von Erik Lommatzsch –
Böse Zungen behaupten, Winston Churchill habe 1953 den Literaturnobelpreis nur bekommen, weil es die hohe Auszeichnung sein sollte, man sich allerdings beim besten Willen nicht zu der sonst für Politiker üblichen Sparte »Frieden« habe durchringen können. Beachtlich ist das schriftstellerische Werk des »Kriegspremiers« durchaus, unabhängig von seiner Stellung als Staatsmann.
Krieg, immer wieder Krieg. Nicht ausschließlich, aber als dominierendes Motiv, mit Krieg ist sein Platz in der Geschichte verbunden. Churchill, geboren am 30. November 1874, ist Soldat, er drängt sich zur Beteiligung an Feldzügen wie im Sudan und in Südafrika auf. Er schreibt über den Krieg, oft aus eigenem Erleben, in Büchern von stupendem Umfang und einer Vielzahl von Artikeln. Als Kriegsfreund oder – je nach Sichtweise – Kriegstreiber gilt er.
Wenn er sich in seinen hohen politischen Ämtern – es sind viele und als Karrierist scheut er opportune Meinungs- und Parteiwechsel nicht – besonders hervortut, dann mit militärischem Bezug. Greift er direkt ins Geschehen ein und setzt Operationen in Gang, wobei er nicht nur seine formellen Kompetenzen überschreitet, hat er zumeist keine glückliche Hand.
Im Ersten Weltkrieg zeichnet er für die Niederlage von Gallipoli verantwortlich, zu Beginn des Zweiten für das Scheitern des Vorhabens, Deutschland von der norwegischen Küste abzuschneiden. Beide Male bekleidet er im jeweiligen Zeitraum die Position des Ersten Lords der Admiralität, einem Marineminister vergleichbar. Strategische Weitsicht ist ihm kaum abzusprechen, technische Neuerungen forciert er. Seine große Zeit ist die der »Kriegsregierung Churchill«. Am 10. Mai 1940 wird er zum Premierminister ernannt. Ironie des Schicksals, an das er glaubt: Reichlich fünf Jahre später, wenige Wochen nach der deutschen Kapitulation, kurz vor dem absehbaren Ende des Krieges im Pazifik, wählen ihn die Briten ab. Seine Aufgabe ist erledigt.
Am Sieg hat Churchill in erster Linie durch seine unbeirrbare Kompromißlosigkeit Anteil. Beschwichtigung und Entgegenkommen sind seine Sache nicht, jedoch ein gewisser Großmut gegenüber dem geschlagenen Gegner. Aber der muß eben erst am Boden liegen. Als Churchill an die Spitze der Regierung berufen wird, ist aufgrund der isolierten und wenig aussichtsreichen Lage die Verständigungsbereitschaft gegenüber Deutschland nicht gering. Auch Hitler signalisiert am 19. Juli 1940 im Reichstag Entsprechendes.
Großbritannien ist isoliert: Frankreich geschlagen, die Sowjetunion und das Deutsche Reich haben einen Nichtangriffspakt geschlossen, der erst im Folgejahr obsolet werden wird, die Amerikaner sind wenig geneigt, in den Krieg einzutreten. Churchill weicht nicht von der Linie ab, die er am 13. Mai 1940, kurz nach seinem Amtsantritt, in der vielzitierten »Blut, Schweiß und Tränen«-Ansprache im Unterhaus zieht. Die nun bestimmende Politik sei »das Kriegführen zur See, zu Lande und in der Luft, mit all der Macht und all der Festigkeit, die Gott uns geben kann«. Das Ziel: »Sieg – Sieg um jeden Preis«.
Er ist zum äußersten bereit, und er bringt die Nation dazu, ihm zu folgen. Wenige Wochen später erklärt er:
Ich glaube keinen Augenblick daran, aber wenn es so kommen sollte, daß diese Insel unterworfen ist und verhungert, dann werden unser Empire und unsere Flotte weiterkämpfen, so lange, bis die Zeit erfüllt ist und die Neue Welt in Waffen zur Befreiung der Alten antritt.
Churchill läßt seinen Worten Taten folgen. Noch einflußreiche Appeasementpolitiker werden auf Posten verschoben, auf denen sie seinem rigorosen Kurs nicht mehr in die Quere kommen können. Vom britischen Appeasement war die Vorkriegszeit geprägt. Neville Chamberlain, Churchills Amtsvorgänger als Premier, war mit seinem »Frieden für unsere Zeit«, den er im September 1938 mit dem Münchener Abkommen ausgehandelt zu haben glaubte, äußerst populär.
Der zu dieser Zeit in einer Art unfreiwilligem Ruhestand lebende Churchill ließ sich immer wieder mit vehementer Kritik an der Preisgabe- und Beschwichtigungspolitik vernehmen, gespeist auch aus einer prinzipiellen Instinktreaktion. Hitler als Person stand bei seinen Warnungen im Fokus. Bis zum Kriegsausbruch war er allerdings ein recht einsamer Rufer. Nun haben ihn die Entwicklungen in seinen Voraussagen bestätigt.
Er geriert sich als »Generalissimus« – so die treffende Bezeichnung Sebastian Haffners in seiner 1967 bei Rowohlt erschienenen, luziden Monographie über Churchill. Er ist nicht nur Premier, sondern auch Verteidigungsminister, ein Amt, das es zuvor nicht gab. Aufgerüstet wird rigoros, jegliche wirtschaftlichen Bedenken werden hintangestellt. Von Erfolgen zu sprechen wäre übertrieben, aber Churchill und mit ihm Großbritannien halten aus. Trotz Niederlage können die Truppen aus Dünkirchen abgezogen werden, die »Luftschlacht um England« zeitigt massive Verluste, das deutsche Ziel, den Gegner damit in die Knie zu zwingen, wird verfehlt.
Churchills diskussionsresistenter Kurs erfährt nicht nur positive Würdigung. Der britische Historiker John Charmley wirft ihm später vor, durch das Ausschlagen der Möglichkeit eines Friedens das zerfallende britische Empire verspielt zu haben, da der Krieg die anderweitig dringend benötigten Kräfte gebunden habe. Im Rückblick wird der Verlust des Empires und der weltmachtpolitischen Position Großbritanniens als Hypothek bleiben. Inwieweit oder ob dies überhaupt Churchill anzulasten ist, ist offen.
Siegen ist in Churchills Kampf ohne Partner schlicht unmöglich. Quasi als Privatinitiative gelingt es ihm, den zögernden amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt von der Notwendigkeit des Zusammenwirkens im Kampf gegen das Deutsche Reich und seine Verbündeten zu überzeugen. Zunächst gibt es allerdings nur materielle Unterstützung. Die deutsche Kriegserklärung an die USA im Dezember 1941 kommt dem Premier zupaß.
Churchills anfängliche Vorstellungen, besser Träume, mit der britisch-amerikanischen Verbindung einer künftigen Einheit der englischsprechenden Völker Vorschub zu leisten, wobei er für die Briten keinesfalls den Juniorpart im Blick hatte, gilt es bald zu begraben. Die Amerikaner sollten schnell dominieren. Dennoch bleibt Churchill fest an ihrer Seite. Anders steht es um das Verhältnis zum zweiten großen Partner der Allianz, der Sowjetunion respektive Stalin. Churchill braucht ihn, geht ungewöhnlich weit auf dessen Forderungen ein und versucht zugleich und erfolglos, ihn zurückzudrängen.
Unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg hatte er erklärt, der Bolschewismus, der im Zuge der Oktoberrevolution in Rußland die bestimmende Macht geworden war, sei für ihn »viel schlimmer als der deutsche Militarismus«. Wäre es damals nach ihm gegangen, hätte Großbritannien militärisch stärker interveniert, um »die Natter in der Wiege zu erwürgen«. Jetzt heißt der Feind Deutschland, dessen bedingungslose Kapitulation Churchill und Roosevelt im Januar 1943 auf der Konferenz von Casablanca noch einmal als Ziel bekräftigen.
Churchills Vorstellungen, daß das Vorgehen der westlichen Verbündeten gegen das Deutsche Reich von Süden und nicht von Westen erfolgen sollte, um einer Raumnahme der Sowjets von Osten her einen Riegel vorzuschieben, hat sich spätestens mit der Konferenz von Teheran Ende 1943 erledigt. Hier erklärt sich Churchill auch mit der Westverschiebung Polens einverstanden.
Im Oktober 1944 reist er nach Moskau, um mit Stalin Interessensphären in Europa auszuhandeln. Die Aufteilung Deutschlands in Besatzungszonen und die Teilung Europas werden im Februar 1945 in Jalta vereinbart. Als eine Art Kuriosum ist der im Mai 1945 auf Churchills Anweisungen hin ausgearbeitete Plan anzusehen, der ein militärisches Vorgehen gegen die – immer noch verbündete – Sowjetunion zum Gegenstand hat. Dieser verschwindet in der
Schublade und wird erst über fünfzig Jahre später öffentlich bekannt.
Im Januar 1941 verordnet Churchill gegenüber jeglichen deutschen Kontaktversuchen »völliges Stillschweigen«. Dies trifft auch den deutschen Widerstand, der dringend um Zusagen für die Zeit nach einem gelungenen Staatsstreich bittet. Das Attentat des 20. Juli 1944 kommentiert Churchill mit den Worten: »Die höchsten Persönlichkeiten im Deutschen Reich morden einander«.
Im September 1944 stimmt er dem Morgenthauplan zu, der die Umwandlung des besiegten Deutschlands in einen Agrarstaat zum Ziel hat. Seine eigenen Vorschläge, ein neues »Preußen« und einen »Donaubund« zu formen, werden nicht ernsthaft diskutiert. Aktuelle Forschungen haben ergeben, daß die Bombardierungen die Bevölkerung selbst »für die Zeit nach dem Krieg nachhaltig einschüchtern« sollten (vgl. Lukas Willmy: Operation Donnerschlag, Göttingen 2024). Churchill erklärt am 28. März 1945 intern:
Mir scheint, der Moment ist gekommen, in dem die Frage der Bombardierung deutscher Städte rein zur Steigerung von Angst und Schrecken, wenn auch unter anderen Vorwänden, überdacht werden sollte. Ich spüre die Notwendigkeit einer präziseren Konzentration auf militärische Ziele anstatt darauf, Terrorakte zu begehen und mutwillige Zerstörungen anzurichten, wie beeindruckend diese auch sein mögen.
Hätte die Weltgeschichte ohne den »Kriegspremier« und dessen unverrückbare Prioritäten einen grundsätzlich anderen Verlauf genommen? Mit einem »Nein« läßt sich die Frage guten Gewissens nicht beantworten. Seine Zeit war die des Krieges, des Zweiten Weltkrieges. Haffner beschränkt den unmittelbaren Einfluß gar lediglich bis Anfang 1942. Daß Churchill von 1951 bis 1955 noch einmal die Regierung führt, ist in der allgemeinen Erinnerung wenig präsent. Hochbetagt stirbt er am 24. Januar 1965.