Im Umkreis (V): Schloß Derneburg

PDF der Druckausgabe aus Sezession 122/ Oktober 2024

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von Uwe Wolff –

Die Welt stand plötz­lich Kopf. Bil­der­los wie in einem Zis­ter­zi­en­ser­klos­ter waren bis­her die Wän­de in unse­rer Kna­ben­pres­se gewe­sen. Dank der Stif­tung eines Müns­te­ra­ner Bier­brau­ers hing nun moder­ne Kunst in Wech­sel­rah­men. Deutsch­leh­rer Simon ließ uns das Bau­ern­mäd­chen mit sei­nen roten Hän­den beschrei­ben, Pau­la Moder­sohn-Becker hat­te es gemalt. Dann leg­te er los: Rot sei­en die Hän­de von der har­ten Arbeit. Wir aber säßen hier nur faul her­um! Moder­ne Kunst soll­te offen­bar etwas in Bewe­gung brin­gen. Einem künst­le­ri­schen Impuls fol­gend, stell­te ich das Bild auf den Kopf. Das gab Ärger und Lob zugleich.

Denn unser Kunst­leh­rer Rolf Busch erzähl­te, daß im fer­nen Nie­der­sach­sen ein Künst­ler lebe, der sei­ne Bil­der ver­kehrt her­um male. Der Mann hieß Georg ­Base­litz und hat­te soeben für den Preis eines Rei­hen­häus­chens das Schloß Der­ne­burg gekauft. 1972 fuhr ich zur »docu­men­ta 5«, traf Joseph Beuys, nahm Abschied vom moder­nen Künst­ler­tum und wand­te mich der »Lady of Shalott« und den Prä­raf­fae­li­ten zu.

Georg Base­litz und ich, wir blie­ben uns treu. Spä­ter wur­den wir Nach­barn. Schloß Der­ne­burg liegt im Umkreis. Über Groß Dün­gen und Hockeln radeln wir in glü­hen­der Hit­ze durchs Tal der Inners­te an alten Hagel­kreu­zen vor­bei nach Hol­le. Natür­lich sind wir ganz alte Schu­le und tre­ten fünf­und­vier­zig Minu­ten in die Peda­le, ohne elek­tro­ni­sche Hil­fe wie der alte Base­litz, wenn er im Roll­stuhl über sei­ne Bil­der kurvt. Kunst kommt von Kön­nen! Base­litz hat­te sein Schloß mit einem schwe­ren Zaun gesi­chert. Um sein Ate­lier im Gar­ten streun­ten Molos­ser mit wuch­ti­gen Köp­fen. Nur ein­mal in gut vier Jahr­zehn­ten kamen die Ein­woh­ner von Hol­le mit einem Werk des Malers der ver­kehr­ten Welt in Berüh­rung. Die Stif­tung einer Kreu­zi­gung auf dem Kopf erreg­te den Unmut der evan­ge­li­schen Kir­chen­ge­mein­de. War das nicht Teufelswerk?

Wir sind im küh­len Wald vor dem Schloß ange­kom­men. Hier errich­te­te der Bau­meis­ter ­Georg Laves einen Tee­tem­pel und ein Mau­so­le­um in der Form einer Pyra­mi­de für den Gra­fen zu Müns­ter. Er hat­te Schloß Der­ne­burg von sei­nem König geschenkt bekom­men, nach­dem es 1807 durch fran­zö­si­sche Besat­zer rui­niert wor­den war. Der Name des Schlos­ses bedeu­tet »Ver­bor­ge­ne Burg«, und aller­lei Ver­bor­ge­nes wur­de seit dem 17. Janu­ar 1213 hin­ter den Mau­ern getrie­ben, als man einen Kon­vent von Augus­ti­ner-Non­nen nach Der­ne­burg verlegte.

Das Klos­ter war reich aus­ge­stat­tet, und ent­spre­chend selbst­be­wußt reagier­ten die Bewoh­ne­rin­nen, wenn ihr Lot­ter­le­ben kri­ti­siert wur­de. In Der­ne­burg ging es zu wie in einem Klos­ter­kri­mi. Ein­mal wur­de die gesam­te geist­li­che Gemein­schaft exkom­mu­ni­ziert. Es gescha­hen Mor­de. Dann ver­such­te ­Johann Busch den Orden zu refor­mie­ren. Busch hat­te als Propst des Hil­des­hei­mer Sül­te-Klos­ters die Auf­sicht über Der­ne­burg. Sein eige­nes Klos­ter war die spä­ter berühmt gewor­de­ne Sül­te. Nach der Säku­la­ri­sie­rung wur­de hier eine psych­ia­tri­sche Anstalt errich­tet, deren berühm­tes­ter Pati­ent der spä­te­re Frau­en­mör­der Fritz Haar­mann war.

Wenn es um Ein­hal­tung der Ord­nung ging, war Busch nicht zim­per­lich. Die Non­nen von Der­ne­burg aber tricks­ten den Refor­ma­tor aus. Bei der Inspek­ti­on eines Kel­lers ging er vor­an, die beglei­ten­de Non­ne schloß die Fall­tür und stell­te sich drauf. Schließ­lich wur­den die unge­hor­sa­men Schwes­tern ver­trie­ben. Das Klos­ter wur­de zu einer Bes­se­rungs­an­stalt für leicht­fer­ti­ge Klos­ter­schwes­tern. Offen­bar ist Der­ne­burg ein ver­fluch­ter Ort. Wie ist es sonst zu erklä­ren, daß Sophie, die natür­li­che Toch­ter des Her­zogs von Braun­schweig, bald den gan­zen Laden auf­misch­te? Sie erlag den Ver­füh­run­gen eines ­Kaplans und zog als Wan­der­hu­re durch den Ambergau.

Unse­re Rast am Mau­so­le­um ist been­det. Wir schie­ben die Fahr­rä­der über den bewal­de­ten Hügel, wäh­rend schwarz­ge­klei­de­te, halb­nack­te Frau­en mit ihren Frei­zeit­teu­feln bei der Gruft ein­tref­fen. In Hil­des­heim trifft sich gera­de die Sze­ne auf dem »M’era Luna Festival«.

Der Maler der ver­kehr­ten Welt ist sehr alt gewor­den und hat sein Schloß im Jahr 2006 an den Hedge­fonds- Mana­ger Andrew Hall ver­kauft. Er soll so reich wie Krö­sus sein. Der Park ist jetzt am Wochen­en­de für Besu­cher geöff­net. Wo aber sind die Molos­ser geblie­ben? Wir zah­len den Ein­tritt für das »Kunst­mu­se­um Schloß Der­ne­burg«. Ich bekom­me Senio­ren­ra­batt (ab 65). Als wir durch das geöff­ne­te eiser­ne Git­ter schrei­ten, ärge­re ich mich im stil­len. Die jun­ge Japa­ne­rin an der Kas­se hat nicht nach mei­nem Aus­weis gefragt!

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