Aufklärung von rechts: Thomas Sowell

PDF der Druckausgabe aus Sezession 124/ Februar 2025

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von Micha­el Henkel –

Vie­le The­men, die auch in deut­schen Debat­ten um Min­der­hei­ten, sozia­le Ungleich­heit, Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus, Quo­ten­po­li­tik oder Dis­kri­mi­nie­rung schon lan­ge eine Rol­le spie­len, wur­den in den USA noch viel frü­her erör­tert. Zu jenen, die in die­sen Dis­kus­sio­nen eine quer zum poli­ti­schen, media­len und wis­sen­schaft­li­chen Main­stream ste­hen­de Posi­ti­on ver­tre­ten, gehört der 1930 gebo­re­ne Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler Tho­mas Sowell. Des­sen Werk ist hier­zu­lan­de weit­hin unbe­kannt – zu Unrecht, wie die nach­fol­gen­de Skiz­ze zu die­sem non­kon­for­men Gelehr­ten zei­gen soll.

1
Sowell stellt in sei­nen Schrif­ten immer wie­der die Glau­bens­sät­ze und Poli­tik der Lin­ken in Fra­ge und scheut in die­ser Hin­sicht nie die Kon­fron­ta­ti­on. Cha­rak­te­ris­tisch für sei­ne Stel­lung­nah­men ist dabei, daß er zum einen immer wie­der auf Fak­ten­be­fun­de und Daten aus sta­tis­ti­schen Erhe­bun­gen und empi­ri­schen Stu­di­en rekur­riert, die er sei­nen Debat­ten­geg­nern ent­ge­gen­hält, und zum ande­ren sei­ne stets kla­re und gut ver­ständ­li­che Spra­che. Sei­ne dadurch unzwei­deu­tig pro­fi­lier­ten Auf­fas­sun­gen tra­fen auf oft hef­ti­ge und pole­mi­sche Kri­tik, doch wur­de Sowell mit ihnen zugleich zu einem »der ange­se­hens­ten und pro­vo­kan­tes­ten schwar­zen Gelehr­ten Ame­ri­kas auf der rech­ten Sei­te des poli­ti­schen Spek­trums«. (1)

Sei­ne Posi­tio­nen zur Min­der­hei­ten­po­li­tik und zur sozia­len Ungleich­heit ent­wi­ckel­te Sowell zuerst im Zusam­men­hang mit der Bür­ger­rechts­be­we­gung der 1960er Jah­re. Er begrüß­te die Anti­dis­kri­mi­nie­rungs­ge­set­ze und die Auf­he­bung der Ras­sen­tren­nung. Doch kri­ti­sier­te er früh die Stoß­rich­tung der Bestre­bun­gen. Sowell sah sie als unge­eig­net an, den Anlie­gen der Schwar­zen gerecht zu werden.

Er hielt es für ver­fehlt, daß die Füh­rer der Bür­ger­rechts­be­we­gung auf die Bestä­ti­gung des »Schwarz-Seins« durch Wei­ße, auf For­de­run­gen nach Vor­zugs­be­hand­lung (»Affir­ma­ti­ve action«) oder auf Wie­der­gut­ma­chung für die Skla­ve­rei fixiert waren. Sol­che Kon­zep­te gal­ten ihm ins­be­son­de­re als unbrauch­bar, um die Situa­ti­on wirt­schaft­lich schwa­cher Schwar­zer zu ver­bes­sern. Ver­nach­läs­sigt wer­de bei­spiels­wei­se, armen schwar­zen Fami­li­en einen Zugang zu bes­se­ren Bil­dungs­mög­lich­kei­ten zu eröffnen.

Bereits in sei­ner ers­ten öffent­li­chen Stel­lung­nah­me zum The­ma, einem Leser­brief an das New York Times Maga­zi­ne von 1963, monier­te er, daß man eine Vor­zugs­be­hand­lung für Schwar­ze for­de­re, anstatt deren Leis­tun­gen zu wür­di­gen. Man mache ihnen Hoff­nun­gen, »etwas für nichts« zu bekom­men. Zudem wies er die Prä­mis­se zurück, daß »die zah­len­mä­ßi­ge Unter­re­prä­sen­ta­ti­on von Schwar­zen in bestimm­ten Beru­fen ein Beweis für Dis­kri­mi­nie­rung sei«. (2)

Sowell lehnt eine recht­li­che Vor­zugs­be­hand­lung von Schwar­zen – und gene­rell von gesell­schaft­li­chen Grup­pen – ab, weil dies die Betrof­fe­nen dar­an hin­de­re, ihre Situa­ti­on durch eige­ne Leis­tung, Fähig­kei­ten und Ein­stel­lun­gen selbst zu ver­bes­sern. Zugleich füh­re sie zur Sen­kung von Stan­dards, nament­lich von Bil­dungs- oder wirt­schaft­li­chen Leis­tungs­ni­veaus. Außer­dem weist er auch das Argu­ment zurück, die beklag­ten Dis­kri­mi­nie­run­gen und sozia­len Ungleich­hei­ten von Schwar­zen sei­en Fol­ge man­geln­der poli­ti­scher Reprä­sen­ta­ti­on. Für letz­te­res gebe es eben­so­we­nig eine Evi­denz wie für die Behaup­tung, daß erst die Civil-rights-Gesetz­ge­bung zu einer Ver­bes­se­rung der sozia­len Lage der Schwar­zen geführt habe.

In einem Rück­blick kon­sta­tiert Sowell unter Ver­weis auf ein­schlä­gi­ge Sta­tis­ti­ken, daß die Armut schwar­zer Fami­li­en zwi­schen 1940 und 1960 in deut­lich grö­ße­rem Umfang zurück­ge­gan­gen war als nach dem Civil Rights Act von 1964 und dem Voting Rights Act von 1965 und lan­ge vor der Ein­füh­rung von Quo­ten­po­li­tik und »Affir­ma­ti­ve action« in den 1970er Jah­ren. Es sei schlicht falsch, zu behaup­ten, die Bür­ger­rechts­ge­set­ze der 1960er Jah­re oder der sei­ner­zeit aus­ge­ru­fe­ne »War on pover­ty« hät­ten den Rück­gang der Armut unter Schwar­zen bewirkt.

Die »har­ten Fak­ten« zeig­ten viel­mehr, »daß der Auf­stieg der Schwar­zen aus der Armut vor die­sen staat­li­chen Maß­nah­men weit­aus dra­ma­ti­scher war.« (3) Er führt dies dar­auf zurück, daß Eigen­in­itia­ti­ve und markt­wirt­schaft­li­che Dyna­mi­ken letzt­lich effek­ti­ver sei­en als staat­li­che Ein­grif­fe – womit sei­ne Posi­ti­on unschwer als »liber­tär« zu iden­ti­fi­zie­ren ist.

2
Tat­säch­lich wur­de Sowell aka­de­misch an der Uni­ver­si­tät von Chi­ca­go geprägt, wo er bei den liber­tä­ren Wirt­schafts­wis­sen­schaft­lern Geor­ge ­Stig­ler und Mil­ton Fried­man stu­dier­te. Zuvor hat­te er nach sei­ner Dienst­zeit wäh­rend des Korea­kriegs durch die G. I. Bill Zugang zur aka­de­mi­schen Aus­bil­dung erhal­ten. Er begann sein wirt­schafts­wis­sen­schaft­li­ches Stu­di­um an der Har­vard-Uni­ver­si­tät und setz­te es an der Colum­bia-Uni­ver­si­tät fort, wo er den Mas­ter erwarb. In Chi­ca­go wur­de er schließ­lich (1968) bei Fried­man und Stig­ler promoviert.

Sowell war aller­dings wäh­rend sei­ner Stu­di­en­zeit zunächst Mar­xist. Erst Erfah­run­gen in der öffent­li­chen Ver­wal­tung führ­ten zu einem grund­le­gen­den Wan­del sei­ner Über­zeu­gun­gen. Er ver­weist ver­schie­dent­lich auf ein Prak­ti­kum beim US-Arbeits­mi­nis­te­ri­um, in des­sen Rah­men er Anfang der 1960er Jah­re die Aus­wir­kun­gen eines staat­li­chen Min­dest­lohn­pro­gramms in Puer­to Ricos Zucker­in­dus­trie erforsch­te. Die Befun­de zeig­ten, daß die Beschäf­ti­gung in der Bran­che sank, wenn die Min­dest­löh­ne stie­gen. Für Sowell, sei­ner­zeit Befür­wor­ter von Min­dest­löh­nen, ver­stand sich kei­nes­wegs von selbst, wel­che theo­re­ti­sche Erklä­rung die­sen Fak­ten ange­mes­sen war.

Die zur Prü­fung der unter­schied­li­chen Erklä­rungs­an­sät­ze benö­tig­ten Daten lagen indes nicht beim Arbeits­mi­nis­te­ri­um, wohl aber beim Agrar­mi­nis­te­ri­um vor. Sein Vor­schlag, sich die Daten von dort zu holen, stieß auf wenig Gegen­lie­be bei den Minis­te­ri­al­be­am­ten. Den­noch setz­te er eine Anfra­ge an das Agrar­mi­nis­te­ri­um auf. In sei­nen im Jahr 2000 erschie­ne­nen Lebens­er­in­ne­run­gen kon­sta­tiert Sowell, er habe noch immer kei­ne Ant­wort erhal­ten, und resü­miert: »Dies war mehr als ein Ein­zel­fall. Es zwang mich zu der Erkennt­nis, daß staat­li­che Stel­len ihre eige­nen Inter­es­sen ver­fol­gen, unab­hän­gig von den Inter­es­sen der­je­ni­gen, für die ein Pro­gramm ein­ge­rich­tet wur­de.« (4)

Es waren sol­che Erfah­run­gen und das Behar­ren auf der Berück­sich­ti­gung empi­ri­scher Evi­denz, die Sowell nicht nur gene­rell skep­tisch gegen­über staat­li­chen Ein­grif­fen mach­ten, son­dern die sein Miß­trau­en gegen­über unge­prüf­ten Theo­rien, Dok­tri­nen und Ideen sowie deren Ver­tre­tern, nament­lich den Intel­lek­tu­el­len und Exper­ten, nähr­ten. Als unhalt­bar erwies sich so für ihn nicht nur die Auf­fas­sung, gesetz­lich fest­ge­leg­te Min­dest­löh­ne dien­ten dem Arbeit­neh­mer­inter­es­se. (War­um dies nicht der Fall ist, erläu­ter­te Sowell spä­ter wie­der­holt unter Ver­weis auf die ent­spre­chen­den öko­no­mi­schen, sozia­len und poli­ti­schen Zusammenhänge.)

Wie bei den Min­dest­löh­nen hielt er es auch bei allen ande­ren The­men, die in sein Blick­feld gerie­ten: Sowell mach­te es sich zur prin­zi­pi­el­len Auf­ga­be, öko­no­mi­sche, sozia­le und poli­ti­sche Ver­hält­nis­se in ihren Ursa­chen und Wir­kun­gen zu ergrün­den, sie ver­ständ­lich zu erklä­ren und in die­sem Sin­ne auf­klä­re­risch zu wir­ken. Lei­tend wur­de dabei die Ein­sicht, daß sich die Ver­hält­nis­se für die Betrof­fe­nen meist ver­schlech­tern, wenn der Staat mit recht­li­chen Vor­ga­ben und finan­zi­el­len Pro­gram­men die­se Ver­hält­nis­se im Sin­ne pro­gres­si­ver Visio­nen zu gestal­ten sucht.

Sein auf­klä­re­ri­sches Selbst­ver­ständ­nis trug Sowell in sei­ne aka­de­mi­sche Leh­re. In den 1960er und 1970er Jah­ren lehr­te er an ver­schie­de­nen Uni­ver­si­tä­ten, zwi­schen 1970 und 1980 an der Uni­ver­si­tät von Kali­for­ni­en in Los Ange­les. In die­sen Jah­ren muß­te er immer wie­der beob­ach­ten, daß die aka­de­mi­sche Leh­re zuneh­mend poli­ti­siert und dafür die Qua­li­tät wis­sen­schaft­li­cher Arbeit geop­fert wur­de – eine Ent­wick­lung, der er sich nicht beu­gen woll­te, der er sich aber ent­zog, als sich ihm die Mög­lich­keit dazu eröff­ne­te: Sowell nahm 1980 eine Posi­ti­on als Seni­or Fel­low an der ­Hoo­ver Insti­tu­ti­on in Stan­ford an. Dort konn­te er sich ohne Lehr­ver­pflich­tung sei­ner For­schungs­ar­beit wid­men. In Stan­ford ent­stan­den die meis­ten sei­ner fast 50 Buchveröffentlichungen.

3
Sowells Wer­ke decken ein unge­wöhn­lich brei­tes Spek­trum an Gegen­stän­den ab. Von wirt­schaft­li­cher und sozia­ler Ungleich­heit, der Lage von Mino­ri­tä­ten oder der Sozi­al­po­li­tik über Bil­dung und Bil­dungs­po­li­tik, Fra­gen des Jus­tiz­sys­tems und der Recht­spre­chung bis zur Gerech­tig­keits­theo­rie und der inter­na­tio­na­len Poli­tik rei­chen sei­ne The­men. In spä­ten Jah­ren hat er sich sogar der Sprach­ent­wick­lung von Kin­dern zugewandt.

Sei­nem auf­klä­re­ri­schen Impe­tus ent­spre­chend, ging es Sowell immer auch dar­um, sei­ne Ein­sich­ten einem brei­te­ren Publi­kum zugäng­lich zu machen. So hielt er nicht nur zahl­lo­se Vor­trä­ge in ver­schie­de­nen Insti­tu­tio­nen, son­dern publi­zier­te Hun­der­te von Glos­sen und Essays in (oft lan­des­weit erschei­nen­den) Zei­tungs­ko­lum­nen. Öko­no­mi­sche Zusam­men­hän­ge einer inter­es­sier­ten Öffent­lich­keit nahe­zu­brin­gen, ohne auf mathe­ma­ti­sche For­meln oder Dia­gram­me und Zah­len­rei­hen zurück­zu­grei­fen, ist bei­spiels­wei­se der Anspruch sei­ner 2000 in ers­ter Auf­la­ge erschie­ne­nen Basic Economics.

Das Werk offen­bart beson­ders deut­lich Sowells Ver­ständ­nis sei­ner Pro­fes­si­on: Die Wirt­schafts­wis­sen­schaft ist für ihn ein Fach, das einen tie­fe­ren Ein­blick in gesell­schaft­li­che Struk­tu­ren und Pro­zes­se ermög­licht und das geeig­net ist, kon­tra­pro­duk­ti­ve und frag­wür­di­ge oder fal­sche poli­ti­sche Ideen zu wider­le­gen. Sowell hebt immer wie­der her­vor, daß sol­che Ideen meist die nicht­in­ten­dier­ten Kon­se­quen­zen ihrer Umset­zung ver­nach­läs­si­gen und schließ­lich die Situa­ti­on, auf deren Ver­bes­se­rung sie vor­geb­lich abzie­len, am Ende verschlechtern.

Die bes­ten Resul­ta­te wer­den ihm zufol­ge regel­mä­ßig dann erreicht, wenn das dezen­tra­le Wis­sen der Kon­su­men­ten und der Pro­du­zen­ten die Ent­schei­dun­gen – im Rah­men des all­ge­mei­nen Rechts und von obrig­keit­li­chen Ein­grif­fen mög­lichst unge­hin­dert – lei­ten kann. Zen­tral in Sowells Den­ken ist in die­sem Zusam­men­hang die Berück­sich­ti­gung der Begrenzt­heit und der »Bias« mensch­li­chen Wis­sens, womit er sich in dem grund­le­gen­den Buch über Know­ledge and Decis­i­ons von 1980 aus­ein­an­der­setzt, dem bis­her ein­zi­gen sei­ner Wer­ke, das ins Deut­sche über­setzt wur­de. (5)

Die­ses Buch läßt – wie vie­le sei­ner Arbei­ten (etwa Social Jus­ti­ce Fall­a­ci­es von 2023) – die Nähe von Sowells Auf­fas­sun­gen zu jenen ande­rer liber­tä­rer Den­ker wie Fried­rich Hay­ek erken­nen, die ihre Ver­tei­di­gung einer frei­heit­li­chen Wirt­schafts- und Gesell­schafts­ord­nung und ihre Zurück­wei­sung des Staats­in­ter­ven­tio­nis­mus nicht zuletzt auf die Ein­sicht in die Beschränkt­heit und Unvoll­kom­men­heit mensch­li­chen Wis­sens stützen.

4
Ent­schie­de­ner als bei ande­ren Gelehr­ten des liber­tä­ren Lagers beruht Sowells Liber­ta­ris­mus nicht auf einem simp­len uti­li­ta­ris­ti­schen Indi­vi­dua­lis­mus oder dem abs­trak­ten Modell eines homo oeco­no­mic­us. Im Gegen­teil: Für die Frei­heit und den Erfolg der Indi­vi­du­en und der Gesell­schaft ist nicht ein­fach der abs­trakt gedach­te Markt ent­schei­dend, son­dern es sind die das indi­vi­du­el­le Han­deln, ins­be­son­de­re auch das wirt­schaft­li­che Han­deln prä­gen­den kul­tu­rel­len – und das bedeu­tet: geschicht­lich bestimm­ten – Struk­tu­ren und Kon­tex­te, auf die es ankommt. Die­se sind über­aus unter­schied­lich, und eben­das ist Sowell zufol­ge eine aus­schlag­ge­ben­de Ursa­che sozia­ler und wirt­schaft­li­cher Ungleichheit.

Aus die­sem Blick­win­kel her­aus hat sich Sowell aus­führ­lich und in inter­na­tio­na­ler Per­spek­ti­ve mit dem Ver­gleich kul­tu­rel­ler und eth­ni­scher Grup­pen befaßt. Frucht die­ser Stu­di­en ist sei­ne in den 1990er Jah­ren publi­zier­te »Kul­tur-Tri­lo­gie«: Race and Cul­tu­re. A World View (1995), Migra­ti­ons and Cul­tu­re. A World View (1996), Con­quests and Cul­tures. An Inter­na­tio­nal Histo­ry (1998).

Sowell sucht hier die Eigen­art ein­zel­ner Grup­pen oder auch Natio­nen ange­sichts ihrer his­to­ri­schen Ent­wick­lun­gen zu ergrün­den und zu son­die­ren, wie sich die­se auf den öko­no­mi­schen Erfolg aus­wirkt – beson­ders auch in dem Fall, daß Ange­hö­ri­ge die­ser Grup­pen sich als Ein­wan­de­rer in einen ande­ren kul­tu­rel­len Kon­text gestellt sehen. Sowell zeigt, daß die wirt­schaft­li­che und gesell­schaft­li­che »Per­for­mance« und der Erfolg einer Grup­pe wesent­lich von ihrer kul­tu­rel­len Her­kunft bestimmt sind.

So liegt es für ihn auf der Hand, daß der unter­schied­li­che Cha­rak­ter von Kul­tu­ren und geschicht­li­chen Prä­gun­gen auch zu unglei­chen Fer­tig­kei­ten, Men­ta­li­tä­ten oder Betä­ti­gungs­fel­dern führt. Folg­lich sei es abwe­gig, zu erwar­ten, daß Ange­hö­ri­ge unter­schied­li­cher Grup­pen die glei­chen Hand­lungs­mus­ter auf­wei­sen und die Ergeb­nis­se ihres Han­delns gleich sind.

Sowell ver­weist hier­für bei­spiels­wei­se dar­auf, daß im pro­fes­sio­nel­len Bas­ket­ball die eth­ni­schen Grup­pen (»races«), die die US-ame­ri­ka­ni­sche Gesell­schaft umfaßt, kei­nes­wegs gleich­mä­ßig, aber auch nicht zufäl­lig ver­tre­ten sei­en, son­dern schwar­ze Sport­ler über­re­prä­sen­tiert sind. So erweist sich nicht nur die Vor­stel­lung von der Gleich­heit der Kul­tu­ren als Trug­bild, viel­mehr zeigt sich erneut, daß wirt­schaft­li­che und sozia­le Ungleich­heit nur sel­ten schlicht Resul­tat von struk­tu­rel­ler Dis­kri­mi­nie­rung oder man­geln­der Chan­cen­gleich­heit ist.

Selbst­re­dend ist Sowells Ver­ständ­nis von Kul­tur nicht »sub­stan­tia­lis­tisch«, sind kul­tu­rel­le Eigen­tüm­lich­kei­ten für ihn nicht unver­än­der­lich fest­ge­legt oder gene­tisch deter­mi­niert. Im Gegen­teil: Kul­tu­rel­le Prä­gun­gen etwa, die nega­ti­ve Kon­se­quen­zen zei­ti­gen oder dem Erfolg von Grup­pen und Indi­vi­du­en im Wege ste­hen, kön­nen in gewis­sem Maße, ins­be­son­de­re durch Bil­dung, ver­än­dert und über­wun­den und in eine Kul­tur der Frei­heit, der per­sön­li­chen Ver­ant­wor­tung und des Erfolgs über­führt werden.

Sowell macht sich also unge­ach­tet sei­ner plu­ra­lis­ti­schen Beto­nung der Viel­fäl­tig­keit von Kul­tu­ren kei­nes­wegs zum Anwalt der rela­ti­vis­ti­schen Auf­fas­sung von deren Gleich­wer­tig­keit. Für ihn ist es unzwei­fel­haft, daß es weni­ger erfolg­rei­che einer­seits und erfolg­rei­che und in die­sem Sin­ne über­le­ge­ne Kul­tu­ren ande­rer­seits gibt, wobei das Para­dig­ma der letz­te­ren für ihn die frei­heit­li­che Kul­tur des Wes­tens (und beson­ders der USA) ist, die einen his­to­risch ein­ma­li­gen Wohl­stand brei­tes­ter Bevöl­ke­rungs­schich­ten her­vor­ge­bracht hat.

Unüber­seh­bar rich­tet Sowell sei­ne Bücher pri­mär an ein US-ame­ri­ka­ni­sches Publi­kum. Doch besteht kein Zwei­fel, daß sein Werk auch für deut­sche und euro­päi­sche Leser erhel­lend ist, etwa für jene, die sich mit Quo­ten­po­li­tik, Migra­ti­on, kul­tu­rel­len und eth­ni­schen ­Min­der­hei­ten, Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus, mit sozia­ler Ungleich­heit oder öko­no­mi­schen Zusam­men­hän­gen befas­sen. Wer immer sein argu­men­ta­ti­ves Arse­nal für die Aus­ein­an­der­set­zung mit den Ideo­lo­ge­men der Lin­ken aus einer liber­tär-rech­ten Per­spek­ti­ve auf­rüs­ten will, fin­det bei ihm einen rei­chen Schatz an Einsichten.

_ _ _

(1)  So eine redak­tio­nel­le Vor­be­mer­kung zu dem Arti­kel von Tho­mas ‑Sowell: »A Per­so­nal Odys­sey from Howard to Har­vard and Bey­ond«, in: The Jour­nal of Blacks in Hig­her Edu­ca­ti­on 30 (2000/2001), S. 122 – 128, hier S. 122 [Übers. M. H.].

(2)  Tho­mas Sowell: A Man of Let­ters, New York 2007, S. 39 [Übers. MH].

(3)  Tho­mas Sowell: Eco­no­mic Facts and Fall­a­ci­es, New York 2008, S. 160 [Übers. M. H.; Her­vor­he­bung hinzugefügt].

(4)  Tho­mas Sowell: A Per­so­nal Odys­sey, New York et al. 2000, S. 131 [Übers. M. H.].

(5)  Tho­mas Sowell: Wis­sen und Ent­schei­dun­gen, Ber­lin 2021.

 

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