von Simon Dettmann –
Zum strategischen und weltanschaulichen Kern neurechten Denkens gehören drei Überzeugungen: Man geht davon aus, daß es erstens ein genuin deutsches Denken gibt, daß dieses Denken zweitens einer erneuerten deutschen Identität als Fundament zu dienen hat und daß drittens geistige, also metapolitische Kärrnerarbeit notwendig sei, um dieses Denken wiederzugewinnen, den deutschen Standpunkt zu formulieren und aus alledem eine verbindliche Identität wenigstens für das eigenen Milieu zu stiften, und zwar rückgebunden, modern und traditionsbewußt zugleich.
Diese drei Überzeugungen werden von den meisten jungen Rechten im deutschsprachigen Raum, die nach weltanschaulicher Fundierung suchen, nicht (mehr) geteilt. Das deutsche Denken drängt sich der großen Mehrheit der jungen Rechten derzeit nicht als Möglichkeit auf. Was die Neue Rechte an Weltanschauung in den Diskurs einzuspeisen versuchte, wird durch den medialen Mahlstrom fragmentiert.
Schlecht verstandene Bruchstücke neurechter Ideologeme sind auf diese Weise zum Teil eines gesamtrechten Substrats geworden und erscheinen der jungen Generation als etwas Gegebenes, Vorgefundenes, mit dem sich nicht mehr kämpfen läßt und womit zwar etwas gewonnen, aber nicht gesiegt worden ist. Doch vor welche Alternativen, wenn nicht vor die genuin deutschen, sehen sich junge Rechte stattdessen gestellt? Es sind nur zwei:
1. Der neue Retroliberalismus: Die digitale Welt-Öffentlichkeit, die der Generation Z, also den »Zoomern«, zur zweiten Heimat geworden ist, bewirkt den Bruch mit den Restbeständen dessen, was als deutsches Selbstbewußtsein auf einem deutschen Sonderweg gilt. Die entstandene identitäre Leerstelle kann – und das ist die erste Option – mit der fast vollständigen Übernahme einer fremden Identität kompensiert werden: in diesem Fall mit der modernen angloamerikanischen.
Konkret schlägt sich das in dem großen Einfluß nieder, den eine Reihe überwiegend US amerikanischer Meinungsführer auf junge Rechte im deutschsprachigen Raum ausübt. Dieses über geteilte Hintergrundannahmen lose verbundene Milieu – die sogenannte Dissident Right – entstand ab 2018, als die stärker realweltlich organisierte Alt Right gerade im Nachgang der katastrophal verlaufenen Demonstration in Charlottesville zerbrochen war. Im Gegensatz zur Alt Right verzichtet die »dissidente Rechte« fast völlig auf Konferenzen, Print-Magazine und Demonstrationen.
Wer konnte, zog sich in die Pseudonymität der Plattform Twitter / X zurück und legte spätestens 2020 ein Konto bei der Website Substack an, die derzeit im Begriff ist, klassische Blogs gänzlich zu ersetzen. Zu den einflußreichsten Vertretern der Dissident Right gehören heute X‑Nutzer wie der sarkastisch auftretende Lovecraft-Epigone »Zero HP Lovecraft«, der einen vulgären amerikanischen Hurra-Nationalismus predigende »captive dreamer«; »Lomez«, mit seinem Passage Publishing einer der wenigen Verleger der Szene, sowie »Raw Egg Nationalist«, dessen Publikationen, etwa in der Zeitschrift Man’s World, um Fragen der Männlichkeit und der Selbstoptimierung kreisen.
Zentrale Figur des Milieus ist aber der rumänischstämmige amerikanische Philosoph Costin Alamariu, der das Pseudonym »Bronze Age Pervert« (BAP) nutzt. In seinem 2018 erschienenen Buch Bronze Age Mindset, das auf die entstehende Dissident Right initialzündend wirkte, plädiert er ausgehend von widerlegten feministischen Theorien der Archäologin Marija Gimbutas für eine Selbstbefreiung der Männer aus vermeintlich repressiven, weiblich geprägten Herrschaftsstrukturen – dem »Longhouse« – sowie für die Gründung von Männerbünden. Sein ausführliches, in der 120. Sezession abgedrucktes Interview ist sehr aufschlußreich.
Die Vertreter der Dissident Right propagieren eine Weltanschauung, in die nahezu alle wesentlichen Versatzstücke modernen Denkens integriert sind. Charakteristisch sind in der Aufklärungstradition eines Descartes und Locke wurzelnde individualistische – und letzten Endes liberale, sprich: genuin moderne – Selbst-Konstruktionen, welche anachronistisch in eine idealisierte Vergangenheit rückprojiziert werden. Bei Alamariu sind es die Heroen Homers, auf die er – darin dem Griechenkult seines Idols Nietzsche nacheifernd – sein eigenes modernes Selbst projiziert. Dies wird bei vielen Vertretern der Dissident Right mit einem Taschenspielertrick gegen Kritik von rechts immunisiert, indem es kurzerhand als »rechts« umetikettiert wird, obwohl es das nicht (mehr) ist.
Ein anderes zentrales Moment im Denken der Dissident Right ist ein Identitätsangebot, das viele junge Rechte in Europa bereitwillig annehmen: die Selbstidentifikation als »weiß« (statt als deutsch etc.). Dieses Etikett, kleinster identitätspolitischer Nenner europäischstämmiger US-Bürger, wird im Lager der »Dissidents« zur Pseudo-Eigengruppe und Basis der Feinderklärung: Nichtweiße werden zum Nicht-Wir und pauschal zu Feinden erklärt. Spätestens, wenn ihre Podcasts und Substacks außenpolitische Fragen streifen, wird deutlich, daß die Ideologie der Dissident Right nicht bloß Ausdruck ihrer modernen, amerikanistischen Identität, sondern auch der geopolitischen Interessen der USA und Israels ist.
2. Der (katholische) Traditionalismus: Diese zweite weltanschauliche Option wird deutlich seltener gewählt und ist insofern weniger relevant, jedoch haben ihre Vertreter deutlich größeren politischen und akademischen Einfluß. Als innerkirchliche Bewegung ist der Traditionalismus eng mit der 1970 von Erzbischof Marcel Lefebvre gegründeten Priesterbruderschaft St. Pius X. verbunden, doch seine historischen Wurzeln reichen zurück in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts, als die Päpste mit Enzykliken wie Syllabus errorum und Aeterni Patris versuchten, Antworten auf die Ideen der Moderne zu finden.
Weit weniger bekannt als die kirchlichen Entwicklungen ist die Tatsache, daß in den letzten 50 Jahren im angelsächsischen Raum eine philosophisch orientierte Denkschule entstanden ist, die sich explizit auf die katholische Tradition beruft – besonders auf Aristoteles und Thomas von Aquin – und diese Tradition mit den Werkzeugen der analytischen Philosophie weiterentwickelt. Die Rede ist vom modernen aristotelischen und analytischen Thomismus.
Begründet wurde dieser Denkstil in den 1950er Jahren von Peter Geach und seiner Ehefrau Elizabeth Anscombe an der Universität Oxford, doch zum Dreh- und Angelpunkt des Milieus wurde der Philosoph Alasdair MacIntyre, der in seinem 1981 erschienenen Hauptwerk After Virtue die Ansätze des Oxforder Philosophenpaars weiterdachte, ihnen Systemcharakter gab und sie zu einer radikalen Kritik der modernen Gesellschaft ausbaute. Bereits 1980 hatte John Finnis sein Hauptwerk Natual Law and Natural Rights veröffentlicht, mit dem er eine Renaissance des Naturrechts einläuten sollte.
Ein Schüler MacIntyres ist Patrick Deneen, der wie früher sein Lehrmeister an der Universität Notre Dame lehrt und als Freund und Einflüsterer des zukünftigen Vizepräsidenten der USA, JD Vance, gilt. Mit dem Harvard-Professor und katholischen Integralisten Adrian Vermeule gibt Deneen den Substack Postliberal Order heraus, der auf die sich »Postliberals« nennende Gruppierung katholischer Akademiker verweist. Auf eine neue Generation rechter Katholiken hat der »revolutionäre Aristotelismus« der Angloamerikaner einen wachsenden, noch kaum beachteten Einfluß. Noch vor Frankreich sind die USA mit ihren unzähligen Privatuniversitäten und Denkfabriken zum Sehnsuchtsland junger »Tradcaths« geworden.
Derweil fällt der deutschsprachige Raum intellektuell zurück. Einschlägige Medien des Milieus beschränken sich auf die großbürgerlich-aristokratische, häufig altösterreichisch gesinnte Kernklientel und scheitern zuverlässig beim Versuch, Einfluß auf Entscheidungsträger im politischen Betrieb auszuüben. Intellektuelles Zentrum der katholischen Traditionalisten im deutschen Sprachraum ist derzeit die Zisterzienserabtei Heiligenkreuz, von der aus der Moraltheologe Edmund Waldstein die thomistisch und neointegralistisch ausgerichteten Blogs The Josias und Sancrucensis betreibt – und zwar auf englisch.
Die mediale Anglisierung ist weniger ideologie- als vielmehr altersabhängig. Sie kann mit einer geistigen Anglisierung einhergehen, sich aber auch auf die Ebene der Sprache beschränken. Was beide skizzierten Optionen gemein haben, ist die ihnen eigene Tendenz zum Universalismus und zur Geringschätzung des Partikularen. Ob das persönliche Heil in einer auf rechts gedrehten angloamerikanischen Weltzivilisation oder in den Traditionen einer Weltkirche gesucht wird, entscheiden charakterliche Dispositionen und Zufälle.
Sollte es zutreffen, daß junge Rechte sich in Zukunft immer stärker entweder mit dem liberalen Individualismus angelsächsischer Provenienz identifizieren oder einem antimodernen Traditionalismus katholischer, seltener auch altlutherischer, orthodoxer oder neuheidnischer Prägung zuwenden werden, könnten all jene, die noch an einen Mittelweg, also einen genuin deutschen Weg durch die Moderne glauben, zwischen den Polen zerrieben werden. Verdient wäre das nicht.