»Der demokratische Raum ist ohne Grenzen nicht denkbar«

PDF der Druckausgabe aus Sezession 123/ Dezember 2024

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Im Gespräch mit Alain de Benoist

Sezes­si­on: Sehr geehr­ter Herr de Benoist, sowohl der fran­zö­si­schen Nou­vel­le Droi­te als auch der deut­schen Neu­en Rech­ten wird sei­tens ihrer Geg­ner unter­stellt, nicht demo­kra­tisch zu sein – und mehr noch: Es wird behaup­tet, die Rech­te sei ange­tre­ten, um die Demo­kra­tie auf die ein oder ande­re Wei­se zu zer­stö­ren und abzuschaffen.

Sie plä­die­ren in Ihrem Buch Demo­kra­tie: Das Pro­blem dafür, die Demo­kra­tie auch von rechts als Ide­al hoch­zu­hal­ten und best­mög­lich zu prak­ti­zie­ren. Wor­in unter­schei­det sich denn Ihre Vor­stel­lung einer Demo­kra­tie von der geleb­ten Praxis?

de Benoist: Die Behaup­tung, daß »die Rech­te« not­wen­di­ger­wei­se der Feind der Demo­kra­tie sei, ist eine pole­mi­sche Posi­ti­on ohne wis­sen­schaft­li­chen Wert, die zur Dele­gi­ti­mie­rung dient und von Akti­vis­ten ver­tre­ten wird, die sich ein für alle­mal eine phan­tas­ti­sche Vor­stel­lung von »der Rech­ten« gebil­det haben und die Rea­li­tät ableh­nen, wenn sie nicht mit ihrer Illu­si­on übereinstimmt.

Ich bin ein ent­schie­de­ner Ver­fech­ter der Demo­kra­tie, und zwar aus zwei wesent­li­chen Grün­den: Der ers­te ist, daß das Volk (und die Völ­ker) in mei­nen poli­ti­schen Ideen eine zen­tra­le Rol­le spie­len, und der zwei­te, daß ich die libe­ra­le Ideo­lo­gie ableh­ne, die ich mit der Demo­kra­tie nicht ver­wechs­le. Die Völ­ker sind in mei­nen Augen die his­to­ri­schen Sub­jek­te unse­rer Zeit, und die Volks­sou­ve­rä­ni­tät ist die Grund­la­ge der poli­ti­schen Legitimität.

In dem his­to­ri­schen Moment, in dem wir leben, sehe ich zudem deut­lich, daß es heu­te die Völ­ker sind, die man mund­tot zu machen ver­sucht. Schließ­lich sehe ich die all­ge­mei­ne Kri­se der libe­ra­len Demo­kra­tie, die nun offen zuta­ge getre­ten ist. Immer mehr Men­schen wird bewußt, daß die libe­ra­le Demo­kra­tie ein Oxy­mo­ron, ein Wider­spruch in sich ist – und daß die Lösung für die­se Kri­se nicht in weni­ger, son­dern in mehr Demo­kra­tie zu suchen ist.

Sezes­si­on: Wür­den Sie Unter­schied und Unver­ein­bar­keit, die Sie zwi­schen Demo­kra­tie und Libe­ra­lis­mus wahr­neh­men, präzisieren?

de Benoist: Demo­kra­tie impli­ziert die sou­ve­rä­ne Macht des Demos oder, wenn man es vor­zieht, die Volks­sou­ve­rä­ni­tät als ver­fas­sungs­ge­ben­de Gewalt. Die Demo­kra­tie ist die Regie­rungs­form, die dem Grund­satz der Iden­ti­tät der Ansich­ten von Regie­ren­den und Regier­ten ent­spricht, wobei die pri­mä­re Iden­ti­tät die­je­ni­ge eines kon­kret exis­tie­ren­den Vol­kes ist, das für sich selbst als poli­ti­sche Ein­heit exis­tiert. Alle Bür­ger, die die­ser poli­ti­schen Ein­heit ange­hö­ren, sind for­mal gleich.

Libe­ra­lis­mus ist etwas ganz ande­res. Wäh­rend das Poli­ti­sche weder eine »Sphä­re« noch ein von ande­ren getrenn­ter Bereich ist, son­dern eine ele­men­ta­re Dimen­si­on jeder mensch­li­chen Gesell­schaft oder Gemein­schaft, ist der Libe­ra­lis­mus eine Dok­trin, die die Gesell­schaft poli­tisch in eine Rei­he von »Sphä­ren« unter­teilt und behaup­tet, daß die »wirt­schaft­li­che Sphä­re« gegen­über der poli­ti­schen Macht auto­nom gemacht wer­den müs­se. Die Wirt­schaft, die ursprüng­lich als Reich der Not­wen­dig­keit ange­se­hen wur­de, wird so zum Reich der Frei­heit par excellence.

Im libe­ra­len Sin­ne neu defi­niert ist die Demo­kra­tie nicht mehr das Sys­tem, das die Sou­ve­rä­ni­tät des Vol­kes fest­schreibt, son­dern das Sys­tem, das »die Men­schen­rech­te garan­tiert«. Die Men­schen­rech­te über­wie­gen die Volks­sou­ve­rä­ni­tät so sehr, daß die Volks­sou­ve­rä­ni­tät nur noch respek­tiert wird, wenn sie nicht im Wider­spruch zu den Menschenrechten
steht: Die Aus­übung der Demo­kra­tie wird also an Bedin­gun­gen geknüpft.

Die libe­ra­le Demo­kra­tie geht zwangs­läu­fig Hand in Hand mit dem libe­ra­len Indi­vi­dua­lis­mus und sei­ner Vor­stel­lung einer gänz­lich »nega­ti­ven« Frei­heit, die nur das Indi­vi­du­um, nie­mals aber die Gemein­schaft oder das Kol­lek­tiv betrifft. Dies erklärt, war­um der Libe­ra­lis­mus dem Begriff der Sou­ve­rä­ni­tät grund­sätz­lich ableh­nend gegen­über­steht – außer natür­lich der Sou­ve­rä­ni­tät des ein­zel­nen. Für ihn ist jede Form von Sou­ve­rä­ni­tät, die über das Indi­vi­du­um hin­aus­geht, eine Bedro­hung sei­ner Freiheit.

Sezes­si­on: Ihre Argu­men­ta­ti­on reicht aber noch nicht hin, die Kom­bi­na­ti­on aus Libe­ra­lis­mus und Demo­kra­tie als Oxy­mo­ron zu bezeich­nen, also als einen in sich wider­sprüch­li­chen Beschrei­bungs­ver­such. Wo wider­spricht der Libe­ra­lis­mus der Demo­kra­tie fundamental?

de Benoist: Der Libe­ra­lis­mus hat nie akzep­tiert, daß der Wil­le des Vol­kes immer respek­tiert wer­den muß, denn er erkennt kei­ne demo­kra­ti­schen Ent­schei­dun­gen als gül­tig an, die den libe­ra­len Grund­sät­zen oder der Ideo­lo­gie der Men­schen­rech­te zuwi­der­lau­fen könn­ten. Da er dem Volk miß­traut, miß­traut er auch dem all­ge­mei­nen Wahl­recht und hat ver­sucht, des­sen Aus­wei­tung zu ver­hin­dern, ganz beson­ders in Frank­reich, wo die Libe­ra­len viel stär­ker als anders­wo von einer ratio­na­lis­ti­schen Tra­di­ti­on geprägt sind, die dar­auf abzielt, die öffent­li­che Mei­nung zu disqualifizieren.

Dar­über hin­aus hielt er am Prin­zip der Reprä­sen­ta­ti­on fest: Alle libe­ra­len Demo­kra­tien sind auch reprä­sen­ta­ti­ve par­la­men­ta­ri­sche Demo­kra­tien, was bedeu­tet, daß in ihnen die par­la­men­ta­ri­sche Sou­ve­rä­ni­tät an die Stel­le der Volks­sou­ve­rä­ni­tät tritt. Für den Libe­ra­lis­mus hat die Staats­ge­walt grund­sätz­lich nicht die Voll­macht, die Gesell­schaft zu füh­ren, son­dern sie zu reprä­sen­tie­ren. Das Volk ist aber inso­fern nicht dazu beru­fen, sich ver­tre­ten zu las­sen, als es nur dann wirk­lich sou­ve­rän ist, wenn es in sich selbst gegen­wär­tig ist und somit in der Geschich­te han­deln kann.

In jeder reprä­sen­ta­ti­ven Regie­rung gibt es einen kla­ren anti­de­mo­kra­ti­schen Ein­schlag, was Rous­se­au sehr wohl gese­hen hat: »Sobald ein Volk Ver­tre­ter ernennt, ist es nicht mehr frei, exis­tiert es nicht mehr.« (Der Gesell­schafts­ver­trag, III, 15) Die poli­ti­sche Par­ti­zi­pa­ti­on ist dort in der Tat auf die Wahl beschränkt, was bedeu­tet, daß der Demos nicht mehr Akteu­re umfaßt, son­dern nur noch Wäh­ler. Die Wäh­ler sind nur am Tag der Wahl sou­ve­rän. Vom nächs­ten Tag an wird ihre Sou­ve­rä­ni­tät von den Ver­tre­tern ver­ein­nahmt, die sie gewählt haben. Wenn eine Wahl statt­ge­fun­den hat, sagt man, daß »das Volk gespro­chen hat«, was nichts ande­res bedeu­tet, daß es von nun an zu schwei­gen hat.

Sezes­si­on: Was wäre denn eine Demo­kra­tie mehr als ab und an eine Wahl?

de Benoist: Das Prin­zip der Demo­kra­tie besteht dar­in, die poli­ti­sche Legi­ti­mi­tät und die ver­fas­sungs­ge­ben­de Gewalt dem Volk zuzu­schrei­ben (Regie­rung durch das Volk und für das Volk), da das Volk allein berech­tigt ist, Geset­ze zu erlas­sen, die aus dem kol­lek­ti­ven Wil­len her­vor­ge­hen. Die Demo­kra­tie legt fest, daß die Zustim­mung sowohl der Ursprung als auch die Gren­ze der Macht ist. Sie ermög­licht somit den Aus­druck eines all­ge­mei­nen Wil­lens, der sich nicht auf die Addi­ti­on der Ein­zel­wil­len redu­zie­ren läßt, und vor allem ist sie das ein­zi­ge Sys­tem, das die Betei­li­gung aller Bür­ger an den öffent­li­chen Ange­le­gen­hei­ten ermög­licht. Die ein­zi­ge und aus­schließ­li­che Legi­ti­ma­ti­on der Demo­kra­tie ist die Volkssouveränität.

Am Ende des 19. Jahr­hun­derts wur­den oft zwei tra­di­tio­nel­le Kri­ti­ken an der Demo­kra­tie vor­ge­bracht, die sehr unter­schied­li­cher Natur waren. Auf der Rech­ten wur­de ihr vor­ge­wor­fen, das Gesetz der Zahl zu ver­an­kern; auf der Lin­ken klag­te man sie an, die poli­ti­sche Debat­te zu befrie­den, indem sie die Klas­sen­ge­gen­sät­ze aus­ra­diert (das war die Posi­ti­on von ­Geor­ges ­Sor­el und den revo­lu­tio­nä­ren Syn­di­ka­lis­ten). Auf der einen Sei­te die Demo­kra­tie als Ver­kör­pe­rung der Herr­schaft der Quan­ti­tät, auf der ande­ren die Mys­ti­fi­zie­rung des »sozia­len Frie­dens«. Das Argu­ment der gro­ßen Zahl ist nicht viel wert.

Die Rech­te hat lan­ge Zeit geglaubt, daß das all­ge­mei­ne Wahl­recht dar­auf hin­aus­läuft, der »Men­ge« (Gust­ave Le Bon) oder den »Mas­sen« (José Orte­ga y Gas­set) die Auf­ga­be zu über­tra­gen, über die Wahr­heit zu ent­schei­den, und hat damit para­do­xer­wei­se die libe­ra­le Idee über­nom­men, daß ein Volk nur eine zufäl­li­ge Addi­ti­on von Indi­vi­du­en ist und kei­ne orga­ni­sche Ein­heit mit Eigen­schaf­ten und Fähig­kei­ten als sol­che. Ein Volk ist jedoch nicht ein­fach eine Sum­me von Indi­vi­du­en, son­dern eine Grup­pe von Bür­gern, die durch gemein­sa­me Geschich­te, Kul­tur und Sit­ten mit­ein­an­der ver­bun­den sind.

Das all­ge­mei­ne Wahl­recht soll auch nicht über die Wahr­heit ent­schei­den, hat es auch nie getan. Es ist nur eine Tech­nik unter vie­len, mit der man her­aus­fin­den kann, was die Mehr­heit des Vol­kes will, und mit der man die Über­ein­stim­mung (oder die Unei­nig­keit) zwi­schen Regier­ten und Regie­ren­den, der ein­set­zen­den Macht und der ein­ge­setz­ten Macht, über­prü­fen kann.

Sezes­si­on: Wer soll wäh­len dür­fen? Wer soll der Trä­ger der Volks­sou­ve­rä­ni­tät sein?

de Benoist: Für die Beant­wor­tung die­ser Fra­ge ist der Schlüs­sel­be­griff der des Bür­gers, der zumin­dest auf die römi­sche Repu­blik zurück­geht. Im Gegen­satz zu dem, was Libe­ra­le behaup­ten, gilt in der Demo­kra­tie nicht der Grund­satz »ein Mann – eine Stim­me«, son­dern »ein Bür­ger – eine Stim­me«. Ihre Grund­la­ge ist nicht die natür­li­che Gleich­heit der Men­schen oder die abso­lu­te Gleich­heit, son­dern die poli­ti­sche Gleich­heit der Bür­ger einer bestimm­ten Gesell­schaft, die glei­che poli­ti­sche Rech­te genie­ßen, weil sie alle glei­cher­ma­ßen Bür­ger sind.

Dar­aus folgt, daß es nur dort eine Demo­kra­tie geben kann, wo man zwi­schen Bür­gern und Nicht­bür­gern unter­schei­den kann. Nicht­bür­gern die glei­chen Rech­te wie Bür­gern zuzu­ge­ste­hen ist eine ein­deu­tig anti­de­mo­kra­ti­sche Maß­nah­me. Der demo­kra­ti­sche Raum ist ohne Gren­zen nicht denk­bar. Wie Marx rich­tig erkannt hat, ste­hen die Bür­ger­rech­te hier im Gegen­satz zu den Men­schen­rech­ten, die kei­ne Rück­sicht auf natio­na­le Gren­zen neh­men, wel­che kon­kre­te poli­ti­sche Ord­nun­gen von­ein­an­der abgrenzen.

Sezes­si­on: Dür­fen wir sagen, daß das »Lob des Bür­gers« aus Ihrem Mun­de uns ver­blüfft? Der Bür­ger ist Ihrer Auf­fas­sung nach doch der­je­ni­ge, der wägt und nicht ris­kiert, der sich immer einpaßt und nie revol­tiert, oder? Was mei­nen Sie also, wenn Sie im Zusam­men­hang mit unse­rem The­ma vom Bür­ger spre­chen? Ist er der­je­ni­ge, der die Über­ein­stim­mung der Wäh­ler unter­ein­an­der garan­tie­ren kann?

de Benoist: Demo­kra­tie setzt nicht nur die Exis­tenz eines Vol­kes vor­aus, son­dern auch die Exis­tenz eines Ter­ri­to­ri­ums, in dem die­ses Volk lebt. Es ist kein Zufall, daß das demo­kra­ti­sche Auf­blü­hen im 19. Jahr­hun­dert mit dem­je­ni­gen der Natio­na­li­tä­ten ein­her­ging. Bereits in Grie­chen­land war es die Stadt, die die Demo­kra­tie ermög­lich­te. Das demo­kra­ti­sche Prin­zip kann nur in einem klar umgrenz­ten Rah­men aus­ge­übt wer­den. Aber man muß auch den Unter­schied zwi­schen einer orga­ni­schen, sub­stan­ti­el­len Demo­kra­tie und einer libe­ra­len, pro­ze­du­ra­len, theo­re­tisch reprä­sen­ta­ti­ven Demo­kra­tie erken­nen, in der sich die Ver­tre­ter der herr­schen­den Kas­te jedoch nur wäh­len oder wie­der­wäh­len las­sen, um die ihnen anver­trau­te Sou­ve­rä­ni­tät bes­ser zu ihren Guns­ten in Beschlag neh­men zu können.

Die libe­ra­le Demo­kra­tie redu­ziert sich auf die Wahl von Regie­ren­den, die in ers­ter Linie auf ihre Inter­es­sen und ihr Über­le­ben bedacht sind, und weist ihnen die ein­zi­ge Rol­le zu, die sub­jek­ti­ven Rech­te des ein­zel­nen zu garan­tie­ren und abs­trak­te, unper­sön­li­che Regeln ein­zu­hal­ten, die die Markt­ord­nung för­dern. Die sub­stan­ti­el­le Demo­kra­tie will vor allem die gegen­sei­ti­ge Aner­ken­nung zwi­schen den Bür­gern gewähr­leis­ten, die sich aus ihrer glei­chen Eigen­schaft als Bür­ger ergibt. Ihr Ziel ist es, alle Bür­ger in die Lage zu ver­set­zen, ihre Auto­no­mie glei­cher­ma­ßen zu genießen.

Im Gegen­satz zum Libe­ra­lis­mus ver­sucht die Demo­kra­tie nicht, Pro­ble­me allein aus der Sicht des ein­zel­nen zu lösen. Sie macht das Indi­vi­du­um nicht zum ein­zi­gen Rechts­sub­jekt, son­dern pos­tu­liert, daß ein Volk nur dann als frei und auto­nom bezeich­net wer­den kann, wenn es auch sou­ve­rän ist. Sie weiß, daß Huma­ni­tät kein poli­ti­sches Kon­zept ist (und nie­mals sein wird). Sie besteht nicht dar­in, Min­der­hei­ten zu bevor­zu­gen, son­dern dem zuzu­stim­men, was Mehr­hei­ten wol­len. Sie sieht in der wirt­schaft­li­chen Frei­heit nicht die Grund­la­ge für alle ande­ren Frei­hei­ten, setzt die­se Frei­heit nicht abso­lut und glaubt, daß selbst das Eigen­tums­recht nicht frei ist von gewis­sen Ein­schrän­kun­gen. In die­sem Sin­ne kann man mit Carl Schmitt sagen, daß eine Demo­kra­tie um so weni­ger demo­kra­tisch ist, je libe­ra­ler sie ist.

Sezes­si­on: Wie bekannt ist, ver­fol­gen Sie immer sehr genau, was in Deutsch­land pas­siert. Es dürf­te Ihnen also nicht ent­gan­gen sein, daß die AfD bei den kürz­lich erfolg­ten Land­tags­wah­len in Thü­rin­gen zwar zur stärks­ten Kraft wur­de, jedoch durch ver­schie­de­ne juris­ti­sche Mecha­nis­men prak­tisch von der kon­kre­ten demo­kra­ti­schen Mit­wir­kung aus­ge­schlos­sen ist. In Frank­reich ist es noch absur­der, denn es steht nicht zu hof­fen, daß der RN irgend­wann mehr als 50 Pro­zent der Staats­bür­ger von sich über­zeugt. Also, Hand aufs Herz: Sind die Ver­su­che von rechts, die Gestal­tungs­macht demo­kra­tisch zu erlan­gen, nicht grund­sätz­lich zum Schei­tern verurteilt?

de Benoist: Die bei­den von Ihnen zitier­ten Fäl­le sind per­fek­te Bei­spie­le dafür, wie die libe­ra­le Demo­kra­tie ver­sucht, die Regeln der Demo­kra­tie zu ver­let­zen, wann immer ihre Inter­es­sen auf dem Spiel ste­hen. Das ist nichts Neu­es, aber man muß fest­stel­len, daß es mit stei­gen­dem Oppositions­niveau immer schwie­ri­ger wird, die Ergeb­nis­se einer Wahl zu übergehen.

Der Volks­zorn, der heu­te zusam­men mit der wach­sen­den Dis­kre­di­tie­rung der Medi­en und der tra­di­tio­nel­len poli­ti­schen Klas­se die Haupt­trieb­fe­der für den Auf­stieg des Popu­lis­mus ist, wird nicht so schnell nach­las­sen, denn die Umstän­de, die ihn her­vor­ge­ru­fen haben, sind immer noch vor­han­den. Über­all sind die »Brand­mau­ern« dabei, zusam­men­zu­bre­chen. Es gibt kei­nen Grund zu der Annah­me, daß sich der gegen­wär­ti­ge Trend nicht noch ver­stär­ken und ver­tie­fen wird, wie er es in den letz­ten Jah­ren getan hat.

Frü­her glaub­te man, daß es eine »glä­ser­ne Decke« gäbe, wel­che Pro­test­be­we­gun­gen nicht durch­bre­chen könn­ten. Die­se »glä­ser­ne Decke« wur­de in Wirk­lich­keit immer wei­ter nach oben gescho­ben. Wenn man wie ­Mari­ne Le Pen über 40 Pro­zent der Wäh­ler­stim­men erhält, ist es kein uner­reich­ba­res Ziel, auf 50 Pro­zent zu kom­men. Wenn eine Über­schwem­mung zu stark wird, bre­chen irgend­wann alle Däm­me. Lenin sag­te, daß es zu einem Sys­tem­bruch kommt, wenn man »oben nicht mehr kann« und »unten nicht mehr will«. Wir sind nicht weit davon ent­fernt. Ver­ges­sen Sie nicht, daß sich gro­ße poli­ti­sche Ver­än­de­run­gen in Deutsch­land in der Regel lang­sa­mer voll­zie­hen als anders­wo – wenn sie aber ein­tre­ten, sind sie nachhaltiger.

Sezes­si­on: Wie sieht denn ein kon­kre­ter Weg aus, die­se Gestal­tungs­macht zu erlan­gen? Sie schrei­ben selbst, und zwar seit Jahr­zehn­ten, die euro­päi­schen Gesell­schaf­ten sei­en durch den Libe­ra­lis­mus so frag­men­tiert wie nie, soll hei­ßen: Ein gemein­sa­mer Wil­le ist nicht zu erken­nen, ein volk­li­ches Kol­lek­tiv vie­ler­orts undenk­bar. Machen wir uns etwas vor, wenn wir dar­auf set­zen, durch eine Kul­tur­re­vo­lu­ti­on (Gramsci) oder den Popu­lis­mus (Trump) die Mei­nung der Mas­sen für uns gewin­nen zu können?

de Benoist: Die For­mel »Kul­tur­re­vo­lu­ti­on plus Popu­lis­mus« gefällt mir sehr gut. Die Völ­ker sind immer noch da, die Unter­schich­ten sind immer noch da. Sie sind einem media­len Trom­mel­feu­er aus­ge­setzt, aber sie schen­ken nur noch weni­gen ihr Ver­trau­en. Wie Charles Péguy sag­te, haben sie begon­nen, »zu sehen, was sie sehen«.

Natür­lich lei­den sie unter den zer­set­zen­den Aus­wir­kun­gen des Indi­vi­dua­lis­mus und der Auf­lö­sung der sozia­len Bin­dun­gen. Aber unter ange­spann­ten Umstän­den taucht die­se Ver­bin­dung wie­der auf: Das hat man bei der Revol­te der Gelb­wes­ten deut­lich gese­hen, die man getrost als eine Art Gene­ral­pro­be betrach­ten darf. Das all­zu oft sei­ner Kul­tur ent­frem­de­te Volk hat nicht immer kla­re Vor­stel­lun­gen, aber im all­ge­mei­nen sehr siche­re Instinkte.

Davon zeugt die immer stär­ke­re Ableh­nung der Euro­pä­er gegen­über einer mas­si­ven, schnel­len Ein­wan­de­rung, die sozia­le Patho­lo­gien von gro­ßem Aus­maß her­vor­ruft und die die Men­schen nicht mehr ertra­gen – nicht aus »Ras­sis­mus«, son­dern weil sie das Gefühl haben, selbst zu Frem­den in ihrem eige­nen Land zu wer­den. Die­se vita­len Instink­te müs­sen noch ins kla­re Bewußt­sein geho­ben wer­den, es muß sogar das Bewußt­sein die­ses Bewußt­seins erlangt wer­den. Das ist in etwa der Unter­schied, den man frü­her zwi­schen der »Klas­se an sich« und der »Klas­se für sich« mach­te. Der jun­ge Lukács hat zu die­sem The­ma ent­schei­den­de Sei­ten geschrieben.

Sezes­si­on: Trotz der vie­ler­orts star­ken Wahl­er­geb­nis­se rech­ter Par­tei­en, zuletzt sogar samt Regie­rungs­be­tei­li­gung in eini­gen Staa­ten, scheint die poli­ti­sche Rech­te in Euro­pa aktu­ell rat­los zu sein. Es ist weni­ger ein all­ge­mei­ner Defä­tis­mus als eine Rat­lo­sig­keit hin­sicht­lich der rich­ti­gen Stra­te­gie. Gilt es nun, etwa in Deutsch­land und Öster­reich, mit allen Kräf­ten die alter­na­ti­ven Par­tei­en zu unter­stüt­zen? Auch unter Preis­ga­be zen­tra­ler welt­an­schau­li­cher Stand­punk­te? Wie sieht unse­re Auf­ga­be als »Vor­feld« kon­kret aus? Was hat sich geän­dert? (Es gibt in der Rech­ten ja eine gro­ße Begeis­te­rung für Ernst von ­Salo­mon und die Freikorps …)

de Benoist: Sie haben recht: Die poli­ti­sche Rech­te in Euro­pa ist heu­te rat­los und weiß nicht so recht, wel­che Stra­te­gie sie ver­fol­gen soll. Aber man muß genau­er sein: Die wich­tigs­te Tat­sa­che ist, daß die »star­ken Wahl­er­geb­nis­se der rech­ten Par­tei­en«, von denen Sie spre­chen, weni­ger das Ergeb­nis einer bewuß­ten Stra­te­gie sind als viel­mehr die Fol­ge einer
Rei­he von Grund­wel­len, die vie­le nicht haben kom­men sehen. Aus kon­ser­va­ti­ven Grün­den neigt die Rech­te dazu, anzu­neh­men, daß sich die ideo­lo­gi­schen und poli­ti­schen Kämp­fe der Zukunft nicht grund­le­gend von denen der Ver­gan­gen­heit unter­schei­den wer­den. Das ist ein biß­chen wie bei Mili­tärs, die sich vor­stel­len, daß der nächs­te Krieg nach dem Mus­ter des vor­he­ri­gen ablau­fen wird.

Die Rech­te ach­tet nicht genug auf die Grund­wel­len, auf die Ent­wick­lung der Stim­mung in der Arbei­ter­klas­se. Sie glaubt an ein­fa­che kau­sa­le Effek­te, ohne den sys­te­mi­schen Cha­rak­ter des­sen zu sehen, was sich dem indi­vi­du­el­len Wil­len ent­zieht. Sie schließt sich den Phä­no­me­nen an, die sie schätzt, aber ohne eine Ana­ly­se vor­zu­neh­men, die es ihr erlau­ben wür­de, dar­auf zu hof­fen, sie anzu­füh­ren. Sie trös­tet sich mit einem Blick in den Rück­spie­gel auf die Ver­gan­gen­heit. Aber es reicht nicht, Ernst von Salo­mon und das Epos der Frei­korps zu bewun­dern, um sich dem Neu­en zu stel­len. Auch ich lie­be von Salo­mon und bewun­de­re die Frei­korps (obwohl ich mir gewünscht hät­te, daß sie Gus­tav Land­au­er, den ich auch lie­be, nicht ermor­det hätten!).

Wir leben im Zeit­al­ter der Künst­li­chen Intel­li­genz und der Explo­si­on der Bio­tech­no­lo­gie. Man hat das Recht, nost­al­gisch zu sein (alle gro­ßen Revo­lu­tio­nä­re waren gro­ße Nost­al­gi­ker), aber wenn sich Geschich­te wie­der­holt, dann meist in Form einer Par­odie. In Inter­re­gnum-Situa­tio­nen gibt es nichts Schlim­me­res, als zu ver­su­chen, das nie zuvor Gese­he­ne mit ver­al­te­ten kon­zep­tio­nel­len Werk­zeu­gen zu ana­ly­sie­ren und zu verstehen.

Man muß nach vor­ne schau­en, die Welt, die kommt, auf­merk­sam beob­ach­ten und, wann immer nötig, die not­wen­di­gen »schmerz­haf­ten Revi­sio­nen« vor­neh­men. Vor allem darf man nicht der Ver­su­chung nach­ge­ben, von uni­ver­sel­len Wer­ten oder lee­ren abs­trak­ten Wör­tern aus­ge­hend zu spe­ku­lie­ren, wel­che nur Man­tras und Slo­gans erzeu­gen. Zurück zur Rea­li­tät! Zurück zum Kon­kre­ten! Zurück zu den beson­de­ren Situationen!

Sezes­si­on: Auch wenn die­se Fra­ge oft viel zu schnell im Raum steht und vor allem als popu­lis­ti­sche Flos­kel bekannt gewor­den ist, will ich Sie fra­gen: Leben wir Euro­pä­er noch in poli­ti­schen Sys­te­men, die mit Fug und Recht als »Demo­kra­tien« bezeich­net wer­den kön­nen? Und falls nicht, wo beginnt der Über­gang zur Tyrannei?

de Benoist: Das ist in der Tat ein The­ma, über das heu­te viel gespro­chen wird, ent­we­der um die »Kri­se der Demo­kra­tie« zu beschwö­ren oder um den »sanf­ten Tota­li­ta­ris­mus« anzu­pran­gern, der sich in Gesell­schaf­ten der all­ge­mei­nen Über­wa­chung und Kon­trol­le eta­bliert. Ich für mei­nen Teil wür­de sagen, daß die Demo­kra­tie bereits ver­schwun­den ist. Von ihr sind nur noch for­ma­le Ver­fah­ren übrig­ge­blie­ben, die ihr kaum noch ent­spre­chen. Die Kri­se der Reprä­sen­ta­ti­on ist all­ge­mein. Die west­li­chen libe­ra­len Demo­kra­tien haben sich, wie ich bereits sag­te, in Finanz­oligarchien ver­wan­delt, deren Effi­zi­enz in ihrer Fähig­keit liegt, zu ver­su­chen, die Oppo­si­ti­on zu entwaffnen.

Eine ein­fa­che Beob­ach­tung: Ist es noch mög­lich, an die Macht zu gelan­gen, wenn man die Kom­mer­zia­li­sie­rung der Welt, die Herr­schaft des Kapi­tals und die Hege­mo­nie der Finanz­märk­te radi­kal in Fra­ge stellt? Wo beginnt die »Tyran­nei«? Sie beginnt in dem Moment, in dem man zwar ritu­ell den Plu­ra­lis­mus lobt, aber eine Gleich­schal­tung durch­führt, die das Aus­maß der Mei­nungs­frei­heit soweit wie mög­lich ein­zu­schrän­ken sucht.

Dar­in besteht das »Ein­heits­den­ken«, das zusam­men mit dem Wokis­mus die poli­ti­sche Kor­rekt­heit abge­löst hat. Es ist jedoch klar, daß die Din­ge noch viel wei­ter gehen wer­den. Wir bewe­gen uns auf das Ende eines Zyklus und auf ech­te anthro­po­lo­gi­sche Brü­che zu. Hier müs­sen wir uns an das erin­nern, wovon Heid­eg­ger for­der­te, es als »neu­en Anfang« zu denken.

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