Die Erinnerung daran, daß jeder nur 24 Stunden am Tag zur Verfügung hat, kann Streß auslösen – bei der Vierfachmutter, dem Schichtarbeiters, den berufstätigen Eltern mit pflegebedürftigen Angehörigen.
Das Bewußtsein des Bürgers, der sich um eine Verwaltung seiner stetig steigenden Abgaben ebenso betrogen weiß wie um die öffentliche Sicherheit und das Aufstiegsversprechen der alten BRD, überschattet den Alltag zusätzlich: Nicht nur funktioniere ich wie eine Maschine, auf Kosten meiner eigenen Lebendigkeit, ich halte auch ein System aufrecht, das mich zugleich braucht und verachtet.
Wonach wir uns sehnen, ist visualisiert in unzähligen Social-Media-Bildgalerien von Sonnenaufgängen, einsamen Spaziergängern an weiten Stränden, Frauen in kuschligen Pullovern auf Bootsstegen mit wehendem Haar und verwitterten Bahnschienen, die in die Ferne weisen…? Wir sehnen uns danach, „Kapitän unseres eigenen Schiffes“ zu werden, das Steuerrad zu übernehmen, nicht mehr ausgeliefert zu sein.
In der Soziologie beschreibt „Agency“ die Fähigkeit von Gruppen und Individuen, sich innerhalb vorgegebener Strukturen Handlungsspielräume zu verschaffen und diese in ihrem eigenen Interesse zu nutzen. Jede Form der Psychotherapie geht davon aus, daß der Klient grundsätzlich anders handeln, anders denken, anders fühlen kann, als es zu Beginn der Behandlung der Fall ist.
Im Beraterjargon wird „Agency“ den Unternehmen als etwas angepriesen, das man einkaufen kann: zusätzliche Optionen durch zusätzliches Wissen (nämlich das des Beraters) – und in der Psychoszene, auf Selbsthilfeblogs, und Coach-Kanälen begegnet die Sehnsucht nach Verfügungsgewalt über das eigene Leben eben jenen poetischen Bildern, Fotos, Formulierungen.
Die gängige Neoliberalismuskritik linker Prägung ist recht schnell fertig mit dem Ideal der individuellen Selbstermächtigung: Es sei systemstabilisierend, den Einzelnen als Agenten seines Schicksals einzusetzen – so steuert er dann vielleicht seinen Kahn aus den Untiefen einer Burnout-Erkrankung heraus, wird aber, da ihm dies ja aus eigener Kraft gelang, niemals die Strukturen angreifen, die ihn erst in gefährliche Gewässer hineinzogen. Er wird vielleicht meinen: „Gib nicht anderen die Schuld: Was mir gelang, kannst auch Du schaffen!“
Politisches Scheitern, um nun die gesellschaftliche Ebene zu betrachten, wird der Gescheiterte vielleicht gar auf Testosteronmangel, fehlendes Rhetoriktraining oder andere persönliche Defizite zurückführen – und tatsächlich gibt es kaum Jämmerlicheres als ein Verweilen im Opferstatus unter Verweis auf das böse System und die feindlichen Strukturen.
Der untätig-aggressive Incel kommt dabei ebenso in den Sinn wie die ewig durch Alltagsrassismus in ihrem Erfolg behinderte Migrantin oder die in Rebellionsschemata der 70er Jahre verharrenden Tag X‑Aspiranten. Selbstermächtigung, das Ergreifen des Steuerrades, das Beanspruchen von „Agency“ sind die Themen der libertär- individualistischen Internetsphäre, in der Influencer eben jenen Incels Wege zu finanzieller Freiheit, wahrer Männlichkeit und zum sexuellen Erfolg weisen. Diese Sphäre ist „rechts“ konnotiert.
Die feminine „Agency“-Bubble, deren Stichworte „Produktivität“, „Selbstfürsorge“ und „Gender Time Gap“ lauten, ist eher links eingebettet, weil es um einen Souveränitätsgewinn von Frauen geht.
Apolitisch sind im Grunde beide Online-Blasen: Auswandern, reich werden und Frauen abschleppen mag widerständige Aspekte haben, weil es sich dem Entmännlichungstrend der (bröckelnden) kulturellen Hegemonie entzieht, schmerzt die Machtapparate der späten BRD aber ebensowenig wie die zeitoptimierte, pastellfarben schattierte, in ausgedruckte To-Do-Listen verpanzerte Supermom, die eine Morgenroutine hat, aber auch mal Fünfe gerade lassen kann, weil sie gelernt hat, auf ihre Bedürfnisse zu hören.
Der NPC, der „Non-Player-Character“ ist eine aus der Welt der Computerspiele übernommene Bezeichnung jener Spielfiguren, die nicht vom Spieler, dem Protagonisten, gesteuert werden, sondern einen bestimmten Zweck in der Spielwelt erfüllen. Sie sind vielleicht Kanonenfutter in einem Ego-Shooter, Gäste in einer Taverne – oder einfach Figuren, die eine Spielszene beleben.
Der selbstoptimierte NPC in beiden skizzierten Varianten (ob zeitoptimierte Powerfrau oder männlichkeitsmaximierender Kryptohändler) kann so bezeichnet werden, weil er sich selbst als aktiver Gestalter einer Gemeinschaft aus dem Spiel nimmt. Das heißt nicht, daß er ein Einzelgänger sein muß.
Er betrachtet lediglich die anderen als eine Summe vieler anderer Einzelner, die doch auch, ebenso wie er, ihr Leben selbst in die Hand nehmen und finanzielle Freiheit oder zeitliche Selbstbestimmung oder generell „Agency“ erreichen könnten: Den Ausstieg aus dem Hamsterrad der Fremdbestimmung.
Daß die Rolle der verantwortungsverweigernden Heulsuse, die um einen Platz in der Opferpyramide kämpft, um emotional und materiell versorgt zu sein, keine Option für Rechte ist, wurde gesagt und versteht sich von selbst. Sie ist Ich-bezogen. Sie definiert sich über ihre Schwäche, damit andere sich um sie kümmern.
Der Selbstoptimierte definiert sich über seine Stärke, er kann sich auf sich verlassen, und ist damit unabhängig.
Konträre Figuren, und beide kreisen um sich selbst. Daß chronischer Streß und Zeitmangel als Massenphänomene Ausgeburten der Spätmoderne sind, ist trivial. Keiner unserer Vorfahren hatte eine To-Do-Liste mit derart disparaten Punkten vor sich liegen – wie die Autorin dieser Zeilen,. Die Verpflichtungen waren einheitlicher und offensichtlich und gehörten meist ein und derselben Sphäre an. Wer etwa wusch, putzte und kochte, war eher nicht derselbe Mensch, der den Kindern fremdländische Grammatik erklärte, Bankgeschäfte tätigte oder Artikel schrieb.
Wie befreiend wäre es, einfach zu tun, was zu tun ist! Das Offensichtliche, das Notwendige. Und eins nach dem anderen.
Die historischen Vorbilder der volksverbundenen Rechten wären verblüfft, wahrscheinlich spöttisch, vielleicht besorgt, legte man ihnen die heutigen Konzepte der „Agency“ vor, des Zeitmanagements, der Selbstfürsorge. Sie brauchten dergleichen nicht, die aus Schlesien mit Kleinkindern fliehende Mutter ebensowenig wie der Soldat an der Front und der abgearbeitete Bauer.
Der Fluch der unzähligen Möglichkeiten, Ablenkungen und Anforderungen trifft uns Nachgeborene, und oftmals haben wir nicht einmal den einen Orientierungspunkt, das eine prioritätensortierende Kriterium, das Mutter, Soldat und Bauern eint: die Pflicht, für andere zu sorgen.
Sie enthebt sovieler Fragen und beantwortet andere klar und gnadenlos. Wer für andere Sorge trägt, hat eben nur auf einer ganz abstrakten Ebene jene 24 Stunden… die Kinder nicht zu versorgen, die kranke Oma nicht zu besuchen, dem alten Nachbarn nicht die Wäsche hochzutragen – das ist nicht drin, nichts davon darf man versäumen.
Damit reduziert sich die Zahl der freien Stunden doch erheblich. Und der Blick erweitert sich: Wie ist es um die Handlungsfreiheit meiner Kommune bestellt, meines Landes, meines Volkes? Wer stets in sich hineinspürt, persönliche Bedürfnisse und Pflichten gewandt koordiniert, wird, solange die Zeitläufte es zulassen, vielleicht recht unbehelligt sein Lebensschiff durch die Fluten steuern.
Aber läßt er sich in den Dienst nehmen, wenn es wirklich um etwas geht, was größer ist als das eigene Leben?