­den und uns wich­ti­ge­ren Fra­ge: ‘War­um und wes­halb sind wir krank?’ Phy­sisch ist Ruß­land noch ziem­lich stark, wie es sich in dem letz­ten rus­si­schen Krie­ge gezeigt hat; also ist unser Lei­den ein sitt­li­ches. Auf uns las­ten, dem Wor­te eines alten Schrift­stel­lers gemäß, die im Volks­cha­rak­ter ver­bor­ge­nen und uns nicht zum Bewußt­sein kom­men­den Sün­den – und so ist es vor allem nötig, die­se in das Licht des hel­len Bewußt­seins her­auf­zu­brin­gen. Solan­ge wir geis­tig gebun­den und para­ly­siert sind, müs­sen uns alle unse­re ele­men­ta­ri­schen Instink­te nur zum Scha­den gerei­chen. Die wesent­li­che, ja die ein­zig wesent­li­che Fra­ge für den wah­ren Patrio­tis­mus ist nicht die Fra­ge über die Kraft und über die Beru­fung, son­dern über die Sün­den Rußlands.”

Wla­di­mir S. Solo­wjow wand­te sich, so möch­te ich sagen, aus Volks­see­len-Selbst­er­kennt­nis von sei­ner frü­hen von ihm selbst so genann­ten “frei­en Theo­so­phie” ab. Etwas Fun­da­men­ta­les sei mit Ruß­lands See­le nicht in Ord­nung, die Nati­on kran­ke an einem inne­ren Man­gel und zugleich an Selbst­über­he­bung, stell­te er in sei­nen Vor­le­sun­gen fest und erreg­te damit erst Kopf­schüt­teln bei sei­nen gro­ßen lite­ra­ri­schen Freun­den, dann har­sche Ablehnung.

Denn recht bald, in den 1890er-Jah­ren, wur­de Solo­wjow klar, was der Grund die­ser Krank­heit sein muß: das Schis­ma, die tief­ver­wur­zel­te Unfä­hig­keit Ruß­lands, die ein­zi­ge Kir­che, die Jesus Chris­tus gestif­tet hat, anzu­er­ken­nen. Er begann, sich der­art inten­siv mit dem Katho­li­zis­mus zu befas­sen, daß acht Jah­re nach dem ers­ten theo­so­phi­schen Vor­trag zum “Gott­men­schen­tum” ein kroa­ti­scher katho­li­scher Bischof dem nach wie vor rus­sisch-ortho­do­xen Den­ker eine Audi­enz bei Papst Leo XIII. ermöglichte.

Im fol­gen­den Jahr ver­öf­fent­lich­te er auf Anre­gung eines Pari­ser Jesui­ten La Rus­sie et L’Eg­li­se uni­ver­sel­le, wor­in er sei­ne Posi­ti­on zum Pri­mat des römi­schen Paps­tes am deut­lichs­ten zum Aus­druck gebracht hat. Von die­sem Zeit­punkt an war er über­zeugt, daß die moder­ne Welt vor einer kla­ren Ent­schei­dung stand: ent­we­der Rom oder Cha­os. Das ist die zwei­te Solo­wjow-Les­art, die mich seit gerau­mer Zeit beschäftigt.

Auch aus die­sem Werk möch­te ich gern einen Abschnitt vor­stel­len, der im zwei­ten Teil sol­che Leser, die ein wenig ver­traut sind mit Inter­net­auf­trit­ten ortho­do­xer Influen­cer, auf­hor­chen las­sen könnte:

“Wenn wir als das beson­de­re Grund­prin­zip der Ein­heit­lich­keit der Kir­che weder Jesus selbst noch sei­ne gläu­bi­ge Anhän­ger­schaft, son­dern die mon­ar­chi­sche Auto­ri­tät des Petrus ver­ste­hen, mit­tels des­sen sich Jesus Chris­tus dem Men­schen als sozia­les und poli­ti­sches Wesen offen­bart hat, fin­den wir dar­in unse­re Ansicht bekräf­tigt: Allein der Apos­tel­fürst hat das Recht, den Titel des ‘Fel­sens der Kir­che’ dau­er­haft und im Unter­schied zu allen ande­ren Apos­teln zu tra­gen. Er allein ist der Fels der Kir­che im enge­ren Sin­ne des Wor­tes, und damit wird er zum ein­heits­stif­ten­den Grund­prin­zip der dama­li­gen christ­li­chen Gemeinschaft.

Aber an die­ser Stel­le wer­de ich vom bekann­ten Auf­schrei mei­ner Lands­leu­te unter­bro­chen. ‘Soll bloß kei­ner irgend­was sagen über unse­re Feh­ler und Män­gel oder dar­über, was wir dem deka­den­ten Wes­ten schul­den! Der hat abge­dankt, den braucht kei­ner mehr. Wir haben im Osten alles, was nötig ist, in (sic!) Ori­en­te lux. Der krö­nen­de Abschluß der Chris­ten­heit ist das hei­li­ge Ruß­land. Was haben wir zu schaf­fen mit Rom, dem abge­leb­ten Rom, wenn wir selbst das Rom der Zukunft sind, das drit­te und letz­te Rom?’ (…) Aber sol­che Sät­ze zu akzep­tie­ren, wür­de die for­ma­le Ver­nei­nung der Not­wen­dig­keit einer uni­ver­sel­len Kir­che impli­zie­ren. Man wür­de zum alten Juden­tum zurück­keh­ren, mit dem Unter­schied, daß die Sin­gu­la­ri­tät des jüdi­schen Vol­kes in der Vor­se­hung durch Got­tes Wort besie­gelt wur­de, wohin­ge­gen die Ein­zig­ar­tig­keit Ruß­lands ein­zig von den Reden gewis­ser rus­si­scher Pro­pa­gan­dis­ten abhängt, die kaum unfehl­bar zu nen­nen sind.” (La rus­sie et l’Ég­li­se uni­ver­sel­le, 1889, Über­set­zung der Pas­sa­ge C.S.)

Wla­di­mir Ser­ge­je­witsch Solo­wjow kon­ver­tier­te 1896 in einer Haus­ka­pel­le, die der Mut­ter­got­tes von Lour­des geweiht war, in Mos­kau zum Katho­li­zis­mus in des­sen grie­chisch-ortho­do­xem Ritus. La rus­sie et l’Ég­li­se uni­ver­sel­le liegt im fran­zö­si­schen Ori­gi­nal vor, auf Eng­lisch als Rus­sia and the Uni­ver­sal Church. Unter The Rus­si­an Church and the Papa­cy ist es in einer gekürz­ten Fas­sung 2012 u.a. vom Wie­ner Erz­bi­schof Chris­toph Schön­born her­aus­ge­ge­ben worden.

Solo­wjow wird dort im Vor­wort direkt für den Öku­me­nis­mus des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils ver­ein­nahmt – was in mei­nen Augen eine Fehl­lek­tü­re ist, denn Solo­wjow ver­tritt in deut­li­cher Wei­se eine “Rück­keh­r­ö­ku­me­ne”, d.h. die Bekeh­rung der ortho­do­xen Schis­ma­ti­ker unter das Dach der una sanc­ta eccle­sia catho­li­ca. In der deut­schen Werk­aus­ga­be aus den 50er-Jah­ren ist der Text in Una sanc­ta. Schrif­ten zur Ver­ei­ni­gung der Kir­chen und zur Grund­le­gung der uni­ver­sa­len Theo­kra­tie (1954/1957) ent­hal­ten. Es wäre ein Desi­de­rat, auch die­ses längst ver­grif­fe­ne Werk Solo­wjows dem deut­schen Lese­pu­bli­kum wie­der zugäng­lich zu machen.

In sei­ner Bespre­chung aus dem Jah­re 1961 schrieb der Theo­lo­ge Hans Meyer:

Für die unmit­tel­ba­re Gegen­wart und  die Beur­tei­lung Ruß­lands hat ja eine ande­re Geis­tes­rich­tung, der dia­lek­ti­sche  Mate­ria­lis­mus, für  ganz Euro­pa und dar­über hin­aus vor­der­grün­di­ge Bedeu­tung. Soll­te jedoch die Zeit kom­men, in der die reli­giö­se Grund­stim­mung  des rus­si­schen Vol­kes wie­der ande­re  Bah­nen ein­schlägt,  dann wird  auch Solo­wjew als Fer­ment im Rah­men der reli­giö­sen Aus­ein­an­der­set­zung  frucht­bar anzu­set­zen sein.

Ich den­ke, die­se Zeit ist gekom­men. Solo­wjow sieht die Geschich­te nicht mehr sub spe­cie aeter­ni­ta­tis, son­dern “bereits sub spe­cie anti­chris­ti ven­tu­ris (im Hin­blick auf den kom­men­den Anti­christ)”, so mein­te A. Macei­na in Stim­men der Zeit, 1953/54): Die Ein­schal­tung des Anti­christ wäre die Kor­rek­tur, die Solo­wjow selbst an sei­ner Drei-Sta­di­en-Geschichts­phi­lo­so­phie, die auch im zwei­ten der Drei Gesprä­che ver­han­delt wird, vor­ge­nom­men hat. Wo das Böse eine Kraft hat, kann es nur ein Sta­di­um geben – das­je­ni­ge des Kamp­fes, in dem auf Erden das Böse die Ober­hand gewinnt, das erst durch das Ein­grei­fen Got­tes final besiegt wer­den wird.

Einst­wei­len bemerkt die Dame im drit­ten Gespräch, alles sei “wie mit einem fei­nen, unfaß­ba­ren Schlei­er über­zo­gen. Die voll­kom­me­ne Klar­heit fehlt. (…) Immer liegt eine Unru­he und gleich­sam ein böses Vor­ge­fühl in der Luft”, wor­auf ihr der Gene­ral ant­wor­tet, dies lie­ge wohl dar­an, daß “der Nebel vom Schweif des Teu­fels auf Got­tes Erde gewe­delt wird.” In die­sen Nebel bringt Solo­wjow­lek­tü­re eini­ge Klar­heit und sei hier­mit nach­drück­lich empfohlen.

– –

Wla­di­mir Solo­wjow: Krieg, Fort­schritt und das Ende der Geschich­te. Drei Gesprä­che und die Kur­ze Erzäh­lung vom Anti­christ, 208 Sei­ten, gebun­den, 24€ – hier bestel­len

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

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