Kriegspremier Churchill

PDF der Druckausgabe aus Sezession 122/ Oktober 2024

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von Erik Lommatzsch –

Böse Zun­gen behaup­ten, Win­s­ton Chur­chill habe 1953 den Lite­ra­tur­no­bel­preis nur bekom­men, weil es die hohe Aus­zeich­nung sein soll­te, man sich aller­dings beim bes­ten Wil­len nicht zu der sonst für Poli­ti­ker übli­chen Spar­te »Frie­den« habe durch­rin­gen kön­nen. Beacht­lich ist das schrift­stel­le­ri­sche Werk des »Kriegs­pre­miers« durch­aus, unab­hän­gig von sei­ner Stel­lung als Staatsmann.

Krieg, immer wie­der Krieg. Nicht aus­schließ­lich, aber als domi­nie­ren­des Motiv, mit Krieg ist sein Platz in der Geschich­te ver­bun­den. Chur­chill, gebo­ren am 30. Novem­ber 1874, ist Sol­dat, er drängt sich zur Betei­li­gung an Feld­zü­gen wie im Sudan und in Süd­afri­ka auf. Er schreibt über den Krieg, oft aus eige­nem Erle­ben, in Büchern von stu­pen­dem Umfang und einer Viel­zahl von Arti­keln. Als Kriegs­freund oder – je nach Sicht­wei­se – Kriegs­trei­ber gilt er.

Wenn er sich in sei­nen hohen poli­ti­schen Ämtern – es sind vie­le und als Kar­rie­rist scheut er oppor­tu­ne Mei­nungs- und Par­tei­wech­sel nicht – beson­ders her­vor­tut, dann mit mili­tä­ri­schem Bezug. Greift er direkt ins Gesche­hen ein und setzt Ope­ra­tio­nen in Gang, wobei er nicht nur sei­ne for­mel­len Kom­pe­ten­zen über­schrei­tet, hat er zumeist kei­ne glück­li­che Hand.

Im Ers­ten Welt­krieg zeich­net er für die Nie­der­la­ge von Gal­li­po­li ver­ant­wort­lich, zu Beginn des Zwei­ten für das Schei­tern des Vor­ha­bens, Deutsch­land von der nor­we­gi­schen Küs­te abzu­schnei­den. Bei­de Male beklei­det er im jewei­li­gen Zeit­raum die Posi­ti­on des Ers­ten Lords der Admi­ra­li­tät, einem Mari­ne­mi­nis­ter ver­gleich­bar. Stra­te­gi­sche Weit­sicht ist ihm kaum abzu­spre­chen, tech­ni­sche Neue­run­gen for­ciert er. Sei­ne gro­ße Zeit ist die der »Kriegs­re­gie­rung Chur­chill«. Am 10. Mai 1940 wird er zum Pre­mier­mi­nis­ter ernannt. Iro­nie des Schick­sals, an das er glaubt: Reich­lich fünf Jah­re spä­ter, weni­ge Wochen nach der deut­schen Kapi­tu­la­ti­on, kurz vor dem abseh­ba­ren Ende des Krie­ges im Pazi­fik, wäh­len ihn die Bri­ten ab. Sei­ne Auf­ga­be ist erledigt.

Am Sieg hat Chur­chill in ers­ter Linie durch sei­ne unbe­irr­ba­re Kom­pro­miß­lo­sig­keit Anteil. Beschwich­ti­gung und Ent­ge­gen­kom­men sind sei­ne Sache nicht, jedoch ein gewis­ser Groß­mut gegen­über dem geschla­ge­nen Geg­ner. Aber der muß eben erst am Boden lie­gen. Als Chur­chill an die Spit­ze der Regie­rung beru­fen wird, ist auf­grund der iso­lier­ten und wenig aus­sichts­rei­chen Lage die Ver­stän­di­gungs­be­reit­schaft gegen­über Deutsch­land nicht gering. Auch Hit­ler signa­li­siert am 19. Juli 1940 im Reichs­tag Entsprechendes.

Groß­bri­tan­ni­en ist iso­liert: Frank­reich geschla­gen, die Sowjet­uni­on und das Deut­sche Reich haben einen Nicht­an­griffs­pakt geschlos­sen, der erst im Fol­ge­jahr obso­let wer­den wird, die Ame­ri­ka­ner sind wenig geneigt, in den Krieg ein­zu­tre­ten. Chur­chill weicht nicht von der Linie ab, die er am 13. Mai 1940, kurz nach sei­nem Amts­an­tritt, in der viel­zi­tier­ten »Blut, Schweiß und Tränen«-Ansprache im Unter­haus zieht. Die nun bestim­men­de Poli­tik sei »das Krieg­füh­ren zur See, zu Lan­de und in der Luft, mit all der Macht und all der Fes­tig­keit, die Gott uns geben kann«. Das Ziel: »Sieg – Sieg um jeden Preis«.

Er ist zum äußers­ten bereit, und er bringt die Nati­on dazu, ihm zu fol­gen. Weni­ge Wochen spä­ter erklärt er:

Ich glau­be kei­nen Augen­blick dar­an, aber wenn es so kom­men soll­te, daß die­se Insel unter­wor­fen ist und ver­hun­gert, dann wer­den unser Empire und unse­re Flot­te wei­ter­kämp­fen, so lan­ge, bis die Zeit erfüllt ist und die Neue Welt in Waf­fen zur Befrei­ung der Alten antritt.

Chur­chill läßt sei­nen Wor­ten Taten fol­gen. Noch ein­fluß­rei­che Appease­ment­po­li­ti­ker wer­den auf Pos­ten ver­scho­ben, auf denen sie sei­nem rigo­ro­sen Kurs nicht mehr in die Que­re kom­men kön­nen. Vom bri­ti­schen Appease­ment war die Vor­kriegs­zeit geprägt. Neville Cham­ber­lain, Chur­chills Amts­vor­gän­ger als Pre­mier, war mit sei­nem »Frie­den für unse­re Zeit«, den er im Sep­tem­ber 1938 mit dem Mün­che­ner Abkom­men aus­ge­han­delt zu haben glaub­te, äußerst populär.

Der zu die­ser Zeit in einer Art unfrei­wil­li­gem Ruhe­stand leben­de Chur­chill ließ sich immer wie­der mit vehe­men­ter Kri­tik an der Preis­ga­be- und Beschwich­ti­gungs­po­li­tik ver­neh­men, gespeist auch aus einer prin­zi­pi­el­len Instinkt­re­ak­ti­on. Hit­ler als Per­son stand bei sei­nen War­nun­gen im Fokus. Bis zum Kriegs­aus­bruch war er aller­dings ein recht ein­sa­mer Rufer. Nun haben ihn die Ent­wick­lun­gen in sei­nen Vor­aus­sa­gen bestätigt.

Er geriert sich als »Gene­ra­lis­si­mus« – so die tref­fen­de Bezeich­nung Sebas­ti­an Haff­ners in sei­ner 1967 bei Rowohlt erschie­ne­nen, luzi­den Mono­gra­phie über Chur­chill. Er ist nicht nur Pre­mier, son­dern auch Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter, ein Amt, das es zuvor nicht gab. Auf­ge­rüs­tet wird rigo­ros, jeg­li­che wirt­schaft­li­chen Beden­ken wer­den hint­an­ge­stellt. Von Erfol­gen zu spre­chen wäre über­trie­ben, aber Chur­chill und mit ihm Groß­bri­tan­ni­en hal­ten aus. Trotz Nie­der­la­ge kön­nen die Trup­pen aus Dün­kir­chen abge­zo­gen wer­den, die »Luft­schlacht um Eng­land« zei­tigt mas­si­ve Ver­lus­te, das deut­sche Ziel, den Geg­ner damit in die Knie zu zwin­gen, wird verfehlt.

Chur­chills dis­kus­si­ons­re­sis­ten­ter Kurs erfährt nicht nur posi­ti­ve Wür­di­gung. Der bri­ti­sche His­to­ri­ker John Charm­ley wirft ihm spä­ter vor, durch das Aus­schla­gen der Mög­lich­keit eines Frie­dens das zer­fal­len­de bri­ti­sche Empire ver­spielt zu haben, da der Krieg die ander­wei­tig drin­gend benö­tig­ten Kräf­te gebun­den habe. Im Rück­blick wird der Ver­lust des Empires und der welt­macht­po­li­ti­schen Posi­ti­on Groß­bri­tan­ni­ens als Hypo­thek blei­ben. Inwie­weit oder ob dies über­haupt Chur­chill anzu­las­ten ist, ist offen.

Sie­gen ist in Chur­chills Kampf ohne Part­ner schlicht unmög­lich. Qua­si als Pri­vat­in­itia­ti­ve gelingt es ihm, den zögern­den ame­ri­ka­ni­schen Prä­si­den­ten Frank­lin D. Roo­se­velt von der Not­wen­dig­keit des Zusam­men­wir­kens im Kampf gegen das Deut­sche Reich und sei­ne Ver­bün­de­ten zu über­zeu­gen. Zunächst gibt es aller­dings nur mate­ri­el­le Unter­stüt­zung. Die deut­sche Kriegs­er­klä­rung an die USA im Dezem­ber 1941 kommt dem Pre­mier zupaß.

Chur­chills anfäng­li­che Vor­stel­lun­gen, bes­ser Träu­me, mit der bri­tisch-ame­ri­ka­ni­schen Ver­bin­dung einer künf­ti­gen Ein­heit der eng­lisch­spre­chen­den Völ­ker Vor­schub zu leis­ten, wobei er für die Bri­ten kei­nes­falls den Juni­or­part im Blick hat­te, gilt es bald zu begra­ben. Die Ame­ri­ka­ner soll­ten schnell domi­nie­ren. Den­noch bleibt Chur­chill fest an ihrer Sei­te. Anders steht es um das Ver­hält­nis zum zwei­ten gro­ßen Part­ner der Alli­anz, der Sowjet­uni­on respek­ti­ve Sta­lin. Chur­chill braucht ihn, geht unge­wöhn­lich weit auf des­sen For­de­run­gen ein und ver­sucht zugleich und erfolg­los, ihn zurückzudrängen.

Unmit­tel­bar nach dem Ers­ten Welt­krieg hat­te er erklärt, der Bol­sche­wis­mus, der im Zuge der Okto­ber­re­vo­lu­ti­on in Ruß­land die bestim­men­de Macht gewor­den war, sei für ihn »viel schlim­mer als der deut­sche Mili­ta­ris­mus«. Wäre es damals nach ihm gegan­gen, hät­te Groß­bri­tan­ni­en mili­tä­risch stär­ker inter­ve­niert, um »die Nat­ter in der Wie­ge zu erwür­gen«. Jetzt heißt der Feind Deutsch­land, des­sen bedin­gungs­lo­se Kapi­tu­la­ti­on Chur­chill und Roo­se­velt im Janu­ar 1943 auf der Kon­fe­renz von Casa­blan­ca noch ein­mal als Ziel bekräftigen.

Chur­chills Vor­stel­lun­gen, daß das Vor­ge­hen der west­li­chen Ver­bün­de­ten gegen das Deut­sche Reich von Süden und nicht von Wes­ten erfol­gen soll­te, um einer Raum­nah­me der Sowjets von Osten her einen Rie­gel vor­zu­schie­ben, hat sich spä­tes­tens mit der Kon­fe­renz von Tehe­ran Ende 1943 erle­digt. Hier erklärt sich Chur­chill auch mit der West­ver­schie­bung Polens einverstanden.

Im Okto­ber 1944 reist er nach Mos­kau, um mit Sta­lin Inter­es­sensphä­ren in Euro­pa aus­zu­han­deln. Die Auf­tei­lung Deutsch­lands in Besat­zungs­zo­nen und die Tei­lung Euro­pas wer­den im Febru­ar 1945 in Jal­ta ver­ein­bart. Als eine Art Kurio­sum ist der im Mai 1945 auf Chur­chills Anwei­sun­gen hin aus­ge­ar­bei­te­te Plan anzu­se­hen, der ein mili­tä­ri­sches Vor­ge­hen gegen die – immer noch ver­bün­de­te – Sowjet­uni­on zum Gegen­stand hat. Die­ser ver­schwin­det in der
Schub­la­de und wird erst über fünf­zig Jah­re spä­ter öffent­lich bekannt.

Im Janu­ar 1941 ver­ord­net Chur­chill gegen­über jeg­li­chen deut­schen Kon­takt­ver­su­chen »völ­li­ges Still­schwei­gen«. Dies trifft auch den deut­schen Wider­stand, der drin­gend um Zusa­gen für die Zeit nach einem gelun­ge­nen Staats­streich bit­tet. Das Atten­tat des 20. Juli 1944 kom­men­tiert Chur­chill mit den Wor­ten: »Die höchs­ten Per­sön­lich­kei­ten im Deut­schen Reich mor­den einander«.

Im Sep­tem­ber 1944 stimmt er dem Mor­genthau­plan zu, der die Umwand­lung des besieg­ten Deutsch­lands in einen Agrar­staat zum Ziel hat. Sei­ne eige­nen Vor­schlä­ge, ein neu­es »Preu­ßen« und einen »Donau­bund« zu for­men, wer­den nicht ernst­haft dis­ku­tiert. Aktu­el­le For­schun­gen haben erge­ben, daß die Bom­bar­die­run­gen die Bevöl­ke­rung selbst »für die Zeit nach dem Krieg nach­hal­tig ein­schüch­tern« soll­ten (vgl. Lukas Will­my: Ope­ra­ti­on Don­ner­schlag, Göt­tin­gen 2024). Chur­chill erklärt am 28. März 1945 intern:

Mir scheint, der Moment ist gekom­men, in dem die Fra­ge der Bom­bar­die­rung deut­scher Städ­te rein zur Stei­ge­rung von Angst und ­Schre­cken, wenn auch unter ande­ren Vor­wän­den, über­dacht wer­den soll­te. Ich spü­re die Not­wen­dig­keit einer prä­zi­se­ren Kon­zen­tra­ti­on auf mili­tä­ri­sche Zie­le anstatt dar­auf, Ter­ror­ak­te zu bege­hen und mut­wil­li­ge Zer­stö­run­gen anzu­rich­ten, wie beein­dru­ckend die­se auch sein mögen.

Hät­te die Welt­ge­schich­te ohne den »Kriegs­pre­mier« und des­sen unver­rück­ba­re Prio­ri­tä­ten einen grund­sätz­lich ande­ren Ver­lauf genom­men? Mit einem »Nein« läßt sich die Fra­ge guten Gewis­sens nicht beant­wor­ten. Sei­ne Zeit war die des Krie­ges, des Zwei­ten Welt­krie­ges. Haff­ner beschränkt den unmit­tel­ba­ren Ein­fluß gar ledig­lich bis Anfang 1942. Daß Chur­chill von 1951 bis 1955 noch ein­mal die Regie­rung führt, ist in der all­ge­mei­nen Erin­ne­rung wenig prä­sent. Hoch­be­tagt stirbt er am 24. Janu­ar 1965.

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