von Uwe Wolff –
Die Welt stand plötzlich Kopf. Bilderlos wie in einem Zisterzienserkloster waren bisher die Wände in unserer Knabenpresse gewesen. Dank der Stiftung eines Münsteraner Bierbrauers hing nun moderne Kunst in Wechselrahmen. Deutschlehrer Simon ließ uns das Bauernmädchen mit seinen roten Händen beschreiben, Paula Modersohn-Becker hatte es gemalt. Dann legte er los: Rot seien die Hände von der harten Arbeit. Wir aber säßen hier nur faul herum! Moderne Kunst sollte offenbar etwas in Bewegung bringen. Einem künstlerischen Impuls folgend, stellte ich das Bild auf den Kopf. Das gab Ärger und Lob zugleich.
Denn unser Kunstlehrer Rolf Busch erzählte, daß im fernen Niedersachsen ein Künstler lebe, der seine Bilder verkehrt herum male. Der Mann hieß Georg Baselitz und hatte soeben für den Preis eines Reihenhäuschens das Schloß Derneburg gekauft. 1972 fuhr ich zur »documenta 5«, traf Joseph Beuys, nahm Abschied vom modernen Künstlertum und wandte mich der »Lady of Shalott« und den Präraffaeliten zu.
Georg Baselitz und ich, wir blieben uns treu. Später wurden wir Nachbarn. Schloß Derneburg liegt im Umkreis. Über Groß Düngen und Hockeln radeln wir in glühender Hitze durchs Tal der Innerste an alten Hagelkreuzen vorbei nach Holle. Natürlich sind wir ganz alte Schule und treten fünfundvierzig Minuten in die Pedale, ohne elektronische Hilfe wie der alte Baselitz, wenn er im Rollstuhl über seine Bilder kurvt. Kunst kommt von Können! Baselitz hatte sein Schloß mit einem schweren Zaun gesichert. Um sein Atelier im Garten streunten Molosser mit wuchtigen Köpfen. Nur einmal in gut vier Jahrzehnten kamen die Einwohner von Holle mit einem Werk des Malers der verkehrten Welt in Berührung. Die Stiftung einer Kreuzigung auf dem Kopf erregte den Unmut der evangelischen Kirchengemeinde. War das nicht Teufelswerk?
Wir sind im kühlen Wald vor dem Schloß angekommen. Hier errichtete der Baumeister Georg Laves einen Teetempel und ein Mausoleum in der Form einer Pyramide für den Grafen zu Münster. Er hatte Schloß Derneburg von seinem König geschenkt bekommen, nachdem es 1807 durch französische Besatzer ruiniert worden war. Der Name des Schlosses bedeutet »Verborgene Burg«, und allerlei Verborgenes wurde seit dem 17. Januar 1213 hinter den Mauern getrieben, als man einen Konvent von Augustiner-Nonnen nach Derneburg verlegte.
Das Kloster war reich ausgestattet, und entsprechend selbstbewußt reagierten die Bewohnerinnen, wenn ihr Lotterleben kritisiert wurde. In Derneburg ging es zu wie in einem Klosterkrimi. Einmal wurde die gesamte geistliche Gemeinschaft exkommuniziert. Es geschahen Morde. Dann versuchte Johann Busch den Orden zu reformieren. Busch hatte als Propst des Hildesheimer Sülte-Klosters die Aufsicht über Derneburg. Sein eigenes Kloster war die später berühmt gewordene Sülte. Nach der Säkularisierung wurde hier eine psychiatrische Anstalt errichtet, deren berühmtester Patient der spätere Frauenmörder Fritz Haarmann war.
Wenn es um Einhaltung der Ordnung ging, war Busch nicht zimperlich. Die Nonnen von Derneburg aber tricksten den Reformator aus. Bei der Inspektion eines Kellers ging er voran, die begleitende Nonne schloß die Falltür und stellte sich drauf. Schließlich wurden die ungehorsamen Schwestern vertrieben. Das Kloster wurde zu einer Besserungsanstalt für leichtfertige Klosterschwestern. Offenbar ist Derneburg ein verfluchter Ort. Wie ist es sonst zu erklären, daß Sophie, die natürliche Tochter des Herzogs von Braunschweig, bald den ganzen Laden aufmischte? Sie erlag den Verführungen eines Kaplans und zog als Wanderhure durch den Ambergau.
Unsere Rast am Mausoleum ist beendet. Wir schieben die Fahrräder über den bewaldeten Hügel, während schwarzgekleidete, halbnackte Frauen mit ihren Freizeitteufeln bei der Gruft eintreffen. In Hildesheim trifft sich gerade die Szene auf dem »M’era Luna Festival«.
Der Maler der verkehrten Welt ist sehr alt geworden und hat sein Schloß im Jahr 2006 an den Hedgefonds- Manager Andrew Hall verkauft. Er soll so reich wie Krösus sein. Der Park ist jetzt am Wochenende für Besucher geöffnet. Wo aber sind die Molosser geblieben? Wir zahlen den Eintritt für das »Kunstmuseum Schloß Derneburg«. Ich bekomme Seniorenrabatt (ab 65). Als wir durch das geöffnete eiserne Gitter schreiten, ärgere ich mich im stillen. Die junge Japanerin an der Kasse hat nicht nach meinem Ausweis gefragt!