Sind wir letztlich auf uns zurückgeworfen, also Teil eines rein naturalistisch und reduktionistisch anzusehenden Prozesses, dabei komfortabler- bzw. elenderweise ausgestattet mit einem Bewußtsein, oder wirken in allem doch geistige Wesenheiten, die alles Sein tragen, es beeinflussen, fördern oder stören, mithin auch uns halten und bestimmen?
Religionen gehen in offensiv indikativischer Rede davon aus, ja sind davon überzeugt, weil es vom höheren und damit eigentlicheren Wirken – Angeblich? – sichere, ja unabweisliche Zeugnisse gäbe. Denen die einen trauen, die anderen – und davon immer mehr – jedoch nicht, weil sie die Gültigkeit dieser Versicherungen bezweifeln und weil ihnen selbst nun mal keine solchen gegeben wurden oder weil sie die, säkular abgestumpft, nicht empfingen.
Wer sich etwa mit der Anthroposophie Rudolf Steiners beschäftigt, die nicht nur von einer, sondern von der geistigen Welt kündet, wird überrascht davon sein, mit welcher Genauigkeit von dieser Welt, ihren Hierarchien und ihrem Wirken gesprochen wird. Und wer nicht zum Mitbekenner werden möchte, obwohl es einen ja sehr verlockt, wird mindestens still fragen, weshalb über Steiner hinaus selbst in der Anthroposophischen Gesellschaft bislang kein Zweiter aufstand, der die Kunde in seiner Weise vertiefend gar fortsetzte …
So wie alle Heiligen der Christenheit zwar wiederum – zuerst durch ihr Handeln – ein starkes Beispiel gaben, aber das, was ihnen geoffenbart schien, nicht plausibler vermitteln konnten, als es durch den sagenhaften Ursprung geschah.
Mysterium fidei … – „Deinen Tod, o Herr, verkünden wir, und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit.“
Dabei blieb es. Und alles Begehren darüber hinaus muß wohl als Ungeduld gelten. Trost spendet allein die Annahme, daß man sich nicht allein auf Eschatologie verlassen muß, sondern meinen darf, das Wunderbare wirke schon jetzt in der Welt und vorzugsweise in unserer Gattung weiter. Die religiöse Mystik fand dafür sogar Begriffe, u. a. in der Sprache von Jacob Böhme oder Angelus Silesius.
Den philosophisch Überbildeten hingegen ist mit Kants „Kritik der reinen Vernunft“ und allem, was daraus entlang der Geschichte der Epistemologie so wurde, ohnehin der Zugang zum Transzendenten verschlossen.
Gleichwohl quält selbst die rationalsten Naturen, so sie sich nicht völlig ans Ökonomische verlieren, zuweilen eine metaphysische Sehnsucht – spätestens, wenn sie Wunderbares oder Katastrophales erleben bzw. erleiden. Und noch eines bleibt sowieso, eine Theologie des Als-ob. Oder noch Karl Barth: Gott als das radikal Andere, wir in von ihm getrennten Raum, nur von seiner Offenbarung zu durchbrechen.
Was alle im Sinne eines echte Existentials unausgesprochen verbindet, ist der Zweifel. Interessant in diesem Zusammenhang, daß genau dieser Zweifel, so wichtig und produktiv, in der Politik als Schwäche gilt und dort fast ebenso ausgeschlossen werden soll wie im Glauben. Alle Politik spricht ja gleichfalls im indikativischen Duktus der Glaubensbekenntnisse. Ist das vermessen?
Es erregt jedenfalls auffallend wenig Abwehr. Was wiederum auf Erlösungswünsche hindeutet, die sich eine Mehrheit fatalerweise von der Religion nicht mehr, um so mehr aber von der Politik zu erwarten scheint. AfD-Chatgruppen sind dafür gerade ein eindrucksvolles Beispiel: Wenn wir erst regieren, dann endlich wird es final rundum licht!
Die unfreiwillig bittere Komik solcher Verheißungen dürfte nicht nur den nachdenklicheren Beobachtern auffallen:
Daß man heute an ein politisches Werk mit ebensolcher Seligkeit und Inbrunst zu glauben meint wie früher an ein Mysterium. Und dies dann sogar mit der eigenen Vernunft begründet. Was für ein Wagnis doch. Verdammt dünnes Eis!
Der Mensch, dieses fragile Wesen, dieses „Schilfrohr im Wind“ (Blaise Pascal), sucht nach Halt, hat eine Ahnung wohl unmittelbarer von seiner Verlorenheit als von Sicherheit, insofern es uns ja tatsächlich täglich umblasen kann und wir schneller verzweifelt als glücklich sind. Aber um so mehr bedarf es deswegen der Beschwörungsformeln, der Rituale, des Gebetes und der Gewißheit der Vergebung aller Sünden, die wir uns immerfort aufladen. Und um so mehr ziehen uns Versprechungen an.
Solange dies religiös erfolgt, mag man die nun glauben oder anzweifeln, aber die Religion bietet dafür immerhin einen festen Raum und ein glaubensgeschichtlich gewachsenes Gebäude, als Platzhalter für ein Reich, das nicht von dieser Welt ist. Wird’s aber politisch, spielt sich die mal dorthin, dann wieder dahin argumentierende Politik als Religionsersatz auf, droht es gefährlich zu werden – in der Weise bereits allzu vieler historischer Beispiele.
Darf man die Kirche immerhin als ein Schiff in stürmischer See auffassen, im erweiterten Sinne als eine Arche in den Fährnissen der Welt, so ist verglichen damit die Politik nicht mal ein Wrackteil, an das man sich halten könnte, nur so schwimmfähig wie ein nasses Wahlprogramm.
Wo Politiker Wort und Gestus der Propheten kopieren, wo sie über den allzu selbstsicheren Indikativ hinaus sogar zunehmend den Imperativ bevorzugen, da melde sich das wichtige Existenzial des Zweifels und die einst wesentliche, heute allzu vergessene Haltung der Demut. Mit Bekenntnissen bleibe man außerhalb des religiösen Raumes achtsam. Mindestens dort.
Ein „Superwahljahr“ ist alles andere als ein heiliges Jahr. Selbst die Erleuchteten aus der AfD-Gemeinde sollten das im stillen wissen.
Ernestina
Ich muss Ihnen recht geben! Was man da zur Zeit z. B. im Landtagswahlkampf in Baden-Württemberg an "Halleluja-Rufen" - "Wir gewinnen und werden die Politikwende einleiten!" - hört, entlockt mir ein ungläubiges Staunen... Glauben die das wirklich? Oder geht es nur darum, die Wahlkämpfer und Wähler bei der Stange zu halten? Aus der Chatgruppe des KV bin ich seit einigen Monaten raus. Meine Anregungen, doch realistisch zu bleiben, verhallten entweder ungehört oder stießen auf heftigste Gegenrede, bis hin zur offenen Gotteslästerung. Ich vermute, denkende Spitzenpolitiker, wie z. B. Björn Höcke, wissen genau um den Ernst und die schiere Aussichtslosigkeit (?) der Lage. Doch was tun? Als Politiker bleibt nur das Versprühen von Hoffnung... Vielleicht ist das auch ab und zu der persönliche Rettungsanker...