Der hinreißende Klang des Amerikanischen

PDF der Druckausgabe aus Sezession 124/ Februar 2025

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von Esma Horvath

Im Okto­ber 2024 fand in einem gro­ßen Hotel im Zen­trum Ber­lins eine Tagung statt, die in gedie­ge­ner Atmo­sphä­re der trans­at­lan­ti­schen Part­ner­schaft zwi­schen Euro­pa und den USA in der viel­be­schwo­re­nen Zei­ten­wen­de gewid­met war. Als The­men stan­den Anti­se­mi­tis­mus und (isla­mi­sche) Ein­wan­de­rung, Wirt­schafts- und Sozi­al­po­li­tik, die Fra­ge der aka­de­mi­schen Frei­heit und schließ­lich auch geo­po­li­ti­sche Aspek­te der euro­pä­isch-ame­ri­ka­ni­schen Bezie­hun­gen zur Debatte.

Auf der Red­ner­lis­te blieb man indes­sen unter sich, das Podi­um damit auch kaum kon­tro­vers: Die deut­schen Gäs­te kamen größ­ten­teils aus der For­ma­ti­on »Augen zu – CDU«, mit dem gera­de aus dem Amt geschie­de­nen säch­si­schen Land­tags­prä­si­den­ten Mat­thi­as Röß­ler, Mit­glied unter ande­rem der Atlan­tik-Brü­cke, den CSU-Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten Mecht­hil­de Witt­mann und Tho­mas Sil­ber­horn, letz­te­rer Spre­cher der Bun­des­tags­frak­ti­on für trans­at­lan­ti­sche Bezie­hun­gen, und dem RCDS- Bun­des­vor­sit­zen­den Lukas ­Hone­mann, einem beson­ders exem­pla­ri­schen Phä­no­typ der soge­nann­ten Christdemokraten.

Aus der deut­schen Aca­de­mia spra­chen die eme­ri­tier­te Eth­no­lo­gin Susan­ne Schrö­ter, bekannt durch ihre Kri­tik des poli­ti­schen Islam, der Volks­wirt­schaft­ler und FDP-Mann Micha­el Hüt­her sowie der kon­ser­va­ti­ve His­to­ri­ker Peter Hoe­res, der im Früh­jahr 2024 den deut­schen His­to­ri­ker­ver­band VHD wegen des­sen poli­ti­scher Eska­pa­den ver­las­sen hatte.

Der beach­tens­wer­te Phi­lo­soph Sebas­ti­an Ost­rit­sch, seit Juli 2024 Redak­teur der gern als rechts­ka­tho­lisch apo­stro­phier­ten Tages­post, mode­rier­te ein Podi­um, eben­so wie die wen­di­ge ­Wirt­schafts­jour­na­lis­tin Nena Brock­haus, die unter Juli­an Rei­chelt bei der Bild tätig war, heu­te unter ande­rem für die Welt­wo­che und den Focus schreibt. Hier lag also gut wahr­nehm­bar ein Duft von christ­li­chem Abend­land, Markt­wirt­schaft und west­li­chen Wer­ten in der Luft. Die unga­ri­schen Ver­an­stal­ter und Spre­cher stamm­ten dem­entspre­chend aus dem Fidesz-Lager, und die gela­de­nen US-Ame­ri­ka­ner sym­pa­thi­sier­ten grosso modo mit Donald Trump.

Was ist an einer sol­chen Ver­an­stal­tung inter­es­sant, ver­spricht sie ange­sichts ihrer Beset­zung doch nur wenig Über­ra­schung? Auf­schluß­reich sind zunächst ein­mal die Struk­tu­ren, die ein sol­ches Event tra­gen. Als Ver­an­stal­ter zeich­ne­ten näm­lich ver­ant­wort­lich: das Deutsch- Unga­ri­sche Insti­tut für Euro­päi­sche Zusam­men­ar­beit, Teil des Mathi­as Cor­vin Col­le­gi­ums (MCC) in Buda­pest, das eben­falls in Buda­pest ange­sie­del­te Danu­be Insti­tu­te und eine Ber­li­ner Agen­tur namens The Repu­blic, die 2021 von einem ehe­ma­li­gen Mit­ar­bei­ter der CDU/C­SU-Bun­des­tags­frak­ti­on gegrün­det wurde.

Das MCC hat als »pri­va­te« Bil­dungs­in­sti­tu­ti­on sei­ne Ursprün­ge in einer Stif­tung, die Mit­te der 1990er Jah­re von der Unter­neh­mer­fa­mi­lie Tom­bor gegrün­det wor­den war und seit­her sys­te­ma­tisch zu einem Gegen­ge­wicht zu der vom ame­ri­ka­ni­schen Olig­ar­chen Geor­ge Sor­os unter­stütz­ten Cen­tral Euro­pean Uni­ver­si­ty (CEU) aus­ge­baut wur­de: Die CEU brach 2019 ihre Zel­te in Ungarn ab, wäh­rend die unga­ri­sche Natio­nal­ver­samm­lung dem MCC 2020 je zehn Pro­zent der staat­li­chen Antei­le am Erd­öl- und Gas­kon­zern MOL und am Phar­ma­kon­zern Gede­on Rich­ter sowie wert­hal­ti­ge Immo­bi­li­en zusprach. Damit ver­fügt das MCC über mehr als eine Mil­li­ar­de Euro Ver­mö­gen und ent­spre­chen­de Mög­lich­kei­ten: Es wuchs sich inzwi­schen zu einer dezi­diert dis­kus­si­ons­of­fe­nen, aber kon­ser­va­ti­ven Uni­ver­si­tät mit diver­sen For­schungs­in­sti­tu­ten und auf­wen­di­gen Sti­pen­di­en­pro­gram­men aus.

Auch das 2013 gegrün­de­te Buda­pes­ter Danu­be Insti­tu­te basiert auf einer Stif­tung und erhält staat­li­che För­de­rung: Die­ses Insti­tut fun­giert mit sei­nen poli­ti­schen Ana­ly­sen als Think-Tank, dem mit John O’Sullivan ein Bri­te vor­sitzt, des­sen Kar­rie­re nicht nur jour­na­lis­ti­sche Sta­tio­nen umfaßt – bei Blät­tern aus der Neo­con-Sphä­re wie Natio­nal Review, The Natio­nal Inte­rest oder auch dem aus den USA finan­zier­ten Sen­der Radio Free Euro­pe / Radio Liber­ty, einem Relikt des Kal­ten Krieges.

Als eins­ti­ger Bera­ter und Reden­schrei­ber von Mar­ga­ret That­cher ist er auch poli­tisch aus­ge­wie­sen. Inter­es­sant an der Tagung war auch das Publi­kum, dar­un­ter bei­spiels­wei­se ­Roger Köp­pel von der Welt­wo­che, die katho­li­sche Publi­zis­tin Bir­git Kel­le oder der Alt­his­to­ri­ker Egon Flaig, dazu nicht weni­ge US-Ame­ri­ka­ner von der Heri­ta­ge Foun­da­ti­on. Die­se ein­fluß­rei­che, schon in den 1970er Jah­ren gegrün­de­te Stif­tung lud am Fol­ge­tag dann auch noch zu einem »Inter­na­tio­nal Break­fast« ins hip­pe Café Ein­stein ein, um dort mit Blick auf Donald Trump die Situa­ti­on der USA im Wahl­kampf und die Per­spek­ti­ven für Euro­pa zu beleuchten.

Unter Vik­tor Orbán bau­en die Ungarn sys­te­ma­tisch auf jene Kräf­te in den USA, die sich im Kiel­was­ser Donald Trumps bün­deln. Man will gegen die mit Bil­li­gung und För­de­rung der EU kon­zer­tiert betrie­be­ne »lin­ke« und neo­li­be­ra­le Iden­ti­täts­po­li­tik bestehen kön­nen. Dies scheint Orbán auch die nöti­ge Frei­heit in sei­ner Poli­tik gegen­über Ruß­land zu ver­schaf­fen, mit der Ungarn eben­falls eige­ne Wege geht und von der EU-Linie abweicht.

Vor die­sem Hin­ter­grund erklä­ren sich die mar­kan­ten Debat­ten­bei­trä­ge der magya­ri­schen Ver­tre­ter auf dem Podi­um, dar­un­ter der nicht mit dem Pre­mier ver­wand­te Poli­ti­sche Direk­tor des Pre­mier­mi­nis­ters, Balázs Orbán, der ehe­ma­li­ge Chef der Unga­ri­schen Ent­wick­lungs­bank, Tamás Bernáth, und der Direk­tor der Brüs­se­ler Außen­stel­le des MCC, Frank Füre­di: Sie ver­tra­ten zum einen alle­samt expli­zit die Posi­ti­on einer stra­te­gi­schen Auto­no­mie Euro­pas, das zwar wei­ter in der NATO orga­ni­siert sein soll­te, wobei aber für die Euro­pä­er kon­se­quent Augen­hö­he mit den USA bean­sprucht wird. Dem spran­gen auch ame­ri­ka­ni­sche Dis­ku­tan­ten wie Glad­den Pap­pin bei, der als Prä­si­dent des staat­li­chen Hun­ga­ri­an Insti­tu­te of For­eign Affairs den Inter­ven­tio­nis­mus der USA kritisierte.

Zum ande­ren weh­te hier tat­säch­lich der Wind der Frei­heit: Immer wie­der gab es Plä­doy­ers gegen Denk- und Sprech­ver­bo­te, am über­zeu­gends­ten von sei­ten Frank Füre­dis, des in Kana­da auf­ge­wach­se­nen Spros­ses unga­ri­scher Flücht­lin­ge von 1956, in sei­nen Stu­di­en­jah­ren in Groß­bri­tan­ni­en noch Trotz­kist. Füre­di sprach furi­os für eine radi­ka­le »Free­dom of speech«, als der aufs Podi­um gela­de­ne deut­sche RCDS-Vor­sit­zen­de mein­te, die Frei­heit zur Mei­nungs­äu­ße­rung für »Extre­mis­ten« ein­schrän­ken zu müssen.

Auf des­sen For­de­rung, man habe Arbei­ter und Jugend, die popu­lis­ti­sche Par­tei­en wäh­len, unter das Dach der Uni­on zu holen, ent­geg­ne­te ­Füre­di, es sei viel­mehr zu über­le­gen, ob die Uni­ons­par­tei­en in Deutsch­land nicht Teil des Pro­blems sei­en und die Wen­dung der Werk­tä­ti­gen nach rechts nicht als hoff­nungs­vol­les Lebens­zei­chen zu bewer­ten sei.

Von den deut­schen Poli­ti­kern, die an die­ser Tagung teil­nah­men, war dage­gen nur das Übli­che zu hören. Ein kla­res Bekennt­nis zu einer sou­ve­rä­nen Rol­le Deutsch­lands in der NATO etwa konn­te dem CSU-Mann Sil­ber­horn nicht abge­run­gen wer­den: Er fühlt sich wohl unter der Kura­tel eines gro­ßen Bru­ders und schwa­dro­nier­te daher lie­ber über ein vor­geb­li­ches Demo­kra­tie­pro­blem der öst­li­chen Bun­des­län­der ange­sichts der Wahlergebnisse.

Genau da offen­bart sich ein ent­schei­den­der Unter­schied zwi­schen Deutsch­land und Ungarn: Ungarn hat sich unter der sowje­ti­schen Knu­te eine Sehn­sucht nach Sou­ve­rä­ni­tät in der Chif­fre 1956 bewahrt, wäh­rend sich die west­deut­schen Eli­ten durch den hin­rei­ßen­den Klang des Ame­ri­ka­ni­schen bestechen ließen:

Man muß eine Eli­te schaf­fen, die ganz auf Ame­ri­ka ein­ge­stellt ist. Die­se Eli­te darf ande­rer­seits nicht so beschaf­fen sein, daß sie im deut­schen Volk sel­ber kein Ver­trau­en mehr genießt und als besto­chen gilt.

Max Hork­hei­mers For­de­rung im Exil ist offen­sicht­lich erfolg­reich umge­setzt wor­den, die dar­aus erwach­se­nen trans­at­lan­ti­schen Wech­sel­wir­kun­gen, wie sie Ste­fan Scheils grund­le­gen­de Stu­die von 2012 auf­ge­ar­bei­tet hat, nutz­ten die laten­te deut­sche Men­ta­li­tät des nibe­lun­gen­treu­en Vasal­len zur außen­po­li­ti­schen Kon­di­tio­nie­rung. Inso­fern blei­ben die USA dem west­deut­schen Typus, der hier­zu­lan­de die Poli­tik domi­niert, das Maß der Din­ge – wenn sich etwas ändern soll, muß es aus Ame­ri­ka kommen.

Daß dies gera­de jetzt auf uner­war­te­te Wei­se geschieht, sprengt auch den Zuschnitt des magya­ri­schen Kon­fe­renz­kon­zepts: Die Poli­ti­ke­rin, mit der Trumps Par­ti­san und Kon­zern­chef Elon Musk jüngst auf sei­ner digi­ta­len Platt­form sprach, gehört bekannt­lich einer Par­tei an, deren Ver­tre­ter die Ungarn in Deutsch­land noch nicht ein­zu­la­den wag­ten. Der neue ame­ri­ka­ni­sche Prag­ma­tis­mus öff­net Spiel­räu­me und Mög­lich­kei­ten auch für die Deut­schen in der mul­ti­po­la­ren poli­ti­schen Welt. Wir soll­ten uns an Orbán ori­en­tie­ren und die Spiel­räu­me nutzen.

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