Das Buch verhält sich zu Kaisers Solidarischem Patriotismus (2020) wie die strategische und taktische Handlungsanleitung zur weltanschauliche Grundlegung, wenn auch auf einem gewissen Abstraktionsniveau. Erschien das erste bei Antaios, so deutet der Verlagswechsel zum Jungeuropa Verlag schon eine gewisse inhaltliche Verlagerung an.
Selbstbewußt hat man sich dort vom „Schnellrodaer Kernfeld“ emanzipiert, geht jetzt von einer Doppelspitze innerhalb der Neuen Rechten aus und nimmt für sich in Anspruch, an die frühe Neue Rechte stärker anzuschließen, inklusive „Europaorientierung, Kapitalismuskritik und Westbindungsaversion“.
Die Neue Rechte, deren bundesdeutsche Geschichte Kaiser in diesem Buch ebenso rekapituliert und deren Zerfaserung durch das IfS letztlich wieder gebündelt und gestrafft worden war, gibt es nun „im konstruktiven Plural“. Begrifflich steht dafür die „Hegemonie“, die die „Metapolitik“ ergänzen, konkretisieren und direkt ins real-politische Feld führen soll. Beide zusammen sollen eine „integrale Strategie“ ergeben, Metapolitik ist das Mittel zum Zweck, ist der Weg zur Hegemonie, ist „der Kampf um geistige und kulturelle Hegemonie.“
Bei dieser Staffelübergabe soll nun Antonio Gramsci (1891–1937), der kommunistische italienische Parteichef und Leninist, Pate stehen. Es zeichnet Kaisers Schaffen ja schon seit langem aus, daß er die Grenzen des Lesbaren verschieben, die Lektürezone ausweiten und damit der Neuen Rechten frisches Brennmaterial zuführen will. Daß mit Gramsci ein schon lange Zeit diskutierter Veteran zum Zuge kommt, ist insofern kein Zufall, als er laut Kaisers historischem Rückblick auf die Geschichte der Neuen Rechten in Deutschland und in Frankreich von Anbeginn in deren DNA nachweisbar sei. Zudem sucht Kaiser wie kein anderer auch in aktuellen vornehmlich linken Theoriefeldern nach Inspirationen.
Diese Einhauchungen jedenfalls tun not, denn der rechte Populismus ist – trotz seiner Verdienste – auf einem Höhepunkt angelangt – und Höhepunkte sind immer Grund zur Sorge. Von dort geht es auf dem bisherigen Weg nicht weiter. Jetzt nur auf den Wahlsieg zu schauen, wäre fatal: „Hegemonie wird nicht durch Wahlergebnisse hergestellt, Wahlergebnisse sind die Folge von Hegemonie“ lautet einer der zahlreichen zitiertauglichen Slogans dieses Buches.
Schon jetzt müsse das gesellschaftliche Klima nachhaltig verändert, eine kulturelle Hegemonie, im Idealfall ein „historischer Block“ geschaffen werden, der den „Alltagsverstand“ (senso commune) hegemonial prägt und zum „gesunden Menschenverstand“ (buon senso) hebt, um eine Gegenhegemonie zu schaffen, wozu es den „organischen Intellektuellen“ benötigt … aber hier sind wir schon mitten im Gramscianischen Universum und Vokabular und Labyrinth, welches Kaiser im ausgedehnten Mittelteil entfaltet und erläutert.
Und weil er als einer der wenigen überhaupt und der Rechten sowieso die gesamten zehn Bände der in ihren Gedankengängen sehr fragmentierten und verwirrenden Gefängnishefte komplett gelesen hat, führt er den Leser zielsicher hindurch. Allerdings nicht ohne Abstriche, denn Gramsci als Marxist bewegt sich selbstredend auf dem Basis-Niveau, wohingegen sein neurechter Interpret dieses, sprich die ökonomische, die materielle Grundlegung fast vollständig negiert, Gramsci quasi als „Werkzeugkiste“ im Sinne Foucaults nutzt.
Dazu gehört auch die stiefmütterlich behandelte mediale Frage, insofern Hegemonie überhaupt nur als mediales Phänomen zu begreifen ist, sie kam erst mit den modernen Medien theoretisch richtig in Fahrt. Die Kultur muß medienkompatibel sein und die Medien sind kulturell ausgerichtet. Es kommen in dieser Perspektive die Kräfte der „Zivilisationsdrift“ (Sloterdijk), der Kulturdrift noch immer nicht ins Bild – oder wenn doch, dann nur ganz kurz zum Schluß, etwa bei den Andeutungen zum Volk. Diese gewisse Naivität schlägt z.B. auch durch, wenn man orbánistische ideologiegenerierte Theoriebausteine zum Nennwert nimmt.
Überhaupt gelingt es Kaiser, heiße Materie sprachlich kühl und trocken anzupacken, was vom Leser mitunter Stamina erfordert. Seine immense Belesenheit kommt ihm mitunter in die Quere, wenn abwegige Zitationen (Gorki, Kurella, Bredel u.a.), die nicht in der Logik des Stoffes und der Aufgabe stehen, eingebaut werden, wie sich überhaupt die theoretischen Passagen mitunter gewollt, zusammengesucht und ‑gestückelt lesen, wohingegen die freien Passagen das erzählerische Talent Kaisers beweisen.
Das alles ändert nichts daran, daß hier ein echter Meilenstein eingerammt wurde, an dem sich zu stoßen fast Pflicht ist für alle, die im hiesigen Beritt mitreden wollen.
Benedikt Kaiser: Der Hegemonie entgegen. Jungeuropa 2025, 276 Seiten, 24 € – hier bestellen