Weiß, Wien, Schwarzer, Not – eine Patagonische Nacht

PDF der Druckausgabe aus Sezession 122/ Oktober 2024

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von Vol­ker Zierke –

Vorn, da steht ein Cem­ba­lo. Für die, die es nicht wis­sen: Das ist ein Tas­ten­in­stru­ment. Es sieht aus wie ein Flü­gel, nur klei­ner. Die­ses Cem­ba­lo ist alt, sehr alt. Viel­leicht aus dem 17. Jahr­hun­dert. Hier im Fer­di­nan­di­hof hat sich das Cem­ba­lo die rich­ti­ge Umge­bung gesucht. Also, wenn man davon aus­geht, daß die Din­ge inein­an­der­grei­fen wie in einem Uhr­werk (wovon ich über­zeugt bin und wie auch die­ser Abend bewei­sen wird).

Im Fer­di­nan­di­hof sieht alles aus wie im 17. Jahr­hun­dert: das Cem­ba­lo natür­lich mit einer Deckel­be­ma­lung, die eine Satyr­sze­ne zeigt, das Gewöl­be, Gemäl­de und Wand­tep­pi­che. Und vorn steht – über den Kamin an die Wand gelehnt – ein Bild von Jean Ras­pail, und der gehört ja irgend­wie auch in das 17. Jahr­hun­dert. Zumin­dest wür­de er das von sich selbst sagen: eine Gemein­sam­keit, die er wohl mit vie­len hier im Raum teilt.

Am deut­lichs­ten wird dies in Form von Ronald Schwar­zer selbst, der in sei­ner Eigen­schaft als Maitre de Plai­sir et des Céré­mo­nies von Pata­go­ni­en zu Wien mehr­fach das Wort ergreift, sei­ne Scher­ze zum bes­ten gibt und uns durch den Abend führt. Mehr­mals erwähnt er, daß sein eige­ner Hori­zont mit dem Jahr 1789 ende. Stolz schwingt in sei­ner Stim­me mit, wenn er sol­che Din­ge sagt. Selbst­ver­ständ­lich in die­sem Raum, in die­ser Zeit­kap­sel, in die­sem Schwar­zen Loch, das Instru­men­ta­ri­en der alten Zeit ansaugt und alles Moder­ne aus­spuckt. Ich wer­de nach­her, unter Ker­zen­schein, aus mei­nen Büchern vor­le­sen, von einem iPad.

Schwar­zer jeden­falls trägt eine baro­cke Phan­ta­sie­uni­form, natür­lich in sei­ner Eigen­schaft als MC der »Pata­go­ni­schen Näch­te«. Auch sein Gesin­nungs­ge­nos­se Kon­rad Weiß trägt einen sol­chen, wenn auch schlich­te­ren, aber nichts­des­to­we­ni­ger edlen Uni­form­rock. Klei­der machen Leu­te, und Weiß beklei­det das Amt des Vize­kon­suls von Pata­go­ni­en zu Wien. Er erklärt, wie­so es »Pata­go­ni­sche Näch­te« in Wien gibt. Und was das mit dem fran­zö­si­schen Schrift­stel­ler Jean Ras­pail zu tun hat. Ich kann das gar nicht nach­er­zäh­len, weil ich gar nicht so reden kann wie Schwar­zer oder Weiß, wie Wie­ner oder wie Patagonier.

Es ist eine Par­al­lel­welt für die Preu­ßen unter uns, die in die­sen Raum ein­tre­ten und dabei ein Zeit­por­tal durch­schrei­ten. Weiß und ­Schwar­zer klei­den sich dazu in ihre Anzü­ge, aber man merkt bereits nach weni­gen Wor­ten, daß »Pata­go­ni­en« für man­che Men­schen nie­mals zu Ende ist, selbst wenn sie ihre Klei­der wie­der able­gen, das Cem­ba­lo schlie­ßen, den Saal ver­las­sen und wie­der Wie­ner sind. Drau­ßen nagen der Wind und der Regen am alten Gemäu­er, und dem Zeit­rei­sen feind­lich gesinn­te Men­schen foto­gra­fie­ren den Ein­gang des Gebäudes.

Es ist heiß, weil so vie­le Men­schen hier sind. Etwa 150 sind gekom­men. Vor­hin, als wir zum ersten­mal den Saal betra­ten, war alles noch leer. Hin­ten, in die Ecke gequetscht, saß Götz Kubit­schek, gewan­det in eine graue Mili­tär­ja­cke, die ich spä­ter als eine schwe­di­sche M39 iden­ti­fi­zie­re. Ich ken­ne sie, ich tra­ge selbst in die­sem Moment eine M58 (ein spä­te­res Modell, das man haupt­säch­lich dar­an erkennt, daß die bei­den Brust­ta­schen sozu­sa­gen auf die Rück­sei­te ver­frach­tet wur­den). Er blick­te nicht auf, er las in einem klei­nen Büch­lein. Die grau­en Schwe­den erfreu­en sich viel­leicht des­we­gen so gro­ßer Beliebt­heit, weil sie etwas preu­ßi­sche Tris­tesse ins barock-bun­te Wien tra­gen. Oder weil sie geil aussehen.

Spä­ter, als der Raum voll ist mit den Schwar­zers und Wei­ßens, liest Götz Kubit­schek aus einem Ras­pail-Band vor. Er steht dort vorn, vor dem alten Cem­ba­lo mit der Satyr­be­ma­lung. Die schwä­bi­sche Her­kunft hört man in sei­ner Stim­me nicht. Er ist ein Preu­ße, wir sind die Preu­ßen, die grim­mig drein­bli­cken­den, in graue Uni­for­men geklei­de­ten Zeit­rei­sen­den in einer Zeit­kap­sel, Ver­lo­re­ne in ver­lo­re­nen Hal­len. Götz Kubit­schek liest aus Jean Ras­pails Die blaue Insel, einem Roman, der in sei­nem Ver­lag erschie­nen ist:

Und dann sah ich die Pan­zer. Erst einen, dann zwei, dann drei, und zwei Krad­fah­rer vor­ne­weg. Plötz­lich war der gan­ze Weg von ihrer grau­brau­nen Stahl­mas­se aus­ge­füllt. Mehr noch als die Kano­ne an ihrem Turm, die wie der Zei­ge­fin­ger Got­tes auf­rag­te, und das unmit­tel­bar über dem Bug ver­steck­te Maschi­nen­ge­wehr, die mir blin­de Dro­hun­gen schie­nen, waren es vor allem die Pan­zer­ket­ten, die mich ent­setz­ten. Schon sah ich mich von der Mas­se die­ser Kolos­se zer­malmt, zer­fleischt von die­ser Ket­te aus Reiß­zäh­nen, die end­los auf­ein­an­der folg­ten, bis nur mehr blu­ti­ger Matsch von mir übrig wäre.

Die ein­zi­ge vage Erleich­te­rung, die ich emp­fand, kam von den schwarz­ge­klei­de­ten Sol­da­ten, die bis zur Hüf­te aus den offe­nen Luken der Pan­zer­tür­me her­vor­rag­ten. Viel­leicht wür­den sie uns wenigs­tens bemer­ken, bevor sie uns über­roll­ten? Trotz ihrer düs­te­ren Uni­for­men sahen sie nicht wie Blut­säu­fer aus. Viel­leicht wür­den sie ihre Maschi­nen gera­de noch recht­zei­tig anhal­ten? Der Mann auf dem Turm des ers­ten Pan­zers trug sil­ber­ne Schul­ter­stü­cke. Ein jun­ges, fast kind­li­ches Gesicht, mit auf­merk­sa­men Augen unter dem Müt­zen­schirm, aber nichts vom Blick eines Raub­tiers. Ich leg­te alle mei­ne Hoff­nun­gen auf ihn. Wenn ich mich aus dem Schilf erhob, mein Alter und mei­nen Namen hin­aus­schrie, irgend etwas, um sei­ne Auf­merk­sam­keit zu erre­gen – er wür­de mich gewiß verschonen …

Pau­se. 45 Minu­ten dau­ert es noch bis zu mei­ner Lesung. Ich sehe auf die Uhr an mei­nem Hand­ge­lenk, in einer Drei­vier­tel­stun­de wird es kurz nach neun sein. Weil »Pata­go­nier« kein Was­ser trin­ken, trin­ke ich Was­ser, das dem Was­ser­hahn geraubt und in eine lee­re Wein­fla­sche gefüllt wur­de. Ich muß viel Was­ser trin­ken, das nach Wein schmeckt. Das römi­sche Impe­ri­um wür­de noch heu­te über die­se Gefil­de regie­ren, wenn die alten Römer gewußt hät­ten, daß die blei­er­nen Ver­klei­dun­gen ihrer Was­ser­zu­fuhr mas­siv gesund­heits­schäd­lich waren. Ich fra­ge mich, ob die Römer gewußt haben könn­ten, was sie da tran­ken, und ob Blei einen Eigen­ge­schmack hat. Ich fra­ge Weg­ner, der gera­de vor­bei­läuft. In Jeans. Er grinst und sagt, das soll­te ich mal Beet­ho­ven fra­gen. Was auch immer das schon wie­der hei­ßen soll.

»Außer­dem dan­ken wir für die Zube­rei­tung der Erd­äp­fel der sehr ver­ehr­ten Dr. Caro­li­ne Sommerfeld.«
»Hört, hört!«
»Auf­ge­regt?«
»Ja, schon.«
»Das kann ich ver­ste­hen. Ich bin immer ganz auf­ge­regt, wenn ich in der Küche ste­he und koche.«
»Das wäre ich auch. Aber ich kann auch nicht kochen.«
»Ich bin der Ansicht, daß man einen Autor am bes­ten über sein Werk ken­nen­lernt. Etwas von der Per­sön­lich­keit wird man immer in sei­nen Büchern fest­stel­len. Den­noch muß ich mich wohl vor­stel­len, soweit das nicht aus mei­nen Büchern her­vor­geht. Also: Ich kom­me aus dem schwä­bi­schen Teil des All­gäus. Dar­auf bin ich stolz. Außer­dem bin ich der Sohn von Kriegs­ver­bre­chern. Auch dar­auf bin ich stolz …«

Ich lese aus Ins Blaue vor, es ist eine Stel­le vom Ende des Buches:

Die Stadt, das Dorf viel eher, war trotz der Adolf-Hit­ler-Schu­le, der Ordens­burg und der gan­zen Flücht­lin­ge aus allen Tei­len des Reichs doch ein Dorf geblie­ben, mit einem klei­nen, his­to­ri­schen Stadt­kern, eini­gen hüb­schen alten Häu­sern mit präch­ti­gen Male­rei­en an den Fas­sa­den, der lei­se vor sich hin rau­schen­den Iller und, nicht weit davon, der klei­ne­ren Ost­rach. Von Sont­ho­fen nah­men wir die Stra­ße Rich­tung Osten. Hät­te ich mich in die­sem Moment umge­dreht, zurück auf die Stadt geblickt, hät­te ich sie viel­leicht sehen kön­nen, die klei­nen Punk­te am Him­mel, die sich an die­sem 29. April mit gro­ßer Geschwin­dig­keit auf Sont­ho­fen zubewegten.

Die Son­ne war im Osten auf­ge­gan­gen und schien uns gera­de­wegs ins Gesicht. Ich blick­te aus dem Fens­ter, auf die sich empor­re­cken­den Ber­ge. Auf den Gip­feln beweg­te sich etwas, klei­ne Mensch­lein lie­fen in Ket­ten dar­auf her­um, ent­zün­de­ten Rauch­zei­chen, so schien es zumin­dest, Leucht­feu­er viel­leicht, um die neue Zeit gebüh­rend zu emp­fan­gen. Ganz mul­mig wur­de mir dabei, wenn ich dar­an dach­te, und dunk­le Vor­ah­nun­gen oder Erin­ne­run­gen über­ka­men mich.

»Öh-hö-hö!«
Im Bei­fall klingt anhal­ten­der, bei­na­he 30sekündiger Hus­ten mit.
»Wenn’s der Lun­ge schlecht geht, soll­ten Sie viel­leicht vor die Tür gehen.«
»Na, des kommd ned von uns.«
»Das ist da hin­ten. Liegt aber nicht an der Lun­ge. Eher am Alkohol.«
Unver­öf­fent­lich­tes soll heu­te auch vor­ge­tra­gen wer­den. Also von mir. Hier:

»Zypres­sen­sa­men«, erklär­te sie ein­mal und streck­te ihre Hand aus. »Sie reflek­tie­ren das Licht des Mon­des.« Tau­sen­de klei­ne, zyan­blau leuch­ten­de Punk­te schweb­ten über dem Rui­nen­feld und ver­schwan­den, sobald Chris­to nach ihnen zu grei­fen ver­such­te. Nie­mand habe eine Anstren­gung unter­nom­men, die­ses Gebiet wie­der urbar zu machen, sag­te sie, und das sei gut so. Hier fin­de man Din­ge, die man anders­wo in der Stadt nie­mals sehen kön­ne. Hier gebe es wil­de Zie­gen, Sil­ber­füch­se, klei­ne Rehe, Ros­ma­rin, Thy­mi­an, Sal­bei, Milch­ster­ne, Toten­vö­gel, deren Ruf »Komm mit« über die anti­ki­sier­te Hei­de­land­schaft hal­le. Din­ge, die man in der Stadt nie­mals hören, sehen oder rie­chen könne.

»Sagen’s, wie mei­nen Sie des denn mit den Kriegsverbrechern?«
»Na, jeder unse­rer Vor­fah­ren war doch einer. Also, wenn man die fal­schen Leu­te fragt. Jeder Deut­sche hat doch Dreck am Ste­cken. Aber … Moment mal!«

Irgend­wie war es klar, daß es irgend­wann auch ein­mal reicht. Und wenn Men­schen aus­se­hen, als hät­ten sie ein paar in die Fres­se ver­dient, dann liegt das meis­tens dar­an, daß sie ein paar in die Fres­se ver­die­nen. Auf mich scheint das auch zuzu­tref­fen, denn der ers­te Schwin­ger geht genau auf mein Auge. Ich weiß noch, daß ich etwas den­ke wie: »Oh nein, nicht hier, nicht hier in die­ser schö­nen Zeit­kap­sel!«, aber irgend­wer würgt den Stö­ren­fried bereits von hin­ten an der Keh­le. Wie Kon­fir­man­den, denen man in der Kir­che ein Mikro­fon zum rockig into­nier­ten »Gott ist groß« hin­reicht, stiebt die Men­ge aus­ein­an­der, Stüh­le kip­pen um, ein Men­schen­knäu­el fällt auf den Stein­bo­den, zum Glück nicht auf das schö­ne Cembalo.

Ein blon­der Stu­dent oder Arbeits­lo­ser bekommt die Bril­le von der Nase geschla­gen, er hat ein Ohr­fei­gen­ge­sicht. Schnell schrei­ten Leu­te ein, dann Leu­te, die die Ein­schrei­ter zurück­hal­ten. Irgend jemand hat eine hal­be Fla­sche Wein auf mei­nem Hemd aus­ge­kippt. So schnell, wie die Situa­ti­on eska­liert ist, beru­higt sie sich wie­der. Mit Schram­me im Gesicht und wein­durch­setz­tem Gewand erläu­te­re ich eini­gen Zuhö­rern mei­ne Gedan­ken zu den deut­schen Kriegsverbrechern.

»Von Jun­g­eu­ro­pa erwar­te ich nicht weni­ger als eine Schlä­ge­rei.« Ich ste­he mit Kon­rad Weiß bei­sam­men und trin­ke Bier aus Fla­schen, als die­ser Satz fällt. Unter der Zeit­kap­sel, durch alter­tüm­li­che Kata­kom­ben hin­durch und unter modern­dem Gebälk liegt ein ande­rer Raum. Einer, den ich wohl als Indus­trie­kü­che bezeich­nen kann. Bestimmt hat Caro­li­ne Som­mer­feld hier die Kar­tof­feln zube­rei­tet. Hel­les Neon­röh­ren­licht und blit­zen­de Stahl­flä­chen bil­den einen Kon­trast zu dem Ort, an dem das Cem­ba­lo steht und das Kai­ser­reich noch lebt.

Wir tau­schen eini­ge net­te Wor­te aus, Weiß und ich. Kurz dar­auf sind alle Preu­ßen in ihren grau­en Jacken in die reg­ne­ri­sche Wie­ner Nacht entschwunden.

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