Ich und wir

von Emilietta Bealle -- "Jeder Tag hat nur 24 Stunden.“ – Diese Pinterest-Weisheit leuchtet den Mühseligen und Beladenen entgegen, die in der digitalen Sphäre nach Entlastung und Entschleunigung suchen: Wie entrinne ich dem täglichen Hamsterrad, dem ständigen schlechten Gewissen, wie kann ich ein bißchen mehr Zeit herausquetschen, mich freier fühlen?

Die Erin­ne­rung dar­an, daß jeder nur 24 Stun­den am Tag zur Ver­fü­gung hat, kann Streß aus­lö­sen – bei der Vier­fach­mut­ter, dem Schicht­ar­bei­ters, den berufs­tä­ti­gen Eltern mit pfle­ge­be­dürf­ti­gen Angehörigen.

Das Bewußt­sein des Bür­gers, der sich um eine Ver­wal­tung sei­ner ste­tig stei­gen­den Abga­ben eben­so betro­gen weiß wie um die öffent­li­che Sicher­heit und das Auf­stiegs­ver­spre­chen der alten BRD, über­schat­tet den All­tag zusätz­lich: Nicht nur funk­tio­nie­re ich wie eine Maschi­ne, auf Kos­ten mei­ner eige­nen Leben­dig­keit, ich hal­te auch ein Sys­tem auf­recht, das mich zugleich braucht und verachtet.

Wonach wir uns seh­nen, ist visua­li­siert in unzäh­li­gen Social-Media-Bild­ga­le­rien von Son­nen­auf­gän­gen, ein­sa­men Spa­zier­gän­gern an wei­ten Strän­den, Frau­en in kusch­li­gen Pull­overn auf Boots­ste­gen mit wehen­dem Haar und ver­wit­ter­ten Bahn­schie­nen, die in die Fer­ne wei­sen…? Wir seh­nen uns danach, „Kapi­tän unse­res eige­nen Schif­fes“ zu wer­den, das Steu­er­rad zu über­neh­men, nicht mehr aus­ge­lie­fert zu sein.

In der Sozio­lo­gie beschreibt „Agen­cy“ die Fähig­keit von Grup­pen und Indi­vi­du­en, sich inner­halb vor­ge­ge­be­ner Struk­tu­ren Hand­lungs­spiel­räu­me zu ver­schaf­fen und die­se in ihrem eige­nen Inter­es­se zu nut­zen. Jede Form der Psy­cho­the­ra­pie geht davon aus, daß der Kli­ent grund­sätz­lich anders han­deln, anders den­ken, anders füh­len kann, als es zu Beginn der Behand­lung der Fall ist.

Im Bera­ter­jar­gon wird „Agen­cy“ den Unter­neh­men als etwas ange­prie­sen, das man ein­kau­fen kann: zusätz­li­che Optio­nen durch zusätz­li­ches Wis­sen (näm­lich das des Bera­ters) – und in der Psy­ch­o­sze­ne, auf Selbst­hil­fe­b­logs, und Coach-Kanä­len begeg­net die Sehn­sucht nach Ver­fü­gungs­ge­walt über das eige­ne Leben eben jenen poe­ti­schen Bil­dern, Fotos, Formulierungen.

Die gän­gi­ge Neo­li­be­ra­lis­mus­kri­tik lin­ker Prä­gung ist recht schnell fer­tig mit dem Ide­al der indi­vi­du­el­len Selbst­er­mäch­ti­gung: Es sei sys­tem­sta­bi­li­sie­rend, den Ein­zel­nen als Agen­ten sei­nes Schick­sals ein­zu­set­zen – so steu­ert er dann viel­leicht sei­nen Kahn aus den Untie­fen einer Burn­out-Erkran­kung her­aus, wird aber, da ihm dies ja aus eige­ner Kraft gelang, nie­mals die Struk­tu­ren angrei­fen, die ihn erst in gefähr­li­che Gewäs­ser hin­ein­zo­gen. Er wird viel­leicht mei­nen: „Gib nicht ande­ren die Schuld: Was mir gelang, kannst auch Du schaffen!“

Poli­ti­sches Schei­tern, um nun die gesell­schaft­li­che Ebe­ne zu betrach­ten, wird der Geschei­ter­te viel­leicht gar auf Tes­to­ste­ron­man­gel, feh­len­des Rhe­to­rik­trai­ning oder ande­re per­sön­li­che Defi­zi­te zurück­füh­ren – und tat­säch­lich gibt es kaum Jäm­mer­li­che­res als ein Ver­wei­len im Opfer­sta­tus unter Ver­weis auf das böse Sys­tem und die feind­li­chen Strukturen.

Der untä­tig-aggres­si­ve Incel kommt dabei eben­so in den Sinn wie die ewig durch All­tags­ras­sis­mus in ihrem Erfolg behin­der­te Migran­tin oder die in Rebel­li­ons­sche­ma­ta der 70er Jah­re ver­har­ren­den Tag X‑Aspiranten. Selbst­er­mäch­ti­gung, das Ergrei­fen des Steu­er­ra­des, das Bean­spru­chen von „Agen­cy“ sind die The­men der liber­tär- indi­vi­dua­lis­ti­schen Inter­net­sphä­re, in der Influen­cer eben jenen Incels Wege zu finan­zi­el­ler Frei­heit, wah­rer Männ­lich­keit und zum sexu­el­len Erfolg wei­sen. Die­se Sphä­re ist „rechts“ konnotiert.

Die femi­ni­ne „Agency“-Bubble, deren Stich­wor­te „Pro­duk­ti­vi­tät“, „Selbst­für­sor­ge“ und „Gen­der Time Gap“ lau­ten, ist eher links ein­ge­bet­tet, weil es um einen Sou­ve­rä­ni­täts­ge­winn von Frau­en geht.

Apo­li­tisch sind im Grun­de bei­de Online-Bla­sen: Aus­wan­dern, reich wer­den und Frau­en abschlep­pen mag wider­stän­di­ge Aspek­te haben, weil es sich dem Ent­männ­li­chungs­trend der (brö­ckeln­den) kul­tu­rel­len Hege­mo­nie ent­zieht, schmerzt die Macht­ap­pa­ra­te der spä­ten BRD aber eben­so­we­nig wie die zeit­op­ti­mier­te, pas­tell­far­ben schat­tier­te, in aus­ge­druck­te To-Do-Lis­ten ver­pan­zer­te Super­mom, die eine Mor­gen­rou­ti­ne hat, aber auch mal Fün­fe gera­de las­sen kann, weil sie gelernt hat, auf ihre Bedürf­nis­se zu hören.

Der NPC, der „Non-Play­er-Cha­rac­ter“ ist eine aus der Welt der Com­pu­ter­spie­le über­nom­me­ne Bezeich­nung jener Spiel­fi­gu­ren, die nicht vom Spie­ler, dem Prot­ago­nis­ten, gesteu­ert wer­den, son­dern einen bestimm­ten Zweck in der Spiel­welt erfül­len. Sie sind viel­leicht Kano­nen­fut­ter in einem Ego-Shoo­ter, Gäs­te in einer Taver­ne – oder ein­fach Figu­ren, die eine Spiel­sze­ne beleben.

Der selbst­op­ti­mier­te NPC in bei­den skiz­zier­ten Vari­an­ten (ob zeit­op­ti­mier­te Power­frau oder männ­lich­keits­ma­xi­mie­ren­der Kryp­to­händ­ler) kann so bezeich­net wer­den, weil er sich selbst als akti­ver Gestal­ter einer Gemein­schaft aus dem Spiel nimmt. Das heißt nicht, daß er ein Ein­zel­gän­ger sein muß.

Er betrach­tet ledig­lich die ande­ren als eine Sum­me vie­ler ande­rer Ein­zel­ner, die doch auch, eben­so wie er, ihr Leben selbst in die Hand neh­men und finan­zi­el­le Frei­heit oder zeit­li­che Selbst­be­stim­mung oder gene­rell „Agen­cy“ errei­chen könn­ten: Den Aus­stieg aus dem Hams­ter­rad der Fremdbestimmung.

Daß die Rol­le der ver­ant­wor­tungs­ver­wei­gern­den Heul­su­se, die um einen Platz in der Opfer­py­ra­mi­de kämpft, um emo­tio­nal und mate­ri­ell ver­sorgt zu sein, kei­ne Opti­on für Rech­te ist, wur­de gesagt und ver­steht sich von selbst. Sie ist Ich-bezo­gen. Sie defi­niert sich über ihre Schwä­che, damit ande­re sich um sie kümmern.

Der Selbst­op­ti­mier­te defi­niert sich über sei­ne Stär­ke, er kann sich auf sich ver­las­sen, und ist damit unabhängig.

Kon­trä­re Figu­ren, und bei­de krei­sen um sich selbst. Daß chro­ni­scher Streß und Zeit­man­gel als Mas­sen­phä­no­me­ne Aus­ge­bur­ten der Spät­mo­der­ne sind, ist tri­vi­al. Kei­ner unse­rer Vor­fah­ren hat­te eine To-Do-Lis­te mit der­art dis­pa­ra­ten Punk­ten vor sich lie­gen – wie die Autorin die­ser Zei­len,. Die Ver­pflich­tun­gen waren ein­heit­li­cher und offen­sicht­lich und gehör­ten meist ein und der­sel­ben Sphä­re an. Wer etwa wusch, putz­te und koch­te, war eher nicht der­sel­be Mensch, der den Kin­dern fremd­län­di­sche Gram­ma­tik erklär­te, Bank­ge­schäf­te tätig­te oder Arti­kel schrieb.

Wie befrei­end wäre es, ein­fach zu tun, was zu tun ist! Das Offen­sicht­li­che, das Not­wen­di­ge. Und eins nach dem anderen.

Die his­to­ri­schen Vor­bil­der der volks­ver­bun­de­nen Rech­ten wären ver­blüfft, wahr­schein­lich spöt­tisch, viel­leicht besorgt, leg­te man ihnen die heu­ti­gen Kon­zep­te der „Agen­cy“ vor, des Zeit­ma­nage­ments, der Selbst­für­sor­ge. Sie brauch­ten der­glei­chen nicht, die aus Schle­si­en mit Klein­kin­dern flie­hen­de Mut­ter eben­so­we­nig wie der Sol­dat an der Front und der abge­ar­bei­te­te Bauer.

Der Fluch der unzäh­li­gen Mög­lich­kei­ten, Ablen­kun­gen und Anfor­de­run­gen trifft uns Nach­ge­bo­re­ne, und oft­mals haben wir nicht ein­mal den einen Ori­en­tie­rungs­punkt, das eine prio­ri­tä­ten­sor­tie­ren­de Kri­te­ri­um, das Mut­ter, Sol­dat und Bau­ern eint: die Pflicht, für ande­re zu sorgen.

Sie ent­hebt sovie­ler Fra­gen und beant­wor­tet ande­re klar und gna­den­los. Wer für ande­re Sor­ge trägt, hat eben nur auf einer ganz abs­trak­ten Ebe­ne jene 24 Stun­den… die Kin­der nicht zu ver­sor­gen, die kran­ke Oma nicht zu besu­chen, dem alten Nach­barn nicht die Wäsche hoch­zu­tra­gen – das ist nicht drin, nichts davon darf man versäumen.

Damit redu­ziert sich die Zahl der frei­en Stun­den doch erheb­lich. Und der Blick erwei­tert sich: Wie ist es um die Hand­lungs­frei­heit mei­ner Kom­mu­ne bestellt, mei­nes Lan­des, mei­nes Vol­kes? Wer stets in sich hin­ein­spürt, per­sön­li­che Bedürf­nis­se und Pflich­ten gewandt koor­di­niert, wird, solan­ge die Zeit­läuf­te es zulas­sen, viel­leicht recht unbe­hel­ligt sein Lebens­schiff durch die Flu­ten steuern.

Aber läßt er sich in den Dienst neh­men, wenn es wirk­lich um etwas geht, was grö­ßer ist als das eige­ne Leben?

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