Donald Trump ist erneut auf der Grundlage des Versprechens, »Amerika wieder groß« zu machen, zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt worden. Sein neues Kabinett ist noch aggressiver und unverhohlener prozionistisch als sein altes: Vizepräsident J. D. Vance, Außenminister Marco Rubio, Verteidigungsminister Pete Hegseth, Ministerin für Innere Sicherheit Kristi Noem, UN-Botschafterin Elise Stefanik, Handelsminister Howard Lutnick, Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. oder der nationale Sicherheitsberater Mike Waltz, um nur einige Namen zu nennen, sind wie Trump selbst vehemente Parteigänger des Staates Israel.
Hegseth, ein ehemaliger Fox-News-Moderator und Veteran des zweiten Irakkrieges, hat so manchen christlichen Konservativen mit seinen markigen Tätowierungen entzückt: auf der rechten Brust ein Jerusalemkreuz, ein »Deus Vult« am rechten Bizeps, gleich neben einer mit einem AR-15-Sturmgewehr verzierten »Stars & Stripes«-Flagge. Um das Programm zu vervollständigen, prangen noch die Anfangsworte der amerikanischen Verfassung, »We the people«, auf seinem rechten Unterarm.
Haben wir uns nicht so einen starken Mann schon lange gewünscht, einen Christen, der nicht klagt und kniet, sondern kämpft, einen wehrhaften, unverzagten Verteidiger des »Westens« und des »christlichen Abendlandes« mit dem Herzen eines mittelalterlichen Kreuzritters? Hegseth ist allerdings auch ein bibelfester »christlicher Zionist«, der enthusiastisch den Wiederaufbau des Tempels von Jerusalem unterstützt und davon träumt, den Iran in die Knie zu zwingen.
»MAGA«, »America First« und Israel: Bedeutet dies nicht, zwei Herren, zwei Nationen zu dienen? Hegseth ist ebenso wie die anderen Zionisten in Trumps Team (zumindest nach außen hin) der Ansicht, daß es sich hier um ein und dieselbe Sache handelt. In seinem 2024 erschienenen Buch American Crusade: Our Fight to Stay Free (»Amerikanischer Kreuzzug: Unser Kampf, um frei zu bleiben«) schreibt er: »Wer Amerika liebt, sollte auch Israel lieben.« Trump selbst hat bereits 2015/16 massive Unterstützung von zionistischen Kreisen erhalten.
Auch im Wahlkampf des Jahres 2024 spielten einschlägige Geldgeber, nüchtern betrachtet Lobbyisten eines ausländischen, vehement nationalistisch regierten Staates, eine wichtige Rolle: Miriam Adelson, Bill Ackman, Isaac Perlmutter, Paul Singer und andere, darunter einige, die erst nach dem »7. Oktober« ins republikanische Lager umgeschwenkt sind.
Den israelischen Regierungschef Benjamin Netanjahu hat Trump in seiner ersten Amtszeit wie einen König behandelt: So huldigte er ihm im September 2020 mit der feierlichen Überreichung eines goldenen Schlüssels zum Weißen Haus; im Gegenzug wird Trump in Israel als neuer »König Cyrus« verehrt, nach jener biblischen Gestalt, die das babylonische Exil der Juden beendet hat. Trump hat den Einfluß der von John J. Mearsheimer und Stephen H. Walt so genannten Israel-Lobby auf die amerikanische Außenpolitik nicht nur bestätigt, sondern offen gepriesen.
Im Zuge einer Veranstaltung mit dem Titel »Fighting Antisemitism« in Bedford, New Jersey, im August 2024 äußerte er, daß noch vor »sagen wir, 15 Jahren«, also etwa am Ende der Bush- und am Anfang der Obama-Ära, jeder Politiker »erledigt« gewesen wäre, der es gewagt hätte, »etwas Schlechtes über Israel oder das jüdische Volk« zu sagen. Dies sei heute leider nicht mehr der Fall:
Die mit Abstand mächtigste Lobby in diesem Land waren Israel und das jüdische Volk. Heute fragt man sich, was ist da bloß passiert?
In einem Interview mit dem jüdischen Konservativen Ari Hoffmann im März 2024 war Trump noch weiter gegangen: »Israel hatte eine solche Macht, und das zu Recht, über den Kongreß«, klagte er.
Trump, ein vorgeblich »patriotischer« Präsident, der sich den Slogan »America First« auf die Fahnen geschrieben hat, schwärmte also davon, daß ein ausländischer Staat vor nicht allzu langer Zeit »zu Recht« (!) fast vollständige Macht über die Legislative seines Landes hatte, und beklagte sodann, daß dieser Staat diese Macht (angeblich) nicht mehr habe, was implizierte, daß dieser Staat diese Macht wieder haben sollte: »Make Jewish Power Great Again«.
Tatsächlich handelt es sich hierbei nur um eine spezielle jüdische Fraktion innerhalb des gesamten amerikanischen Machtgefüges, nämlich die offen neokonservativ- rechtszionistische. Ironischerweise gibt es in Trumps neuer Regierung weitaus weniger Juden als in Bidens: Zu dessen Kabinett gehörten »so viele Juden wie nie zuvor in der Geschichte«, jubelte die Jüdische Allgemeine am 21. Januar 2021. Trump hat hier je nach Perspektive unter- oder übertrieben, vermutlich um seinen Geldgebern zu schmeicheln und diese anzustacheln.
Die bedeutendste Israel-Lobby, AIPAC (»Amerikanisch-israelischer Ausschuß für öffentliche Angelegenheiten«) mit über hunderttausend Mitgliedern, hatte auch in den letzten »fünfzehn Jahren« maßgebliche Politiker beider Parteien fest im Griff. In einem Interview mit Tucker Carlson äußerte der republikanische Kongreßabgeordnete Thomas Massie, daß jedes republikanische Mitglied des Kongresses einen »AIPAC-Babysitter« habe.
Allerdings ist auch für Demokraten eine Karriere im Kongreß ohne Unterstützung oder Billigung durch den AIPAC praktisch unmöglich. Die Demokraten müssen jedoch auch Rücksicht auf Wählerschaften nehmen, die Israel, besonders in seiner jetzigen Form als einem von der Likud-Partei beherrschten »rechten Staat«, skeptisch gegenüberstehen oder gar völlig ablehnen, neben »antikolonialistisch« motivierten »People of Color« auch viele liberale Juden, die traditionell demokratisch wählen.
Es sind allerdings nicht so sehr die jüdischen Wählerstimmen, auf die es hier ankommt, da Juden nur knapp zwei Prozent der amerikanischen Bevölkerung ausmachen. Es geht vielmehr um politischen, kulturellen, akademischen, finanziellen und medialen Einfluß. Daß dieser erheblich ist, ist eine unbequeme, aber unbestreitbare Tatsache. Man »darf« sie ansprechen, wenn man sie rühmt (Biden hat es wiederholt getan), nicht aber, wenn man sie kritisiert. Yuri Slezkine schrieb in seiner Studie Das jüdische Jahrhundert (2004, dt. Göttingen 2006) über die jüdisch-amerikanische Erfolgsgeschichte:
Im Laufe zweier Nachkriegsjahrzehnte wurden die Juden zur wohlhabendsten, gebildetsten, politisch einflußreichsten und beruflich erfolgreichsten ethnisch-religiösen Bevölkerungsgruppe in den Vereinigten Staaten.
Von den drei »gelobten« Ländern der europäischen Juden des 20. Jahrhunderts, der Sowjetunion, Israel und den USA, waren es nach Slezkine letztere, die sich als die für das jüdische Volk günstigste Option erwiesen hatten. In der relativ kurzlebigen Sowjetunion verstrickte es sich in die Verbrechen des Kommunismus, in Israel in ethnische Säuberungen und einen permanenten Kriegszustand; in den Vereinigten Staaten, dem westlichen Imperium der Moderne, stellen sie heute florierende und einflußreiche Eliten, was sich deutlich in der Besetzung der Kabinette von sowohl Trump als auch Biden niederschlägt.
Ein Grund für diesen Erfolg ist die starke Affinität zwischen der amerikanischen Zivilisation und dem jüdischen »merkurianischen« (wie Slezkine es nennt), merkantil-mobilen Geist. Ein bedeutender gemeinsamer Nenner ist allerdings auch die religiöse, biblische Prägung, die die Mentalität der angloprotestantischen Gründer der amerikanischen Nation ebenso wie die der Juden entscheidend beeinflußt hat – ein Einfluß, der noch in Generationen nachwirkt, die sich als säkular betrachten und nicht mehr im transzendenten Sinne an den Gott der Bibel glauben.
Es sind hier vor allem zwei eng miteinander zusammenhängende Motive aus dem Alten Testament ausschlaggebend: die Topoi des »erwählten Volkes« und des »gelobten Landes« aus den Büchern des Moses. Insbesondere das Deuteronomium hatte eine besondere Bedeutung für die puritanischen Pilger, die sich mit den »Kindern Israels« identifizierten, versehen mit der göttlichen Mission, ein Land zu erobern und in ihm eine wahrhaft gottgefällige Gesellschaft aufzubauen.
Die Tatsache, daß die alten Hebräer auf dem Weg ins verheißene Land routinemäßig die Völker, die sie auf ihrer Wanderschaft antrafen, mit Billigung, ja sogar auf Geheiß Gottes mit Stumpf und Stiel ausrotteten (»Männer, Weiber und Kinder, und ließen niemand übrigbleiben«), erleichterte den frommen Pionieren den analogen Umgang mit den amerikanischen Ureinwohnern.
Viele amerikanische Eigenheiten lassen sich auf diese Wurzeln zurückführen, von der Ideologie des »Manifest destiny«, unter deren Banner im 19. Jahrhundert der Westen des Kontinents erobert wurde und im 20. Jahrhundert weltweit das Evangelium der liberalen Dreifaltigkeit »life, liberty and the pursuit of happiness« und später von »Demokratie und Menschenrechten« verbreitet werden sollte, notfalls auch durch militärische Kreuzzüge, die praktischerweise mit wirtschaftlichen und geopolitischen Interessen zusammenfielen.
»Amerikaner« zu sein bedeutete lange Zeit, ungeachtet der im »Melting pot« eingekochten ethnischen Herkunft, Angehöriger eines »auserwählten«, »freien« Volkes zu sein, berufen, die leuchtende, allen Nationen zum Vorbild dienende »Stadt auf einem Hügel« aus der Bergpredigt (Mt 5,14) zu errichten – ein Vers, der von John F. Kennedy bis Barack Obama angestimmt wurde.
Mit dieser »Stadt« ist ein utopischer Idealstaat gemeint, basierend auf einer »Idee« und nicht auf der Zufälligkeit ethnokultureller Abstammungen. Ronald Reagan erblickte sie in einer Vision als
von Gott gesegnet, in der Menschen aller Art in Harmonie und Frieden zusammenlebten; eine Stadt mit freien Häfen, in der Handel und Kreativität blühten. Und wenn es schon Stadtmauern geben mußte, dann sollten diese Mauern Tore haben, die jedem offenstanden, der den Willen und den Herzensmut hatte, hierher zu kommen.
Auch die Gründerväter der Republik, die die »heiligen« Texte Unabhängigkeitserklärung, »Constitution« und »Bill of Rights« verfaßten, waren zwar bereits aufgeklärte »Theisten«, aber dennoch enthusiastische Bibelleser. Auch sie lasen in die Geschichte des Moses ihre eigene hinein, waren sie doch selbst der Tyrannei eines »Pharao«, des englischen Königs George III., entronnen. Für sie stand der individualistisch aufgefaßte Begriff Freiheit (»liberty«) im Zentrum aller Überlegungen, und er war für sie auch der Schlüssel zur Deutung der Geschichte vom Auszug aus Ägypten.
Das ist eine Idee, die bis heute Wirkungskraft hat. Man findet sie exemplarisch im Prolog zu dem Hollywoodschinken Die zehn Gebote (1956), einem guten Anschauungsbeispiel für die angloprotestantische Adaption der Bibel. Besetzt mit Nichtjuden wie Charlton Heston, John Derek und John Carradine in den Hauptrollen, dient in diesem Film das biblisch-jüdische Volk als »Stand-in« für das amerikanische. Eine Einführung, gesprochen von dem herkunftsmäßig halb jüdischen, halb englisch-flämischen, episkopalisch getauften Regisseur Cecil B. DeMille selbst, bringt die Idee so auf den Punkt:
Dies ist die Geschichte der Geburt der Freiheit, der Frage, ob die Menschen nach Gottes Gesetz regiert oder den Launen eines Diktators wie Ramses unterworfen werden sollen. Sind sie Eigentum des Staates oder sind sie freie Seelen unter Gott? Dieser Kampf wird auch heute noch überall auf der Welt geführt.
Fast siebzig Jahre später äußerte sich Joe Biden im Mai 2024 anläßlich des »Jewish Heritage Month« auf ähnliche Weise, aber mit einer Akzentverschiebung:
Im Laufe unserer Geschichte haben Juden dazu beigetragen, die einzigartige Idee zu definieren und zu verbreiten, die uns als Amerikaner verbindet – Freiheit. Das ist keine Übertreibung. Freiheit – das Grundprinzip, auf dem diese Nation aufgebaut wurde und für das amerikanische Juden seit dem 17. Jahrhundert gekämpft haben, nachdem sie vor der Verfolgung im Ausland geflohen waren. […] Seitdem stehen Juden an vorderster Front, wenn es darum geht, das Versprechen Amerikas für alle Amerikaner zu verwirklichen.
Allerdings hat sich seit DeMilles Zeiten vieles verändert. Mit dem demographischen Schrumpfen des weißen Bevölkerungsanteils hat auch die traditionell sehr starke Religiosität in den USA rapide abgenommen und polarisiert sich immer mehr entlang parteipolitischer Linien. Trump, in seiner Lebensführung alles andere als ein frommer Geselle, bespielte 2024 die religiöse Wählerschaft massiv, und ließ sogar eine »God Bless The U.S.A. Bible« in seinem Namen vermarkten.
Auch das Verhältnis zwischen Juden und Christen hat sich seit den fünfziger Jahren stark verändert. Evangelikale Christen sahen sich damals selbst als das neue Volk Zions, während die meisten Juden in erster Linie gute, unauffällige Amerikaner sein wollten. Wie Peter Novick in seinem Buch Nach dem Holocaust (Stuttgart / München 2001) geschildert hat, begannen sich amerikanische Juden erst recht spät, in den sechziger und siebziger Jahren, allmählich mit Israel zu identifizieren, das unter Lyndon B. Johnson politisch enger mit den Vereinigten Staaten zusammenrückte. Heute ist diese Entwicklung so weit gediehen, daß amerikanische Politiker den »greatest ally« geradezu wie einen privilegierten, exterritorialen Bundesstaat behandeln.
Das evangelikale Amerika wird von »christlichen Zionisten« dominiert, die Juden als höhere, von Gott geheiligte Wesen verehren und den Staat Israel mit dem biblischen Israel gleichsetzen, während dessen Vertreter ihrerseits ständig auf biblische Bilder und Rhetoriken zurückgreifen, um ihr Vorgehen gegen die Palästinenser (die »Indianer« der jüdischen Siedler) und diverse Nachbarstaaten zu rechtfertigen.
Die Christen haben gemäß dieser Ideologie die Pflicht, den Juden und Israel zu dienen, auch wenn sich dies auf beiden Seiten mit einander entgegengesetzten messianischen Endzeit- und »Armageddon«-Ideen verbindet. Die christliche Verhaftung an das Alte Testament wird hier manipulativ mißbraucht, um die zionistische Sache zu stützen.
Auch im außenpolitischen Bereich sind die Gewichte heute ungleich verteilt. Den Wendepunkt kann man wohl in der Bush-Ära nach »9/11« ansetzen. Der »Kampf gegen den Terror« (bzw. der von Samuel Huntington beschriebene »Kampf der Kulturen«) wurde damals von vielen als neoreligiöser Kreuzzeug der revitalisierten »christlichen Rechten« gegen den Islam oder zumindest den »Islamismus« interpretiert. Die treibende Kraft waren jedoch vorwiegend jüdische Neokonservative, eng mit Israel und der Likud-Partei verbunden.
Ähnliche Kräfte wie damals bestimmen auch heute die amerikanische Außenpolitik. Um ein gängiges Bild zu bemühen, weiß man hier nicht immer so genau, wer der Hund und wer der Schwanz ist, und wer hier mit wem wedelt. Das alte, linke Bild von Israel als »Kettenhund des US-Imperialismus im Nahen Osten« stimmt schon lange nicht mehr; eher sieht es inzwischen so aus, als wäre der amerikanische interventionistische Imperialismus gekapert worden, um den Interessen Israels zu dienen.