Parlamentarismus und Demokratie

PDF der Druckausgabe aus Sezession 123/ Dezember 2024

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph.

Der Herbst des Jah­re 2024 hat­te in Deutsch­land poli­tisch eini­ges zu bie­ten. Der Pau­ken­schlag der Land­tags­wah­len in Sach­sen, Thü­rin­gen und Bran­den­burg brach­te nicht nur der AfD neue Rekord­ergeb­nis­se, das neu­ge­grün­de­te Bünd­nis Sahra Wagen­knecht (BSW) wur­de, dank der Anti-AfD-Brand­mau­er, bei den ers­ten Wah­len sofort an die Ver­hand­lungs­ti­sche der Regie­rungs­bil­dung kata­pul­tiert. Das Alt­par­tei­en­kar­tell weiß bis heu­te nicht, ob es dar­über froh sein soll, denn das BSW ziert sich in Thü­rin­gen und Sach­sen, will den Nim­bus der grund­sätz­li­chen Oppo­si­ti­on nicht zu schnell aus der Hand geben.

Das Ende der Ampel­ko­ali­ti­on im Bund und die abseh­ba­ren Neu­wah­len wer­den die Nei­gung des BSW, auf Zeit zu spie­len, bestär­ken. In Bran­den­burg scheint dage­gen alles wie am Schnür­chen zu lau­fen. Der dor­ti­ge BSW-Chef, Robert Crum­bach, war 40 Jah­re lang in der SPD. Es drängt sich die Fra­ge nach dem Nut­zen und dem Sinn selbst bes­ter Wahl­er­geb­nis­se auf. Denn die AfD konn­te zwar in allen drei Bun­des­län­dern nicht nur rund ein Drit­tel der Wäh­ler­stim­men auf sich ver­ei­nen, son­dern ver­fügt in den Land­ta­gen von Thü­rin­gen und Bran­den­burg (in Sach­sen fehlt dazu nur ein Sitz) auch über eine Sperr­mi­no­ri­tät von mehr als einem Drit­tel der Sitze.

Gleich­zei­tig wird sie aber, wenn es kei­ne Neu­wah­len gibt, wei­te­re fünf Jah­re lang aben­teu­er­li­chen Koali­tio­nen oder tole­rier­ten Min­der­heits­re­gie­run­gen bei der Arbeit zuse­hen. Denn ganz offen­sicht­lich gel­ten die her­kömm­li­chen Regeln, die dem Wahl­sie­ger die Initia­ti­ve zur Regie­rungs­bil­dung über­las­sen, für die AfD nicht. Die Alt­par­tei­en sind noch nicht ein­mal bereit, der größ­ten Land­tags­frak­ti­on das zuzu­ge­ste­hen, was gern als »geleb­te par­la­men­ta­ri­sche Pra­xis« bezeich­net wird: den Pos­ten des Landtagspräsidenten.

Die tur­bu­len­te kon­sti­tu­ie­ren­de Sit­zung des Thü­rin­ger Par­la­ments hat die­se Ungleich­be­hand­lung sicht­bar gemacht. Nach Auf­fas­sung der Alt­par­tei­en wur­de auf die­se Wei­se die »Macht­er­grei­fung« der AfD ver­hin­dert. Dabei kam ihnen der Umstand zupaß, daß das Lan­des­ver­fas­sungs­ge­richt, das zur Klä­rung der strit­ti­gen Fra­gen der Tages­ord­nung und des Wahl­pro­ze­de­res ange­ru­fen wur­de, eben­falls ein Organ der Alt­par­tei­en ist. (1) Wozu der Auf­wand? Ein Land­tags­prä­si­dent hat zwar pro­to­kol­la­risch eine wich­ti­ge Posi­ti­on, über all­zu­viel Gestal­tungs­macht ver­fügt er nicht.

Es geht also um Sym­bol­po­li­tik, um das Bestre­ben, der AfD den wich­ti­gen meta­po­li­ti­schen Erfolg des ers­ten Land­tags­prä­si­den­ten zu ver­weh­ren. Aber nicht nur. Es ging auch dar­um, ange­sichts der fra­gi­len Mehr­heits­ver­hält­nis­se im Land­tag ein meta­po­li­ti­sches Signal nach außen zu sen­den: Wir sind Herr der Lage und hal­ten die AfD von der Macht fern. Nun ist der Par­la­men­ta­ris­mus in den Bun­des­län­dern schon immer eine Ange­le­gen­heit gewe­sen, die kaum den Erwar­tun­gen gerecht wur­de. (2) Denn auf die grund­sätz­li­chen und ideo­lo­gisch bedeut­sa­men Fra­gen hat ein Län­der­par­la­ment kei­ner­lei Ein­fluß. (3)

Erst dann, wenn eine grund­sätz­lich anders gestimm­te Par­tei als Feind wahr­ge­nom­men wird, ergibt sich wie­der dis­kur­si­ver Spiel­raum für das Par­la­ment, auch wenn die­ser in der Regel für Pseu­do­de­bat­ten genutzt wird, da weder über die Aus­län­der­po­li­tik noch die NATO- Mit­glied­schaft oder die Kli­ma­wen­de auf Lan­des­ebe­ne ent­schie­den wird. (4) Ent­schie­den wer­den kann aber durch par­la­men­ta­ri­sches Ver­hal­ten, ob eine Alter­na­ti­ve ein­ge­mein­det wird, und wenn ja, zu wel­chen Bedin­gun­gen, oder eben: wann und mit wel­chem Spit­zen­per­so­nal keinesfalls.

Dage­gen hat wie­der­um eine Par­tei, die von jeder Macht aus­ge­schlos­sen ist, das natür­li­che Bedürf­nis, jede Wahl zu einem Ple­bis­zit über die Par­tei­en zu machen, die in Land und Bund schon immer regie­ren. Auf sei­ten der AfD beklag­te man die Ungleich­be­hand­lung in Thü­rin­gen und poch­te auf die par­la­men­ta­ri­sche Pra­xis. Das hat­te man auch im Bund immer wie­der getan, wenn es um die Beset­zung eines Aus­schuß­vor­sit­zes oder den Pos­ten eines Vize­prä­si­den­ten im Par­la­ment ging.

Die Mehr­heit der Abge­ord­ne­ten woll­te sich nicht an die übli­chen Ver­fah­ren hal­ten, und die Karls­ru­her Rich­ter seg­ne­ten das mit dem Ver­weis aufs Mehr­heits­prin­zip und das freie Man­dat ab. Es soll­te daher lang­sam offen­sicht­lich gewor­den sein, daß die Spiel­re­geln belie­big aus­ge­legt  (5) wer­den und die AfD solan­ge außen vor bleibt, solan­ge sie nicht über die Hälf­te der Sit­ze ver­fügt oder die Brand­mau­er fällt. Das Ver­hal­ten der Alt­par­tei­en ist zwar mit viel Geschrei ver­bun­den, nüch­tern betrach­tet aber völ­lig ratio­nal: War­um soll­ten die Alt­par­tei­en auch nur ein klei­nes Stück­chen Macht oder den kleins­ten meta­po­li­ti­schen Erfolg zulas­sen, wenn sie nicht müssen?

Bis­her nahm der Wäh­ler die Demo­kra­tie in Deutsch­land als Konsens­demokratie wahr. Die AfD ist die Kon­sens­stö­rung, und das Ver­hal­ten der Alt­par­tei­en zeigt, wie sehr die AfD als Fremd­kör­per, als Gefahr für den eige­nen Macht­er­halt wahr­ge­nom­men wird. Denn bis­lang hat­ten die Alt­par­tei­en nur weni­ge, nur teil- und zeit­wei­se Pro­ble­me, Neu­an­kömm­lin­ge im Par­la­ment auf die übli­che Art und Wei­se zu behandeln.

Das hat zwei Grün­de. Der eine ist, daß die Grü­nen und die PDS (in all ihren Ver­wand­lun­gen mit der WASG zur Lin­ken und dar­aus wie­der zur Lin­ken und dem BSW) zah­len­mä­ßig immer zu schwach waren, um in die Lage zu kom­men, die Macht­fra­ge (oder den Par­la­ments­prä­si­den­ten) zu stel­len. Hin­zu kommt, daß bei­de Par­tei­en vom links­li­be­ra­len Lager der Bun­des­re­pu­blik rela­tiv rasch als Mehr­heits­be­schaf­fer ein­ge­mein­det wur­den, was des­halb kein Pro­blem war, weil in vie­len grund­sätz­li­chen Fra­gen Einig­keit herrsch­te (und davon abwei­chen­de Mei­nun­gen immer im jewei­li­gen Fun­di-Flü­gel ihren Platz behielten).

Der AfD wird hin­ge­gen unter­stellt, das Par­tei­en­gefü­ge nicht ergän­zen, son­dern welt­an­schau­lich auf­spren­gen und in Tei­len erset­zen zu wol­len. Es schwingt also die Sor­ge mit, daß die AfD die Macht nicht mehr aus der Hand geben wür­de, hät­te sie sie ein­mal erobert. Die­se Sor­ge kommt nicht von unge­fähr: Die Alt­par­tei­en machen ja vor, wie man es machen kann, und neh­men dafür in Kauf, daß das Fun­da­ment, das bis­lang auch noch von den meis­ten AfD-Funk­tio­nä­ren und ‑Wäh­lern akzep­tiert wird, tat­säch­lich unsi­cher wird. Denn das Funk­tio­nie­ren einer par­la­men­ta­ri­schen Demo­kra­tie hängt stark davon ab, ob man sich dann, wenn man auch anders könn­te, den­noch an die Spiel­re­geln hält, die ver­ein­bart wor­den sind.

Die­se Spiel­re­geln sind kei­ne Natur­ge­set­ze, ein Blick in die Geschich­te genügt, um zu sehen, daß es auch anders geht. Regeln zu bre­chen bedeu­tet: sie zur Dis­po­si­ti­on zu stel­len. Wenn sie nicht mehr so recht gel­ten, wird man sich nach ande­ren umse­hen dür­fen. Die Über­hö­hung der par­la­men­ta­ri­schen Demo­kra­tie zu einem sakra­len Gut wird nicht durch­tra­gen, beson­ders dann nicht, wenn die Hohe­pries­ter der Demo­kra­tie den Wäh­lern den Betrug so plas­tisch vor Augen führen.

Ein gründ­li­cher Ver­äch­ter der Demo­kra­tie war Erik Rit­ter von Kueh­nelt-­Led­dihn. Er beschrieb die Demo­kra­tie als Form des Tota­li­ta­ris­mus und setz­te einen »gemein­sa­men welt­an­schau­li­chen Nen­ner« aller Par­tei­en für eine dau­er­haf­te par­la­men­ta­ri­sche Demo­kra­tie vor­aus, da im »Fal­le weit­ge­hen­der welt­an­schau­li­cher Unter­schie­de zwi­schen den Par­tei­en jede Wahl eine unblu­ti­ge Revo­lu­ti­on bedeu­tet«. (6)

Als Bei­spiel dien­te ihm dazu die USA, wo in bei­den Par­tei­en über die grund­sätz­li­chen Fra­gen Einig­keit herrsch­te. Die letz­ten Jahr­zehn­te haben zwar gezeigt, daß der gemein­sa­me welt­an­schau­li­che Nen­ner dort kaum noch exis­tiert und eine extre­me Pola­ri­sa­ti­on zu beob­ach­ten ist. Aller­dings herrscht in der wesent­li­chen Fra­ge wei­ter­hin Einig­keit: Die ame­ri­ka­ni­sche Demo­kra­tie mag gefähr­det sein, in Fra­ge stellt sie des­we­gen niemand.

Das tut bis­lang auch kaum jemand in Deutsch­land. Daher ist es erklä­rungs­be­dürf­tig, war­um die Alt­par­tei­en die AfD zum Feind erklärt haben. Wenn wir nicht unter­stel­len wol­len, daß es ihnen ledig­lich um den bes­ten Platz am Trog geht, kann die Ant­wort nur in der tat­säch­li­chen Herr­schafts­ord­nung der Bun­des­re­pu­blik gesucht wer­den, in der sowohl Par­la­ment als auch Demo­kra­tie zu Mit­teln des Par­tei­en­staats degra­diert wor­den sind. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt stell­te 1952 fest: »Heu­te ist jede Demo­kra­tie zwangs­läu­fig ein Par­tei­en­staat.« (7)

Die­se Fest­stel­lung ist dem Juris­ten Ger­hard Leib­holz zu ver­dan­ken, der schon in den spä­ten 1920er Jah­ren ein Ver­fech­ter des Par­tei­en­staats (als Alter­na­ti­ve zur par­la­men­ta­ri­schen Demo­kra­tie!) und seit 1951 Rich­ter am Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt war. Sei­ner Auf­fas­sung nach war das libe­ral-reprä­sen­ta­ti­ve Sys­tem, in dem Par­tei­en und Staat zwei getrenn­te Din­ge sind, den Her­aus­for­de­run­gen der Mas­sen­ge­sell­schaft nicht gewach­sen, so daß den Par­tei­en eine beson­de­re Stel­lung bei der poli­ti­schen Wil­lens­bil­dung zukom­men sollte.

Leib­holz sah in den Par­tei­en »Ver­fas­sungs­or­ga­ne«, was sie laut Grund­ge­setz, das ihnen nur eine Mit­wir­kung an der poli­ti­schen Wil­lens­bil­dung zuge­steht, nicht sind. (8) Der Par­tei­en­staat ver­hin­dert die frei­heit­li­che poli­ti­sche Wil­lens­bil­dung, weil er das Mono­pol auf die Wil­lens­bil­dung erhebt und fak­tisch durch­setzt. Außer­dem ver­hin­dert der Par­tei­en­staat die Bil­dung einer tat­säch­li­chen Oppo­si­ti­on, weil er sie mit den von ihm domi­nier­ten Insti­tu­tio­nen unter­drückt. Und schließ­lich rich­tet sich der Par­tei­en­staat letzt­lich gegen den Wil­len des eige­nen Vol­kes, das kei­ne Mög­lich­keit mehr hat, sich ande­re Reprä­sen­tan­ten zu suchen.

Auf die­se Kon­se­quenz hat der Sozio­lo­ge Wil­helm Hen­nis bereits 1995 hingewiesen:

Die­ses Ver­fas­sungs­ver­ständ­nis könn­te sehr bald gro­ße Schwie­rig­kei­ten berei­ten, wenn neben den ›Alt­par­tei­en‹, auf die die Theo­rie ja allein zuge­schnit­ten war, noch ande­re Par­tei­en einen Platz an der Son­ne höchst­rich­ter­lich ver­mit­tel­ter ›Aner­ken­nung‹ suchen und sich die ›Wil­lens­bil­dung‹ der Wäh­ler gegen die Alt­par­tei­en wen­det. (9)

Daß wir uns heu­te in die­ser Lage befin­den, liegt nicht allein am Par­tei­en­staat. Er ist nur ein Sym­ptom der Kri­se, in der die par­la­men­ta­ri­sche Demo­kra­tie steckt. Denn die­se lebt von Vor­aus­set­zun­gen, die heu­te ganz sicher nicht mehr gege­ben sind. Carl Schmitt wies in der Wei­ma­rer Repu­blik dar­auf hin, daß Par­la­men­ta­ris­mus und Demo­kra­tie zwei ver­schie­de­ne Din­ge sind, die nicht zwangs­läu­fig mit­ein­an­der zu tun haben. Schmitt rief Unter­schie­de zwi­schen Demo­kra­tie und Par­la­men­ta­ris­mus in Erin­ne­rung, die auch die gegen­wär­ti­ge Lage erhel­len kön­nen. Das Prin­zip des Par­la­men­ta­ris­mus sei die Dis­kus­si­on, das der Demo­kra­tie die Iden­ti­tät von Regier­ten und Regie­rung sowie natio­na­le Homogenität.

Damit ist der Par­la­men­ta­ris­mus Teil der libe­ra­len Ideo­lo­gie, die davon aus­geht, daß der Mensch als ratio­na­les Wesen zum Aus­tausch und Ver­ständ­nis von Argu­men­ten fähig ist und daß sei­ne Ent­schei­dun­gen eben auf sol­chen Pro­zes­sen beruhen:

Zur Dis­kus­si­on gehö­ren gemein­sa­me Über­zeu­gun­gen als Prä­mis­sen, Bereit­wil­lig­keit, sich über­zeu­gen zu las­sen, Unab­hän­gig­keit von par­tei­mä­ßi­ger Bin­dung, Unbe­fan­gen­heit von ego­is­ti­schen Inter­es­sen. (10)

Es war schon damals klar, daß die­se Prin­zi­pi­en mit den Funktions­mechanismen einer Mas­sen­de­mo­kra­tie nicht ver­ein­bar sind. Sobald das Par­la­ment die Aura einer ratio­na­len Ent­schei­dungs­in­stanz ver­lo­ren hat­te, wur­de jedem klar, daß es sich um einen Basar han­delt, der zwar funk­tio­niert, des­sen Ergeb­nis man aber auch ein­fa­cher haben könn­te. Das Par­la­ment ist dann eine Insti­tu­ti­on, die einer alten Zeit ange­hört, in der eine Eli­te in Ver­ant­wor­tung für das Gemein­we­sen nach dem bes­ten Weg such­te. Die Bun­des­re­pu­blik hat dar­aus die Schluß­fol­ge­rung gezo­gen, einen Par­tei­en­staat einzurichten.

Ger­hard Leib­holz, der Erfin­der des Par­tei­en­staa­tes, und Carl Schmitt waren sich sei­ner­zeit in der Ana­ly­se einig. Leib­holz sieht den Nie­der­gang des Par­la­men­ta­ris­mus eben­falls durch die Mas­sen­de­mo­kra­tie bedingt, aller­dings nicht wie Schmitt, weil der Plu­ra­lis­mus der Inter­es­sen jede Dis­kus­si­on unmög­lich gemacht habe.

Viel­mehr ist ent­schei­dend gewe­sen, daß die Sub­stanz­ver­lus­te der Demo­kra­tie, die durch die zuneh­mend sich ver­schär­fen­den Ein­wir­kun­gen der gesell­schaft­lich-öko­no­mi­schen Kräf­te bedingt sind, die Vor­aus­set­zung der Funk­ti­ons­fä­hig­keit auch der par­la­men­ta­ri­schen Demo­kra­tie, näm­lich die poli­tisch-sozia­le Homo­ge­ni­tät, in Fra­ge gestellt haben. (11)

Leib­holz sah die­se Homo­ge­ni­tät noch am Anfang der Wei­ma­rer Repu­blik als gege­ben, bevor die eman­zi­pier­ten Mas­sen die­se zer­stört hät­ten. Zum Par­la­men­ta­ris­mus gehö­ren neben der Dis­kus­si­on die Öffent­lich­keit und die Gewal­ten­tei­lung. Letz­te­re ist im Par­tei­en­staat nur noch for­mal vor­han­den, denn alle wesent­li­chen Ämter und Posi­tio­nen wer­den quer durch die »Gewal­ten« mit­tels Pro­porz ver­ge­ben – bis in die staats­fi­nan­zier­ten, öffent­lich-recht­li­chen Medi­en­an­stal­ten hinein.

Die Öffent­lich­keit wie­der­um ist in der Mas­sen­de­mo­kra­tie durch­aus vor­han­den, aller­dings vor allem als Zuschau­er, da öffent­lich nur Din­ge ver­han­delt wer­den, die im Hin­ter­zim­mer bereits vor­be­rei­tet und abge­spro­chen wor­den sind. Ist das nicht der Fall, sind die Din­ge nicht wich­tig und kön­nen getrost der Öffent­lich­keit über­las­sen wer­den. Deren Betei­li­gung dient vor allem dazu, den Par­tei­en­staat in einem guten Licht erschei­nen zu las­sen. Die Sozia­len Medi­en haben dar­an wenig geän­dert, eine Gegen­öf­fent­lich­keit eta­bliert sich nur lang­sam. (12)

Wenn Homo­ge­ni­tät und Iden­ti­tät Vor­aus­set­zun­gen für die Demo­kra­tie sind, kommt der Wil­lens­bil­dung eine ent­schei­den­de Rol­le zu – in der Mas­sen­de­mo­kra­tie ganz beson­ders: Mas­se muß aus­ge­rich­tet wer­den, da für sie das Prin­zip der Dis­kus­si­on nicht gilt. »Sobald die Demo­kra­tie den Inhalt eines in ihr selbst ruhen­den Wer­tes bekommt, kann man nicht mehr (in for­ma­lem Sin­ne) Demo­krat um jeden Preis sein.« (13) Wenn das Volk den­noch das fal­sche Pro­gramm wählt, muß es »durch rich­ti­ge Erzie­hung dahin gebracht wer­den, daß es sei­nen eige­nen Wil­len rich­tig erkennt, rich­tig bil­det und rich­tig äußert«. (14)

Der Erzie­her setzt sei­nen Wil­len mit dem des Vol­kes gleich, obwohl er viel­leicht nicht ein­mal mehr eine Mehr­heit reprä­sen­tiert. »Die Kon­se­quenz die­ser Erzie­hungs­leh­rer ist die Dik­ta­tur, die Sus­pen­die­rung der Demo­kra­tie im Namen der wah­ren noch zu schaf­fen­den Demo­kra­tie.« (15) Vom Des­po­tis­mus unter­schei­det sich die Dik­ta­tur gera­de dar­in, daß letz­te­re sich zuguns­ten eines höhe­ren Ziels über­flüs­sig machen will. Die­se Dik­ta­tur muß sich demo­kra­ti­scher Mit­tel bedie­nen, wenn sie nicht über die Macht­mit­tel ver­fügt, um den Wil­len des Vol­kes zu for­men. Kueh­nelt-Led­dihn sieht in die­sem Sin­ne im NS-Sys­tem eine Dik­ta­tur, deren Ziel dar­in bestand, die Demo­kra­tie ganz nach »ame­ri­ka­ni­schem Mus­ter« zu erneuern:

Es wur­de uns ein­mal gesagt, daß man den Plan hege, den Reichs­tag neu zu bele­ben, sobald eine völ­lig vom natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Geist durch­drun­ge­ne Gene­ra­ti­on her­an­ge­wach­sen war. Dann könn­te ja wie­der eine Mehr­zahl von Par­tei­en gestat­tet wer­den, da die­se ledig­lich ver­schie­de­ne Schat­tie­run­gen des Natio­nal­so­zia­lis­mus dar­stel­len wür­den. Die ›Ame­ri­ka­ni­sie­rung‹ Deutsch­lands wäre somit voll­endet gewe­sen. (16)

Solch ein gemein­sa­mer welt­an­schau­li­cher Nen­ner wur­de erst nach Ende des Zwei­ten Welt­krie­ges erreicht, erzie­he­risch durch die Ree­du­ca­ti­on, prak­tisch durch den Par­tei­en­staat. Die­ser ist an sein Ende gelangt, weil der Nen­ner nicht mehr exis­tiert: Die einen wol­len den Welt­staat, die ande­ren den Natio­nal­staat. Lang gepfleg­te Insti­tu­tio­nen über­dau­ern erfah­rungs­ge­mäß den Ver­lust ihres Sinns nur so lan­ge, bis sie nicht mehr funktionieren.

_ _ _

(1)  In die­sem Fall ging die Ver­qui­ckung so weit, daß der CDU-Vater als Ver­fas­sungs­rich­ter über das Anlie­gen der Frak­ti­on posi­tiv ent­schied, der sein CDU-Sohn angehört.

(2)  Auch der Bun­des­tag ist von die­sem Bedeu­tungs­ver­lust betrof­fen, da mitt­ler­wei­le die EU-Kom­mis­si­on in den meis­ten Fra­gen maß­geb­lich ist.

(3)  Theo­dor Eschen­burg for­der­te 1960 die Abschaf­fung des par­la­men­ta­ri­schen Prin­zips für die Län­der­re­gie­run­gen und woll­te es durch ein Modell erset­zen, das sich an der Schwei­zer Eid­ge­nos­sen­schaft ori­en­tiert. Vgl. Theo­dor Eschen­burg: Insti­tu­tio­nel­le Sor­gen in der Bun­des­re­pu­blik. Poli­ti­sche Auf­sät­ze, Stutt­gart 1962, S. 223 – 227.

(4)  Das Lan­des­par­la­ment kann immer­hin den Insti­tu­tio­nen des Lan­des das Gen­dern untersagen.

(5)  In Thü­rin­gen kam dazu, daß der Anwalt der CDU-Frak­ti­on vor sechs Jah­ren noch ganz anders, näm­lich im Sin­ne des Anspruchs der AfD-Frak­ti­on auf den Land­tags­prä­si­den­ten, argu­men­tiert hat­te. Vgl.: Mathi­as Brod­korb: »Ernied­rig­te und Belei­dig­te«, in: Cice­ro (Novem­ber 2024), S. 45 f.

(6)  Erik von Kuehnelt–Leddihn: Frei­heit oder Gleich­heit? Die Schick­sals­fra­ge des Abend­lan­des, Salz­burg 1953, S. 130.

(7)  Zitiert nach: Deut­scher Bun­des­tag – Wis­sen­schaft­li­che Diens­te: »Par­tei­en­de­mo­kra­tie in Deutsch­land – Par­tei­en­de­mo­kra­tie in Rumä­ni­en?« (WD 1 – 080/07), 2007, S. 8.

(8)  Im Grund­ge­setz heiß es: »Die Par­tei­en wir­ken bei der poli­ti­schen Wil­lens­bil­dung des Vol­kes mit.« (Art. 21) Wenn ich rich­tig sehe, kommt der Begriff »Par­tei« in der Wei­ma­rer Ver­fas­sung nur ein­mal vor: »Die Beam­ten sind Die­ner der Gesamt­heit, nicht einer Par­tei.« (Art. 130)

(9)  Wil­helm Hen­nis: Auf dem Weg in den Par­tei­en­staat. Auf­sät­ze aus vier Jahr­zehn­ten, Stutt­gart 1998, S. 122.

(10)  Carl Schmitt: Die geis­tes­ge­schicht­li­che Lage des heu­ti­gen Par­la­men­ta­ris­mus, Ber­lin ³1961, S. 9.

(11)  Ger­hard Leib­holz: Die Auf­lö­sung der libe­ra­len Demo­kra­tie in Deutsch­land und das auto­ri­tä­re Staats­bild, Mün­chen 1933, S. 49.

(12)  Das führt zu der para­do­xen Situa­ti­on, daß die Rech­te, von jeder Macht weit ent­fernt, zu einem Ver­tei­di­ger der Gewal­ten­tei­lung und damit des Libe­ra­lis­mus gewor­den ist.

(13)  Schmitt: Lage, S. 37.

(14)  Ebd.

(15)  Ebd.

(16)  Kueh­nelt-Led­dihn: Frei­heit oder Gleich­heit?, S. 129.

 

 

 

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph.

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