Kritik der Woche (74): Der Hegemonie entgegen

Gastbeitrag von Jörg Seidel

Auch wenn Benedikt Kaisers neues Buch längst von Linksintellektuellen diskutiert wird, ist seine intendierte Zielgruppe unzweideutig: die Partei und ihr Vorfeld. Er richtet sich also an „uns“.

Das Buch ver­hält sich zu Kai­sers Soli­da­ri­schem Patrio­tis­mus  (2020) wie die stra­te­gi­sche und tak­ti­sche Hand­lungs­an­lei­tung zur welt­an­schau­li­che Grund­le­gung, wenn auch auf einem gewis­sen Abs­trak­ti­ons­ni­veau. Erschien das ers­te bei Antai­os, so deu­tet der Ver­lags­wech­sel zum Jun­g­eu­ro­pa Ver­lag schon eine gewis­se inhalt­li­che Ver­la­ge­rung an.

Selbst­be­wußt hat man sich dort vom „Schnell­ro­daer Kern­feld“ eman­zi­piert, geht jetzt von einer Dop­pel­spit­ze inner­halb der Neu­en Rech­ten aus und nimmt für sich in Anspruch, an die frü­he Neue Rech­te stär­ker anzu­schlie­ßen, inklu­si­ve „Euro­pa­ori­en­tie­rung, Kapi­ta­lis­mus­kri­tik und Westbindungsaversion“.

Die Neue Rech­te, deren bun­des­deut­sche Geschich­te Kai­ser in die­sem Buch eben­so reka­pi­tu­liert und deren Zer­fa­se­rung durch das IfS letzt­lich wie­der gebün­delt und gestrafft wor­den war, gibt es nun „im kon­struk­ti­ven Plu­ral“. Begriff­lich steht dafür die „Hege­mo­nie“, die die „Meta­po­li­tik“ ergän­zen, kon­kre­ti­sie­ren und direkt ins real-poli­ti­sche Feld füh­ren soll. Bei­de zusam­men sol­len eine „inte­gra­le Stra­te­gie“ erge­ben, Meta­po­li­tik ist das Mit­tel zum Zweck, ist der Weg zur Hege­mo­nie, ist „der Kampf um geis­ti­ge und kul­tu­rel­le Hegemonie.“

Bei die­ser Staf­fel­über­ga­be soll nun Anto­nio Gramsci (1891–1937), der kom­mu­nis­ti­sche ita­lie­ni­sche Par­tei­chef und Leni­nist, Pate ste­hen. Es zeich­net Kai­sers Schaf­fen ja schon seit lan­gem aus, daß er die Gren­zen des Les­ba­ren ver­schie­ben, die Lek­tü­re­zo­ne aus­wei­ten und damit der Neu­en Rech­ten fri­sches Brenn­ma­te­ri­al zufüh­ren will. Daß mit Gramsci ein schon lan­ge Zeit dis­ku­tier­ter Vete­ran zum Zuge kommt, ist inso­fern kein Zufall, als er laut Kai­sers his­to­ri­schem Rück­blick auf die Geschich­te der Neu­en Rech­ten in Deutsch­land und in Frank­reich von Anbe­ginn in deren DNA nach­weis­bar sei. Zudem sucht Kai­ser wie kein ande­rer auch in aktu­el­len vor­nehm­lich lin­ken Theo­rie­fel­dern nach Inspirationen.

Die­se Ein­hau­chun­gen jeden­falls tun not, denn der rech­te Popu­lis­mus ist – trotz sei­ner Ver­diens­te – auf einem Höhe­punkt ange­langt – und Höhe­punk­te sind immer Grund zur Sor­ge. Von dort geht es auf dem bis­he­ri­gen Weg nicht wei­ter. Jetzt nur auf den Wahl­sieg zu schau­en, wäre fatal: „Hege­mo­nie wird nicht durch Wahl­er­geb­nis­se her­ge­stellt, Wahl­er­geb­nis­se sind die Fol­ge von Hege­mo­nie“ lau­tet einer der zahl­rei­chen zitier­taug­li­chen Slo­gans die­ses Buches.

Schon jetzt müs­se das gesell­schaft­li­che Kli­ma nach­hal­tig ver­än­dert, eine kul­tu­rel­le Hege­mo­nie, im Ide­al­fall ein „his­to­ri­scher Block“ geschaf­fen wer­den, der den „All­tags­ver­stand“ (sen­so com­mu­ne) hege­mo­ni­al prägt und zum „gesun­den Men­schen­ver­stand“ (buon sen­so) hebt, um eine Gegen­he­ge­mo­nie zu schaf­fen, wozu es den „orga­ni­schen Intel­lek­tu­el­len“ benö­tigt … aber hier sind wir schon mit­ten im Gramscia­ni­schen Uni­ver­sum und Voka­bu­lar und Laby­rinth, wel­ches Kai­ser im aus­ge­dehn­ten Mit­tel­teil ent­fal­tet und erläutert.

Und weil er als einer der weni­gen über­haupt und der Rech­ten sowie­so die gesam­ten zehn Bän­de der in ihren Gedan­ken­gän­gen sehr frag­men­tier­ten und ver­wir­ren­den Gefäng­nis­hef­te kom­plett gele­sen hat, führt er den Leser ziel­si­cher hin­durch. Aller­dings nicht ohne Abstri­che, denn Gramsci als Mar­xist bewegt sich selbst­re­dend auf dem Basis-Niveau, wohin­ge­gen sein neu­rech­ter Inter­pret die­ses, sprich die öko­no­mi­sche, die mate­ri­el­le Grund­le­gung fast voll­stän­dig negiert, Gramsci qua­si als „Werk­zeug­kis­te“ im Sin­ne Fou­caults nutzt.

Dazu gehört auch die stief­müt­ter­lich behan­del­te media­le Fra­ge, inso­fern Hege­mo­nie über­haupt nur als media­les Phä­no­men zu begrei­fen ist, sie kam erst mit den moder­nen Medi­en theo­re­tisch rich­tig in Fahrt. Die Kul­tur muß medi­en­kom­pa­ti­bel sein und die Medi­en sind kul­tu­rell aus­ge­rich­tet. Es kom­men in die­ser Per­spek­ti­ve die Kräf­te der „Zivi­li­sa­ti­ons­drift“ (Slo­ter­di­jk), der Kul­tur­drift noch immer nicht ins Bild – oder wenn doch, dann nur ganz kurz zum Schluß, etwa bei den Andeu­tun­gen zum Volk. Die­se gewis­se Nai­vi­tät schlägt z.B. auch durch, wenn man orbá­nis­ti­sche ideo­lo­gie­ge­ne­rier­te Theo­rie­bau­stei­ne zum Nenn­wert nimmt.

Über­haupt gelingt es Kai­ser, hei­ße Mate­rie sprach­lich kühl und tro­cken anzu­pa­cken, was vom Leser mit­un­ter Stami­na erfor­dert. Sei­ne immense Bele­sen­heit kommt ihm mit­un­ter in die Que­re, wenn abwe­gi­ge Zita­tio­nen (Gor­ki, Kurel­la, Bre­del u.a.), die nicht in der Logik des Stof­fes und der Auf­ga­be ste­hen, ein­ge­baut wer­den, wie sich über­haupt die theo­re­ti­schen Pas­sa­gen mit­un­ter gewollt, zusam­men­ge­sucht und ‑gestü­ckelt lesen, wohin­ge­gen die frei­en Pas­sa­gen das erzäh­le­ri­sche Talent Kai­sers beweisen.

Das alles ändert nichts dar­an, daß hier ein ech­ter Mei­len­stein ein­ge­rammt wur­de, an dem sich zu sto­ßen fast Pflicht ist für alle, die im hie­si­gen Beritt mit­re­den wollen.

Bene­dikt Kai­ser: Der Hege­mo­nie ent­ge­gen. Jun­g­eu­ro­pa 2025, 276 Sei­ten, 24 € – hier bestel­len

 

 

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