Rußland und die USA – feindliche Parallelen

PDF der Druckausgabe aus Sezession 124/ Februar 2025

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von Filipp Fomitschow –

Ruß­land wur­de und wird oft mit den USA als der domi­nie­ren­den Nati­on der moder­nen Welt­ord­nung ver­gli­chen. Die bei­den Län­der wer­den dabei als gegen­sätz­li­che Pole und unver­söhn­li­che Geg­ner dar­ge­stellt. Doch eine genaue­re Betrach­tung zeigt, wie sehr sich Ruß­land und die USA sowohl in der Ver­gan­gen­heit als auch der­zeit ein­an­der in wesent­li­chen Aspek­ten annä­her­ten und annä­hern, bei­na­he bis zur Ununterscheidbarkeit.

Ein his­to­ri­scher Rück­blick ist sinn­voll. Man kann den Beginn der rus­sisch-ame­ri­ka­ni­schen Bezie­hun­gen auf den Auf­stand der nord­ame­ri­ka­ni­schen Kolo­nien gegen ihre eng­li­schen Kolo­ni­al­her­ren datie­ren. Die rus­si­sche Kai­se­rin Katha­ri­na die Gro­ße lehn­te die Bit­te Lon­dons um Unter­stüt­zung ab und erklär­te die »bewaff­ne­te Neu­tra­li­tät«, was de fac­to eine Unter­stüt­zung der Kolo­nien bedeutete.

Im 19. Jahr­hun­dert waren die ame­ri­ka­nisch- rus­si­schen Bezie­hun­gen im all­ge­mei­nen freund­schaft­lich, trotz der Pro­ble­me, die zu Beginn des Jahr­hun­derts durch das Auf­ein­an­der­tref­fen der Inter­es­sen im Gebiet von Alas­ka und der Pazi­fik­küs­te Nord­ame­ri­kas ent­stan­den. In den 1830er bis 1860er Jah­ren erreich­ten die Bezie­hun­gen zwi­schen Peters­burg und Washing­ton ihren Höhe­punkt. Dies gip­fel­te in der Zeit des Ame­ri­ka­ni­schen Bür­ger­kriegs, als Ruß­land bereit war, die Nord­staa­ten sogar mili­tä­risch zu unter­stüt­zen. 1867 kam es zum berühm­ten Ver­kauf von Alaska.

Aber zum Ende des 19. Jahr­hun­derts hin ver­schlech­ter­ten sich die Bezie­hun­gen. Grund dafür waren sowohl die Span­nun­gen in Ost­asi­en, deren Höhe­punkt die Unter­stüt­zung Japans durch die USA im Rus­sisch-Japa­ni­schen Krieg (1904 – 1905) war. Nicht weni­ger wich­tig war aber das Erstar­ken der ideo­lo­gi­schen Kom­po­nen­te der ame­ri­ka­ni­schen Außen­po­li­tik. In den spä­ten 1880er und frü­hen 1890er Jah­ren ent­wi­ckel­te die ame­ri­ka­ni­sche Öffent­lich­keit star­ke nega­ti­ve Ste­reo­ty­pen – Ruß­land wur­de zu einem Staat, in dem des­po­ti­sche Zaren eine nach Frei­heit stre­ben­de Bevöl­ke­rung unterdrückten.

Das 20. Jahr­hun­dert, in dem sich Rus­sen und Ame­ri­ka­ner in bei­den Welt­krie­gen auf der­sel­ben Sei­te wie­der­fan­den, hat die posi­ti­ve Wahr­neh­mung des »ein­fa­chen rus­si­schen Vol­kes« an der Basis nur noch ver­stärkt. Obwohl die USA auf der Sei­te der Entente in den Krieg ein­tra­ten, unter­stütz­ten sie den Umsturz der Mon­ar­chie in Ruß­land aus ideo­lo­gi­schen Grün­den. Nach der Macht­er­grei­fung der Bol­sche­wi­ki betei­lig­ten sich ame­ri­ka­ni­sche Trup­pen aber auch an der Aus­lands­in­ter­ven­ti­on zur Unter­stüt­zung der anti­bol­sche­wis­ti­schen Kräfte.

Gleich­zei­tig jedoch las­sen sich für die Pha­se des sowje­ti­schen Expe­ri­ments vie­le wesent­li­che Par­al­le­len zwi­schen den USA und Ruß­land fest­stel­len. Die sowje­ti­schen poli­ti­schen, sozia­len und wirt­schaft­li­chen Expe­ri­men­te (Ver­staat­li­chung der Wirt­schaft, Zer­schla­gung alter Kul­tur­for­men, Lega­li­sie­rung der Abtrei­bung, Frauen­emanzipation, Zer­stö­rung der Fami­lie und der Kir­che usw.) waren ja in vie­ler­lei Hin­sicht viel »fort­schritt­li­cher« als die Umwäl­zun­gen in der ame­ri­ka­ni­schen Gesell­schaft, die durch fes­te­re reli­giö­se und fami­liä­re Tra­di­tio­nen rück­ge­bun­den blieb.

Ins­ge­samt läßt sich jedoch eine merk­wür­di­ge Par­al­le­le fest­stel­len. Auch als Reak­ti­on auf das sowje­ti­sche Pro­jekt zur Umge­stal­tung der Welt (Lenins »Dekret über den Frie­den«) leg­te der ame­ri­ka­ni­sche Prä­si­dent Wood­row Wil­son sei­ne berühm­ten »14 Punk­te« einer neu­en libe­ral-demo­kra­ti­schen Welt­ord­nung vor. Heu­te könn­te man etwas ver­ein­fa­chend sagen, daß ­Wil­sons Punk­te und Lenins Dekret die Ideo­lo­gie des Glo­ba­lis­mus for­mu­lie­ren – libe­ral- demo­kra­tisch hier, pro­le­ta­risch-sozia­lis­tisch dort.

In den 1920er Jah­ren waren lin­ke Ideen im demo­kra­ti­schen Milieu der USA sehr ver­brei­tet, und in den 1930er Jah­ren kam es zu einer rich­ti­gen »lin­ken Blü­te« mit offe­nen Sym­pa­thien für die UdSSR. Dies waren auch die Jah­re von Roo­se­velts »New Deal« – einem sozio­öko­no­mi­schen Expe­ri­ment, das als »sanf­te Sozia­li­sie­rung« gilt. Dar­über hin­aus durch­lie­fen sowohl die ame­ri­ka­ni­sche als auch die neu­ent­stan­de­ne sowje­ti­sche Gesell­schaft ähn­li­che Pro­zes­se – die Beschleu­ni­gung der Indus­tria­li­sie­rung und Urba­ni­sie­rung, die Her­aus­bil­dung einer homo­ge­nen Mas­sen­ge­sell­schaft und Kultur.

In der UdSSR erfüll­ten sich die Träu­me ame­ri­ka­ni­scher Theo­re­ti­ker in Sachen Ver­tei­lungs­ge­rech­tig­keit, Mas­sen­psy­cho­ana­ly­se, Pre­digt der frei­en Lie­be und über­haupt einer »Ver­bes­se­rung« des mensch­li­chen und sozia­len Wesens. Gleich­zei­tig waren die Bol­sche­wi­ki von den ame­ri­ka­ni­schen wirt­schaft­li­chen Erfol­gen beses­sen und luden in der Zwi­schen­kriegs­zeit Spe­zia­lis­ten und Inge­nieu­re aus den USA ein, die Indus­tria­li­sie­rung vor­an­zu­trei­ben. (1)

Bemer­kens­wert ist, daß bei­de Gesell­schafts­pro­jek­te nach einer Maxi­mie­rung mate­ri­el­len Wohl­stands streb­ten. Die Wohl­stands­ge­sell­schaft wur­de in den USA in den spä­ten 1950er, frü­hen 1960er Jah­ren erreicht, in der UdSSR ein Jahr­zehnt spä­ter (was nichts mehr als nur eine grö­ße­re Effek­ti­vi­tät des kapi­ta­lis­tisch-markt­wirt­schaft­li­chen Modells zeigt).

Die­se inhalt­li­che US-sowje­ti­sche-Annä­he­rung wur­de bereits in der »Kon­ver­genz­theo­rie« (2) vor­aus­ge­se­hen, wonach die UdSSR all­mäh­lich libe­ra­ler und der Wes­ten sozia­lis­ti­scher wer­de, so daß sich ein durch­schnitt­li­ches sozio­öko­no­mi­sches Sys­tem her­aus­bil­den wer­de, das die Prin­zi­pi­en des Sozia­lis­mus und des Kapi­ta­lis­mus in einem neu­en Wer­te­sys­tem ver­ei­ne. Zu einer Kon­ver­genz kam es jedoch nicht, und die Kon­fron­ta­ti­on zwi­schen den Sys­tem-Staa­ten ende­te mit dem Tri­umph des einen.

Die US-Stra­te­gie der Ver­brei­tung von Frei­heit und Demo­kra­tie erfaß­te im 20. Jahr­hun­dert mit jedem neu­en Impuls mehr und mehr Erd­tei­le. Natür­lich wur­de die US-Außen­po­li­tik auch von Fak­to­ren des Poli­ti­schen und des Wirt­schaft­li­chen beein­flußt, jedoch wur­de die mes­sia­ni­sche Über­zeu­gung mit poli­ti­schem Instinkt und Fle­xi­bi­li­tät kom­bi­niert, vor allem nach dem Umbruch von 1990.

Der rus­sisch-sowje­tisch-ruß­län­di­sche Mes­sia­nis­mus hat eine viel kom­ple­xe­re Geschich­te. Die tra­di­tio­nel­len spät­mit­tel­al­ter­li­chen kat­echon­ti­schen Vor­stel­lun­gen, die auf den Staat über­tra­gen wer­den, gehen auf das spä­te 15., frü­he 16. Jahr­hun­dert zurück (die berühm­te Meta­pher vom »Drit­ten Rom«). Die­se Vor­stel­lung ist nicht ein­zig­ar­tig – sie basiert auf dem Kon­zept der »Über­tra­gung des Impe­ri­ums« (trans­la­tio impe­rii) und wur­de von vie­len euro­päi­schen Mon­ar­chien ver­wen­det. In der rus­si­schen Geschich­te hat­te die­ses Bild ursprüng­lich eher einen reli­giö­sen als einen poli­ti­schen Cha­rak­ter. Erst im spä­ten 19. Jahr­hun­dert begann man, ihm vor allem poli­ti­sche Bedeu­tung beizumessen.

Der qua­si­re­li­giö­se Cha­rak­ter des Mar­xis­mus und sei­ner bol­sche­wis­ti­schen Ver­si­on ist bekannt. Viel inter­es­san­ter sind die gro­tes­ken Ver­su­che des post­so­wje­ti­schen Ruß­lands (vor allem in den letz­ten Jah­ren), sich als Arche des Heils auf­zu­spie­len – und damit dem Bei­spiel der USA nach­zu­ei­fern. Die Rhe­to­rik von Ruß­land als Heils­in­sel, als Arche der Nor­ma­li­tät, als Sei­te des Lichts und des Guten, als christ­li­cher Kat­echon hat in letz­ter Zeit immer stär­ker an öffent­li­chem Gewicht gewon­nen und reicht bis in die höchs­ten Ebe­nen der Macht.

Gleich­zei­tig kann sich die­ses qua­si­re­li­giö­se Pathos nicht auf christ­li­cher oder post­christ­li­cher Grund­la­ge eta­blie­ren – die Eli­te (sowie die Gesell­schaft) will oder kann die­sen Schritt nicht wagen. Statt des­sen erin­nert die Rhe­to­rik an spät­so­wje­ti­sche Erzäh­lun­gen von einer gerech­ten Welt und den natio­na­len Befrei­ungs­kämp­fen gegen den west­li­chen Neokolonialismus.

Einer der objek­ti­ven Grün­de für die Unmög­lich­keit des Über­gangs zu einem mes­sia­ni­schen Selbst­ver­ständ­nis ist die Beson­der­heit der rus­si­schen – oder genau­er gesagt: sowje­ti­schen – Säku­la­ri­sie­rung. Bei der west­li­chen Säku­la­ri­sie­rung wirk­ten säku­la­re Prin­zi­pi­en mit der kul­tu­rel­len Matrix zusam­men, was zu einem all­mäh­li­chen Wan­del führ­te, in des­sen Mit­tel­punkt die huma­nis­tisch-auf­klä­re­ri­sche Vor­stel­lung vom Men­schen und sei­nen Rech­ten stand. In Ruß­land war die Lage eigen­tüm­lich, obwohl die Pro­zes­se vor 1917 ins­ge­samt ähn­lich verliefen.

Die schritt­wei­se Säku­la­ri­sie­rung der ver­schie­de­nen Gesell­schafts­schich­ten ende­te mit einer lan­gen Peri­ode der Athe­is­mus-Tyran­nei. In den Jahr­zehn­ten der bol­sche­wis­ti­schen Dik­ta­tur wur­de die kul­tu­rel­le Matrix, in der zivi­le, poli­ti­sche, kul­tu­rel­le, ethi­sche und auch reli­giö­se Aspek­te mit­ein­an­der ver­wo­ben waren und das kom­ple­xe Gefü­ge einer säku­la­ren Gesell­schaft mit christ­li­cher Kul­tur und Ethik bil­de­ten, gründ­lich zerstört.

Die­ses Bild änder­te sich in den 1990er Jah­ren. Seit­her ähnelt das rus­si­sche Säku­la­ri­sie­rungs­mo­dell äußer­lich dem west­li­chen, aller­dings mit eini­gen Aus­nah­men. Das rus­si­sche Ver­ständ­nis des Säku­la­ren beruht weit­ge­hend auf den Erfah­run­gen des sowje­ti­schen staat­li­chen Kol­lek­tiv-Athe­is­mus, der nicht auf das Indi­vi­du­um und sei­ne Rech­te aus­ge­rich­tet war. Dies spie­gelt sich auch in einer Rei­he gesell­schaft­li­cher Erschei­nun­gen wider – Digi­ta­li­sie­rungs­tem­po, hohe Zahl der Abtrei­bun­gen und der Schei­dun­gen und so weiter.

Die Selbst­be­zeich­nung als ortho­dox ist also meist nur eine Form der Kenn­zeich­nung der staats­bür­ger­li­chen und sogar eth­ni­schen Zuge­hö­rig­keit. Das glei­che gilt für das Bekennt­nis zu »tra­di­tio­nel­len Wer­ten« und Vor­stel­lun­gen, die größ­ten­teils aus der tra­di­ti­ons­feind­li­chen und weit­ge­hend anti­rus­si­schen Sowjet­zeit stammen.

Kom­men wir zu einer wei­te­ren Ablei­tung, die das heu­ti­ge Ruß­land vor­nimmt – die par­odis­ti­sche Nach­ah­mung ame­ri­ka­ni­schen Neo­kon­ser­va­tis­mus, der die USA als letz­te Bas­ti­on »tra­di­tio­nel­ler Wer­te« (gemä­ßig­te Reli­gio­si­tät, Kern­fa­mi­lie und Loya­li­tät gegen­über dem Staat) prä­sen­tier­te und damit eine akti­ve und aggres­si­ve Außen­po­li­tik legi­ti­mier­te. Der offi­zi­el­le ruß­län­di­sche Kon­ser­va­tis­mus des letz­ten Jahr­zehnts kopiert prak­tisch die­ses Bild, indem er die ame­ri­ka­ni­sche Aus­er­wählt­heit durch die rus­si­sche ersetzt und neu-alte sowje­ti­sche Nar­ra­ti­ve hin­zu­fügt (denn neue pro­du­zie­ren kann er nicht).

Es ist bemer­kens­wert, daß vie­le ame­ri­ka­ni­sche Neo­cons aus mar­xis­tisch-trotz­kis­ti­schen Krei­sen stam­men, die vom Kom­mu­nis­mus des­il­lu­sio­niert waren, aber an den Mit­teln fest­hiel­ten. Die­se Metho­den sind auch für die Ver­tre­ter der rus­si­schen Eli­te, die ihre ers­ten Schrit­te in der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei oder in Sicher­heits­diens­ten gemacht haben, ver­traut und bequem.

In die­ser Umkeh­rung gibt es jedoch eine Beson­der­heit – ein inhalt­li­ches Vaku­um, eine Unge­wiß­heit dar­über, was genau bewahrt wer­den soll­te (das Ein­zi­ge, was in die­ser Situa­ti­on ret­tet, sind die stän­di­gen Ver­wei­se auf Sym­bo­le des Zwei­ten Welt­krie­ges: vater­län­di­scher Krieg, Kampf gegen das Böse für das Gute und die Frei­heit, Ver­nich­tung des wie­der­auf­le­ben­den Nazis­mus usw.).

Der gegen­wär­ti­ge Erfolg des Trum­pis­mus ist zu einem gro­ßen Teil dar­auf zurück­zu­füh­ren, daß er sich auf ein für vie­le Ame­ri­ka­ner leben­di­ges und ver­ständ­li­ches Wer­te­sys­tem bezieht – die USA sind eine Repu­blik im klas­si­schen Sin­ne, also eine Form der Gemein­schafts­or­ga­ni­sa­ti­on, in der sich die poli­ti­sche Par­ti­zi­pa­ti­on der Bür­ger nicht auf die peri­odi­sche Stimm­ab­ga­be bei Wah­len beschränkt, son­dern auch in der Pflicht zum bewaff­ne­ten Wider­stand gegen die Tyran­nei der eige­nen Obrig­keit zum Aus­druck kommt (aktu­ell gegen die Tyran­nei der Woke-Ideologie).

Und dies ist das Gegen­teil des situa­ti­ven Kon­ser­va­tis­mus einer spon­ta­nen emo­tio­na­len Mobi­li­sie­rung, gefolgt von einer noch stär­ke­ren Abga­be des eige­nen Schick­sals an den Staat und der Erset­zung des Kerns der Wer­te durch außen­po­li­ti­sche Fata Mor­ga­nas. Letz­te­res ent­spricht voll und ganz dem heu­ti­gen ruß­län­di­schen Kon­ser­va­tis­mus, mit dem ein­zi­gen Unter­schied, daß der Staat stark an Per­so­nen gebun­den ist.

Nicht weni­ger inter­es­sant sind die auf den ers­ten Blick uner­war­te­ten Kon­ver­gen­zen im Bereich des Bil­des der Nati­on. Es ist bekannt, daß die USA das Prin­zip des »Schmelz­tie­gels« beto­nen. Die Geschich­te der »Nati­on« in Ruß­land ist viel kom­pli­zier­ter. Im gro­ßen und gan­zen durch­lief Ruß­land die glei­chen Pha­sen wie alle gro­ßen euro­päi­schen Natio­nen (nur mit einer gewis­sen Ver­zö­ge­rung) – die Nati­on als Adels­kör­per­schaft, die Aus­wei­tung des Kon­zepts nach der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on und sei­ne Ver­knüp­fung mit dem Libe­ra­lis­mus, das Abfan­gen des natio­na­len Dis­kur­ses durch kon­ser­va­ti­ve und rech­te Kräf­te in den letz­ten Jahr­zehn­ten des 19. Jahrhunderts.

Genau in die­ser letz­ten unvoll­ende­ten Pha­se kam es zur Kata­stro­phe von 1917. Einer­seits wur­de die Idee einer »groß­rus­si­schen Nati­on« (Groß­rus­sen, Klein­rus­sen und Weiß­rus­sen) nicht voll­endet, (3) ande­rer­seits fiel die Voll­endung der rus­si­schen Nati­ons­bil­dung mit der Errich­tung und Ver­stär­kung eines zutiefst anti­na­tio­na­len Staa­tes zusammen.

Die sowje­ti­sche Natio­nal­po­li­tik basier­te auf der Domi­nanz der »sowje­ti­schen Iden­ti­tät«, in der der Rus­se nur eine der for­mal dazu­ge­hö­ren­den Natio­nen war, tat­säch­lich aber stän­dig unter­drückt blieb. Nach dem Zusam­men­bruch der UdSSR wur­de das Bild von »Ruß­län­dern« im Sin­ne von »Bür­gern der Ruß­län­di­schen Föde­ra­ti­on« vor­herr­schend, wodurch eth­nisch- kul­tu­rel­le und reli­giö­se Merk­ma­le neu­tra­li­siert wer­den soll­ten. Vie­le Jah­re lang wur­de die Kate­go­rie »rus­sisch« im bes­ten Fall poli­tisch igno­riert, im schlimms­ten aber nach Kräf­ten zurückgedrängt.

In den letz­ten drei Jah­ren hat sich das Ver­hält­nis zwi­schen die­sen Kate­go­rien jedoch ver­än­dert. »Rus­sisch« hat »ruß­län­disch« in sich auf­ge­nom­men, aber nur auf der Ebe­ne des Sprach­ge­brauchs. Im Grun­de hat eine fun­da­men­ta­le Sub­sti­tu­ti­on statt­ge­fun­den. Das Wort »rus­sisch« selbst ist nun zur Bezeich­nung einer Gemein­schaft gewor­den, die für Men­schen jeg­li­cher Her­kunft offen ist und damit – auch auf­grund der demo­gra­phi­schen Ent­wick­lung Ruß­lands – eine Poli­tik des »Schmelz­tie­gels« för­dert. Das ein­zi­ge wich­ti­ge Kri­te­ri­um die­ser Natio­nal­zu­ge­hö­rig­keit ist umfas­sen­de poli­ti­sche Loyalität.

Es gibt noch eine Rei­he ande­rer Para­me­ter, die für einen Ver­gleich inter­es­sant wären. Zum Bei­spiel Kon­sum- und Sozi­al­ma­nage­ment­mo­del­le. Nach dem Zusam­men­bruch der UdSSR befand sich die rus­si­sche Gesell­schaft in einem wert­ideo­lo­gi­schen Vaku­um, das unver­meid­lich durch vor allem ame­ri­ka­ni­sche Model­le gefüllt wur­de. Die Per­ver­sio­nen der Sowjet­zeit wur­den durch radi­ka­le Libe­ra­li­sie­rung und wil­den Kapi­ta­lis­mus kom­pen­siert, was nur in einer Gesell­schaft ohne kul­tu­rel­les Bewußt­sein und ethi­schen Kompaß mög­lich war.

Die post­so­wje­ti­sche Eli­te über­nahm nicht nur die­se Model­le, son­dern auch die Ver­wal­tungs­prak­ti­ken, die die Gesell­schaft als eine unbe­grenzt kon­stru­ier­ba­re Mas­se von Pro­du­zen­ten und Kon­su­men­ten betrach­ten. Somit ähnelt das Sozi­al­ma­nage­ment in Poli­tik, Bil­dung, Kul­tur usw. dem Modell der Ver­wal­tung eines gro­ßen Ein­kaufs- und Unter­hal­tungs­zen­trums, das seit kur­zem von Fein­den umge­ben ist. Das Prin­zip die­ses Sozi­al­ma­nage­ments könn­te als »die drei K« bezeich­net wer­den: Kom­fort, Kon­sum, Kon­trol­le (durch den Staat).

Was Ruß­land hier von den USA deut­lich unter­schei­det, ist das Tem­po der Digi­ta­li­sie­rung im Zusam­men­hang mit die­sen »drei K«, die unter dem Ban­ner von Bequem­lich­keit, Sicher­heit und Sou­ve­rä­ni­tät durch­ge­führt wird. Die kolos­sa­le Rol­le rie­si­ger Kor­po­ra­tio­nen, die mit dem Staat fusio­nie­ren und ihn sogar teil­wei­se dupli­zie­ren, ist ein wei­te­rer Punkt auf der Lis­te der rus­sisch-ame­ri­ka­ni­schen Gemeinsamkeiten.

Das glei­che gilt für das »sou­ve­rä­ne rus­si­sche Inter­net« und »sou­ve­rä­ne sozia­le Netz­wer­ke«, die zum Instru­ment staat­li­cher Ein­fluß­nah­me auf die sozia­le Kom­mu­ni­ka­ti­on wur­den. Sie sind ohne wesent­li­che Unter­schie­de zu west­li­chen Inter­net­platt­for­men orga­ni­siert. Der ein­zi­ge Unter­schied besteht dar­in, daß die Betrei­ber und Pro­fi­teu­re die­ser in Form und Bedeu­tung ent­ar­te­ten Inhal­te das nun eben »sou­ve­rän« tun.

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(1)  »Der Leni­nis­mus ist die theo­re­ti­sche und prak­ti­sche Schu­le, die einen beson­de­ren Typus des Par­tei- und Staats­funk­tio­närs her­aus­bil­det, die einen beson­de­ren, den Lenin­schen Arbeits­stil schafft. Wor­in bestehen die cha­rak­te­ris­ti­schen Merk­ma­le die­ses Stils? Wel­ches sind sei­ne Beson­der­hei­ten? Es sind zwei Beson­der­hei­ten: der rus­si­sche revo­lu­tio­nä­re Schwung und die ame­ri­ka­ni­sche Sach­lich­keit. Der Stil des Leni­nis­mus besteht in der Ver­ei­ni­gung die­ser bei­den Beson­der­hei­ten in der Par­tei- und Staats­ar­beit.« Josef Sta­lin: Über die Grund­la­gen des Leni­nis­mus (1924).

(2)  Sie­he etwa: Piti­rim ‑Sor­okin: Rus­sia and the United Sta­tes, New York 1944, oder die spä­te­re Ana­ly­se: John Ken­neth Gal­braith: Eco­no­mics and the Public Pur­po­se, Bos­ton 1973.

(3)  Die Leben­dig­keit ‑die­ser Ideen wur­de z. B. durch Alex­an­der Sol­sche­ni­zyns berühm­ten Essay »Wie soll­ten wir Ruß­land gestal­ten?« (1990) aufgezeigt.

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