Verbrämte Eugenik – Abtreibung und Diagnostik

PDF der Druckausgabe aus Sezession 122/ Oktober 2024

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

»Frü­her gin­gen die Frau­en in ›guter Hoff­nung‹, heu­te dis­ku­tie­ren sie, bis zu wel­cher Schwan­ger­schafts­wo­che sie straf­frei abtrei­ben kön­nen.« Die­se Zuspit­zung ist falsch, aber nicht völ­lig. Denn natür­lich wur­de stets und um jeden Preis abge­trie­ben. Mei­ne Urgroß­tan­te Gre­te, Jahr­gang 1908, streng katho­li­sches Eltern­haus, hat­te gan­ze drei auf dem Kerb­holz. Als Kind war sie für mich eine Furie. Spitz und schnip­pisch. Die Abtrei­bungs­ge­schich­ten erfuhr ich erst nach ihrem Tod.

Leicht­fer­tig­keit und Grö­ßen­ord­nung des »Ein­griffs« haben sich aller­dings geän­dert. Die Stern-Kam­pa­gne anno 1971 (initi­iert von Ali­ce ­Schwar­zer: »Ich habe abge­trie­ben«) war dabei nur ein klei­ner Schritt. Es dau­er­te Jahr­zehn­te, bis Frau­en Abtrei­bun­gen als Renom­mee vor sich her­tru­gen, ent­spre­chen­de Fotos pos­te­ten oder, wie Char­lot­te Roche, in Roman­form (Mäd­chen für alles, 2015) als himm­li­schen Akt verbrämten.

Für uns Euro­pä­er mögen die Dis­kus­sio­nen pro/contra »Recht auf Abtrei­bung« fast vor­gest­rig erschei­nen. Sie soll­ten es nicht sein, aber in Deutsch­land ist die Lebens­rechts­fra­ge wirk­lich nur noch ein Nischen­ding. Die Mes­se scheint längst gele­sen zu sein, näm­lich zuguns­ten von pro choice, also für das unbe­ding­te Recht auf Abtrei­bung. Dut­zen­de ande­re Fra­gen (Migra­ti­on, inne­re Sicher­heit, Bil­dung, güns­ti­ger Wohn­raum, Energie­sicherheit, Ren­te) beschäf­ti­gen die Wäh­ler wesent­lich stär­ker. Das Abtrei­bungs­the­ma lockt kaum jeman­den hin­term Herd vor. Und mehr: Wer hier in Deutsch­land grund­stän­dig pro life argu­men­tiert, gilt auto­ma­tisch als Recht­ex­tre­mist oder reli­giö­ser Fundamentalist.

Ein­mal wur­den einer mei­ner Töch­ter von  einem frei­kirch­li­chen Freund die­se »klei­nen Füß­chen« aus Plas­tik zum Anste­cken geschenkt. In die­ser Grö­ße, die Füße bei einem durch­schnitt­li­chen Abtrei­bungs­op­fer wohl haben. Die Toch­ter hat­te eini­ge Tage Gewis­sens­nö­te, weil sie den Anste­cker nicht tra­gen woll­te, obwohl Abtrei­bung ihr als grau­en­vol­le Vor­stel­lung erschien. Die Fra­ge war, ob man eine Mei­nung oder Über­zeu­gung als Bot­schaft nach außen tra­gen müs­se. Der Freund ver­mied das tun­lichst. Wes­halb soll­te sie also die­se Füß­chen zur Schau tra­gen? War ihr das wich­tig genug?

Ich habe mei­ne sie­ben Kin­der staat­li­che Schu­len durch­lau­fen las­sen. Die Fra­ge nach dem Recht auf Abtrei­bung kam immer auf, irgend­wann – in Reli­gi­on, Bio­lo­gie oder Sozi­al­kun­de. Alle mei­ne Kin­der sind/waren pro life. Sie wur­den nicht indok­tri­niert, es war ein­fach kei­ne Fra­ge. Viel­leicht erüb­rigt sich das in einer kin­der­rei­chen Fami­lie. Wir haben nie die­se kras­sen Abtrei­bungs­fil­me wie Der stum­me Schrei (The Silent Scream) ange­schaut, in dem der Ex-Abtrei­bungs­arzt Ber­nard Nathan­son sein ehe­ma­li­ges Tun Revue pas­sie­ren läßt. Nein, die Kin­der sind mehr aus Instinkt strikt gegen Abtrei­bung, mal for­scher, mal schüch­ter­ner argu­men­tie­rend, meist sogar abwä­gend, Ambi­va­len­zen mit­ein­be­zie­hend. Es wäre/war leich­ter für sie, in geschichts­po­li­ti­schen Debat­ten stand­zu­hal­ten. Der (auch zurück­hal­ten­de) Stand­punkt gegen Abtrei­bung ist heu­te schwie­ri­ger durch­zu­hal­ten als, sagen wir, ein Dis­sens in der Kriegsschuldfrage.

In den USA hängt aber immer noch ein Teil des Wahl­kampfs an die­ser Fra­ge. Die­ses grund­stän­dig pro­gres­si­ve Misch­volk ist erstaun­li­cher­wei­se einer­seits kon­ser­va­ti­ver, ande­rer­seits gespal­te­ner als die Leu­te in Westeu­ropa. Im Juni 2022 war in den USA die fast ein hal­bes Jahr­hun­dert gel­ten­de Rege­lung (»Roe vs. Wade«, Janu­ar 1973) gekippt wor­den, wonach bis zur 27. Schwan­ger­schafts­wo­che abge­trie­ben wer­den durfte.

Seit­her haben vie­le Bun­des­staa­ten das Abtrei­bungs­recht radi­kal ver­schärft. Ent­stan­den ist ein Fli­cken­tep­pich; die Geset­ze rei­chen von strik­tem Ver­bot über eine Abtrei­bungs­er­laub­nis bis zur Lebens­fä­hig­keit des Embry­os (etwa in Kan­sas, Penn­syl­va­nia, Michi­gan, Neva­da und in sämt­li­chen Neu­eng­land-Staa­ten mit Aus­nah­me von Ver­mont, wo man es noch »libe­ra­ler« hand­habt) oder gar zu einer Abtö­tungs­er­laub­nis über den gesam­ten Ver­lauf der Schwan­ger­schaft – so gehand­habt in Ore­gon, Colo­ra­do, New Mexi­co, New Jer­sey und Alaska.

Sowohl Donald Trump als auch sei­nem ehe­ma­li­gen Kon­tra­hen­ten Joe Biden fiel es auf­grund der auf­ge­heiz­ten Stim­mungs­la­ge schwer, hier­zu klar Posi­ti­on zu bezie­hen. Biden sprach sich für Lega­li­sie­rung aus, auch wenn er immer beton­te, als Katho­lik »kein Freund von Abtrei­bun­gen« zu sein. (Fällt eigent­lich noch auf, wie sata­nisch die Attri­bu­te »Abtreibungs-befürworter«/»Abtreibungsfreunde« sind?) Zuletzt rief der 81jährige eine »Task Force« ins Leben, die sich auf viel­fäl­ti­ge Wei­se dar­um küm­mern soll­te, Frau­en auch dann einen Zugang zu Abtrei­bun­gen zu ermög­li­chen, wenn die­se in ihrem Hei­mat­staat gesetz­lich eigent­lich ver­bo­ten sind. Auch ande­re Demo­kra­ten kom­men zu eigen­tüm­li­chen Argu­men­ten. In einem Brief, den 2023 auch die lang­jäh­ri­ge Spre­che­rin des Reprä­sen­tan­ten­hau­ses, Nan­cy Pelo­si, unter­zeich­ne­te, heißt es wörtlich:

Die fun­da­men­ta­len Grund­sät­ze unse­res katho­li­schen Glau­bens – sozia­le Gerech­tig­keit, Gewis­sens- und Reli­gi­ons­frei­heit – ver­pflich­ten uns dazu, das Recht einer Frau zu ver­tei­di­gen, Zugang zu Abtrei­bung zu haben.

Trump eiert gleich­falls um die Fra­ge her­um und zeigt sich elas­tisch, brach­te auch mal eine 16-Wochen-Frist ins Gespräch. Auch im letz­ten Schlag­ab­tausch zwi­schen Trump und Kama­la Har­ris Mit­te Sep­tem­ber 2024 spiel­te die Abtrei­bungs­fra­ge eine gro­ße Rol­le. Trump for­der­te Har­ris her­aus, Stel­lung zu Abtrei­bun­gen im sieb­ten oder ach­ten Schwan­ger­schafts­mo­nat zu bezie­hen; Har­ris beklag­te zwölf­jäh­ri­ge Inzestop­fer, die Trump wohl zwin­gen wol­le, die Frucht der Ver­ge­wal­ti­gung aus­zu­tra­gen. Schwer zu sagen, wel­cher Stroh­mann grö­ßer war …

Es ist so gut wie unmög­lich, grif­fi­ge Daten zum Abtrei­bungs­be­trieb in den USA zu ermit­teln. Bei­spiels­wei­se wird der (womög­lich erheb­li­che) Online-Ver­trieb von Abtrei­bungs­pil­len gar nicht erfaßt. Aus Daten der Cen­ters for Dise­a­se Con­trol and Pre­ven­ti­on (CDC), einer beim US-Gesund­heits­mi­nis­te­ri­um ange­sie­del­ten Behör­de, geht her­vor, daß 2022 rund 94 Pro­zent aller Abtrei­bun­gen in den USA vor der 13. Schwan­ger­schafts­wo­che durch­ge­führt wur­den. Drei wei­te­re Pro­zent fie­len in die 14. und 15. Woche. Bei der defi­ni­tiv nied­rigs­ten Annah­me von Abtrei­bungs­fäl­len pro Jahr, näm­lich einer Mil­li­on, wären also »bloß« drei Pro­zent der Unge­bo­re­nen in einem spä­ten bis sehr spä­ten Sta­di­um abge­trie­ben wor­den. Das macht »nur« 30 000 – und man stößt, sich durchs Netz kli­ckend, rasch auf zahl­rei­che Abtrei­bun­gen, die »schief­gin­gen« und deren Opfer man unver­sorgt ster­ben ließ.

Wor­über spre­chen wir also? Wir spre­chen über Stu­fen der Nor­ma­li­sie­rung. In sei­nem Text über die »Regeln für den Men­schen­park« zählt Peter Slo­ter­di­jk sie auf:

Ob die Mensch­heit gat­tungs­weit eine Umstel­lung vom Gebur­ten­fa­ta­lis­mus zur optio­na­len Geburt und zur prä­na­ta­len Selek­ti­on wird voll­zie­hen kön­nen – dies sind Fra­gen, in denen sich, wie auch immer ver­schwom­men und nicht geheu­er, der  evo­lu­tio­nä­re Hori­zont vor uns zu lich­ten beginnt.

Für einen Aus­druck von Hilf­lo­sig­keit und Ste­ri­li­tät hält er es, »wenn Men­schen sich expli­zit wei­gern, die Selek­ti­ons­macht aus­zu­üben, die sie fak­tisch errun­gen haben.« Es gehe also, wenn man über Poli­tik nach­den­ke, ent­lang von Mach­bar­keits­fra­gen stets um »Regeln für den Betrieb von Menschenparks.«

Tschüß Roman­tik, tschüß Gefüh­lig­keit, und das in Zei­ten, in denen Ehe, Zwei­sam­keit und Schwan­ger­schaft aufs äußers­te emo­tio­na­li­siert wer­den. Für die »Frau von heu­te« ist es zwar noch immer ein ein­ma­li­ges (äußers­ten­falls: zwei- bis drei­ma­li­ges) Event, nie­der­zu­kom­men. Aber die Erre­gungs­stu­fen auf dem Weg dort­hin las­sen sich fein und lang auf­fä­chern: Recht eigent­lich beginnt der Hype ja schon weit vor­her. Bei mei­nen Kin­dern tru­deln hau­fen­wei­se Ver­lo­bungs­an­zei­gen ein. Es folgt die Vor­ankün­di­gung zur Hoch­zeit. Dann die eigent­li­che Ein­la­dung. Es folgt ein Foto von der geglück­ten Hei­rat, und wenn das ers­te Kind unter­wegs ist, mag es sogar zu einer Kopie die­ser ame­ri­ka­ni­schen Par­tys kom­men, auf denen das Geschlecht bekannt­ge­ge­ben wird.

Ich will nicht meckern. Die Pinn­wän­de mei­ner Töch­ter sind voll von Baby­fo­tos. In »unse­rem Milieu« wird sich (jung an Jah­ren) fort­ge­pflanzt, was das Zeug hält. Das ist eine der posi­ti­ven Kehr­sei­ten des­sen, was man »Social con­ta­gi­on« nennt. Und das ist ganz wun­der­bar, denn nor­ma­ler­wei­se ist »sozia­le Anste­ckung« nega­tiv kon­no­tiert: »Ritzt« sich eine in der Klas­se, machen das ande­re nach. Hun­gert eine, steckt sie ande­re an. Die­ser Mecha­nis­mus ist unhin­ter­geh­bar. Wun­der­bar, daß nun auch Schwan­ger­schaf­ten anste­ckend sind! Aber: Die gan­ze Sache ver­rutscht, wenn man über das Optio­na­le nach­denkt und sich vor Augen führt, daß es tat­säch­lich das Schick­sal aus­he­belt. Es geht um Prä­na­tal­dia­gnos­tik. Ich ken­ne kei­ne Pinn­wand, an der ein Foto von einem lei­der behin­der­ten Kind hängt.

Ich kom­me aus einer Zeit, in der »Mon­go­lo­ide« (ja, so sag­te man damals) noch ziem­lich prä­sent waren, also Men­schen mit Tri­so­mie 21 bzw. Down-Syn­drom. Ich hat­te selbst einen im Kin­der­gar­ten, einen in der Grund­schu­le; im Nach­bar­haus­halt putz­te eine »Mon­go­lo­ide«, die für ihre Schimpf­ti­ra­den berühmt war, und dann gab es den komi­schen Thors­ten, der in mei­nem Offen­ba­cher Stadt­teil auf­grund sei­ner ser­vi­len Höf­lich­keit eine Legen­de war.

Spä­ter jobb­te ich bei der Arbei­ter­wohl­fahrt, hat­te in deren Behin­der­ten­werk­statt (weiß gar nicht, wie man das heu­te nennt; es kann unmög­lich immer noch »Behin­der­ten­werk­statt« hei­ßen!) zu tun und erfuhr dort von Mit­ar­bei­tern, daß es eher kei­ne gute Idee sei, als jun­ge blon­de Frau unter männ­li­chen »Dow­nies« unter­wegs zu sein. Weil die Impuls­kon­trol­le nicht funk­tio­niert, die Hor­mo­ne aber doch. Mei­ner grund­sätz­li­chen Sym­pa­thie für die­se in jeder Hin­sicht vor­be­halts­lo­sen Leu­te tat das kei­nen Abbruch. Sie wis­sen nichts von Poli­tik, von Kul­tur, Eli­ten, Sexis­mus, Libe­ra­lis­mus und Gen­der­dis­kus­si­on. Das bedeu­tet nicht auto­ma­tisch, daß sie ihr »Herz auf dem rech­ten Fleck« haben. Sie, die »geis­tig Behin­der­ten«, kön­nen fies sein, dre­ckig, pervers.

Ich habe eine Freun­din, die in ganz jun­gen Jah­ren ein »mon­go­lo­ides« Kind zur Welt brach­te. Sie haßt die Ver­brä­mung des Behin­dert-Seins! Es sei ja so leicht und ein­fach, von außen hübsch zu tun.

Ja, ja, Dow­nies sind so süß – alles klar. Bot­schaft ver­stan­den. In Wahr­heit sind Dow­nies auch ­bockig, schei­ßen sich ein, menstru­ie­ren und so wei­ter. Abso­lut nichts dar­an ist ›ganz wun­der­bar‹. Ich lie­be mein Kind, aber auf eine Art ist es die Hölle.

Der Freun­din begeg­nen häu­fig »empowern­de« Stim­men, die ihre Begeis­te­rung dar­über aus­drü­cken, daß so eine net­te Frau so eine net­te Auf­ga­be schul­tert. Die Wahr­heit ist: Fast nie­mand glotzt nicht. Eine Min­der­heit fühlt sich zu einer Stel­lung­nah­me her­aus­ge­for­dert. Nie­man­den läßt es kalt. Fast jeden berührt es, daß die Natur/Gott »so was« zuläßt. Ziem­lich regel­mä­ßig gibt es tadeln­de Bli­cke, fra­gend, ob das heu­te noch sein müsse.

Daß ich selbst ein Kind mit auf­fäl­li­gen, nicht regel­rech­ten Chro­mo­so­men habe, hat­te ich gele­gent­lich berich­tet. Die­se Toch­ter kam anno 1998 mit einem sehr sel­te­nen »Gen­scha­den« zur Welt und galt zunächst als blind. Sie ist als von Albi­nis­mus Betrof­fe­ne schwer seh­be­hin­dert. Mit ent­spre­chen­den Seh­hil­fen sieht sie maxi­mal zehn Pro­zent. Sie hat eine (in Deutsch­land) aus­ge­spro­chen sel­te­ne Form des Albi­nis­mus. Das weiß ich, weil ich damals einer Gen- Sequen­zie­rung zustimm­te – das täte ich heu­te ganz sicher nicht mehr. Kei­ne Ahnung, was mich damals ritt, ihr Genom einer Daten­bank preis­zu­ge­ben – Neu­gier? Die­se Toch­ter war ein so lie­bes wie stu­res Kind. Sie hat stets irgend­wel­che Erleich­te­run­gen (die ihr als »Schwer­be­hin­der­te« zuge­stan­den hät­ten und die zum größ­ten Teil auch logisch wären) abge­lehnt. Auch gegen unser elter­li­ches Zure­den. Sie über­sprang eine Schul­klas­se, leg­te ein »Lan­des­bes­ten-Abitur« ab und stu­dier­te mit gro­ßem Erfolg.

»Zu mei­ner Zeit« hät­te ich bei den Schwan­ger­schaf­ten eine Amnio­zen­te­se (Punk­ti­on der Frucht­bla­se) vor­neh­men las­sen kön­nen – erst recht nach dem »Gen­scha­den« des zwei­ten Kin­des – oder eine Cho­ri­on­zot­ten­bi­op­sie (endo­sko­pi­scher Ein­griff ohne Tan­gie­rung der Frucht­bla­se), um gene­ti­sche Auf­fäl­lig­kei­ten abzu­klä­ren. Mach­te ich nicht, ich ging nicht mal zur Dopp­ler­so­no­gra­phie, was damals alle taten. Für mich galt in ers­ter Linie die Devi­se »Wir sind jung und stark« (mit­hin: stark genug, auch Uner­war­te­tes zu stem­men), in zwei­ter Linie »Dein Wil­le gesche­he«. Zuge­ge­ben, es war auch »Pfei­fen im Wald« dabei. Die Seg­nun­gen der moder­nen Medi­zin habe ich übri­gens spä­ter gern ange­nom­men, sonst hät­ten wir jetzt zwei Kin­der weni­ger, oder jeden­falls wel­che mit har­ten Schä­den. Ohne High­tech­heil­kun­de – kei­ne Chance.

Mei­ne älte­re Schwes­ter starb mit 1800 Gramm nach weni­gen Tagen als Früh­ge­burt. Das ist 52 Jah­re her. Eine Geburt in der 34. Schwan­ger­schafts­wo­che war damals ein völ­lig hoff­nungs­lo­ser Fall. Heu­te ist das Über­le­ben von »Früh­chen« mit 600 Gramm euro­pa­weit medi­zi­ni­scher Stan­dard – das heißt, unse­re klei­ne Welt ist bevöl­kert von Hun­dert­tau­sen­den Men­schen, die es ein paar Jahr­zehn­te vor­her nie­mals gepackt hät­ten. Ja, was für ein Fort­schritt! Wolf­gang Ama­de­us Mozart war das sieb­te Kind sei­ner Eltern, aber erst das zwei­te, wel­ches das ers­te Lebens­jahr über­leb­te. So wur­de frü­her gesiebt – und so, völ­lig anders, heute.

Heu­te gibt es NIPT – den nicht­in­va­si­ven Prä­na­tal­test. Ihn gibt es seit 2014, er kos­tet um die 500 Euro und sor­tiert die unfit­ten Kin­der »rela­tiv zuver­läs­sig« aus. Mitt­ler­wei­le (seit Mit­te 2022) ist NIPT Stan­dard. Die Kos­ten wer­den angeb­lich nur »unter bestimm­ten Umstän­den« von den Kran­ken­kas­sen über­nom­men, was eine glat­te Lüge ist: De fac­to kann jede Schwan­ge­re ihr Unge­bo­re­nes kos­ten­los die­sem Test unter­zie­hen. Und sie tun es. Ich bin längst Groß­mutter. Alle mei­ne Kin­der haben es getan. Es wur­de nicht gefragt, es gehör­te zur Rou­ti­ne, und die­se Rou­ti­ne ist gefähr­lich. Denn bei einer 30jährigen Schwan­ge­ren liegt im Fal­le eines auf­fäl­li­gen Test­ergeb­nis­ses für Tri­so­mie 21 die Wahr­schein­lich­keit bei fast 40 Pro­zent, daß das Test­ergeb­nis falsch ist. Bei Tri­so­mie 18 liegt sie bei fast 80 Pro­zent und bei Tri­so­mie 13 bei 90 Pro­zent. Selbst bei 40jährigen Schwan­ge­ren sind immer noch rund sie­ben Pro­zent der auf­fäl­li­gen Test­ergeb­nis für Tri­so­mie 21 falsch, und bei Tri­so­mie 13 liegt jedes zwei­te auf­fäl­li­ge Test­ergebnis daneben.

»Kon­ser­va­ti­ven Schät­zun­gen« zufol­ge wer­den in Deutsch­land der­zeit pro Jahr »etwa 250 Schwan­ger­schaf­ten ohne Bestä­ti­gung nach NIPT abge­bro­chen«, erklärt Pro­fes­sor Alex­an­der Scharf. Der Main­zer Prä­na­tal­me­di­zi­ner forscht zum NIPT. Was ist das für ein Spa­gat? »Diver­si­ty rules«, aber bit­te nicht mein Kind? Behin­der­te, Gehan­di­cap­te wer­den (Para­lym­pics) gefei­ert – aber bleib mir weg damit im Nah­feld? Die »Akti­on T4« zur Aus­mer­zung Behin­der­ter unter Hit­ler sorgt heu­te zu Recht für Weh und Ach. Zehn­tau­sen­de fie­len ihr zum Opfer. Man stuft es als Ver­bre­chen ein.

Nur – wer nimmt heu­te frei­wil­lig ein behin­der­tes Kind in Kauf, wenn er es ver­hin­dern kann? Der Mensch ist euge­nisch, aber er ver­brämt es, obwohl die gan­ze Welt heu­te bekannt­lich auf »diver­si­ty« getrimmt ist. Alle sol­len doch teil­ha­ben, mit­ma­chen, Rede­recht haben. »Akti­on Sor­gen­kind«, 1964 vom ZDF gegrün­det, war damals vom Con­ter­gan-Skan­dal inspi­riert. Seit 2000 heißt die­se Lot­te­rie (ja, immer noch wer­den die Gel­der durch ein Glücks­spiel ein­ge­nom­men!) poli­tisch kor­rek­ter und grö­ne­meye­resk »Akti­on Mensch«.

Nun fal­len im bes­ten Deutsch­land aller Zei­ten seit lan­gem Jahr für Jahr etwa 105 000 (meist kern­ge­sun­de) Men­schen (und das ist bloß die Hell­zif­fer; und soll man sich froh schät­zen, daß es anno 2001 noch 135 000 waren?) einer Abtrei­bung zum Opfer. Ist das zynisch? Und: Wird es in zehn Jah­ren noch mon­go­lo­ide Neu­ge­bo­re­ne geben? Der bun­des­re­pu­bli­ka­ni­sche Mensch will ja weder Zucht noch Züch­tung. Er ist sogar total dage­gen – und prak­ti­ziert sie einfach.

Es ist so easy wie die Anwen­dung eines Feucht­tuchs zum Abwi­schen des Hin­terns, und kri­ti­sche Fra­gen gibt es ein­fach nicht. Ame­ri­ka, hier ein­mal hast du es bes­ser. Schwa­ches Volk, das mit sei­nen Gehan­di­cap­ten nicht klar­kommt, aber sich ande­re groß­zieht. Wir trei­ben die eige­ne Brut ab, weil moder­ne Tests sie frag­li­cher­wei­se als »behin­dert« klas­si­fi­zie­ren. Wir zie­hen aus Sen­ti­ment aber unter Hin­zu­nah­me aller hoch­tech­no­lo­gi­scher Mit­tel Kin­der groß, deren Schick­sal besie­gelt wäre, wenn Schick­sal noch etwas gäl­te. Es ist in jeder Hin­sicht trau­rig. Die Gebur­ten­ra­te liegt hier und heu­te bei 1,35 je Frau. Ein­ge­rech­net sind auch ein­ge­bür­ger­te Deut­sche, sprich: auch die Kopf­tuch­frau­en. Laßt uns mal in 20 Jah­ren nachzählen.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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