Kinder kriegen

Die Kindergärtnerin heißt heute Erzieherin, die Arzthelferin Medizinische Fachangestellte, und der Müllmann fungiert heute als Umwelttechnologe für Kreislauf- und Abfallwirtschaft. Die Hebamme – was für ein altertümlicher, unzeitgemäßer Klang! – heißt aber immer noch Hebamme.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Ich kom­me dar­auf, weil schon wie­der Nach­wuchs ins Haus steht, im Früh­jahr. Das macht mich nachdenklich.

Der Män­ner­an­teil unter den Geburts­hel­fern liegt deutsch­land­weit bei etwa 0,1%, und des­halb ist es ein gro­ßer Zufall, daß eine mei­ner Töch­ter (ange­mel­det in einem Geburts­haus) damit kon­fron­tiert war. Sie hat­te es abge­lehnt – hät­te ich übri­gens auch bei mei­nen sie­ben Geburten.

Unvor­stell­bar, daß mir ein (auch noch frem­der) Mann zur Sei­te stün­de, womög­lich die Nach­ge­burt raus­fum­mel­te und mir trös­tend zus­prä­che. Ich bin völ­lig rat­los, was einen Mann bewe­gen könn­te, die­sen Job zu wählen.

Ich woll­te bei mei­nen (alle­samt kli­nik­frei­en) Gebur­ten kei­nen Mann an mei­ner Sei­te. Ich will das weder ver­herr­li­chen noch ver­ab­so­lu­tie­ren. Ich kann mir her­vor­ra­gend vor­stel­len, wie gut es man­chen Frau­en tut, unter Wehen in den Armen des gelieb­ten Man­nes getrös­tet und ange­spornt zu wer­den. Nur: ich nicht. Das ist ver­mut­lich nichts, wozu man sich ent­schei­det im Sin­ne einer ratio­nal-abwä­gen­den Wahl, das ist Bauch­ge­fühl pur. Man kann es über­trie­ben fin­den oder unzu­tref­fend: Für mich lagen in  all die­sen Geburts­si­tua­tio­nen Schmach und Sieg eng bei­ein­an­der, und genau das soll­te der Gelieb­te eben nicht betrachten.

Mein ers­tes Kind brauch­te lang. Ich hat­te bis kurz vor Mit­ter­nacht die „Harald-Schmidt-Show“ geguckt, unter hef­ti­gen Wehen, aber gut abge­lenkt. Als es rich­tig los­ging, schal­te­te ich jäh auf stur. Ich bock­te wäh­rend der gan­zen Geburt, so sehr haß­te ich die­se Schmer­zen! Stun­den­lang. Ich woll­te das nicht. Nicht jetzt. Ich woll­te auch nicht rum­lau­fen, denn das ver­stärk­te ja die Wehen. Irgend­wann sag­te eine der bei­den Heb­am­men: „Drei Stun­den Preß­we­hen sind nicht nor­mal. Wenn du jetzt nicht los­läßt, müs­sen wir den Not­arzt rufen. Die Herz­tö­ne sind mau.“  Ich ließ erge­ben los, und in den ers­ten Mor­gen­stun­den kam dann das Töch­ter­lein zur Welt.

Die zwei­te Toch­ter, andert­halb Jah­re spä­ter, wur­de geburts­hel­fe­risch beglei­tet durch ein Les­ben­paar. Sie haben geschmust, als ich die zwei­te Toch­ter zur Welt brach­te, denn sie fan­den „die Atmo­sphä­re über­ir­disch“. Naja: Sie waren kom­pe­tent und lieb.

Bei der drit­ten Toch­ter, die in mei­nem Eltern­haus in Offen­bach zur Welt kam, wur­de ich wie­der irra­tio­nal ver­stockt. „Ich mach das nicht. Es über­for­dert mich momen­tan. Und ich kann das eh nicht.“ Mei­ne Lieb­lings­heb­am­me stieß mich hef­tig an: „Hör mal, bit­te: Es ist irgend­wie rein­ge­kom­men, und jetzt muß es halt irgend­wie raus­kom­men.“ Haha, genau die­se Heb­am­me hat­te eine psy­cho­the­ra­peu­ti­sche Zusatz­aus­bil­dung – und sie hat­te einen klu­gen Satz gewählt. Es war dann doch eine kur­ze, schö­ne Geburt.

Vier­te Toch­ter, wir ganz frisch in Ost­deutsch­land: Die Heb­am­me ging ganz­jäh­rig bar­fuß. Mit allen Was­sern gewa­schen, Ost-Pflan­ze, derb. Vom Frau­en­arzt war mir eine Haus­ge­burt ver­bo­ten wor­den, wegen irgend­ei­ner Infek­ti­on. Die Heb­am­me sag­te: Ent­we­der wir machen das jetzt, oder du gehst halt ins Kran­ken­haus. Ich: Aber wir haben ja nicht mal eine rich­ti­ge Hei­zung? Sie: Mädel. Ich habe schon Kin­der in klam­men Kam­mern zwi­schen Zement­sä­cken ent­bun­den. Du muß halt wis­sen, was du willst. Ja, wuß­te ich dann doch. Sie hat­te drei­ßig­jäh­ri­ge Erfah­rung. Ver­trau­en, das sich auszahlte.

Beim fünf­ten Kind kam dann wie­der die irre Angst vor den Schmer­zen hoch. Irre, weil ich nie Schmerz­mit­tel schlu­cke und auch sonst auch eher hart im Neh­men bin. Ich frag­te mei­ne Lieb­lings­heb­am­me aus dem Wes­ten, ob sie nicht viel­leicht ein paar Tage bei uns im Osten ver­brin­gen wol­le…? Ja, sie woll­te! Als es los­ging, ließ ich Was­ser in unse­ren rie­si­gen höl­zer­nen Bade­bot­tich ein, 160 l, mein Ele­ment ist ja Was­ser. Sofort hat­te ich aber klaus­tro­pho­bi­sche Zustän­de und stieg aus.

Wie ich jauchz­te & froh­lock­te, als dann end­lich ein klei­ner Jun­ge unter mir lag! Plus: Sonn­tags­kind! Mein Jubel war gren­zen­los und dopa­min­be­för­dert, aber die (femi­nis­ti­sche) Heb­am­me unter­band ihn, indem sie mich wie­der hef­tig anstieß: „Gut jetzt! Nicht hys­te­risch wer­den! Komm mal runter.“

Sechs­tes Kind – wie­der eine aus­ge­spro­che­ne Ost­heb­am­me. Ich habe den Unter­schied zwi­schen Ost- und West­heb­am­men damals als sehr groß emp­fun­den, das mag mitt­ler­wei­le anders sein. West­heb­am­men: völ­lig im links­al­ter­na­ti­ven Milieu ver­or­tet. Sehr poli­tisch kor­rekt, woke, aber auch pin­ge­lig in ande­ren Din­gen. Kund­schaft: rot­grün mit gutem Verdienst.

Ost­heb­am­men: Für nichts zu scha­de. Betreu­en ganz ande­re Kli­en­tel: depri­vi­le­gier­te Frau­en mit Kran­ken­haus­trau­ma, Geflüch­te­te ohne Sta­tus; win­ken dies & das ein­fach durch, wesent­lich anar­chi­scher, las­sen fün­fe gera­de sein, pfei­fen auf büro­kra­ti­sche Mons­tren, wursch­teln sich durch.

West: Du hast Ter­min in sechs Mona­ten? Sor­ry, das ist defi­ni­tiv zu spät für eine außer­kli­ni­sche Geburt. Ost: Ter­min in sechs Wochen? Laß mal schau­en, wir krie­gen das hin.

Unser sechs­tes Kind kam in einer soge­nann­ten Glücks­haut zur Welt – eine Sel­ten­heit. Daß das eine Beson­der­heit ist und die Glücks­haut frü­her hoch­ge­han­delt wur­de – neu für mich. Ich lag allein bei die­ser Geburt auf dem Rücken – so, wie es in Fil­men immer ist. Das ist für Säu­ge­tie­re, wie es wir Men­schen nun­mal sind, ziem­lich unty­pisch. Aber kei­ner hat­te mich in die­se Lage gebracht, es geschah instink­tiv und war schön. Eine soge­nann­te sanf­te Geburt.

Das sieb­te Kind (mit­hin das vier­te, das im Rit­ter­gut gebo­ren wur­de) kam in einer Janu­ar­nacht, in der es hef­tig schnei­te. Die Heb­am­me hat­te 40 km zu bewäl­ti­gen (ich glau­be, das ist auch ost­ty­pisch, die­ser Radi­us; im Wes­ten hät­ten Heb­am­men wesent­lich emp­find­li­che­re Gren­zen) und blieb natür­lich ste­cken. Das Kind war schon da, als sie ein­traf und sich erst­mal die Hän­de des­in­fi­zie­ren mußte.

Übri­gens: Mei­ne bes­te Freun­din damals, bei mei­nem ers­ten Kind, hat­te Kin­der­kran­ken­schwes­ter gelernt. In die­sem Rah­men beglei­te­te sie auch etli­che Gebur­ten: “Deut­sche Frau­en sind immer ziem­lich lei­se. Aus­län­de­rin­nen immer laut.” Was soll ich sagen – ich hat­te inso­fern nie eine echt­deut­sche Geburt… Aber ich fand es ok, laut zu sein. In Aus­nah­me­si­tua­tio­nen zeigt sich das “wah­re Ich”. Mein wah­res Ich ist offen­bar doch laut.

Ich lie­be alles dar­an – auch an die­sem nost­al­gi­schen Rück­blick. Dank­bar­keit ist eine Fähig­keit, die man ein­üben und trai­nie­ren soll­te. Dank­bar­keit ist gewis­ser­ma­ßen ein meta­phy­si­sches Glow-Up!

Auch wenn ich zuvor von “Sieg und Schmach” sprach im Hel­din­nen­sound: Ich bin extrem dank­bar für all die­se Heb­am­men, die mir und uns zu die­sem gro­ßen Glück ver­hal­fen. Eine mei­ner Töch­ter hat­te jung­st heb­am­men­frei selbst­ent­bun­den. Könn­te ich nie, hät­te ich nie gewollt. Sie konn­te und woll­te es.

Die­se mei­ne Heb­am­men (anders als es heu­te üblich ist) waren übri­gens alle­samt nicht aka­de­misch zer­ti­fi­ziert. Und das war über­haupt kein Schaden.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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Kommentare (6)

Makel

20. Januar 2026 22:29

Sehr geehrte Frau Kositza,
Sie lehnen männliche Hebammen ab, was ich völlig normal finde. Ich frage als jemand, der sich explizit nicht als Erzieher versteht: Wie stehen Sie zu Männern im Kindergarten?

Kositza: Dazu hab ich keine klare Meinung!

Freichrist343

20. Januar 2026 22:52

Es ist interessant, dass die Geburtenrate in Deutschland höher liegt als in China. In China ereignet sich eine beispiellose demografische Katastrophe, von der die Autokraten betroffen sind. Siehe dazu Wikipedia "Demographics of China", Vital Statistics. 
Die Bürgerrechtsbewegung wird sich durchsetzen.
https://jlt343.wordpress.com

Franz Bettinger

20. Januar 2026 23:16

Die Hebammen der Gynäkologie, in der ich vor langer Zeit mal arbeitete, fanden es überhaupt nicht gut, wenn Ehemänner bei der Geburt anwesend waren. Das war grad Mode geworden. Manch Frauentyp, so die Hebammen, würde sich beim Gebären dann extra theatralisch anstellen & ihrem Mann was vorspielen, um, um … ach irgend einen Grund hätten die halt immer. Ich konnte mir als kleiner Assistenz-Arzt damals keinen rechten Reim drauf machen. Ich selbst hätte jedenfalls nicht bei der Geburt meines Kindes (hätte ich 1 gehabt) anwesend sein wollen. Die Prozedur ist nicht gerade erquickend & ästhetisch schon gar nicht.

nagini

20. Januar 2026 23:54

Ich mag Kositza Beiträge aber zum Thema Geburt muss ich dringend etwas einwerfen. Ich nehme das Propagieren des Kinderkriegens als Gewalt wahr. Diese Gewalt existiert spätestens seit dem Mittelalter oder schon früher, als Frauen wegen fehlender Nachkommen religiösen Praktiken ausgesetzt oder getötet wurden.Diese historisch gewachsene Gewalt wirkt bis heute fort und wird häufig von Frauen auf andere Frauen ausgeübt, durch Babyfotos in Whatsapp, ständiges Erzählen über Geburten anderer Frauen, Nachfragen nach Beziehungsstatus oder Enkelkindern sowie durch Selbstdefinition über Mutter oder Oma sein, sodass man ein schlechtes Gewissen bekommt, wenn man "seiner Mutter keine Enkelkinder schenkt".Zugleich ist diese Gewalt strukturell verankert und wird von Eliten nach unten tradiert. Parteien wie SPD, Grüne & CDU und andere lassen tausende oder Millionen Flüchtlinge ins Land, das ist Gewalt. Als Reaktion propagiert die Neue Rechte, dass deutsche Frauen mehr Kinder bekommen sollen, auch das ist Gewalt. In beiden Fällen wird der Druck auf kinderlose, deutsche Frauen abgewälzt.Deshalb sehe ich Beiträge zu Kindern und Geburt kritisch und unterwerfe mich dieser Doktrin nicht. Jede deutsche Frau muss und darf selbst entscheiden, ob und wie viele Kinder sie möchte. Das Kinderkriegen zu propagieren, ist Gewalt gegenüber Frauen. Deutsche weibliche Souveränität sieht anders aus.

Majestyk

21. Januar 2026 01:09

Wie kann es ein Mann wagen, in eine Frauendomäne vordringen zu wollen? Freie Berufswahl ist nur was für Frauen.
Wie meinte schon Mario Adorf:
"Unter Gleichberechtigung verstehen die Frauen gleiches Recht mit dem Mann überall dort, wo sie keine Vorrechte haben."

RMH

21. Januar 2026 08:41

"Ich wollte bei meinen (allesamt klinikfreien) Geburten keinen Mann an meiner Seite." Hier kann man als Mann auch etwas schreiben kann. Meine Kinder kamen in der Klinik zur Welt. Ich selber hatte aber kein großes Verlangen, bei der Geburt unmittelbar im Kreißsaal (schönes Wort, wird irgendwann abgeschafft werden) dabei zu sein, aber als es soweit war, hätte man sofort klammheimliche Flucht antreten müssen, um das zu vermeiden. Man war als Mann wie selbstverständlich eingeplant, es gab auch sonst keine Person, die bei der Frau dauerhaft geblieben wäre. Die Hebamme durfte von einem Zimmer zum anderen rennen, hat einen also auch schon mal ordentliche Zeiten allein gelassen, ganz am Ende kam dann auch der Dr. Ich weiß, viele Männer schildern es als etwas ganz Besonderes, bei der Geburt ihrer Kinder dabei gewesen zu sein. Ich sehe meine Liebe zu meinen Kindern nicht davon abhängig, den ersten Schrei gehört zu haben. Mithin sehe ich das ähnlich wie E.K. Es gibt auch echte Frauensachen, wo Frauen unter sich sein sollten/können/dürfen. Das ist aber eine persönl. Entscheidung des Paares, wo die Frau das letzte Wort hat. Ich hege zudem die Vermutung, dass manche Männer von der Mode, die zum faktischen Zwang geführt hat, dabei sein zu müssen, nachhaltig verstört werden & ich sehe darin 1 von sehr vielen Gründen, warum oftmals es bei nur 1 oder 2 Kindern bleibt.