Die Glaubwürdigkeit hat einen Riß

Vor ein paar Tagen abends in einer Männerrunde - Geburtstagsnachfeier in einer Laube, also: einer Datscha, mit Holzofen, Bier, kleinem Buffet. Der, welcher einlud, hätte selbst kochen können, kann er nämlich. Aber: Er weiß um den schweren Stand, den eine Selbständige hat, die in der Kleinstadt einen Imbiß betreibt und darüber hinaus in Terrinen und Pfannen kleine Gesellschaften mit Hausmannskost beliefert: Schnitzel, Gulasch, Nudeln, Gemüse, ein paar Spießchen, Nachtisch.

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek leitet den Verlag Antaios

Der Kame­rad hat dort vor­be­stellt, die Lie­fe­rung ist pünkt­lich, über Stöv­chen köcheln die Gerich­te, man wird satt und kann, was übrig­bleibt, ein­frie­ren. Wäh­rend wir spei­sen, geht es um den Win­ter, um Anek­do­ten von fest­ge­fah­re­nen Autos im Wald und um Poli­tik. Die Rede kommt auf die ver­ba­len Ver­ren­kun­gen, die AfD-Poli­ti­ker in Sach­sen-Anhalt anstel­len müs­sen, um zu erklä­ren, war­um man Ver­wand­te unter­ein­an­der ange­stellt und mit Pos­ten auf Kos­ten des Steu­er­zah­lers ver­sorgt habe.

Das Ergeb­nis des Gesprächs, die ein­hel­li­ge Mei­nung in einem Raum, in dem die AfD ein Wahl­er­geb­nis von min­des­tens 100 Pro­zent hät­te, ist rasch zusam­men­ge­faßt: Bes­ser ist, man geht gar nicht mehr wäh­len, wenn die Neu­en nicht anders sind als die Appa­rat­schiks  aus den Altparteien.

Man müß­te so ein Gespräch auf­zeich­nen oder in Dia­lekt und Ver­lauf mit­ste­no­gra­fie­ren: Das ist kein Gerum­pel und kein pau­scha­les Weg­wi­schen. Am Tisch: vier Selb­stän­di­ge, zwei Ange­stell­te, ein Sol­dat, ein Früh­rent­ner – eine klas­si­sche Kon­stel­la­ti­on für hier, kei­ne Bei­spiel­fal­le, sehr reprä­sen­ta­tiv, und das Gespräch bezog die schlech­ten Erfah­run­gen, die man mit “den Medi­en” und dem ver­lo­ge­nen Gere­de der Kon­kur­renz mach­te, mit ein.

Aber es gibt eben nichts schön­zu­re­den, und dabei lag vor Tagen noch gar nicht auf dem Tisch, was heu­te nun aus Nie­der­sach­sen dazu­kam – und wohl alles in den Schat­ten stellt, das in Sach­sen-Anhalt Schat­ten warf: Berich­te über eine Art Geheim­bünd­nis mit dem Namen “Alli­anz” unter Betei­li­gung der dor­ti­gen Füh­rungs­spit­ze der AfD, über einen Schwei­ge­ko­dex rund um ein Berei­che­rungs­netz­werk, über Filz und Parallelstrukturen.

Mei­ne Nei­gung, solch ein Ver­hal­ten mit fin­di­gen Argu­men­ten und Begrif­fen “ein­zu­ord­nen”, geht gegen Null. Natür­lich wur­de ich dar­auf ange­spro­chen, ob das alles so stim­men kön­ne, ob es das wirk­lich gebe, in einer Par­tei, die ange­tre­ten sei, eine “Alter­na­ti­ve für Deutsch­land” auf allen Ebe­nen und in allen Berei­chen nicht nur zu for­mu­lie­ren und vor­zu­ha­ben, son­dern doch vor allem vor­zu­le­ben. Lei­der konn­te ich es nicht dementieren.

Oft genug war das ja mög­lich, ist das mög­lich: Immer wie­der kommt es zu Fra­gen, ob das, was in den Medi­en über das Pro­jekt der Remi­gra­ti­on, über Mar­tin Sell­ner, über die Iden­ti­tä­re Bewe­gung und Höcke und natür­lich auch über Ran­ge­lei­en mit Jour­na­lis­ten in Schnell­ro­da geschrie­ben und behaup­tet wür­de, so den Tat­sa­chen ent­sprä­che oder viel­leicht doch ganz anders sei. Jedes­mal ist es gut, wenn man dann aus­führ­lich und nach bes­tem Wis­sen und Gewis­sen das eine zurecht­rü­cken, das ande­re anders erzäh­len und das drit­te als Not­wen­dig­keit auf den Begriff brin­gen kann. Dabei ist Ehr­lich­keit die har­te, die ein­zi­ge Wäh­rung – sol­che Abend­run­den haben feins­te Ohren für aus­wei­chen­des Gesül­ze und pro­fes­sio­nel­len Sprech.

So also auch dies­mal. Kein Beschö­ni­gen, kein Aus­wei­chen, kein Erklä­rungs­ver­such außer dem, der so alt ist wie die­se neue Par­tei selbst: daß sie auch und von Anfang an einen kor­rum­pie­ren­den Sog ent­wi­ckelt habe, weil sich in ihr nicht nur jene Kräf­te sam­mel­ten, die ums Vater­land kämp­fen und rin­gen woll­ten, son­dern auch dritt­klas­si­ges Per­so­nal aus den Alt­par­tei­en selbst, also Leu­te, die dort nichts wur­den, und Glücks­rit­ter und Schlau­mei­er und sol­che, die der all­zu­mensch­li­chen Ten­denz zur Ver­haus­schwei­nung nicht viel Dis­zi­plin ent­ge­gen­zu­set­zen hätten.

Ver­haus­schwei­nung – ein Begriff aus dem Wort­schatz des Ver­hal­tens­for­schers Kon­rad Lorenz. Erin­nert sich noch jemand dar­an, daß die War­nung vor die­ser Ver­haus­schwei­nung, vor der war­men Suh­le im Zen­trum jener Rede stand, die Björn Höcke vor zehn Jah­ren in Dres­den hielt und aus der die Medi­en aus­schließ­lich die Revi­si­on der Geschich­te filterten?

Dabei war die­se Rede nach innen aus­ge­rich­tet, war eine Rede für den Nach­wuchs der Par­tei, die ein­ge­la­den hat­te ins Ball­haus Watz­ke, und die­sem Nach­wuchs rede­te Höcke ins Gewis­sen, damals: nicht zu früh in die Poli­tik, nicht gleich von der Poli­tik leben, erst ein­mal etwas abschlie­ßen – eine Aus­bil­dung, ein Stu­di­um, Lebens­er­fah­rung sam­meln, in die Leh­re gehen, einen Stand­punkt gewin­nen, Schu­le der Tugend, und begrei­fen, daß wirk­lich eine “Alter­na­ti­ve für Deutsch­land” not­wen­dig sei, und zwar vor­ge­dacht, vor­ex­er­ziert, vorgelebt.

Par­tei­en sind Gebil­de, die so gebaut sind, daß es zu der­lei kommt: zu Berei­che­run­gen, Ver­sor­gungs­netz­wer­ken, Begehr­lich­kei­ten. Aber eine neue Par­tei, die eine Alter­na­ti­ve sein will, muß die­se Ten­den­zen (oder Gesetz­mä­ßig­kei­ten) so lan­ge wie irgend mög­lich bekämp­fen, äch­ten, zurück­drän­gen, vor allem doch, weil in die­sem Land nicht mehr viel in Ord­nung ist und weil auf­ge­räumt wer­den muß – und das heißt immer auch: ent­filzt, und der Beu­te­sinn des Par­tei­en­staats entlarvt.

Mir fällt dabei nun eine mei­ner liebs­ten Stel­len aus Jochen Klep­pers Preu­ßen­ro­man Der Vater ein. Die­ser Vater, also: der Sol­da­ten­kö­nig, der Vater Fried­richs des Gro­ßen, kehrt aus dem hun­gern­den Ost­preu­ßen zurück nach Ber­lin. Er hat dort zu hel­fen und zu ret­ten ver­sucht, hat Zuver­sicht ver­brei­tet und Hil­fe ver­spro­chen und den Land­adel an die Kan­da­re genom­men und an sei­ne Pflicht erinnert.

Er kommt also nach Ber­lin zurück und gerät im Schloß sei­ner Frau in eine Abend­ge­sell­schaft, über­ra­schend. Dort geht es üppig zu, und auf einem Tisch sind exqui­si­te Tabak­do­sen ange­rich­tet, die er noch nicht wahr­nahm. Nun nimmt er sie wahr und fragt nach Her­kunft und Preis und erfährt von Paris und von Unsum­men für die­sen Plun­der, der gera­de “à la Mode” sei. Der Sol­da­ten­kö­nig wischt das Zeug vom Tisch und sagt, bevor er die Par­ty ver­läßt: “In Ost­preu­ßen ist gera­de Hun­ger à la Mode”.

Ich mei­ne dies: Kaum etwas kann der AfD gefähr­lich wer­den, fast nichts von außen, kei­ne Remi­gra­ti­on-Debat­te, kei­ne Ruß­land-Debat­te, kein Ver­fas­sungs­schutz, kei­ne Ver­leum­dung, kei­ne Igno­ranz, und die Gewalt gegen ihre Reprä­sen­tan­ten schon gar nicht. Aber sich selbst schwe­ren Scha­den zufü­gen – das kann sie, und zwar, indem sie sich ver­strei­tet oder indem sie offen­bart, daß sie nicht bes­ser, dis­zi­pli­nier­ter, kon­se­quen­ter agiert als die anderen.

Der Scha­den ist schon da, die Glaub­wür­dig­keit hat einen Riß. Tün­che reicht nicht, auf­räu­men muß man.

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek leitet den Verlag Antaios

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Kommentare (7)

Martha

8. Februar 2026 18:29

Wahre Worte. Volle Zustimmung. Die AfD ist kein Selbstzweck, sie ist Mittel zum Zweck.

Freichrist343

8. Februar 2026 18:31

Der 8. März 2026 wird der wichtigste Tag aller Zeiten sein. Ausgerechnet in der grünen Hochburg BW wird die AfD die Grünen überholen. Wir brauchen keine grüne Planwirtschaft, sondern eine öko-konservative Politik gemäß Herbert Gruhl.
https://jlt343.wordpress.com

Ein gebuertiger Hesse

8. Februar 2026 18:35

Ein wichtiges Wort. Ja, darin besteht der Auftrag, der auch ein innerer, in das Eigene genommener Auftrag ist: im Zweifelsfall gegen "Gesetzmäßigkeiten" zu agieren, die dem laissez-faire, dem sich anheimzugeben man doch immer wieder bereit ist, dem "einer geht noch", "one for the road", "mir san ja mir" entgegenläuft. Kostet was. Aber nur dann kann was werden.

Majestyk

8. Februar 2026 18:59

Frei nach dem Motto, wenn der Gegner kein Tor schießt, schenkt man sich halt selber einen ein. Zum Glück sind heuer Olympische Spiele und Epsteinwochen, da gehen die vermeintlichen "Ausrutscher" vielleicht im Medienalltag unter. Wie meinte schon Adenauer:„Nehmen Sie die Menschen wie sie sind, andere gibt's nicht.“ 
 

Ulrike

8. Februar 2026 20:00

Selbst die FAZ muß zu o. g. Thematik der wechselseitigen Anstellung von Verwandten einräumen: „Zu ihrer Verteidigung kann die AfD allerdings darauf verweisen, dass es nach ihrem erstmaligen Einzug in den Landtag im Jahr 2016 tatsächlich schwer gewesen sein dürfte, als junger Landesverband viele Mitarbeiterstellen auf die Schnelle zu besetzen, zumal ein längerfristiger Erfolg der Partei damals noch keineswegs sicher erschien und eine Tätigkeit damals auch erhebliche negative Konsequenzen für das spätere berufliche Fortkommen hätte haben können.“ Dies und auch die von Ulrich Siegmund vorgebrachten Argumente klingen plausibel. Vielleicht empörungsmäßig erstmal einen halben Gang runterschalten und natürlich AfD wählen gehen.

RMH

8. Februar 2026 20:11

Ja, der Artikel trifft es natürlich. Den Nepotismus der Altparteien braucht man nicht als Aufguss. Schade, dass auch solche Hoffnungsträger-Verbände wie S.A. betroffen sind. Da muss die Parteiführung klare Standards festlegen, denen sich jeder unterwirft, der für die AfD kandidiert. Dazu gehört dann, dass er nicht mehr "freihändig" einstellen darf, wenn er Mandatsträger ist. Was mir schon länger aufgefallen ist: Die AfD ist quasi von 0 auf 100 in 2 Sekunden gestartet, "organisches" Wachstum war nicht möglich. & so ergab es sich, dass ganze Ortsverbände eigentlich in Familienhand waren, weil kein anderer da war/ sich für den job gemeldet hat. Mit der Stigmatisierung der AfD kam dann auch nicht die Breite an Leuten dazu, die sich auch engagieren wollen (Pateibücher alleine bringen wenig, außer Mitgliedsbeitr.). Bürgerliche sind abgeschreckt. & was mir besonders auffällt: Dieses unsägliche Doppelengagement von Paaren. Kann der Mann oder die Frau nicht mal was allein machen? Muss da immer der "Partner" überall mitdackeln? Oft dann auch noch die Kinder, als ob so ein Parteieng. ein Kirchgang wäre - entsprechend Sektenhaft gehts dann ab & an auch zu.

RMH

8. Februar 2026 20:29

"Vielleicht empörungsmäßig erstmal einen halben Gang runterschalten und natürlich AfD wählen gehen."
@Ulrike,
Denke, hier im Debattierkreis wird deswegen kaum einer was anderes wählen, außer denjenigen, die ohnehin schon anders wählen (oder nicht wählen. Die Fraktion war hier traditionell auch immer dabei).