von Felix Dirsch –
Als sich das Ende des letzten Jahrhunderts näherte, erhielt die bundesrepublikanische Chronique scandaleuse einen ihrer letzten relevanten Einträge in diesem Zeitraum. Die Aufregung ist vor dem Hintergrund einiger wichtiger Zeittendenzen zu erklären: Vor allem das ob seines erwartbaren Erkenntniswertes gepriesene Humangenomprojekt, dessen Abschluß absehbar war, und die schafgewordene Dolly-Klonzelle bildeten die spannungsgeladene Atmosphäre für Debatten über Gentechnik.
Daß Peter Sloterdijks Rede »Regeln für den Menschenpark« aus dem Jahre 1999 eine umfangreiche Debatte über Gentechnik auslöste, hing nicht mit einem besonderen »Rüstzeug« (Robert Spaemann) zusammen, auf das der damalige Karlsruher Philosophieprofessor hätte zurückgreifen können; vielmehr beinhalten Signal- und Codewörter wie Züchtung, Selektion, Zähmung und Übermensch in dem inkriminierten Text ein Sprengstoffpotential, das auch jene registrierten, die sich aus mäandernden Andeutungen ein »Zarathustra-Projekt« (Thomas Assheuer) zusammenreimten.
Bald darauf warnten diesseits und jenseits des Atlantiks sogenannte Biokonservative (wie Francis Fukuyama und Jürgen Habermas) davor, mit dem genetischen Code auch das Wesen des Menschen umzuschreiben. Dessen manipulierte Variante habe nichts mehr mit seiner herkömmlichen Daseinsausprägung zu tun, so die Befürchtung. Auf genauere genetische und gentechnische Ausführungen verzichtete Sloterdijk. Immerhin thematisierte er die Problematik der Keimbahnveränderungen im Anschluß an Diskussionen um seinen Beitrag. In seiner Selbstinterpretation legte er dar, eine Betriebsanleitung zum Umgang mit Anthropotechniken vorgelegt zu haben, die seit dem Faustkeil die Natur des Menschen stets veränderten. Mit modernen Methoden geschehe dies weitaus intensiver und schneller.
Die mediale Öffentlichkeit ordnete die Aussagen des Elmauer Referats als rechtsstehend ein, wie ein gutes Jahrzehnt später die (wesentlich präziseren und ebenfalls biologisch grundierten) Einlassungen von Thilo Sarrazin in dem Buch Deutschland schafft sich ab zur Zuwanderungsfrage. Diese Kontextualisierung in die politische Gesäßgeographie mag mit Blick auf die Geschichte berechtigt sein. Stark an biologisch-genetischem Gedankengut orientierte Wissenschaftler im 20. Jahrhundert verorteten sich selbst meist auf der rechten Seite, wenngleich Karl Marx Charles Darwins Werk bewunderte und seiner Gesellschaftstheorie Anschluß verschaffen wollte an den seinerzeitigen Standard der Naturwissenschaft. Marx’ Erben in der Sowjetunion ignorierten den Forschungsstand bewußt.
Ein pointiertes Beispiel für ideologisches Vorgehen ist der Lyssenkoismus. Der Stalin-Günstling Trofim Lyssenko dekretierte als Star-Antigenetiker, daß menschliches Verhalten ausschließlich umweltbedingt und damit veränderlich sei. Den rechten Widerpart bilden die Soziobiologen, deren Bibel 1975 Edward O. Wilson publizierte (Sociobiology). Fast 40 Jahren nach dieser Veröffentlichung mahnte er Korrekturen an bestimmten Thesen an, etwa der Verwandtenselektion. Wie Wilson zentrale soziale Prozesse aus biologischen Mechanismen verstehen und ableiten will, so stellt Richard Dawkins (Das egoistische Gen) die genetische Ebene als Basis für Selektionsprozesse heraus.
Die Widerstände der Post-68er-Linken gegen diese angeblich rückschrittliche Deutung reichten weit über den US- Campus hinaus. Deutschsprachige Rezipienten dieser Gelehrten bemühten sich um Entschärfung der Thesen. Von den diversen Schwierigkeiten dieser wissenschaftlichen Theorie ragt eine heraus: das nur unvollständige Verständnis von dem, was das Wort »Gen« eigentlich bedeutet. Fast jedes Jahrzehnt des gentechnischen Fortschritts bringt neue Definitionen mit sich. Weiterhin ist das Verhältnis von Genetik und Epigenetik unklar, vereinfacht ausgedrückt: Welche Mechanismen steuern das Erbgut?
Zu den plausiblen, wenn auch nicht unbestrittenen Interpretationen der Gene zählt ihre Bedeutung als disponierende Kraft. Umweltspezifische Reize können bestimmte Gene aktivieren und deaktivieren. Hier läßt sich eine Verbindung zur Links-rechts-Distinktion herstellen, die ungeachtet ihrer Unterkomplexität immer noch orientierungsstiftende Wirkung entfaltet. Eine erstaunliche Untersuchung zeigt fundierte Zusammenhänge zwischen Genetik und Politik auf.
Diese Publikation setzt auf einem zentralen Forschungsfeld der Soziobiologie an, nämlich an zwei um Ressourcen konkurrierenden Fortpflanzungsstrategien: der r/K‑Selektion. Von diesem universalen Umgang mit der Verteilung vorhandener Bestände ausgehend, läßt sich ein neuer Blick auf den politischen Grundcode werfen. Dieser ist auch als Ausfluß die menschliche Existenz prägender Archetypen zu begreifen.
Was ist unter r/K‑Auswahl zu verstehen? Mit »r« ist die Reproduktionsrate gemeint, der Maximalanstieg einer Population. »K« gibt die Kapazitätsgrenze an, die größte Zahl von Arten also, die unter einem gegebenen Fundus in einem bestimmten Umweltteil und zu bestimmten Zeiten existieren kann. Zu unterscheiden sind Organismen, die über größere Ressourcen zur Fortpflanzung und Versorgung verfügen, etwa Kaninchen, Insekten und Mäuse, von Lebewesen, denen es daran mangelt. Zu nennen sind für diese zweite Gruppe exemplarisch Wölfe, Elefanten und Löwen. Letztlich lassen sich alle Organismen unter diesem Gesichtspunkt klassifizieren. Nicht alle sind eindeutig zu bestimmen.
An den Nahrungsreserven müssen sich die jeweiligen Überlebensstrategien orientieren: r‑Selektierte bringen viele Nachkommen zur Welt, die meist eine kurze Lebensspanne haben; ihr Gehirn ist meist klein; Quantität rangiert vor
Qualität; es wird wenig Energie in die Aufzucht der Brut investiert. Die entgegengesetzte Fortpflanzungsstrategie wird von den K‑Typen gepflegt: Sie bevorzugen eher kleine Würfe, investieren viel Energie in elterliche Pflege; die stärkere Ausbildung des Gehirns korreliert mit längeren Reifungsprozessen und einem eher zurückhaltenden Reproduktionsverhalten.
Interessant sind vor allem die Auswirkungen hinsichtlich der Sozialsysteme: Der r‑Typus neigt zu einer geringen sozialen Organisation und meist zu einem überschaubaren altruistischen Verhalten. Gegenteiliges läßt sich beim Pendant feststellen. Auch im Hinblick auf die beiden basalen Überlebensstrategien gilt der Grundsatz von genetischen Anlagen und sie auslösenden epigenetischen Anlagen. Phänotypische Ausprägungen und Exprimierungen können in komplexer Weise auf genetische Strukturen rückwirken.
Alle Organismen lassen sich im kartesischen Koordinatensystem darstellen, das Auskunft gibt über durchschnittliches Alter und Generationenfolge (Abszissenachse) sowie die Größe (Ordinatenachse). Das Spektrum reicht vom Bakterium Escherichia coli bis zum Mammutbaum. Tendenziell gilt: Je größer der Organismus, desto stärker K‑selektiert ist er. Der Mensch gehört zu den Lebewesen, die statistisch als K‑selektiert gelten. Dieses Resultat ist sorgfältig zu differenzieren und zu spezifizieren.
Besonders tabubehaftet ist eine Anwendung der r/K‑Auslese auf die Entwicklung vom Vormenschen zu heutigen ethnischen Populationen (»Rassen«). Der kanadische Psychologe J. Philipp Rushton hat ungeachtet polemischer Einwände mit viel Material belegt, inwiefern mongolide Ethnien über einen stärkeren Trend zur K‑Selektion verfügen als Europäide und erst recht Negride. Kritische Reflexionen darüber sind gerade in diesem Fall notwendig, schlägt der kulturelle Faktor hier besonders deutlich durch. Genauer gesagt: Die Kulturstufe spielt in diesem Kontext eine entscheidende Rolle: Auch im Deutschland des 17. Jahrhunderts gebar eine Frau noch sechs, acht oder gar zehn Kinder. Es war klar, daß nur wenige das Erwachsenenalter erreichten – und das vor allem aus medizinischen Gründen, unabhängig von der Brutpflege. Die Unterschiede etwa zu laichenden Fischen liegen auf der Hand.
Parallel zu diesen entgegengesetzten evolutionären Verhaltensweisen ist die politische Grunddifferenz zu betrachten. Daß die bis in unsere Zeit wirksame Scheidung zwischen der Linken und der Rechten zur Zeit der Französischen Revolution ihren politischen Durchbruch erlebte, ist nur auf dem Fundament einer langen Entwicklung der Menschheit zu verstehen, die über kulturelle Überlieferungen hinausgeht. Es ist kein Zufall, daß die »Lateralität«, die »Seitigkeit«, beim Menschen überall zu beobachten ist – und zwar mit Nachdruck auf dem Recht, auf dem Rechten wie auf dem Richtigen und gegen das Linke (Hinterlistige) und das Linkische (Ungeschickte). Hier findet man luzide Beispiele für »asymmetrische Gegenbegriffe« (Reinhart Koselleck).
Die überwiegende Rechtshändigkeit beim Menschen, die sich bei ungefähr 90 Prozent der Angehörigen der Gattung konstatieren läßt, liefert entscheidende Vorteile bei der Koordination zahlreicher Alltagsaufgaben. Die evolutionär-genetischen Hintergründe sind offenkundig und schlagen sich in allen Kulturen entsprechend nieder. Generell finden sich viele Hinweise für die in den letzten Jahren immer wieder vertretene Perspektive von der genetischen Prägung kultureller Phänomene.
Die moderne Rechte kann nicht einfach mit Bezug auf traditionelle Privilegien punkten, wie einst Adelige und Kleriker, die sich zur Rechten des Königs, eines Abbilds des himmlischen Herrschers, auf ständischen Versammlungen (und das noch 1789!) positionierten; vielmehr ist sie auf ein bestimmtes Ressourcenmanagement angewiesen: Rechte sind wettbewerbsorientiert, setzen sich in der Regel für eine effizientere Güterallokation ein, die am besten der Markt regelt. Nicht von ungefähr ist der Kampf um Bestände ein Schlüsselthema vieler Überlegungen aus konservativer Sicht. Weiterhin bevorzugen Konservative in puncto Kindererziehung den Vorrang der Familie und das Elternrecht, weil damit der Gedanke der K‑ausgewählten, persönlichen Verantwortung einhergeht. Die Affinitäten sind auch hier unübersehbar.
Anders sieht es bei Interventionen des anonymen Wohlfahrtsstaates aus, die das persönliche Risiko mindern und eine Risikofolgenabschätzung, etwa im Rahmen der Familienplanung, praktisch überflüssig machen. Promiskuität ist nicht selten die Folge. Linke stehen im allgemeinen für Umverteilung, mithin für die inflationsanfällige Aufblähung staatlicher Budgets, die den Regierenden obendrein neue Klienten zuführen soll. Ohnehin sind nicht primär bedürftige eigene Staatsbürger der Bezugspunkt der sich gern humanitaristisch gebärenden r‑Selektierer, sondern Unterprivilegierte der ganzen Welt. Nichts belegt so sehr die Ver- und Übernutzung des öffentlichen Inventars wie die Folgen der unkontrollierten Masseneinwanderung.
Nun kennt man solche evolutionsbedingten Differenzen schon lange. Neu jedoch sind wichtige Erkenntnisse aus der Neurobiologie und Genetik. Diese determinieren zwar nicht in die genannten Richtungen, schaffen jedoch zumindest gewisse Dispositionen.
Nehmen wir ein Beispiel für essentielle Korrelationen und für prädisponiertes Verhalten: Der präfrontale Cortex, der am weitest vorne liegende Teil des Frontallappens, ist neben vielen anderen Funktionen für Verhaltensregulationen verantwortlich. So kontrolliert er die Dopaminaktivitäten sowie Belohnungen im Gehirn, aber auch sexuelle Bedürfnisse. Es ist offenkundig, wie relevant solche Aktivitäten für beide grundlegenden Ausprägungen sind. Eine spezifische Variation des Gens für D4-Dopaminrezeption, nämlich DRD4-7r, erleichtert unter Umständen eine linke Ausrichtung mittels Steuerung von Dopaminausschüttungen. So können auf diese Weise sowohl Depressionen als auch motivierende Belohnungen gefördert werden, mithin zwei wesentliche Faktoren für r/K‑Differenz. Ohne Belohnung wird menschlicher Antrieb in der Regel geschwächt.
Der präfrontale Cortex steht darüber hinaus für eine Unterdrückung von Amygdala-Aktivitäten. Sie nehmen unter anderem eine Abschätzung von Gefahren auf der Basis bisheriger Erfahrungen vor. Übertriebene Annahmen von Gefahren kann die Risikobereitschaft zum Teil erheblich schwächen, mitunter sogar von Kindesbeinen an Lethargie fördern.
Als eines der Gene, das für r‑selektierte Verhaltensweisen (Promiskuität, linke Ideologie und so fort) charakteristischerweise mitverantwortlich ist, gilt ein Allel des DRD4-Dopaminrezeptor-Gens. Dieses geht nicht selten mit Angstzuständen und Depressionen einher. Die Auswirkungen liegen also auf der Hand. Wenngleich viele Mechanismen noch gar nicht oder erst ansatzweise verstanden sind, ist es für Rechte sinnvoll, gerade auf der Grundlage des Ansatzes von Philipp A. Mende, Fortschritte besonders der genetischen wie neurobiologischen Forschung im Auge zu behalten. Auch linke Interpreten, die biologische Erklärungen expressis verbis verwerfen, sind entsprechenden Prozessen und Prägekräften unterworfen.
Ein Blick zurück auf Sloterdijk, der die Schlachten um das Erbgut zu wenig ernst genommen hatte und meinte, sie mit einigen Aperçus abhandeln zu können: Er spricht zwar in Anlehnung an Platon vom »Riesenkampf um das Sein«, der heute besonders auf gentechnischem Gebiet stattfindet. Wie dieser aber konkret ausgetragen wird, darüber findet sich in dem skandalisierten Text kein Sterbenswörtchen. Gewiß war damals die exakte Funktion einer Genschere, heute unter dem Stichwort CRISPR/Cas bekannt, auch Fachleuten noch nicht geläufig; aber Ansätze von Gen- Manipulation waren schon 1999 bekannt. So hatten die Genetiker Stanley Cohen und Herbert Wayne Boyer bereits 1973 gezeigt, wie sich das Erbgut verändern läßt. Ein halbes Jahrhundert später sind solche Eingriffe präziser, leichter und billiger vorzunehmen.
Sloterdijks Antwort auf Heideggers Humanismus-Brief verrät einiges über das Menschenbild von Humanisten und Kritikern des Humanismus, leider aber nichts darüber, wie Humanität im Zeitalter fast unbegrenzter Optimierungsmöglichkeiten zu denken ist.