Das Motto hieß „The Sound of Joy“, und es sorgte innerfamiliär für Stirnrunzeln, was ich bei „sowas“ wolle. Denn: Meine Entfremdung von der Kirche hatte im jugendlichen Alter gerade mit der Modernisierung der Liturgie und der Aufweichung der überkommenen Formen begonnen!
Ich hatte damals unter Gänsehaut der schlimmen Art gelitten, als Sacro-Pop-Bands die heilige Messe mitgestalten durften und diese möchtegern-verwegenen Spät-Jugendlichen in Sakko und Jeans mit ihren verweichlichten „Songs“ die Kirche beschallten. Grauenhaft! Noch grauenhafter, daß dann selbst die Alten zu den seichten Texten mitwippten und wie erlöst waren darüber, endlich mal im Gottesraum laut klatschen zu dürfen. Lange her, diese unschöne Mode.
Ich bin nun durch die Wochenzeitung „Die Tagespost“ auf das Glaubensfestival aufmerksam geworden. Diese Zeitung ist recht knochentrocken erzkatholisch, aber die Reportagen von der „MEHR“ waren immer so mitreißend (inklusive kritischer Leserbriefe nach dem Muster „wie kann man bitte etwas Ökumenisches preisen?“), daß ich neugierig wurde.
Plus: Meine Kinder sind in der mitteldeutschen Diaspora großgeworden. Heißt: Sie kennen abgesehen von manchen Pilgerfahrten nur Sonntagsmessen, wo sie die einzigen Jungen neben vielleicht dreißig (wenn’s hochkommt) Alten sind. Das ist wie tagtäglich trockenes Graubrot kauen und froh sein sollen, daß man satt ist.
Sprich: Ich wollte gern, daß sie mal die volle Wucht des Glaubens erleben.
Für die beiden Töchter hatte ich bloß eine Tageskarte gebucht, ich selbst war für alle vier Tage akkreditiert. Sonnabendnachmittag machte ich mich auf.
Vom Hotel aus legte ich zu Fuß nach kurzem Blick auf die Karte (4,1 km) ab, handylos, da handyfrei. Ich fragte mich so durch. Einmal wurde ich orientierungslos und irrte von einer Haltestelle an die gegenüberliegende Haltestelle, um sicherzustellen, daß ich überhaupt in die richtige Richtung ging. Kommt ein Ausländer in Jogginghosen vorbei: „Ey junge Frau [grrr…] wo geht’s hin?“- „Zur Messe.“ – „Gehst du da, und da, und dann da. Ey was is da los, was wollen alle bei die Messe?“ – „Dort ist ein christliches Glaubensfestival.“ – „Oh Wahnsinn, das ist so gut, daß es das gibt. Isa ist Prophet, Schwester!“ Jaja, weiß man. Witzig übrigens: Ausländerdeutsch mit ostschwäbischem Akzent. (Später, beim Glaubensfestival, wird gesammelt für eine Organisation, die Muslime in Deutschland zum christlichen Glauben bekehren will.)
In der ersten Messehalle sind etwa 70 Aussteller. Alle Stände schwach besucht. Naja, denk ich mir… SO wild ist das jetzt nicht. Vielleicht ist in der Haupthalle bereits etwas mehr los?
Die Haupthalle ist schwer bewacht von Security. Ich erwarte einen etwas größeren Raum. Die Tür öffnet sich, und ich trete in eine übergroße Konzerthalle in zwei Etagen. Sie ist voll besetzt, und gerade heben alle ihre Hände zum Lobpreis Gottes: „Gott ist König“, alle singen mit. Etiam si omnes… Ich stehe staunend, Hände in den Rocktaschen.
Das macht was mit einem. Auf der Bühne, die in zahlreiche Riesenbildschirme übertragen wird, stehen fünf, sechs überdurchschnittlich gut aussehende Sänger (m/w), die Gott preisen, rühmen, ehren, heiligen. Die Texte kann man per Untertitel mitsingen (und das wird laut getan), die Melodien sind einfach. Die Teilnehmer haben entweder ihre Hände zum Lobpreis gereckt, halten sie in Versenkung an der Brust oder gutkatholisch gefaltet.
Nach diesem Lobpreis-Intro hält Johannes Hartl (der Initiator des Festivals und Leiter des Augsburger Gebetshauses, in dem seit 125.330 Stunden unablässig gebetet wird) seinen Einstiegsvortrag. Hier könnte man ausufern. Kurz: Es geht um den Narzissmus des Apostel Petrus. Hartls Referat ist ein Mittelding aus Exegese und Psychoedukation. Es ist glänzend, so einfach wie “deep” und regt zu dutzenderlei Gedanken an. Es ist so intensiv, daß ich mich kritisch befrage: Bin ich bereits manipuliert, und wenn, dann wie? Wie sämtliche Redner in den kommenden Tagen trägt Hartl völlig frei vor, ohne Manuskript, ohne Kärtchen. Das ist extrem beeindruckend. (Und das wird es auch blieben. Manchmal werden Übersetzer zwischengeschaltet. Sie agieren professionell.)
Danach kommt wieder diese Lobpreis-Band. Ein großes Kreuz dominiert die Bühne. Alle tausende Menschen um mich herum schwelgen im Kreuzopfer Jesu. In den vorgetragenen Psalmenzeilen werden die unzählbaren Qualitäten Gottes gepriesen: übergroß, allmächtig, anbetungswürdig, Quelle allen Seins, König, Sieger… Meine Hände in den Rocktaschen kommen mir bald bockig vor. Logisch preise ich mit. Eigentlich halte ich nichts von trunkenem Ökumenismus, denn: Wir sind nicht gleich. Also wurde ich so rasch manipuliert?
Das frage ich mich an diesen Tagen dutzendmal. Jedoch: Was ich hier tue, was ich hier höre, verkörpert meine Werte, Punkt!
Am kommenden Tag, Sonntag, sind die Kinder dabei. Wir treten unmittelbar ein in einen Lobpreis. Die Kinder sind sofort angefaßt, überwältigt, singen mit. Weil sie so konzentriert sind, schauen sie nicht auf mich. Danach: „Gell, Mama, dir war das alles superpeinlich?“ Oh nein.
Am Nachmittag wird durch Weihbischof Florian Wörner eine heilige Messe gefeiert. Kleine Tochter: „Ich vermute mal, das wird überschaubar. Vermutlich sind hier die wenigsten katholisch.“ Die ältere Tochter, die extravertiert und enorm kontaktfreudig ist, hatte bis dahin schon zahlreiche Gespräche geführt: „Ja, denk ich auch. Obwohl fast alle, mit denen ich gesprochen hab, katholisch sind. Aber das dürfte Zufall sein und auf einer Art Anziehung beruhen.“
Die Messe beginnt. Höchstfeierlicher und (die Menge der Geistlichen betreffend) nicht enden wollender Einzug, dichter Weihrauchnebel. Die Messehalle ist knallvoll. Ich vermute, es sind vor allem sympathisierende Evangelikale, die neugierig auf eine katholische Messe sind.
Wichtig: Vor der Gabenbereitung sagt der Zelebrant, daß ausschließlich katholisch Getaufte im Stand der Gnade zur Kommunion gehen dürfen. Alle anderen dürften mit vor der Brust gekreuzten Händen bedeuten, daß sie gern gesegnet werden wollen. Also, nach meiner Prognose, die allermeisten.
Aber nein: Die Kommunionspendung verlief zwar als geordnetes Chaos, ein Dutzend Geistliche verteilten sich über die Halle, und es bildeten sich Schlangen kreuz und quer. Man soll bei der Austeilung keinesfalls nach links und rechts spechten, sondern sich sammeln, aber es war ja unübersehbar: Mundkommunion, Mundkommunion knieend, Handkommunion, Segenswunsch, Mundkommunion knieend – etwa in dieser Verteilung.
Nein, es gab in dieser hl. Messe kein Marienlied, Maria als Säule des katholischen Glaubens fand außer an einzelnen Aussteller-Ständen nicht statt. Ob das eine Konzession der katholischen Mehrheit hier an die Christen protestantischer Konfession war? Marienverehrung ist ein allergischer Punkt. Hier gab es Beichträume, aber kein Rosenkranzgebet.
Am Ende des Sonntags kommt das, worauf alle warteten: der Auftritt der O´Bros!
Wir hatten bei den Vorträgen oder Worships immer irgendwo am Rand gestanden, es hatte ja auch niemals Aussicht auf drei Sitzplätze am Stück gegeben. Nun hieß es: Entweder irgendwo Sitzplatz suchen oder Row Zero! Natürlich waren meine beiden Kinder sofort Row Zero! Wie haben sie ausgelassen und begeistert getobt und getanzt und gesungen!
Irgendwer hatte mir vor sieben oder acht Jahren diese O‘Bros vorgeführt, und damals fand ich das ähnlich peinlich wie den „Sacro-Pop“ annodazumal. Das hat sich radikal verändert. Wir haben hier eine hochprofessionelle Leistung, nur eben alles ad maiorem Dei gloriam! Was für eine heftige, vitale Bühnenshow! Wuchtig, authentisch! Meine Töchter im Moshpit, heiser, enthusiasmiert und naßgeschwitzt.
Als wir nach Mitternacht die Hallen verlassen, geht kein ÖPNV mehr, es hat minus 6 Grad, und die Kinder frieren. Ich strecke den Daumen aus, und das erste Auto hält, zwei Frauen vorne, die Rückbank voller Kindersitze: „Es ist so komisch, daß ich wegen Euch anhalte. Ich nehme nie Anhalter mit, eigentlich haben wir auch keinen Platz. Steigt halt ein.“
Tja, das ist wohl sowas wie Karma, und das ist ja auch kein strengkatholischer Gedanke. Ich selbst nehme jeden mit, und in dieser kleinen Not hat sich´s ausgezahlt. Mehr davon, von dem allen.
Carsten Lucke
"Das war's" habe ich immer sehr gemocht; die neueren Texte der Chefin befremden mich daher zunehmend.
"Zu viel Abendland. Verdächtig.
Zu viel Welt ausgespart.
Keine Möglichkeit für Steingärten."
(Günter Eich)