Die zweite Reihe, oder: Trump als Zwischenschritt

PDF der Druckausgabe aus Sezession 124/ Februar 2025

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Donald Trump erhöht die Geschwin­dig­keit US-ame­ri­ka­ni­scher Echt­zeit-Ereig­nis­se. Isra­el, Ukrai­ne, Grön­land nach außen; »End Woke­ness«, Effi­zi­enz­be­hör­de, Rück­bau der »Zivil­ge­sell­schaft« nach innen: Trump setzt ein The­ma nach dem ande­ren, rast von Lau­ne zu Lau­ne – und zwar bereits vor sei­ner fei­er­li­chen Amts­ein­füh­rung am 20. Janu­ar 2025. Man kann dies die popu­lis­ti­sche Beschleu­ni­gung der nächs­ten Pha­se des Trum­pis­mus nen­nen, in der die mil­li­ar­den­schwe­re »Tech-Rech­te« rund um Elon Musk die glo­ba­le öffent­li­che Debat­te dominiert.

Hin­ter Trump, Musk und Co. ver­schwin­det indes in der Wahr­neh­mung von Freund und Feind das, was man die »zwei­te Rei­he« nen­nen darf, mit­hin jene Kräf­te im Maschi­nen­raum repu­bli­ka­ni­scher Poli­tik, die nicht nur über den fort­wäh­ren­den Schlag­zei­len­sprint der exzen­tri­schen Leit­fi­gu­ren, son­dern auch über Legis­la­tur- bzw. Regie­rungs­pe­ri­oden und gar über Trump und Musk selbst hin­aus­den­ken. Es han­delt sich dabei zuvor­derst um den US-Vize­prä­si­den­ten J. D. Van­ce (Jg. 1984) und sei­nen Vor­den­ker Patrick J. Deneen (Jg. 1964).

Bei Van­ce, der in einer Klein­stadt in Ohio gebo­ren wur­de, ist die Sache ein­fach erklärt: Der Jurist leg­te mit sei­nem in Mil­lio­nen­auf­la­ge ver­kauf­ten Buch über die Ver­wer­fun­gen und sozia­len Miß­stän­de in sei­ner Kind­heit, der Hill­bil­ly-Ele­gie, den Sound­track zur popu­lis­ti­schen Revol­te der »Some­whe­res«, der Arbei­ter und Klein­bür­ger in den US-Peri­phe­rien, wider die »Any­whe­res«, die groß­städ­ti­schen »Eli­ten« und Ein­fluß­grup­pen, vor.

Sein nun­meh­ri­ger deut­scher Ver­lag, Yes Publi­shing, bewirbt das Buch, das im Ori­gi­nal 2016 und in der deut­schen Erst­über­set­zung 2017 erschien, bevor es durch Trumps Come­back in den mas­sen­me­dia­len Fokus geriet und vom Ull­stein Ver­lag abge­sto­ßen wur­de, mit dem Ver­weis dar­auf, daß die­ser Band den »Wahl­er­folg von Donald Trump« erklärt. Van­ce war bei Abfas­sung des Ban­des aller­dings ein Geg­ner Trumps.

Das änder­te sich in den Fol­ge­jah­ren, als die diver­gie­ren­den Kraft­zen­tren in der Grand Old Par­ty man­nig­fal­ti­gen Pro­zes­sen aus­ge­setzt waren, in deren kon­flikt­rei­chem Ver­lauf Van­ce ins Trump-Lager über­ging, in das er als gebo­re­ner Außen­sei­ter ohne­hin gehö­re. Van­ce bezeich­net sich als »uls­ter-schot­ti­schen Hill­bil­ly«, (1) als ein ame­ri­ka­ni­sches Land­ei nord­irisch-schot­ti­scher Abstam­mung. ­Eth­ni­sche Her­kunft und Geo­gra­phie sei­en zen­tra­le Pfei­ler im Lebens­weg eines Men­schen; sie wei­sen in vie­ler­lei Hin­sicht den Weg.

In der Hill­bil­ly-Ele­gie ist aus poli­ti­scher War­te weni­ger das inter­es­sant, was die folk­lo­ris­ti­schen und lebens­welt­li­chen inne­ren Spe­zi­fi­ka sei­ner Gesell­schafts­schicht in den 1990er Jah­ren abbil­det, als viel­mehr das, was Fol­gen für das äuße­re Emp­fin­den der vie­len Mil­lio­nen klein­städ­tisch gepräg­ten »ein­fa­chen« US-Ame­ri­ka­ner zei­tigt, was ihnen folg­lich Iden­ti­tät ver­leiht. Da wäre zum einen die per­ma­nen­te Suche nach gut bezahl­ter Arbeit abseits der eige­nen Hei­mat, ver­bun­den mit Wohn­ort­ver­la­ge­run­gen und Ent­wur­ze­lungs­vor­gän­gen. Van­ce beschreibt die Pro­ble­ma­tik des Aus­pen­delns anhand mar­kan­ter Ver­kehrs­ver­viel­fa­chung an und nach beson­de­ren Fest­ta­gen wie Weihnachten:

Die Autos sind vol­ler ver­pflanz­ter Hill­bil­lys, die nach den Fei­er­ta­gen nach Hau­se zurück­keh­ren. (2)

In sol­chen Pas­sa­gen ver­schwin­det das US-ame­ri­ka­nisch Beson­de­re hin­ter dem im gesam­ten »Wes­ten« auf­find­ba­ren All­ge­mei­nen: Das Pen­deln und das Arbeits­mi­grie­ren sind in Ost­deutsch­land ein eben­so gro­ßes Pro­blem wie in Polen oder Frank­reich: Zen­trum ver­sus Peri­phe­rie. Ansons­ten geht es im Buch viel um Emp­fin­dun­gen, um sub­jek­ti­ve Erfah­run­gen von Trau­er und der stän­di­gen Pre­ka­ri­tät beim Bestrei­ten des All­tags. Der Glau­be erscheint als ver­blie­be­ne Soli­da­ri­täts­res­sour­ce in Zei­ten all­ge­mei­nen Nie­der­gangs und der omni­prä­sen­ten Ver­ein­ze­lung; das »Gefühl der Ent­frem­dung« (3) herr­sche vor, ohne daß die Betrof­fe­nen die­ses Emp­fin­den objek­ti­vie­ren bzw. ratio­na­li­sie­ren können.

Da wäre zum ande­ren das Ver­hält­nis zwi­schen »Pro­le­ta­ri­at« und »Lum­pen­pro­le­ta­ri­at«, zwi­schen denen, die ackern und den­noch mone­tär ver­küm­mern, und denen, »die von der Groß­zü­gig­keit des Staats« leben. (4) Gemeint ist eine zuneh­men­de Kluft, die sich eben­so in der BRD wie­der­fin­den läßt, ins­be­son­de­re im »Dis­kurs« rund um Bür­ger­geld, Kon­sum­pre­ka­ri­at und Lohnabstandsgebot.

Van­ce ver­tritt die Inter­es­sen der »wei­ßen Arbei­ter­schicht« und all jener, die im kapi­ta­lis­ti­schen Nor­mal­be­trieb trotz Anstren­gung zu kurz kom­men oder es so emp­fin­den. Bei ihnen sieht Van­ce die »Lie­be zur Nati­on« (5) als Kitt; die »Tat­sa­che«, im »groß­ar­tigs­ten Land der Welt« zu leben, habe auch ihm selbst »eine Bedeu­tung gege­ben«. (6) Doch die­ses Gefühl schwin­de auf­grund öko­no­mi­scher Aus­sichts­lo­sig­keit und poli­ti­scher Distanz zur herr­schen­den Klas­se: »Kei­ne Grup­pe in Ame­ri­ka ist pes­si­mis­ti­scher als die der wei­ßen Arbei­ter.« (7) Poli­ti­sche Ent­halt­sam­keit und feh­len­de Auf­bruchs­hoff­nun­gen sind die Folgen.

Auch das kennt man aus deklas­sier­ten bzw. gefühlt deklas­sier­ten Schich­ten der Arbei­ter­klas­se sowie der Mit­tel­schich­ten in West­eu­ro­pa: Man orga­ni­siert sich nicht; man lebt sein Leben; man kämpft nicht, man läßt gesche­hen; man sieht nicht den Zusam­men­hang der Sache, man bekrit­telt Ein­zel­sym­pto­me; man ana­ly­siert nicht, man fühlt; man han­delt nicht, man war­tet auf Handelnde.

Die­ses Ver­la­gern der Ver­ant­wor­tung auf exter­ne Figu­ren, in denen sich Ent­schei­dungs­fin­dung und wirk­mäch­ti­ger Pro­test gegen »die da oben« bün­deln sol­len, ist ein blei­ben­des Para­dox des Popu­lis­mus, und eben hier wächst der Humus für poli­ti­sches Erlö­sungs­den­ken, das der­zeit reüs­siert: Im Van­ce-Kon­text ist es Trump, der sich erfolg­reich zum ermäch­tig­ten Sprach­rohr die­ser Sprach­lo­sen erho­ben hat und die gefühl­te Macht der Macht­lo­sen in ein viel­glied­ri­ges »Pro­ject 2025« zu trans­for­mie­ren beab­sich­tigt, über des­sen inhalt­li­che Sub­stanz frei­lich auch im Trump zuge­neig­ten Lager Zwei­fel bestehen. Zum Trump-affi­nen Lager, das sich gleich­wohl kei­ne Illu­sio­nen hin­sicht­lich der tat­säch­li­chen welt­an­schau­li­chen Tie­fe zu machen erlaubt, wird man den wich­tigs­ten Vor­den­ker und Ver­trau­ten von J. D. Van­ce, Patrick J. Deneen, zäh­len dür­fen. Sche­ma­tisch könn­te man es so for­mu­lie­ren: Das, was Van­ce gefühls­ge­lei­tet und sub­jek­tiv dar­bie­tet, wird von Deneen ratio­nal und objek­tiv poli­ti­siert und vervollständigt.

Deneen stammt aus Con­nec­ti­cut und ist, wie der 2019er Kon­ver­tit Van­ce, katho­li­schen Glau­bens. Als Poli­tik­wis­sen­schaft­ler, der an den Uni­ver­si­tä­ten Prince­ton und George­town lehr­te, bevor er Aus­hän­ge­schild der katho­li­schen Uni­ver­si­ty of Not­re Dame im Bun­des­staat India­na wur­de, mach­te er sich mit Stu­di­en wie The Odys­sey of Poli­ti­cal Theo­ry (2000) und Demo­cra­tic Faith (2005) ledig­lich in Fach­krei­sen einen Namen.

Sei­nen ideen­politischen Durch­bruch führ­te erst sein 2018 zum Best­sel­ler wer­den­der Zwit­ter aus Wis­sen­schaft und Pole­mik her­bei: War­um der Libe­ra­lis­mus geschei­tert ist. (8) Deneen zeigt sich dar­in über­zeugt, daß die Auf­lö­sung aller Din­ge als logi­sche Kon­se­quenz der libe­ra­len Hege­mo­nie zu dia­gnos­ti­zie­ren ist. Der Libe­ra­lis­mus habe sich unbe­schränkt durch­ge­setzt, was zur Fol­ge habe, daß »die Fun­da­men­te unse­rer ererb­ten zivi­li­sa­to­ri­schen Ord­nung«, mit­hin jene »Nor­men, die in Fami­li­en, in Gemein­schaf­ten, durch Reli­gi­on und Kul­tur erlernt wur­den«, ero­die­ren. (9)

Das Indi­vi­du­um wird zum Maß­stab, dem unfil­trier­ten Zugriff des Mark­tes und Staa­tes aus­ge­setzt, fort­wäh­rend bereit, sich neu zu erfin­den, dabei jeder orga­nisch gewach­se­nen Gemein­schaft ver­lus­tig gehend. (10) Ans Böcken­för­de-Dik­tum erin­nert Deneens The­se, daß der Libe­ra­lis­mus so sei­ne eige­nen Vor­aus­set­zun­gen abschaf­fe: »Er ist geschei­tert, weil er erfolg­reich war«. (11)

Deneen ana­ly­siert dar­auf­hin in sei­nem Werk libe­ra­le Glau­bens­frag­men­te seit den Zei­ten John Lockes; er tut das im klas­si­schen Gelei­se der Sezes­si­on-Lesern (aber nicht US- Ame­ri­ka­nern) ver­trau­ten Libe­ra­lis­mus­kri­tik von Arthur Moel­ler van den Bruck über Carl Schmitt bis Alain de Benoist, bean­stan­det anthro­po­lo­gi­sche Erkennt­nis­män­gel der Libe­ra­len, skiz­ziert ihr fal­sches Men­schen­bild (»abs­trak­te Indi­vi­du­en an abs­trak­ten Orten« (12) ), wes­halb eine inte­gra­le Dar­bie­tung an die­ser Stel­le nicht nötig sein dürfte.

Auch sei­ne Benoist-iden­te Par­al­le­li­sie­rung von Markt­li­be­ra­lis­mus und Links­li­be­ra­lis­mus, die kul­tu­rell ande­re Ideo­lo­gie­bau­stei­ne ver­tre­ten, aber nicht sub­stan­ti­ell von­ein­an­der abwei­chen, ist nicht neu. Im Gespräch mit der Neu­en Zür­cher Zei­tung betont er etwa, daß bei­de gro­ßen For­men des Libe­ra­lis­mus »nur anschei­nend kon­kur­rie­ren« und so das »libe­ra­le Regime« fes­ti­gen. Popu­lis­mus sei nun eine »Revol­te gegen die kapi­ta­lis­ti­sche Revo­lu­ti­on« bei­der Libe­ra­lis­men, und deren aktu­ell viru­len­te »woke« Form beru­he auf einem »fal­schen Bewußt­sein«, das nicht das »Pro­le­ta­ri­at«, son­dern die »Bour­geoi­sie« erfaßt habe. (13)

Als ori­gi­nel­ler her­vor­zu­he­ben, zumal für einen Ver­trau­ten des US-Vize­prä­si­den­ten, ist, daß Deneen künf­ti­ge US-Ent­schei­der davor warnt, die­se vom Libe­ra­lis­mus ver­ur­sach­ten Pro­ble­me durch mehr Libe­ra­lis­mus kurie­ren zu wol­len. Denn der »Ruf nach einer libe­ra­len Kur für die Gebre­chen des Libe­ra­lis­mus bedeu­tet, Gas in ein lodern­des Feu­er zu bla­sen«. (14) Gegen­über der »kal­ten« und »mecha­ni­sier­ten Welt des Libe­ra­lis­mus« müß­te eine »orga­ni­sche Alter­na­ti­ve« ent­wi­ckelt wer­den, die Vor-Ort-Gemein­schaf­ten, Reli­gi­on, Fami­lie und Gemein­wohl­stre­ben in den Fokus stellt. (15)

Man fragt sich, wie Deneen das mit Trump, Musk et al. anvi­sie­ren zu kön­nen glaubt, zumal er in sei­nen Hand­lungs­emp­feh­lun­gen dar­auf Bezug nimmt, daß eine jede Per­son »die Mini­mie­rung der eige­nen Betei­li­gung an der abs­trak­ten und gesichts­lo­sen moder­nen Wirt­schaft« betrei­ben soll­te. (16) Dar­an anknüp­fend: Wie möch­te Deneen eine sol­che »Befrei­ung vom Libe­ra­lis­mus selbst« (17) durch­set­zen mit trans­hu­ma­nis­ti­schen Tur­bo­li­be­ra­len, die öko­no­mi­sche Wachs­tums­fra­gen und ent­fes­sel­tes Pro­fit­stre­ben als Ver­ede­lung des Mensch-Seins begreifen?

Das wäre eine Fra­ge für kom­men­de Bücher oder Inter­views, weil Deneen auch in sei­nem nicht min­der erfolg­rei­chen Anschluß­band, Regime Chan­ge, bei des­sen Prä­sen­ta­ti­on J. D. Van­ce Ehren­gast war, die­se Fra­ge umschifft. Dort heißt es, sei­ne Zie­le für das post­li­be­ra­le Zeit­al­ter sei­en »Sta­bi­li­tät, Ord­nung, Kon­ti­nui­tät«; errei­chen wol­le er dies durch eine »Neue Rech­te«, die »sich öko­no­misch ›nach links‹ bewe­ge«, wäh­rend sie sich in kul­tu­rel­len und iden­ti­tä­ren Fra­gen unum­stöß­lich für »Fami­lie, Gemein­schaft, Kir­che und Nati­on« posi­tio­nie­re. (18)

Es gehe dar­um, »lin­ke« For­men der Gemein­wohl­wirt­schaft mit »rech­ten« For­men der Wer­te und Nor­men zu kom­bi­nie­ren. (19) Der Cice­ro nann­te die­se Syn­the­se aus wirt­schafts- und sozi­al­po­li­ti­schem Links­ruck und kul­tur­po­li­ti­schem Rechts­ruck eine real­po­li­ti­sche »Gewin­ner­for­mel«, (20) Deneen nennt die­se Kom­bi­na­ti­on kur­zer­hand »Gemein­wohl­kon­ser­va­tis­mus« (21) – in Abgren­zung zum bis dato domi­nie­ren­den »ame­ri­ka­ni­schen Kon­ser­va­tis­mus«, der als markt­för­mi­ge indi­vi­dua­lis­ti­sche Ideo­lo­gie nichts ande­res als »eine Form des Libe­ra­lis­mus« dar­stel­le. (22)

Ein anti­li­be­ra­ler Gemein­wohl­kon­ser­va­tis­mus sei folg­lich zu imple­men­tie­ren, um den Libe­ra­lis­mus fun­da­men­tal abzu­lö­sen und um das Volk und die (wah­re) Eli­te neu zu ver­söh­nen im Zei­chen einer »gemisch­ten Ver­fas­sung«, die mehr »Har­mo­nie« zu schaf­fen habe. (23) Das Fern­ziel bestehe dar­in, die volks­fer­nen Macht­eli­ten des Jetzt durch eine »bes­se­re Eli­ten­form« von mor­gen zu erset­zen, durch ech­te aris­toi, ech­te »Bes­se­re«. (24) Die­se Syn­the­se aus einem von unten (durch kom­mu­ni­ta­ris­ti­sche (25) und christ­li­che Wer­te) ver­bes­ser­ten Volk und einer hand­lungs­fä­hi­gen, ver­ant­wor­tungs­vol­len und eben­so christ­li­chen Eli­te nennt Deneen »Aris­to­po­pu­lis­mus« (26) .

Er beinhal­te die Ver­schmel­zung der Mythen des »ein­fa­chen« Vol­kes mit der Für­sor­ge­pflicht sitt­lich grund­er­neu­er­ter Eli­ten, um Form und Wür­de wie­der zur Gel­tung zu ver­hel­fen. Die Zeit nennt die­se Kon­struk­ti­on des Aris­to­po­pu­lis­mus nicht nur »Gemein­wohl mit rechts­au­tori­tä­rem Spin«, son­dern auch die Ver­bin­dung »klas­si­scher The­men der Kapi­ta­lis­mus-Kri­tik mit ultra­kon­ser­va­ti­ven Vor­stel­lun­gen«. Auf Dau­er, so läßt Zeit-Autor Peter Neu­mann anklin­gen, wür­den sich indes »J. D. Van­ce und sein Mas­ter­mind Patrick Deneen« mit »dem schmut­zi­gen Poli­tik­thea­ter Donald Trumps« durch­aus »nicht zufrie­den­ge­ben«, son­dern wei­ter­su­chen. (27)

Aber was? Patrick J. Deneen sieht uns in einer Über­gangs­pha­se, in einer »post­li­be­ra­len Ära«. Trumps Wahl habe gezeigt, daß sich die »libe­ra­le Mit­te« über­lebt habe, wäh­rend ihre lin­ke Flan­ke, die »pro­gres­si­ve Lin­ke«, eine »hoch­gra­dig iso­lier­te ideo­lo­gi­sche Bla­se« sei. Trumps Stil und Ideen bewer­tet Deneen dabei neu­er­dings posi­ti­ver als noch 2023. Er habe lin­ke und rech­te Ele­men­te ver­söhnt, nament­lich »kul­tu­rel­le Wer­te der Repu­bli­ka­ner mit den älte­ren wirt­schaft­li­chen Ver­pflich­tun­gen der Demo­kra­ten«. Er nennt das im Cice­ro zwar nicht, wie einst an glei­cher Stel­le Timo Loch­o­cki, die »Gewin­ner­for­mel«, sehr wohl aber eine »gewinn­brin­gen­de Kombination«.

Kein Zwei­fel besteht nichts­des­to­we­ni­ger dar­an, daß sei­ne Loya­li­tät J. D. Van­ce gehört und nicht Donald Trump: Van­ce sei ein »neu­gie­ri­ger und intel­lek­tu­ell ver­sier­ter Mensch«, ein »uner­sätt­li­cher Leser« und bei »pro­gres­si­ven Lin­ken« und »liber­tä­ren Rech­ten« aus guten Grün­den »glei­cher­ma­ßen unbe­liebt«. Die Grün­de lägen dar­in, daß sei­ne Welt­an­schau­ung »nicht durch den Kal­ten Krieg« und des­sen über­hol­te Dicho­to­mien »geprägt wur­de«, son­dern durch Katho­li­zis­mus und Kommunitarismus.

Die Ret­tung kom­me also nicht von Trump. Doch sei­en die kom­men­den vier Jah­re eine »Peri­ode der Zäh­mung und sogar des Abbaus pro­gres­si­ver Macht«, also eine Art Inter­re­gnum, um den bis­her hege­mo­nia­len Links­li­be­ra­lis­mus zurück­zu­drän­gen und zu über­win­den. Die danach not­wen­di­ge »umfas­sen­de­re, posi­ti­ve­re Neu­for­mu­lie­rung der ame­ri­ka­ni­schen poli­ti­schen Ord­nung« kön­ne hin­ge­gen erst erfol­gen, wenn Trumps Nach­fol­ger in der Lage sei­en, »eine oder zwei wei­te­re Prä­si­dent­schafts­wah­len zu gewin­nen«: (28) Trump als Zwischenschritt.

Die dafür nöti­ge zwei­te Rei­he, die einst die ers­te wer­den soll – birgt sie mehr Leit­wöl­fe als Deneen und Van­ce, und falls ja, steht sie für der­lei Ideen über­haupt bereit? Die ent­schei­den­de Fra­ge bleibt dem­entspre­chend: Wie und mit wem will sich Patrick J. Deneen gegen den »fal­schen« Main­stream-Kon­ser­va­tis­mus durch­set­zen, den er als markt­ideo­lo­gisch und »olig­ar­chen­fi­nan­ziert« ver­wirft? (29) Zumal die­ser (kor­rek­te) Vor­wurf iro­nisch zurück­zu­schla­gen droht, wenn man bedenkt, wie stark Donald Trump und Ex-Peter-Thiel- Mit­ar­bei­ter J. D. Van­ce mit Elon Musk und ande­ren Big-Tech-Olig­ar­chen inter­agie­ren. Nils Weg­ner spot­tet auch des­halb, daß selbst der »kon­ser­va­tivs­te US-Ame­ri­ka­ner unterm Strich nur ein Libe­ra­ler sein kann«.

Am Ende einer rea­lis­ti­schen Lage­ein­schät­zung ob der Deneenschen Wir­kungs­macht steht daher die Pro­gno­se, daß sich idea­lis­ti­scher Geist gegen mate­ria­lis­ti­sche Macht wei­ter­hin schwer­tun dürf­te. Welt­an­schau­lich rück­ge­bun­de­ne Theo­rien bedür­fen eines pra­xis­taug­li­chen Bodens – aber in den USA der Epo­che Trump / Musk ist man stär­ker an der Mars-Erkun­dung als an einer kom­mu­ni­ta­ris­ti­schen Visi­on von Ver­wur­ze­lung und Selbst­be­schrän­kung inter­es­siert. Patrick J. Deneens Impul­se zei­gen aber, daß der Kampf auf ver­lo­re­nem Pos­ten auch jen­seits des gro­ßen Tei­ches gehalt­voll geführt wer­den kann.

_ _ _

(1) J. D. Van­ce: Hill­bil­ly- Ele­gie. Die Geschich­te mei­ner Fami­lie und einer Gesell­schaft in der Kri­se, Mün­chen 2024, S. 10.

(2)  Ebd., S. 39.

(3)  Ebd., S. 148.

(4)  Ebd., S. 161.

(5)  Ebd., S. 218.

(6)  Ebd., S. 219.

(7)  Ebd., S. 225.

(8)  Ein Jahr spä­ter wur­de die Streit­schrift in Deutsch­land ver­öf­fent­licht. Nach­fol­gend wird aus der zwei­ten Auf­la­ge zitiert: Patrick J. Deneen: War­um der Libe­ra­lis­mus geschei­tert ist, Salz­burg / Wien 2024.

(9)  Ebd., S. 12.

(10)  Dage­gen wand­te der Zür­cher Phi­lo­soph Mar­tin Rhon­hei­mer ein, Deneen sehe nicht, daß der Libe­ra­lis­mus dem Indi­vi­du­um die Frei­heit gebe, »Erfin­dungs­kraft« zu gene­rie­ren, »sich selbst zu orga­ni­sie­ren, zu asso­zi­ie­ren«, also neue Gemein­schaf­ten zu bil­den abseits der Ver­ein­ze­lung. (Mar­tin Rhon­hei­mer: »Ist der Libe­ra­lis­mus geschei­tert? Patrick Deneens popu­lis­ti­scher Anti­li­be­ra­lis­mus: Ant­wort eines katho­li­schen Libe­ra­len«, Aus­tri­an Insti­tu­te Paper Nr. 35, Wien 2020, S. 10.)

(11)  Deneen: Libe­ra­lis­mus, S. 19.

(12)  Ebd., S. 115.

(13)  Marc Neu­mann: »›Wenn Sie Donald Trump nicht mögen, dann war­ten Sie erst ein­mal, was danach kommt‹«. Inter­view mit Patrick J. Deneen, in: Neue Zür­cher Zei­tung vom 14. Dezem­ber 2023.

(14)  Deneen: Libe­ra­lis­mus, S. 20.

(15)  Ebd., S. 261.

(16)  Ebd., S. 264.

(17)  Ebd., S. 38.

(18)  Patrick J. Deneen: ‑Regime Chan­ge. Towards a Post­li­be­ral Future, Lon­don 2024 (zuerst New York 2023), S. xiii f.

(19)  Vgl. ebd., S. 96.

(20)  Timo Loch­o­cki: »Die Gewin­ner­for­mel«, in: ‑Cice­ro 9/2022. Die Gewin­ner­for­mel, so Loch­o­cki, bestehe dar­in, für einen star­ken Sozi­al­staat, für strik­te Zuwan­de­rungs­po­li­tik und für kla­re Kan­te gegen Kri­mi­na­li­tät zu plä­die­ren, d. h. die Angst vor »kul­tu­rel­len und öko­no­mi­schen Dis­rup­tio­nen« auf­zu­grei­fen. Tei­le der AfD und Tei­le des BSW bespie­len die­se »Gewin­ner­for­mel«.

(21)  Deneen: Regime Chan­ge, S. xv.

(22)  Ebd., S. 67.

(23)  Ebd., S. 237.

(24)  Ebd., S. 61.

(25)  Deneen setzt in sei­nem Gemein­wohl­kon­ser­va­tis­mus kom­mu­ni­ta­ris­ti­sche Prin­zi­pi­en über­wie­gend vor­aus. Der Mensch ist in kom­mu­ni­ta­ris­ti­scher Sicht »in über­grei­fen­de und von Natur aus frü­he­re oder geschicht­lich vor­ge­ge­be­ne Gemein­schaf­ten« ‑inte­griert, wie Ste­fan Kof­ner for­mu­liert (Gemein­sinn und Pflicht, Lüding­hau­sen / Neu­rup­pin 2021, S. 27). Der Staat soll eine akti­vie­ren­de Rol­le ein­neh­men, was exakt mit J. D. Van­ce har­mo­niert, der betont, daß der Staat nicht rund­um­ver­sor­gen sol­le, son­dern wis­sen müs­se, »wie man den Men­schen in ent­schei­den­den Momen­ten den rich­ti­gen Schubs gibt« (Van­ce: Hill­bil­ly-­Ele­gie, S. 280).

(26)  Deneen: Regime Chan­ge, S. 151.

(27)  Peter Neu­mann: »Was ist denn ‑Aris­to­po­pu­lis­mus? Wie Kon­ser­va­ti­ve welt­weit ver­su­chen, sich neu zu erfin­den«, in: Die Zeit Nr. 46, vom 29. Okto­ber 2024.

(28)  Cle­mens Traub, ‑Patrick J. Deneen: »Wir ‑befin­den uns jetzt in einer post-libe­ra­len Ära«, in: Cice­ro 11/2024.

(29)  Deneen: Regime Chan­ge, S. 147.

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

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