Karp ist Gründer des Software-Riesen Palantir, Freund von PayPal-Tech-Milliardär Peter Thiel, jüdisch-afroamerikanischer US-Bürger und Intellektueller, der seine sozialpychologische Dissertation auf Deutsch verfaßte.
Außerdem ist er ein patriotischer Kapitalist, der seinen nicht minder kapitalistischen, aber deutlich weniger vaterlandsbegeisterten Mitspielern aus der Technikelite zuruft: Ihr steht beim Staat in der Pflicht, „an der Verteidigung der Nation und der Artikulation eines nationalen Projekts mitzuwirken“. Immerhin verdanken US-Kapitalisten ihren Absatzmarkt, ihre Rahmenbedingungen, ihre Sicherheit und oftmals auch ihr Startbudget nun mal staatlichen Institutionen. Kein amerikanischer Staat – kein Markt, so Karp im Sinne der von ihm rezipierten Wirtschaftsdenkerin Mariana Mazzucato.
Diese eherne Grundlehre, die dafür sorgte, daß heute 86 Prozent der globalen Tech-Konzerne US-amerikanisch sind (mit einem Wert von 21,4 Billionen US-Dollar), hätten die wichtigsten Kapitaleigner vergessen. Sie verdienten, lautet der Vorwurf Karps in seinem nun vorliegenden Buch The Technological Republic. Über die Macht des Silicon Valley und die Zukunft des Westens, unzählige Milliarden auf Basis jener Errungenschaften, die ohne staatliche Interventionen undenkbar gewesen wären – aber selbst diese banale Tatsache werde nicht gewürdigt. Das liege an nationaler Selbstvergessenheit der „abgehobenen Eliten“ (Karp dixit), ferner daran, daß die Technologie-Riesen wie Google, Amazon und Facebook nur auf den Verbrauchermarkt setzen, um Profite zu generieren, ohne einem übergeordneten Ziel – für Karp: die Durchsetzung US-amerikanischer Lebens- und Hegemonieinteressen weltweiter Art – Dienstbereitschaft entgegenzubringen.
Er und seine Palantir-Mitgründer hätten, diesen unpatriotischen Kapitalfraktionen entgegengesetzt, von vornherein danach gestrebt, „Technologien zu entwickeln, die sich an den Bedürfnissen der US-Streitkräfte und ‑Geheimdienste orientieren“, um am großen Ziel teilzuhaben: der Errichtung einer „Tech-Republik“, die auf einer entschieden selbstbewußten nationalen Kultur und einer ebenso selbstbewußten nationalen Identität basiere müsse (– was beides jedoch niemals ethnisch konnotiert sein darf). Es gehe um nichts anderes als den Aufbau einer technischen Infrastruktur und eines regulatorischen Rahmens, der KI-basierte Systeme zu neuen Ufern treibe, dabei aber sicherstelle – qua Primat des Staates –, daß „die Maschine ihrem Schöpfer untergeordnet bleibt“. Der chinesische Weg des nationalen Staatskapitalismus auf kalifornisch?
Alex Karp (in Zusammenarbeit mit Nicholas W. Zamiska) schreibt rasant, leidenschaftlich, anklagend. Immer wieder greift er seine Mit-Kapitalisten dafür an, rein profitorientiert zu handeln, ohne zu begreifen, daß sie ohne Amerika nichts wären: „Sie täten gut daran, diese Schulden anzuerkennen, auch wenn sie nicht zurückgezahlt werden.“ Letzteres zeigt schon: Karp ist kein „Neo-Marxist“; ihm geht es nicht um Umverteilung oder eine systemische Veränderung der Produktions- und Eigentumsverhältnisse. Er ist kollektiver, nicht individueller Kapitalist.
Das heißt erstens: Er hat einen – an Yoram Hazony (vgl. Sezession 99) erinnernden – Nationalismuszugang, der die Überzeugung beinhaltet, daß ohne nationales Lebensprojekt eine quälende Leere jeden übergeordneten Sinn verunmöglicht.
Das heißt zweitens: Er lehnt als US-Nationalist (auf ideologischem, nicht ethnokulturellem Fundament) eine „woke“ Überformung des Liberalismus ebenso ab wie ein individualistisches Auflösungsprogramm. Die Abwehr eines jeden Kollektivismus, führt Karp aus, habe „Amerika und die amerikanische Kultur so anfällig für Angriffe und Unterwanderung gemacht“. Es gehe nun darum, die kommenden digitalen Transformationen mit nationalen Traditionen, Mythen und Werten zu verbinden. Denn das Ziel sei es, „die gemeinsame Anstrengung eines ganzen Volkes zu organisieren“, um im formierten Kollektiv eine neue Ordnung zu bauen.
Alex Karp zu lesen ist unverzichtbar. Seine Mischung aus staatlich gelenktem Kapitalismus, KI-Revolution, Geheimdienstaffirmation, Militärbewunderung und Civic Nationalism wirkt auf den Leser mal bizarr, mal folgerichtig, gelegentlich beides. In jedem Fall ist er, dessen Buch weltweit die Bestsellerlisten stürmt, eine Stimme, die man so noch nicht gehört hat. Die Tech-Bros bekommen Trommelfeuer aus den eigenen Reihen.
Alexander C. Karp (mit Nicholas W. Zamiska): The Technological Republic. Über die Macht des Silicon Valley und die Zukunft des Westens, München 2025. 320 S., 22 € – hier bestellen
RMH
Es ist immer wieder interessant, wie Menschen ihre Geschäftsinteressen ideell (oder besser ideologisch? Oder "moralisch"?) aufladen & rechtfertigen könnnen. Ist das "notwendig falsches Bewusstsein"? Also glauben die wirklich, was sie erzählen, oder ist das nur die Creme um das Suppositorium, damit dieses besser flutscht? Es ist doch klar, dass ein Unternehmer, der seine Abnehmer beim Staat & dessen Diensten, Institutionen etc. hat, dann pro Staat & pro Nation (da Staaten als Nationen eben eindeutig besser funktionieren) argumentiert. Wer hingegen "Verbraucher" global auf der ganzen Welt anspricht, der wird global, individualistisch, bis hin zu marktwirtschaftlich liberal (es sei denn, er möchte seine Claims gegen Wettbewerber schützen, da kann der Staat dann auf einmal wieder nützlich werden) argumentieren. Wie geschrieben, glauben die das wirklich? Oder ist es nur Beiwerk zum Verkauf des Produkts? Als ehem., langjähriger Mitarbeiter bei Steuerberatern & Wirtschaftsprüfern kommt für mich die Stunde der Wahrheit immer bei der Steuer. Ich habe noch keinen - egal welcher Partei, welcher Weltanschauung, welcher Religion, ob links oder rechts oder liberal - gesehen, der, wenn der Steuerberater sagt, wir machen das jetzt so, damit sparen sie x an Steuern & haben ggf. dieses oder jenes Risiko, sich dann gegen das Sparen von Steuern zu Gunsten der Staatskasse entschieden hat. Das Hemd ist eben immer näher als die Hose.