Sezession
2. September 2009

Schweinegrippe! Notstand jetzt!

Ellen Kositza

schweinegrippeImpffragen und Verschwörungstheorien sind in unserem Hause eigentlich kein Thema. Das Impfthema war beim ersten Kind dran (wie das unter kritischen Eltern so üblich ist), und wurde nur dann aufgefrischt, wenn durch Briefe der Krankenkasse neue Sera empfohlen wurden.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Und jedesmal bei den obligatorischen Vor- und Grundschuluntersuchungen, wenn wir darlegen sollten, warum unsere Kinder nicht umfassend -- also u.a. gegen Windpocken und Geschlechtskrankheiten -- „durchgeimpft“ sind. Wir sehen das einigermaßen unideologisch -- oder eben naiv, sei´s drum.

Die Beschäftigung mit der umfassenden Weltverschwörung (deren Symptome bekanntlich überall lauern, wenigstens in jedem Tod eines U-60- Politikers, aber auch im Handy- und Internetverkehr) gewöhnen sich die meisten gesunden Menschen dann ab, wenn sie erkennen, das a) solche Fragen nur lähmen und b) unter den zigtausend Protagonisten dieser Verschwörungsaufdeckungsszene die meisten doch allgemein einen Hau weg haben.

Kein seltener Fall ist nun wieder eingetreten: Daß das Impfding mit der Verschwörungstheorie als Kombipackung kommt. Nun ist es erstens so, daß wir gar nicht vorhatten, uns gegen die sogenannte Schweinegrippe impfen zu lassen. Insofern ließen mich die mails von einem halben Dutzend Absender zunächst eher kalt. Zum anderen ist „Das Geschäft mit der Angst“, wie der Titel der Anti-Impf-Bibel eines Gerhard Buchwald lautet, ein doppelbödiges: Meist sind die radikalen Impfgegner ja auch angstbesetzte Typen. Und daß die „Schweinegrippe“-Impfung nicht ohne ist -- unbesehen keine Frage!

Allerdings frage ich mich doch, warum dieser Influenza-Hype in Schüben seit Monaten so hochgekocht wird. Im Januar war ich telefonisch um Teilnahme an einer Umfrage gebeten worden. Irgendein Demoskopie-Institut, nach dem Auftraggeber hatte ich nicht gefragt. Gern doch. Ob ich den Begriff „Pandemie“ erklären könne? Ob mir die Ziffern diverser Warnstufen etwas sagten? Ob ich mich jährlich gegen Grippe impfen ließe? Ob und unter welchen umständen ich mir eine Impfung gegen einen neuen, gefährlichen Grippe-Virus vorstellen könnte?

Bald darauf war Virus A (H1N1) Tagesthema in der Presse. Warum das Ding so heiß, ja hysterisch gehandelt wurde, hat mir noch keiner glaubhaft erklären können. 20.000 Deutsche sterben jährlich an der herkömmlichen Grippe. Der neuen Typus scheint weit harmloser zu sein, von den 15- 25 000 Erkrankten ist noch keiner mit Gewißheit daran gestorben. Mancher Infizierte konnte schon nach Tagen ein Bundesligafußballspiel bestreiten.

Der befürchtete GAU wird ungefähr so beschrieben: Wenn sich Zehntausende gleichzeitig für nur ein paar Tage wegen erhöhter Temperatur und Halskratzen krankmeldeten, könnte es bei Müllabfuhr, Postzustellung, Gesundheitswesen etc. kurzfristig zum Engpaß kommen. Die Schulen haben den Kindern jedenfalls gleich nach den Ferien einen Brief mit der Aufforderung mitgegeben, die Schüler bei Kopf- oder Halsschmerzen unbedingt zu Hause zu lassen. Gut, dann potenziert sich's -- man denke an all die Mütter der symtomgeplagten Kinder, die dann nicht am Arbeitsplatz erscheinen. Mehr nicht? Oder doch? Woher rührt dieser Rummel um Impfkosten und vorweggenommenen Notstand?

Aus Argentinien und ein paar anderen Ländern wird gemeldet, daß die saisonal grassierende Grippe nun nahezu ausschließlich als „Schweinegrippe“ diagnostiziert wird. Die Mortalitätsrate ist deutlich geringer als bei „herkömmlichen“ Grippeviren.

In England können sich Hustende und Schnupfende per Internet oder Telephon eine Diagnose stellen lassen und erhalten dann ohne Arztbesuch das Grippemedikament Tamiflu. England hat nun die höchste Quote mit schwerwiegend Erkrankten. Es heißt, daß die Nebenwirkungen von Tamiflu den Symptomen der Grippe gleichen. In Griechenland (wo's übrigens auch eine Wahlpflicht gibt, deren Nichtbefolgung empfindlich bestraft wird) sollen demnächst sämtliche Bürger geimpft werden, auf Teufel komm raus gewissermaßen.

Hierzulande probt man in Essen seit einigen Wochen den Extremfall und die anstehende Massenimpfung, die Essener Feuerwehr etwa bietet auf ihrer Netzpräsenz eine Nähanleitung für selbstgemachte Schutzmasken an. Denn im Ernstfall, so die Vorstellung, wird alles knapp. Dabei sind die professionellen Maskenmacher noch die kleinsten Profiteure vom antizipierten Notstand. Der Schweizer Pharmakonzern Roche etwa konnte bereits im ersten Halbjahr 2009 den Umsatz mit Tamiflu um 200 Prozent steigern, GlaxoSmithKline verzeichnete eine Steigerung ums Neunfache gegenüber den Vorjahreszeitraum -- es geht jeweils um ein paar Millionen Euro mehr auf der Gewinnseite. Für die Produktion des Impfstoffes verbraucht allein das Dresdener Werk ein paar Tausend Hühnerembryonen (also: keine Eier, sondern Küken kurz vorm Schlüpfen) täglich -- das nebenbei.

Hier hätten wir also den Markt, aber noch keine Verschwörung. Die betritt dort die Manege, wo man den Aussagen von Krebsarzt Dr. Geerd-Ryke Hamer und Helmut Pilhar folgt. Beide geistern seit Jahrzehnten hin und wieder mit ihrer Neuen Germanischen Medizin durch die Schlagzeilen. Deren Grundlage halte ich für fragwürdig -- mindestens. Die beiden debattieren nun darüber, daß durch die Impfung „heimlich“ ein Mikrochip zur ultimativen Menschheitskontrolle ins Gewebe plaziert würde, und sie wähnen, diese Vermutung belegen zu können. Unter Einwirkung von Tamiflu könnten Menschen dann reihenweise ausgeschaltet werden. Ich glaube: Die spinnen. Oder doch nicht? Geht's also um die große Gleichschaltung oder doch nur um Geld für ein paar Pharmakonzerne?

 Impfen lassen werden wir uns trotzdem nicht.


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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