Amerikas Rechte nach 1945 – ein Überblick

PDF der Druckausgabe aus Sezession 124/ Februar 2025

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker, lektorierte 2015–2017 bei Antaios, IfS und Sezession und arbeitet als Übersetzer.

Die soge­nann­te Old Right der ers­ten Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts hat­te aus eher klas­sisch libe­ra­len und auto­ri­täts­skep­ti­schen Ein­zel­fi­gu­ren bestan­den, die sich auf kei­ne kohä­ren­te Ideo­lo­gie oder gemein­sa­me Orga­ni­sa­ti­on eini­gen konn­ten. Ihre Ursprün­ge lagen in der Spal­tung der Repu­bli­ka­ni­schen Par­tei über Schutz­zoll­fra­gen 1910.

1933 kam es zum Zustrom libe­ra­ler Dis­si­den­ten der Demo­kra­ten, die die natio­na­le sozio­öko­no­mi­sche Mobi­li­sie­rungs­stra­te­gie »New Deal« des neu­en Prä­si­den­ten Roo­se­velt als Auf­takt zur »hei­mi­schen Dik­ta­tur« (Dome­stic dic­ta­tor­ship) ablehn­ten. Wäh­rend die Old Right nach dem Kriegs­ein­tritt der USA 1941 end­gül­tig zur poli­ti­schen Ein­fluß­lo­sig­keit ver­dammt war, erlang­te sie Bedeu­tung als Nega­tiv­vor­bild der auf­kei­men­den ame­ri­ka­ni­schen Nachkriegsrechten.

Deren Ent­wick­lung ist untrenn­bar ver­bun­den mit einem Kon­strukt namens Con­ser­va­ti­ve move­ment, Lebens­werk des Publi­zis­ten Wil­liam F. Buck­ley jr. Der Sohn eines Ölun­ter­neh­mers arbei­te­te nach dem Poli­to­lo­gie­stu­di­um an der Eli­te­uni­ver­si­tät Yale zuerst Anfang der 1950er für die CIA in Mit­tel- und Süd­ame­ri­ka. Eine zwei Jah­re spä­ter ange­tre­te­ne Stel­le als Redak­teur des tra­di­ti­ons­rei­chen Kul­tur­ma­ga­zins The Ame­ri­can Mer­cu­ry warf er gleich wie­der hin, weil er – laut eige­ner Aus­sa­ge – eine unge­nü­gen­de Abgren­zung gegen­über »anti­se­mi­ti­schen« Res­sen­ti­ments zu erken­nen glaubte.

Der Mer­cu­ry war damals dabei, die gro­ße »gefühls­kon­ser­va­ti­ve« US-Publi­ka­ti­on zu wer­den, mit Unter­stüt­zung höchs­ter Stel­len wie des FBI-Direk­tors J. Edgar Hoo­ver. Der erzürn­te Buck­ley nun war ent­schlos­sen, sei­nen ehe­ma­li­gen Arbeit­ge­ber aus­zu­boo­ten. 1955 grün­de­te er die Zeit­schrift Natio­nal Review (NR) und ging an die Erobe­rung der Deu­tungs­ho­heit dar­über, was und wer auf der ame­ri­ka­ni­schen Rech­ten als »respek­ta­bel« gel­ten durf­te. Ihm wird heu­te ange­rech­net, das Attri­but »kon­ser­va­tiv« intel­lek­tua­li­siert und neu erfun­den zu haben.

Das um die Zeit­schrift wach­sen­de Con­ser­va­ti­ve move­ment woll­te die »Alte Rech­te« der ers­ten Jahr­hun­dert­hälf­te ent­sor­gen, ins­be­son­de­re auf­grund deren Iso­la­tio­nis­mus. Der »sau­be­re« US-Kon­ser­va­tis­mus soll­te sich fort­an an schein­ba­ren Fix­punk­ten ori­en­tie­ren: Kapi­ta­lis­mus des frei­en Mark­tes, Chris­ten­tum (zuvor­kom­mend gegen­über gewis­sen ande­ren mono­the­is­ti­schen Reli­gio­nen) als Grund­la­ge von Patrio­tis­mus, Frei­heit und Men­schen­rech­ten, bedin­gungs­lo­se Unter­stüt­zung der US-Trup­pen in aller Welt (bei gele­gent­li­cher Kri­tik an der Außen­po­li­tik), bedin­gungs­lo­se Unter­stüt­zung Isra­els (ins­be­son­de­re des­sen Außen­po­li­tik), »Werte«-fokussierte Auf­fas­sung von ame­ri­ka­ni­scher Geschich­te und Identität.

Auf die­ser Grund­la­ge führ­te Buck­ley sei­nen media­len Kampf gegen schein­ba­re Fein­de der USA und Isra­els vor allem inner­halb des eige­nen Reviers. Das traf nicht nur Iso­la­tio­nis­ten wie die 1958 gegrün­de­te anti­kom­mu­nis­ti­sche John Birch Socie­ty, son­dern auch und gera­de NR- Autoren: In den 1960ern wur­de der liber­tä­re Flü­gel um Mur­ray Roth­bard und Ali­s­sa »Ayn Rand« Rosen­baum als »unpa­trio­tisch« geschaßt, weil dort Kri­tik an den teu­ren US- Inter­ven­tio­nen ins­be­son­de­re in Viet­nam sowie der dama­li­gen Wehr­pflicht laut gewor­den war.

Die regel­mä­ßi­gen inter­nen Säu­be­run­gen des Con­ser­va­ti­ve move­ment deu­te­te Buck­ley spä­ter zum Ein­satz gegen Anti­se­mi­tis­mus um. Das war absurd, weil ihnen auch Juden zum Opfer fie­len, aber eine beque­me Aus­flucht vor dem Hin­ter­grund der klei­nen anti­ame­ri­ka­ni­schen Rechts­au­ßen­frak­ti­on, die (Außen-)Politik und Kul­tur­be­trieb der USA als von einer zio­nis­ti­schen Eli­te gelenkt ablehn­te, dar­un­ter Geor­ge Lin­coln Rock­well mit sei­ner Ame­ri­can Nazi Par­ty oder das inter­na­tio­na­le Netz­werk des Kul­tur­phi­lo­so­phen Fran­cis Par­ker Yockey.

Als 1964 der jüdisch-liber­tä­re repu­bli­ka­ni­sche Sena­tor Bar­ry Gold­water mit Unter­stüt­zung der kon­ser­va­ti­ven Demo­kra­ten der Süd­staa­ten – der Dixie­crats – gegen Amts­in­ha­ber Lyn­don B. John­son um die Prä­si­dent­schaft kan­di­dier­te, fun­gier­ten die NR sowie die von Buck­ley gegrün­de­ten Orga­ni­sa­tio­nen (u. a. Young Ame­ri­cans for Free­dom und Ame­ri­can Con­ser­va­ti­ve Uni­on) als Wahl­kampf­mo­to­ren. Sein öffent­li­ches Enga­ge­ment gegen den Civil Rights Act von 1964 – nicht, weil er den For­de­run­gen von Mar­tin Luther King Jr. nicht zuge­stimmt hät­te, son­dern weil das Gesetz die Auto­no­mie der Bun­des­staa­ten ein­schränk­te – soll­te Gold­wa­ter aller­dings den Wahl­sieg kosten.

Wäh­rend er ent­ge­gen der land­läu­fi­gen Dar­stel­lung durch­aus kein »Rechts­aus­le­ger« war, war sei­ne Wahl­kam­pa­gne die Gene­ral­pro­be eines Zusam­men­wir­kens von Par­tei und Vor­feld, das bereits bei der fol­gen­den Wahl den aus­sichts­rei­chen unab­hän­gi­gen (ex-demo­kra­ti­schen) Kan­di­da­ten Geor­ge Wal­lace mit des­sen Slo­gan »Ras­sen­tren­nung jetzt, Ras­sen­tren­nung mor­gen, Ras­sen­tren­nung für immer!« abzu­drän­gen ver­moch­te und Richard Nixon die Prä­si­dent­schaft sicherte.

1964 hat­te Buck­ley zusam­men mit u. a. dem Öko­no­men Mil­ton Fried­man und dem NR- Chef­phi­lo­so­phen Frank Mey­er, Ex-Kom­mu­nist und Erfin­der des »Fusio­nis­mus« aus liber­tä­ren und klas­sisch-kon­ser­va­ti­ven Ver­satz­stü­cken, im Kiel­was­ser der Gold­wa­ter-Kam­pa­gne den eli­tä­ren Polit­club Phil­adel­phia Socie­ty gegründet.

Aus ihrem Umfeld ent­sprang 1973 die Heri­ta­ge Foun­da­ti­on (HF) als Denk­fa­brik und Lob­by­or­ga­ni­sa­ti­on mit dem erklär­ten Ziel, die Repu­bli­ka­ni­sche Par­tei unter dem als zu libe­ral emp­fun­de­nen Prä­si­den­ten Nixon sowie nach des­sen Rück­tritt unter Gerald Ford wei­ter nach rechts zu drän­gen, ins­be­son­de­re Unter­neh­mer­inter­es­sen mehr Gehör zu ver­schaf­fen und den gesell­schaft­li­chen Wer­te­ver­fall anzuprangern.

Mit offen­si­ven Wer­be­me­tho­den und selbst­be­wuß­tem Auf­tre­ten erzeug­te die HF Zug­zwang bei den tra­di­ti­ons­rei­che­ren Denk­fa­bri­ken Broo­kings Insti­tu­ti­on (klas­sisch libe­ral) und Ame­ri­can Enter­pri­se Insti­tu­te (liber­tär bis neo­kon­ser­va­tiv), sich eben­falls ver­stärkt kul­tu­rel­len The­men zuzu­wen­den. Die­se Dyna­mik sowie eini­ges an stra­te­gi­scher Fines­se sei­tens der betei­lig­ten Orga­ni­sa­to­ren lie­ßen die­ses gol­de­ne Jahr­zehnt der im wei­tes­ten Sin­ne kon­ser­va­ti­ven Poli­t­in­sti­tu­te 1979 in der Bil­dung der nach einer For­mu­lie­rung des HF-Grün­ders Paul Wey­rich »Moral Majo­ri­ty« genann­ten Koali­ti­on aus Katho­li­ken und Evan­ge­li­ka­len münden.

Sie mach­te die christ­li­che Rech­te für ein Vier­tel­jahr­hun­dert zu einem bestim­men­den Fak­tor des rech­ten Repu­bli­ka­ner­flü­gels und hat­te wesent­li­chen Anteil an der Wahl Ronald Rea­gans zum US-Prä­si­den­ten 1980. Zur sel­ben Zeit wan­del­ten sich ehe­ma­li­ge Trotz­kis­ten und von der Libe­ra­li­sie­rung ihrer Par­tei abge­sto­ße­ne Demo­kra­ten zu dem, was man in der Fol­ge als Neo­kon­ser­va­ti­ve bezeich­nen sollte.

Wäh­rend die bei­den Amts­zei­ten Rea­gans (1981 – 1989) oft als liber­tä­re Ära der Dere­gu­lie­rung und letz­te Blü­te­pha­se der USA als Welt­macht ver­brämt wer­den, hält die­ses Bild einem genaue­ren Blick nicht stand. Die neo­li­be­ra­len Rea­gano­mics mit ihrer Ver­hei­ßung, eine mas­si­ve För­de­rung des Groß­ka­pi­tals u. a. durch Rüs­tungs­pro­gram­me wer­de letzt­lich die gesam­te Wirt­schaft mit­zie­hen, waren nur um den Preis einer explo­die­ren­den Staats­ver­schul­dung zu haben. So folg­te der gro­ßen Steu­er­sen­kung von 1981 gleich im Fol­ge­jahr ein Wider­ruf mit­samt Neu­er­he­bun­gen, was zeit­ge­nös­si­sche Liber­tä­re als »größ­te Steu­er­erhö­hung der ame­ri­ka­ni­schen Geschich­te« geißelten.

Trotz die­ses frü­hen Schei­terns und wei­te­rer kata­stro­pha­ler innen­po­li­ti­scher Fehl­grif­fe – wie der Ermög­li­chung der ame­ri­ka­ni­schen Staats­bür­ger­schaft für fast drei Mil­lio­nen ille­ga­le Ein­wan­de­rer ab 1986 – war und bleibt Rea­gan eine kon­ser­va­ti­ve Licht­ge­stalt. Das mag an sei­nem thea­tra­li­schen Anti­kom­mu­nis­mus eben­so lie­gen wie an sei­nen weit­ge­hend ver­geb­li­chen Ver­su­chen, dem Sozi­al­staat zu Lei­be zu rücken. Vor allem aber war der frü­he­re Hol­ly­wood­schau­spie­ler eine idea­le Ver­kör­pe­rung des »respek­ta­blen« NR-Kon­ser­va­tis­mus und erhob das Netz­werk Buck­leys zu unge­ahn­ten Höhen des Einflusses.

Geor­ge Bush sen., der Rea­gan 1989 als Prä­si­dent ablös­te, blieb innen­po­li­tisch pas­siv und kon­zen­trier­te sich im Ange­sicht des Zusam­men­bruchs der Sowjet­uni­on auf außen­po­li­ti­sche Inter­ven­tio­nen wie gegen den Irak und in Panama.

Die­se Aben­teu­er ver­moch­ten aber nicht über die exis­ten­ti­el­le Kri­se hin­weg­zu­täu­schen, in der sich die US-Rech­te nach dem Weg­fall ihres Welt­feinds befand. Bushs Wie­der­wahl 1992 schei­ter­te denn auch am unab­hän­gi­gen Kan­di­da­ten Ross Perot, der mit sei­nem Nein zu Inter­ven­tio­nis­mus und Frei­han­del genug repu­bli­ka­ni­sche Stim­men abschöpf­te, um dem Demo­kra­ten Clin­ton zur Mehr­heit zu ver­hel­fen. Die­se »Pau­se« in der Oppo­si­ti­on soll­te der Rech­ten über ihre Ori­en­tie­rungs­lo­sig­keit hinweghelfen.

Auf­bau­end auf der pro­to­po­pu­lis­ti­schen Pro­gramm­schrift »Ver­trag mit Ame­ri­ka« ihres Chef­stra­te­gen Newt Ging­rich, voll­brach­ten es die Repu­bli­ka­ner, bei den Zwi­schen­wah­len 1994 nach 40 Jah­ren die demo­kra­ti­sche Mehr­heit im Reprä­sen­tan­ten­haus zu bre­chen. Und das gemein­sa­me ame­ri­ka­nisch-israe­li­sche neo­kon­ser­va­ti­ve Stra­te­gie­pa­pier »A Clean Break«, in Auf­trag gege­ben von Ben­ja­min Netan­ja­hu, zeich­ne­te mit sei­nen Emp­feh­lun­gen u. a. des aggres­si­ven Vor­ge­hens gegen den Irak und Syri­en 1996 den Weg in die kom­men­de US- Nah­ost­po­li­tik vor.

Der im sel­ben Jahr gestar­te­te Fern­seh­sen­der Fox News schuf eben­so wie das jun­ge öffent­li­che Inter­net gänz­lich neue Mög­lich­kei­ten der poli­ti­schen Betä­ti­gung und half zusam­men mit der unver­hoff­ten zwei­ten Amts­zeit Clin­tons beim Auf­bau der not­wen­di­gen Schwung­kraft, um zur Jahr­tau­send­wen­de einen (neo )kon­ser­va­ti­ven Pau­ken­schlag zu liefern.

Als Geor­ge Bush jun. 2001 sei­ne ers­te prä­si­dia­le Amts­zeit antrat, bestan­den Kabi­nett und Mit­ar­bei­ter­stä­be teils aus Gewäch­sen des alten repu­bli­ka­ni­schen Estab­lish­ments, teils aus mit­tel­ba­ren oder unmit­tel­ba­ren Ange­hö­ri­gen der neo­kon­ser­va­ti­ven Lob­by­or­ga­ni­sa­ti­on Pro­ject for the New Ame­ri­can Century.

Die­se Grup­pe, die bereits 1998 in einem offe­nen Brief an Clin­ton eine gewalt­sa­me Ent­mach­tung Sad­dam Hus­s­eins gefor­dert hat­te, sah nach dem 11. Sep­tem­ber 2001 ihre Stun­de gekom­men, steu­er­te das Land in den Irak­krieg und trug so maß­geb­lich zur Radi­ka­li­sie­rung des dschi­ha­dis­ti­schen Poten­ti­als im Nahen Osten bei. Buck­ley und das NR-Umfeld, die 2000 eine Wahl­emp­feh­lung zuguns­ten Bushs abge­ge­ben hat­ten, sahen 2004 davon ab – auch eine Reak­ti­on auf ihren Bedeu­tungs­ver­lust gegen­über den Neocons.

Eben­so sahen sich die US-Katho­li­ken, obwohl Bush-Kern­wäh­ler­schaft, von Evan­ge­li­ka­len und christ­li­chen Zio­nis­ten über­vor­teilt. Die infol­ge des »Kriegs gegen den Ter­ror« vor­an­ge­trie­be­ne Trans­for­ma­ti­on der USA in einen Über­wa­chungs- und Poli­zei­staat trug mit­samt einer patrio­ti­schen Wel­le fer­ner zum (vor­läu­fi­gen) Aus­trock­nen etli­cher Reser­voirs der radi­ka­le­ren Rech­ten bei, ins­be­son­de­re der Miliz­be­we­gung und der ras­sisch-spi­ri­tu­el­len Natio­nal Alli­ance. Letz­ten Endes soll­te es aber aus­ge­rech­net die ab 2007 infol­ge der unter Bush vor­ge­nom­me­nen Dere­gu­lie­run­gen im Immo­bi­li­en­kre­dit­sek­tor her­ein­bre­chen­de (Welt- )Finanz­kri­se sein, die auf Umwe­gen dem ame­ri­ka­ni­schen Rechts­po­pu­lis­mus eine Art Sturz­ge­burt bescherte.

Bei nähe­rem Hin­se­hen war es die – sorg­fäl­tig vor­aus­ge­plan­te und letzt­lich erfolg­lo­se – »spon­ta­ne« Unmuts­be­we­gung der »Tea Par­ty« ab 2007, die das Abzieh­bild für den spä­te­ren Durch­marsch Donald Trumps lie­fer­te. Anfangs ein liber­tä­res Auf­be­geh­ren gegen die Regie­rungs­be­mü­hun­gen, die Finanz­kri­se für die »klei­nen Leu­te« abzu­mil­dern (und nicht etwa gegen die Ban­ken­ret­tun­gen), wur­de sie schnell zu einem Vehi­kel der wider­strei­ten­den repu­bli­ka­ni­schen Strö­mun­gen von Neo­kon­ser­va­ti­ven bis Paläo­li­ber­tä­ren, um über die Basis Druck auf die Gesamt­par­tei auszuüben.

Alle gro­ßen Namen der »alter­na­ti­ven Medi­en« des Trump-Wahl­kampfs waren schon damals Tritt­brett­fah­rer, von James O’Keefe bis zu Ann Coul­ter – und nicht zuletzt Donald Trump selbst, der in der öffent­li­chen Aus­ein­an­der­set­zung um die Staats­bür­ger­schaft des neu­en Prä­si­den­ten Oba­ma 2010/11 nach jahr­zehn­te­lan­ger Unter­stüt­zung der Demo­kra­ten sein Fai­ble für kon­ser­va­ti­ve Paro­len entdeckte.

Zen­tra­le Leh­re war damals indes, daß Popu­lis­mus gegen den Sozi­al­staat in den USA kei­ne aus­rei­chen­de Mobi­li­sa­ti­ons­wir­kung (mehr) hat – die Zuwan­de­rungs­fra­ge aber sehr wohl. Die­ses The­ma, das allen Estab­lish­ment-Repu­bli­ka­nern zu unfein war, wur­de zum Sprung­brett der Trump-Kampagne.

In Kom­bi­na­ti­on mit den rech­ten Medi­en­ka­nä­len der »Tea Par­ty« und in ambi­va­len­tem Ver­hält­nis zu Paro­len der Rea­gan-Ära, aber ins­be­son­de­re auch ange­trie­ben durch eine in eth­ni­schen Fra­gen zuneh­mend pola­ri­sier­te digi­ta­le Öffent­lich­keit, bug­sier­te sie ihren Kan­di­da­ten schließ­lich zur all­sei­ti­gen Über­ra­schung ins Wei­ße Haus. Und das nach dem retar­die­ren­den Ele­ment einer all­seits unbe­lieb­ten Biden-Prä­si­dent­schaft sogar noch ein zwei­tes Mal.

Die­se Ent­wick­lung steht wie die Flü­gel­kämp­fe zwi­schen repu­bli­ka­ni­schem Par­tei­estab­lish­ment und dem unter dem »MAGA«-Banner ver­sam­mel­ten auf­stre­ben­den radi­ka­le­ren Nach­wuchs, exem­pli­fi­ziert in der bei­spiel­lo­sen Abset­zung Kevin McCar­thys als Spre­cher des Reprä­sen­tan­ten­hau­ses durch sei­ne eige­ne Par­tei im Okto­ber 2023, sym­bo­lisch für die tie­fe Kluft in der ame­ri­ka­ni­schen Rech­ten. Sie hat sich mit dem Ende der zwei­ten Bush-jun.-Amtszeit auf­ge­tan und ist Pro­dukt einer neu­en Orientierungslosigkeit.

Wäh­rend ins­be­son­de­re die Insti­tu­tio­nen und die Medi­en­pro­jek­te um die im Hin­ter­grund agie­ren­den Netz­werk­or­ga­ni­sa­tio­nen Inter­col­le­gia­te Stu­dies Insti­tu­te (eine Buck­ley-Grün­dung von 1953) und das seit 1979 exis­tie­ren­de, in der Tra­di­ti­on Leo Strauss’ ste­hen­de Cla­re­mont Insti­tu­te einen Neo-Neo­kon­ser­va­tis­mus im Kiel­was­ser Trumps zu eta­blie­ren ver­su­chen, droht der längst über­fäl­li­ge Gene­ra­tio­nen­wech­sel, die Repu­bli­ka­ni­sche Par­tei – die sich nicht von ihrem pro­gres­si­ven Erbe zu lösen ver­mag – zu zerreißen.

Noch Mit­te der 2010er Jah­re gal­ten repu­bli­ka­ni­sche »Moder­ni­sie­rer«, die eine Neu­ori­en­tie­rung zu The­men wie Homo­ehe, Abtrei­bun­gen u. ä. emp­fah­len, als links­li­ber­tä­re Son­der­lin­ge und wur­den prak­tisch als Dorf­trottel des kon­ser­va­ti­ven Lagers belächelt.

Heut­zu­ta­ge befür­wor­tet die deut­li­che Mehr­heit der Repu­bli­ka­ner eine Lega­li­sie­rung des pri­va­ten Mari­hua­na­kon­sums, die in eini­gen »roten« Bun­des­staa­ten bereits umge­setzt wur­de – und wäh­rend Trump in sei­nem jüngs­ten Prä­si­dent­schafts­wahl­kampf eine föde­ra­le Rege­lung des Abtrei­bungs­rechts ablehn­te, ver­öf­fent­lich­te sei­ne Ehe­frau gleich­zei­tig ihre Memoi­ren und ver­trat dar­in ent­schie­den die Pro-choice-Posi­ti­on. Man muß indes ein arger Phan­tast sein, um von Ange­hö­ri­gen des glo­ba­len Jet­set eine ande­re Hal­tung in die­ser Fra­ge zu erwarten.

Die Zukunft der US-Rech­ten hängt ganz vom Ver­lauf der zwei­ten Trump-Amts­zeit ab und davon, wer die­sem als Prä­si­dent nach­fol­gen wird. Da ein signi­fi­kan­tes Abklin­gen der poli­ti­schen wie kul­tu­rel­len Vor­bild­wir­kung Ame­ri­kas für die soge­nann­te west­li­che Welt wei­ter­hin nicht abseh­bar ist, wird die­se Zukunft mit den übli­chen Abstri­chen nolens volens auch unse­re Zukunft sein. Es gilt, die außen­po­li­ti­sche Dünung von jen­seits des gro­ßen Teichs wei­ter auf­merk­sam, doch distan­ziert zu beob­ach­ten und auf­kom­men­de Wel­len zu rei­ten, statt sich vom inne­ren popu­lis­ti­schen Plät­schern mit­rei­ßen zu lassen.

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker, lektorierte 2015–2017 bei Antaios, IfS und Sezession und arbeitet als Übersetzer.

Nichts schreibt sich
von allein!

Das Blog der Zeitschrift Sezession ist die wichtigste rechtsintellektuelle Stimme im Netz. Es lebt vom Fleiß, von der Lesewut und von der Sprachkraft seiner Autoren. Wenn Sie diesen Federn Zeit und Ruhe verschaffen möchten, können Sie das mit einem Betrag Ihrer Wahl tun.

Sezession
DE58 8005 3762 1894 1405 98
NOLADE21HAL

Kommentare (0)