von Filipp Fomitschow –
Rußland wurde und wird oft mit den USA als der dominierenden Nation der modernen Weltordnung verglichen. Die beiden Länder werden dabei als gegensätzliche Pole und unversöhnliche Gegner dargestellt. Doch eine genauere Betrachtung zeigt, wie sehr sich Rußland und die USA sowohl in der Vergangenheit als auch derzeit einander in wesentlichen Aspekten annäherten und annähern, beinahe bis zur Ununterscheidbarkeit.
Ein historischer Rückblick ist sinnvoll. Man kann den Beginn der russisch-amerikanischen Beziehungen auf den Aufstand der nordamerikanischen Kolonien gegen ihre englischen Kolonialherren datieren. Die russische Kaiserin Katharina die Große lehnte die Bitte Londons um Unterstützung ab und erklärte die »bewaffnete Neutralität«, was de facto eine Unterstützung der Kolonien bedeutete.
Im 19. Jahrhundert waren die amerikanisch- russischen Beziehungen im allgemeinen freundschaftlich, trotz der Probleme, die zu Beginn des Jahrhunderts durch das Aufeinandertreffen der Interessen im Gebiet von Alaska und der Pazifikküste Nordamerikas entstanden. In den 1830er bis 1860er Jahren erreichten die Beziehungen zwischen Petersburg und Washington ihren Höhepunkt. Dies gipfelte in der Zeit des Amerikanischen Bürgerkriegs, als Rußland bereit war, die Nordstaaten sogar militärisch zu unterstützen. 1867 kam es zum berühmten Verkauf von Alaska.
Aber zum Ende des 19. Jahrhunderts hin verschlechterten sich die Beziehungen. Grund dafür waren sowohl die Spannungen in Ostasien, deren Höhepunkt die Unterstützung Japans durch die USA im Russisch-Japanischen Krieg (1904 – 1905) war. Nicht weniger wichtig war aber das Erstarken der ideologischen Komponente der amerikanischen Außenpolitik. In den späten 1880er und frühen 1890er Jahren entwickelte die amerikanische Öffentlichkeit starke negative Stereotypen – Rußland wurde zu einem Staat, in dem despotische Zaren eine nach Freiheit strebende Bevölkerung unterdrückten.
Das 20. Jahrhundert, in dem sich Russen und Amerikaner in beiden Weltkriegen auf derselben Seite wiederfanden, hat die positive Wahrnehmung des »einfachen russischen Volkes« an der Basis nur noch verstärkt. Obwohl die USA auf der Seite der Entente in den Krieg eintraten, unterstützten sie den Umsturz der Monarchie in Rußland aus ideologischen Gründen. Nach der Machtergreifung der Bolschewiki beteiligten sich amerikanische Truppen aber auch an der Auslandsintervention zur Unterstützung der antibolschewistischen Kräfte.
Gleichzeitig jedoch lassen sich für die Phase des sowjetischen Experiments viele wesentliche Parallelen zwischen den USA und Rußland feststellen. Die sowjetischen politischen, sozialen und wirtschaftlichen Experimente (Verstaatlichung der Wirtschaft, Zerschlagung alter Kulturformen, Legalisierung der Abtreibung, Frauenemanzipation, Zerstörung der Familie und der Kirche usw.) waren ja in vielerlei Hinsicht viel »fortschrittlicher« als die Umwälzungen in der amerikanischen Gesellschaft, die durch festere religiöse und familiäre Traditionen rückgebunden blieb.
Insgesamt läßt sich jedoch eine merkwürdige Parallele feststellen. Auch als Reaktion auf das sowjetische Projekt zur Umgestaltung der Welt (Lenins »Dekret über den Frieden«) legte der amerikanische Präsident Woodrow Wilson seine berühmten »14 Punkte« einer neuen liberal-demokratischen Weltordnung vor. Heute könnte man etwas vereinfachend sagen, daß Wilsons Punkte und Lenins Dekret die Ideologie des Globalismus formulieren – liberal- demokratisch hier, proletarisch-sozialistisch dort.
In den 1920er Jahren waren linke Ideen im demokratischen Milieu der USA sehr verbreitet, und in den 1930er Jahren kam es zu einer richtigen »linken Blüte« mit offenen Sympathien für die UdSSR. Dies waren auch die Jahre von Roosevelts »New Deal« – einem sozioökonomischen Experiment, das als »sanfte Sozialisierung« gilt. Darüber hinaus durchliefen sowohl die amerikanische als auch die neuentstandene sowjetische Gesellschaft ähnliche Prozesse – die Beschleunigung der Industrialisierung und Urbanisierung, die Herausbildung einer homogenen Massengesellschaft und Kultur.
In der UdSSR erfüllten sich die Träume amerikanischer Theoretiker in Sachen Verteilungsgerechtigkeit, Massenpsychoanalyse, Predigt der freien Liebe und überhaupt einer »Verbesserung« des menschlichen und sozialen Wesens. Gleichzeitig waren die Bolschewiki von den amerikanischen wirtschaftlichen Erfolgen besessen und luden in der Zwischenkriegszeit Spezialisten und Ingenieure aus den USA ein, die Industrialisierung voranzutreiben. (1)
Bemerkenswert ist, daß beide Gesellschaftsprojekte nach einer Maximierung materiellen Wohlstands strebten. Die Wohlstandsgesellschaft wurde in den USA in den späten 1950er, frühen 1960er Jahren erreicht, in der UdSSR ein Jahrzehnt später (was nichts mehr als nur eine größere Effektivität des kapitalistisch-marktwirtschaftlichen Modells zeigt).
Diese inhaltliche US-sowjetische-Annäherung wurde bereits in der »Konvergenztheorie« (2) vorausgesehen, wonach die UdSSR allmählich liberaler und der Westen sozialistischer werde, so daß sich ein durchschnittliches sozioökonomisches System herausbilden werde, das die Prinzipien des Sozialismus und des Kapitalismus in einem neuen Wertesystem vereine. Zu einer Konvergenz kam es jedoch nicht, und die Konfrontation zwischen den System-Staaten endete mit dem Triumph des einen.
Die US-Strategie der Verbreitung von Freiheit und Demokratie erfaßte im 20. Jahrhundert mit jedem neuen Impuls mehr und mehr Erdteile. Natürlich wurde die US-Außenpolitik auch von Faktoren des Politischen und des Wirtschaftlichen beeinflußt, jedoch wurde die messianische Überzeugung mit politischem Instinkt und Flexibilität kombiniert, vor allem nach dem Umbruch von 1990.
Der russisch-sowjetisch-rußländische Messianismus hat eine viel komplexere Geschichte. Die traditionellen spätmittelalterlichen katechontischen Vorstellungen, die auf den Staat übertragen werden, gehen auf das späte 15., frühe 16. Jahrhundert zurück (die berühmte Metapher vom »Dritten Rom«). Diese Vorstellung ist nicht einzigartig – sie basiert auf dem Konzept der »Übertragung des Imperiums« (translatio imperii) und wurde von vielen europäischen Monarchien verwendet. In der russischen Geschichte hatte dieses Bild ursprünglich eher einen religiösen als einen politischen Charakter. Erst im späten 19. Jahrhundert begann man, ihm vor allem politische Bedeutung beizumessen.
Der quasireligiöse Charakter des Marxismus und seiner bolschewistischen Version ist bekannt. Viel interessanter sind die grotesken Versuche des postsowjetischen Rußlands (vor allem in den letzten Jahren), sich als Arche des Heils aufzuspielen – und damit dem Beispiel der USA nachzueifern. Die Rhetorik von Rußland als Heilsinsel, als Arche der Normalität, als Seite des Lichts und des Guten, als christlicher Katechon hat in letzter Zeit immer stärker an öffentlichem Gewicht gewonnen und reicht bis in die höchsten Ebenen der Macht.
Gleichzeitig kann sich dieses quasireligiöse Pathos nicht auf christlicher oder postchristlicher Grundlage etablieren – die Elite (sowie die Gesellschaft) will oder kann diesen Schritt nicht wagen. Statt dessen erinnert die Rhetorik an spätsowjetische Erzählungen von einer gerechten Welt und den nationalen Befreiungskämpfen gegen den westlichen Neokolonialismus.
Einer der objektiven Gründe für die Unmöglichkeit des Übergangs zu einem messianischen Selbstverständnis ist die Besonderheit der russischen – oder genauer gesagt: sowjetischen – Säkularisierung. Bei der westlichen Säkularisierung wirkten säkulare Prinzipien mit der kulturellen Matrix zusammen, was zu einem allmählichen Wandel führte, in dessen Mittelpunkt die humanistisch-aufklärerische Vorstellung vom Menschen und seinen Rechten stand. In Rußland war die Lage eigentümlich, obwohl die Prozesse vor 1917 insgesamt ähnlich verliefen.
Die schrittweise Säkularisierung der verschiedenen Gesellschaftsschichten endete mit einer langen Periode der Atheismus-Tyrannei. In den Jahrzehnten der bolschewistischen Diktatur wurde die kulturelle Matrix, in der zivile, politische, kulturelle, ethische und auch religiöse Aspekte miteinander verwoben waren und das komplexe Gefüge einer säkularen Gesellschaft mit christlicher Kultur und Ethik bildeten, gründlich zerstört.
Dieses Bild änderte sich in den 1990er Jahren. Seither ähnelt das russische Säkularisierungsmodell äußerlich dem westlichen, allerdings mit einigen Ausnahmen. Das russische Verständnis des Säkularen beruht weitgehend auf den Erfahrungen des sowjetischen staatlichen Kollektiv-Atheismus, der nicht auf das Individuum und seine Rechte ausgerichtet war. Dies spiegelt sich auch in einer Reihe gesellschaftlicher Erscheinungen wider – Digitalisierungstempo, hohe Zahl der Abtreibungen und der Scheidungen und so weiter.
Die Selbstbezeichnung als orthodox ist also meist nur eine Form der Kennzeichnung der staatsbürgerlichen und sogar ethnischen Zugehörigkeit. Das gleiche gilt für das Bekenntnis zu »traditionellen Werten« und Vorstellungen, die größtenteils aus der traditionsfeindlichen und weitgehend antirussischen Sowjetzeit stammen.
Kommen wir zu einer weiteren Ableitung, die das heutige Rußland vornimmt – die parodistische Nachahmung amerikanischen Neokonservatismus, der die USA als letzte Bastion »traditioneller Werte« (gemäßigte Religiosität, Kernfamilie und Loyalität gegenüber dem Staat) präsentierte und damit eine aktive und aggressive Außenpolitik legitimierte. Der offizielle rußländische Konservatismus des letzten Jahrzehnts kopiert praktisch dieses Bild, indem er die amerikanische Auserwähltheit durch die russische ersetzt und neu-alte sowjetische Narrative hinzufügt (denn neue produzieren kann er nicht).
Es ist bemerkenswert, daß viele amerikanische Neocons aus marxistisch-trotzkistischen Kreisen stammen, die vom Kommunismus desillusioniert waren, aber an den Mitteln festhielten. Diese Methoden sind auch für die Vertreter der russischen Elite, die ihre ersten Schritte in der Kommunistischen Partei oder in Sicherheitsdiensten gemacht haben, vertraut und bequem.
In dieser Umkehrung gibt es jedoch eine Besonderheit – ein inhaltliches Vakuum, eine Ungewißheit darüber, was genau bewahrt werden sollte (das Einzige, was in dieser Situation rettet, sind die ständigen Verweise auf Symbole des Zweiten Weltkrieges: vaterländischer Krieg, Kampf gegen das Böse für das Gute und die Freiheit, Vernichtung des wiederauflebenden Nazismus usw.).
Der gegenwärtige Erfolg des Trumpismus ist zu einem großen Teil darauf zurückzuführen, daß er sich auf ein für viele Amerikaner lebendiges und verständliches Wertesystem bezieht – die USA sind eine Republik im klassischen Sinne, also eine Form der Gemeinschaftsorganisation, in der sich die politische Partizipation der Bürger nicht auf die periodische Stimmabgabe bei Wahlen beschränkt, sondern auch in der Pflicht zum bewaffneten Widerstand gegen die Tyrannei der eigenen Obrigkeit zum Ausdruck kommt (aktuell gegen die Tyrannei der Woke-Ideologie).
Und dies ist das Gegenteil des situativen Konservatismus einer spontanen emotionalen Mobilisierung, gefolgt von einer noch stärkeren Abgabe des eigenen Schicksals an den Staat und der Ersetzung des Kerns der Werte durch außenpolitische Fata Morganas. Letzteres entspricht voll und ganz dem heutigen rußländischen Konservatismus, mit dem einzigen Unterschied, daß der Staat stark an Personen gebunden ist.
Nicht weniger interessant sind die auf den ersten Blick unerwarteten Konvergenzen im Bereich des Bildes der Nation. Es ist bekannt, daß die USA das Prinzip des »Schmelztiegels« betonen. Die Geschichte der »Nation« in Rußland ist viel komplizierter. Im großen und ganzen durchlief Rußland die gleichen Phasen wie alle großen europäischen Nationen (nur mit einer gewissen Verzögerung) – die Nation als Adelskörperschaft, die Ausweitung des Konzepts nach der Französischen Revolution und seine Verknüpfung mit dem Liberalismus, das Abfangen des nationalen Diskurses durch konservative und rechte Kräfte in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts.
Genau in dieser letzten unvollendeten Phase kam es zur Katastrophe von 1917. Einerseits wurde die Idee einer »großrussischen Nation« (Großrussen, Kleinrussen und Weißrussen) nicht vollendet, (3) andererseits fiel die Vollendung der russischen Nationsbildung mit der Errichtung und Verstärkung eines zutiefst antinationalen Staates zusammen.
Die sowjetische Nationalpolitik basierte auf der Dominanz der »sowjetischen Identität«, in der der Russe nur eine der formal dazugehörenden Nationen war, tatsächlich aber ständig unterdrückt blieb. Nach dem Zusammenbruch der UdSSR wurde das Bild von »Rußländern« im Sinne von »Bürgern der Rußländischen Föderation« vorherrschend, wodurch ethnisch- kulturelle und religiöse Merkmale neutralisiert werden sollten. Viele Jahre lang wurde die Kategorie »russisch« im besten Fall politisch ignoriert, im schlimmsten aber nach Kräften zurückgedrängt.
In den letzten drei Jahren hat sich das Verhältnis zwischen diesen Kategorien jedoch verändert. »Russisch« hat »rußländisch« in sich aufgenommen, aber nur auf der Ebene des Sprachgebrauchs. Im Grunde hat eine fundamentale Substitution stattgefunden. Das Wort »russisch« selbst ist nun zur Bezeichnung einer Gemeinschaft geworden, die für Menschen jeglicher Herkunft offen ist und damit – auch aufgrund der demographischen Entwicklung Rußlands – eine Politik des »Schmelztiegels« fördert. Das einzige wichtige Kriterium dieser Nationalzugehörigkeit ist umfassende politische Loyalität.
Es gibt noch eine Reihe anderer Parameter, die für einen Vergleich interessant wären. Zum Beispiel Konsum- und Sozialmanagementmodelle. Nach dem Zusammenbruch der UdSSR befand sich die russische Gesellschaft in einem wertideologischen Vakuum, das unvermeidlich durch vor allem amerikanische Modelle gefüllt wurde. Die Perversionen der Sowjetzeit wurden durch radikale Liberalisierung und wilden Kapitalismus kompensiert, was nur in einer Gesellschaft ohne kulturelles Bewußtsein und ethischen Kompaß möglich war.
Die postsowjetische Elite übernahm nicht nur diese Modelle, sondern auch die Verwaltungspraktiken, die die Gesellschaft als eine unbegrenzt konstruierbare Masse von Produzenten und Konsumenten betrachten. Somit ähnelt das Sozialmanagement in Politik, Bildung, Kultur usw. dem Modell der Verwaltung eines großen Einkaufs- und Unterhaltungszentrums, das seit kurzem von Feinden umgeben ist. Das Prinzip dieses Sozialmanagements könnte als »die drei K« bezeichnet werden: Komfort, Konsum, Kontrolle (durch den Staat).
Was Rußland hier von den USA deutlich unterscheidet, ist das Tempo der Digitalisierung im Zusammenhang mit diesen »drei K«, die unter dem Banner von Bequemlichkeit, Sicherheit und Souveränität durchgeführt wird. Die kolossale Rolle riesiger Korporationen, die mit dem Staat fusionieren und ihn sogar teilweise duplizieren, ist ein weiterer Punkt auf der Liste der russisch-amerikanischen Gemeinsamkeiten.
Das gleiche gilt für das »souveräne russische Internet« und »souveräne soziale Netzwerke«, die zum Instrument staatlicher Einflußnahme auf die soziale Kommunikation wurden. Sie sind ohne wesentliche Unterschiede zu westlichen Internetplattformen organisiert. Der einzige Unterschied besteht darin, daß die Betreiber und Profiteure dieser in Form und Bedeutung entarteten Inhalte das nun eben »souverän« tun.
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(1) »Der Leninismus ist die theoretische und praktische Schule, die einen besonderen Typus des Partei- und Staatsfunktionärs herausbildet, die einen besonderen, den Leninschen Arbeitsstil schafft. Worin bestehen die charakteristischen Merkmale dieses Stils? Welches sind seine Besonderheiten? Es sind zwei Besonderheiten: der russische revolutionäre Schwung und die amerikanische Sachlichkeit. Der Stil des Leninismus besteht in der Vereinigung dieser beiden Besonderheiten in der Partei- und Staatsarbeit.« Josef Stalin: Über die Grundlagen des Leninismus (1924).
(2) Siehe etwa: Pitirim ‑Sorokin: Russia and the United States, New York 1944, oder die spätere Analyse: John Kenneth Galbraith: Economics and the Public Purpose, Boston 1973.
(3) Die Lebendigkeit ‑dieser Ideen wurde z. B. durch Alexander Solschenizyns berühmten Essay »Wie sollten wir Rußland gestalten?« (1990) aufgezeigt.