Kritik der Woche (76): Serpentinen

"Gott hat die Unverschämtheit der Tatsache, nicht die Evidenz der Vernunft" schrieb Nicólas Gómez Dávila (Scholien, 1979).

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

Der Anti­mo­der­nis­ten­eid von Pius X. aus dem Jah­re 1910 hielt hin­ge­gen fest:

Ich beken­ne, daß Gott, der Ursprung und das Ziel aller Din­ge, mit dem natür­li­chen Licht der Ver­nunft “durch das, was gemacht ist” (Röm 1, 20), das heißt, durch die sicht­ba­ren Wer­ke der Schöp­fung, als Ursa­che ver­mit­tels der Wir­kun­gen sicher erkannt und gar bewie­sen wer­den kann.

War unser alter Dávila etwa ein Moder­nist? Womög­lich ein Auf­klä­rer? Oder gar ein Exis­ten­zia­list, der das Ver­hält­nis des Men­schen zu Gott ganz auf den Glau­ben stüt­zen will und Ihn kei­nes Bewei­ses für bedürf­tig hält? Gemach, gemach.

Nicht alle, die theo­lo­gi­sche Got­tes­be­wei­se für obso­let hal­ten, tun dies aus dem­sel­ben Erkennt­nis­in­ter­es­se her­aus (die Zyni­ker klam­me­re ich hier aus, unin­ter­es­sant). Dávil­as auf­trump­fen­der Satz rich­te­te sich gegen eine blut­lee­re aka­de­mi­sche Scho­las­tik, die auch vie­len “rech­ten Chris­ten” die­ser Tage nicht kämp­fe­risch genug erscheint gegen libe­ra­le Deka­denz, Islam und Anti­christ. Ihr poli­ti­scher Irra­tio­na­lis­mus speist sich teil­wei­se aus der­sel­ben Quel­le wie der Irra­tio­na­lis­mus der “Erwach­ten”, die die gött­li­che Ener­gie tief im Her­zen spü­ren wol­len, auch wenn bei­de sich ent­rüs­tet dage­gen ver­weh­ren wür­den: näm­lich der Kant’schen Aufklärung.

Wenn die kan­ti­sche Phi­lo­so­phie, den Pro­phe­ten gleich, an ihren Früch­ten zu erken­nen ist, dann muss ihre zer­set­zen­de Wir­kung auf das Jahr­tau­sen­de wäh­ren­de Got­tes­bild fest­ge­stellt werden.

Hier zitie­re ich aus dem soeben erschie­ne­nen, bereits in zwei­ter Auf­la­ge vor­lie­gen­den Buch Ser­pen­ti­nen von Sebas­ti­an Ost­rit­sch.

Eben­die­se “zer­set­zen­de Wir­kung” von Kants Sub­jekt­phi­lo­so­phie zeigt sich in Moder­nis­mus, Exis­ten­zia­lis­mus, poli­ti­scher und eso­te­ri­scher Ver­nunft­kri­tik (vom Post­mo­der­nis­mus ganz zu schwei­gen). Seit Kant gilt die objek­ti­ve Wirk­lich­keit als uner­kenn­bar, inso­fern die Kate­go­rien, mit denen wir die Welt erfas­sen, in der mensch­li­chen Ver­nunft und nicht in der Wirk­lich­keit lägen. Das hat Kon­se­quen­zen, und zwar gewal­ti­ge: Wir ver­ste­hen die Welt nicht mehr. Das “freie Erkennt­nis­sub­jekt” schaut auf die sicht­ba­ren Wer­ke der Schöp­fung und zieht dar­aus kei­ne Schlüs­se, es erkennt nur mehr sich selbst.

Wenn es aber bloß sich selbst erkennt, erkennt es auch Gott nicht mehr. Das ist der Punkt, von dem aus es kei­nes­wegs “nischig”, son­dern hoch­bri­sant ist, wenn uns ein habi­li­tier­ter Phi­lo­soph im Jah­re 2026 mit Tho­mas von Aquins fünf Got­tes­be­wei­sen kommt.

Hier ist nicht der Platz, die­se zu refe­rie­ren. Mir geht es dar­um, wel­chen Stel­len­wert die Ser­pen­ti­nen für die Leser der Sezes­si­on ein­neh­men kön­nen und wel­chen im Spek­trum des gegen­wär­ti­gen Christentums.

Das Buch trägt die­sen Titel (des­sen Umschlag­ab­bil­dung kei­ne Ser­pen­ti­nen dar­stellt, son­dern einen eher sub­jekt­phi­lo­so­phisch-unpas­sen­den Schnee­wan­de­rer), weil fünf ver­schie­de­ne Argu­men­te des hl. Tho­mas zum sel­ben Gip­fel füh­ren. Aller­dings lie­ße der direk­te Auf­stieg man­chen Leser schwind­lig wer­den, wes­halb es unter­wegs der retar­die­ren­den Momen­te bedarf (ich darf ver­ra­ten: die­se Momen­te sind die bes­ten der gan­zen Gipfeltour).

Im Marsch­ge­päck hat Ost­rit­sch die dafür nöti­gen Fra­gen ver­staut: War­um hält sich das “kan­ti­a­ni­sche Dog­ma”, daß Gott uner­kenn­bar sei, beson­ders in Deutsch­land so hart­nä­ckig? War­um war das Mit­tel­al­ter in Wirk­lich­keit ein Zeit­al­ter der Ver­nunft? War­um ist der “onto­lo­gi­sche Got­tes­be­weis” des Anselm von Can­ter­bu­ry ein Stroh­mann, den Tho­mas und Kant bei­de wider­le­gen? War­um ver­ste­hen wir Kin­der der Neu­zeit Kau­sa­li­tät in einem (im Gegen­satz zu Tho­mas’ Gewährs­mann Aris­to­te­les) extrem ver­eng­ten Sin­ne? Was hat es mit dem intel­li­gent design, der Trumpf­kar­te der Krea­tio­nis­ten, auf sich?

Ost­rit­sch ver­steht es, das geis­ti­ge Rüst­zeug, das man braucht, um die Got­tes­be­wei­se über­haupt nach­voll­zie­hen zu kön­nen, so zu ord­nen, daß ein inter­es­sier­ter, aber nicht unbe­dingt stu­dier­ter Leser kapiert, wor­um es ers­tens Tho­mas damals gegan­gen ist und was des­sen Argu­men­te zwei­tens heu­te für uns bedeuten.

Für einen Athe­is­ten oder Agnos­ti­ker, der an sei­nen Über­zeu­gun­gen hängt, ist die Beschäf­ti­gung mit den fünf Wegen des Tho­mas ris­kant, muss er doch bereit sein, bei einer Aner­ken­nung der Argu­men­ta­ti­on sei­ne Mei­nung zu ändern oder aber sich einer zwin­gen­den Schluss­fol­ge­rung verschließen.

Daß Tho­mas’ zwin­gen­de Argu­men­te die­sen Zeit­ge­nos­sen nicht zum Gläu­bi­gen machen, weiß der Ver­fas­ser natürlich:

Wenn der Mensch sich der Erkennt­nis­fä­hig­keit sei­nes eige­nen Ver­stan­des ver­schließt, wird er auch nicht an Gott glau­ben kön­nen – so stark die Bewei­se auch sein mögen.

Dem ein­gangs erwähn­ten kri­ti­schen Exi­ten­zia­lis­ten nimmt der hl. Tho­mas selbst den Wind aus den Segeln, er wird in den Ser­pen­ti­nen mit den Wor­ten zitiert:

Der Glau­be kann sich gar nicht auf etwas bezie­hen, das man sieht…; und auch was bewie­sen wer­den kann, gehört nicht zum Glauben.

Tho­mas’ Beweis­füh­run­gen sind für den auf­ge­klär­ten Moder­nis­ten gewis­ser­ma­ßen ein Hin­auf­füh­ren, Glau­bens­pro­pä­deu­tik, eine neue Schu­le des Rea­lis­mus. Der Glau­be steht über der Ver­nunft, aber der Glau­bens­akt ist “ratio­ni con­sen­ta­neus” (Tho­mas von Aquin), das heißt: er steht mit der Ver­nunft in Ein­klang. Um die­ses Ein­klangs wil­len hat Sebas­ti­an Ost­rit­sch sein Buch geschrie­ben – was will man mehr als heu­ti­ger skep­ti­scher Christ?

– –

Sebas­ti­an Ost­rit­sch: Ser­pen­ti­nen. Die Got­tes­be­wei­se des Tho­mas von Aquin nach dem Zeit­al­ter der Auf­klä­rung, Ber­lin 2026, 219 S., 20€ – hier bestel­len

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

Nichts schreibt sich
von allein!

Das Blog der Zeitschrift Sezession ist die wichtigste rechtsintellektuelle Stimme im Netz. Es lebt vom Fleiß, von der Lesewut und von der Sprachkraft seiner Autoren. Wenn Sie diesen Federn Zeit und Ruhe verschaffen möchten, können Sie das mit einem Betrag Ihrer Wahl tun.

Sezession
DE58 8005 3762 1894 1405 98
NOLADE21HAL

Kommentare (19)

Gracchus

25. Februar 2026 16:45

Ich hoffe, es wundert sich niemand, wenn die Kommentare hier sich um Religiöses drehen. Zunächst: Als ich vor Jahren die Summe der Theologie in der Kröner-Ausgabe zu lesen versuchte, fand ich die Übersetzung gruselig, so dass ich aufgab. Geht es nur mir so? Kennt jemand eine andere Übersetzung (mir fehlt die Zeit mein Latein aufzufrischen und zu verbessern)?
Dass es anders geht, zeigt mir das Sentenzenbuch zu Thomas von Aquin, zusammengestellt und übersetzt von Josef Pieper. Darin lese ich mit großem Gewinn und, ja, Vergnügen. Es sind aber nur Auszüge.
"Eine neue Schule des Realismus" - so ist es. 
 

Caroline Sommerfeld

25. Februar 2026 16:57

Kommentar Sommerfeld: Ich finde die Kröner-Ausgabe, übersetzt von Joseph Bernhart, nicht gruselig, sondern rührend bemüht, aber völlig untauglich zum Zitieren und zum wissenschaftlichen Gebrauch. Es gibt leider nur eine sauteure Gesamtausgabe der Summa, und eine "billige", wo aber auch alle Bände zusammen 250.- kosten. Verweise also notgedrungen auf diese Online-Ausgabe.

Laurenz

25. Februar 2026 17:04

Erspare mir jeglichen Zynismus, da Sie, CS, mit Zynikern nicht debattieren wollen. Aus Sicht eines Atheisten oder Heiden, sprechen Sie immer noch vom Glauben, während wir Wissen erwarten. Sie bringen keinen Gottesbeweis, die Realität bringt eher Gegenbeweise, nicht etwa für die Verneinung, sondern für die Schwäche Gottes. Ob Kant oder Thomas von Aquin (oder Karl May), beide brachten Argumente, menschliche Überzeugungen zu Papier, Menschenwerk. Gott schreibt nicht, nicht einmal Jesus von Nazareth schrieb. Sind vielleicht Musiker/Komponisten nicht manchmal die besseren Missionare? Denn hörbare oder greifbare Kunst bewegen oft mehr als Worte. Um das Göttliche zu erkennen, zu unterscheiden, muß es ja über das menschliche hinausgehen. Oder begreifen Sie Ihre Bücher/Schriften etwa als Gottes Werk? Wo läge dann der Unterschied zwischen Ihrem Artikel & meinem Kommentar? Ich verstehe auch nicht, welchen Vorteil meine Akzeptanz Ihres Gottes brächte? Welchen geopolitischen Einfluß nimmt Gott denn? In der Schrift kann ich keinen erkennen. Im Mittelalter war Ihre Glaube am intensivsten, als die meisten Menschen weder Schrift, noch Messe verstanden. Für den Glauben der mittelalterlichen Masse waren die Werke Thomas von Aquins, Dominikaner, Sohn eines Grafen, völlig bedeutungslos. Dementsprechend denken Sie zu viel, CS, & glauben zu wenig. Gemäß Alfred von Loisy kann ich das Reich Gottes nicht erkennen, denn, was ich oft sehe, gefällt mir nicht.

Caroline Sommerfeld

25. Februar 2026 17:48

Kommentar Sommerfeld: „Alles, was ich geschrieben habe, kommt mir vor wie Stroh im Vergleich zu dem, was ich gesehen habe“ sprach der hl. Thomas von Aquin kurz vor seinem Tode. Er erfuhr ein mystisches Erlebnis, und im Vergleich zu diesem ist selbst die Summa Menschenwerk. Solange uns aber die Gottesschau nicht zuteil wird, ist es unsere Aufgabe, Gott zu erkennen mit den begrenzten Mitteln unserer Vernunft. Und zu den Mitteln unserer Vernunft gehört das philosophische Argumentieren.

Wuwwerboezer

25. Februar 2026 18:08

Es wird in der "aufgeklärten" Öffentlichkeit immer suggeriert, Glaube wäre eine Art Subsitut / Lückenbüßung für den Mangel an Vernunft und Wissen. Ist absichtsvolle Lüge, denn z. B. jeder Sportidiot oder jeder Rentnerkaffeefahrten-Verkaufstrainerheini weiß doch genau, daß Glaube eine Kraft mit der Dynamik eines Generators resp. sogar eine Sprengkraft fü die Begrenzungen des Geistes ist. Um diese Kraft zu erfassen, müßte der Diskurs allerdings von der trockenen Scholastik i. w. S. weg und in die saftigen Gefilde der Psychologie hingelenkt werden.

- W.

Franz Bettinger

25. Februar 2026 18:29

@Lau: Wenn mir Gott oder ein Engel erschienen wäre, dann wäre dies ein Gottesbeweis. Auch dann, wenn ich niemanden von meiner Erscheinung überzeugen könnte. Begreifst du das? Du und ich, wir Atheisten, denen nie ein Engel erschien, haben kein Recht, von den Erleuchteten Beweise für ihren Glauben zu verlangen. Warum versuchst du es immer wieder? Lass es! 

Franz Bettinger

25. Februar 2026 18:45

Dass der Glaube an etwas Höheres hilfreich ist, das sollte klar sein. Auch ich versuche zu glauben, wenn auch nicht an den Gott der Christen. Ich will glauben, weil es tröstlich ist, an eine ausgleichende Gerechtigkeit und ein irgendwelches Weiter nach dem Tode zu glauben. Mein Glaube ist wohl eher von der schwachen Sorte. Ich hoffe auf ein Karma & Seelen-Wanderung, wie es der von mir hochverehrte und mittlerweile voll in die Unbekanntheit abgerutschte ehemalige Würzburger Blogger Michael Winkler in Büchern so schön beschrieben hat. Jeder hat und kriegt gnadenlos, was er verdient. Das wäre mir sehr recht. 

Gracchus

25. Februar 2026 18:46

Ich kenne das Buch nicht und nicht die Beweise. M. W. zieht der Hl. Thomas eine Grenze zwischen der natürlichen Erkenntnis und der Offenbarung. Von der Hl. Trinität weiss die Vernunft nur durch die Offenbarung. Das leuchtet ein. Aber wie steht es mit einem deistischen Gott? Oder einem bösen Gott? Sind solche Fehlvorstellungen bereits durch natürliche Vernunft-Erkenntnis zu widerlegen, oder braucht es hierzu die Offenbarung? 
Der ontologische Gottesbeweis wird übrigens hier gegen den Hl. Thomas und Ostritsch in Schutz genommen:
https://www.herder.de/communio/theologie/das-argument-des-anselm-von-canterbury-der-gecancelte-gottesbeweis/#:~:text=Die%20Ausdr%C3%BCcke%20%22Gott%20ist%20das,nichts%20Gr%C3%B6%C3%9Feres%20gedacht%20werden%20kann'.
 

Gracchus

25. Februar 2026 18:48

@C. S. Vielen Dank! Vielleicht lag es an meiner seinerzeitigen Geistesverfassung, aber ich fand die Bernhart-Übersetzung wahnsinnig anstrengend. 

Majestyk

25. Februar 2026 19:26

"Für einen Atheisten oder Agnostiker, der an seinen Überzeugungen hängt, ist die Beschäftigung mit den fünf Wegen des Thomas riskant, muss er doch bereit sein, bei einer Anerkennung der Argumentation seine Meinung zu ändern oder aber sich einer zwingenden Schlussfolgerung verschließen."
Warum muß der Agnostiker seine Meinung ändern? Der Agnostiker sagt doch nicht "es gibt keinen Gott", sondern "ich weiß nicht". Daran ändern auch die Gottesbeweise von Thomas von Aquin nichts. Die ersten drei Wege beschäftigen sich mit einem ersten Beweger. Nichts deutet auf eine Person hin, geschweige denn auf den christlichen Gott. Der erste Beweger könnte auch Allah heißen. Der 4. Weg ist reine Behauptung. Den 5. Beweis finde ich in Gänze nicht stimmig, erklärt auch keine zerstörenden Kräfte. 
Solche Diskussionen habe ich schon öfters geführt, mit Christen, Moslems, Atheisten. Für mich hat Thomas von Aquin nichts bewiesen. Man glaubt oder glaubt nicht. Dann wäre ja noch die Frage, nimmt Gott überhaupt Notiz von einem Menschen? Welche Bedeutung hätte ein existierender Gott für mich als Mensch? Selbst wenn es einen Beweger gibt, beweist dies nicht die christliche Glaubenslehre oder Auferstehung. Es beweist auch nicht, ob mein Leben durch Glauben besser wird oder durch Unglaube schlechter. Glaube ist kein Qualitätskriterium für Menschen. Man will/ braucht Glauben oder eben nicht. Glaube als Eintrittskarte finde ich anmaßend.

Kommentar Sommerfeld: Eine Kaskade von Einzelproblemen, verzeihen'S, wenn ich Ihnen nur die berühmte "Pascal'sche Wette" vorschlage ...

Majestyk

25. Februar 2026 19:48

Für mich hat die Sache noch einen Haken. Selbst wenn man Gott beweisen könnte, so schulde ich ihm immer noch nichts. Wenn es mir auf Erden gut geht, brauche ich keine Hoffnung auf bessere Zeiten, wenn es mir auf Erden schlecht geht und Gott dies so bewegt hat, dann schulde ich ihm erst recht nichts. Und jenes ewige Leben finden wohl nur jene erstrebenswert, die nicht loslassen können. Ich persönlich finde die Vorstellung furchtbar. Ohne meine Persönlichkeit nützt es mir nichts und Unsterblichkeit bei vollem Bewußtsein empfände ich als Qual. M.E. macht erst die Sterblichkeit den Menschen menschlich.
 
Schlafen, Schlafen, nichts, als Schlafen! 
Kein Erwachen, keinen Traum!
Jener Wehen, die mich trafen,
Leisestes Erinnern kaum,
Daß ich, wenn des Lebens Fülle
Nieder klingt in meine Ruh',
Nur noch tiefer mich verhülle,
Fester zu die Augen tu'!
(Friedrich Hebbel)
 
Man sollte Kindern beibringen, daß sie dieses eine Leben voll auskosten sollen, damit sie möglichst schnell begreifen, daß man Jahre nicht vergeuden soll und auch nicht zulassen, daß man sie um Jahre oder Leben betrügt. Wer sein Leben voll auskostet und nicht verschendet, kann irgendwann ganz entspannt entschlafen, im Wissen nichts versäumt zu haben.

Kommentar Sommerfeld: Das ewige Leben ist doch nicht die Fortsetzung des irdischen Jammertals mit demselben Personal in denselben gebrechlichen Leibern, Gott bewahre! Sondern die reine Gottesliebe, im Himmel glauben wir nicht einmal mehr an Gott, sondern sehen ihn von Angesicht zu Angesicht. Das irdische Leben voll auszukosten bringt uns indes immer weiter weg vom ewigen, weil der Mensch Sklave der Sünde wird, je mehr er von ihr kostet.

Majestyk

25. Februar 2026 19:57

@ Caroline Sommerfeld: 
"Eine Kaskade von Einzelproblemen, verzeihen'S, wenn ich Ihnen nur die berühmte "Pascal'sche Wette" vorschlage ..."
Wie ich in meinem zweiten Kommentar schrieb, ich will doch gar nicht ewig leben. Dies wäre ergo kein Gewinn für mich. Und wie gerecht wäre Gott, wenn er mich bestraft, weil ich nicht Glaube, er mich aber ungläubig geschaffen hat?
Was ich nicht verstehe, Ihr Glaube nimmt mir nichts, mein Unglaube Ihnen doch auch nichts. Warum will man Gottes Existenz beweisen oder im anderen Fall die Atheisten, warum will man Gottes Existenz widerlegen? Ich finde meinen Glauben oder Nichtglauben doch nicht im anderen. Ich begreife nicht, warum für Glaube oder Nichtglaube wichtig sein soll, was jemand anders denkt oder empfindet.
 

Kommentar Sommerfeld: Seelen retten!

Gracchus

25. Februar 2026 20:34

Man muss sich fragen, was die Gottesbeweise leisten (sollen) und was nicht. M. E. eben nicht die christliche Offenbarung zu "beweisen", da diese die Vernunft übersteigt. Sie sollen "nur" zeigen, dass es vernünftig ist, ein göttliches Sein anzunehmen (auch wenn sich Gott nie offenbart hätte). Daher ist es auch nicht vernunftwidrig, an die christliche Offenbarung zu glauben. Wäre dies anders - wie könnte man sonst göttlicher Offenbarung überhaupt gewahr werden? Vergleichbar ist das Verhältnis zwischen Vernunft und Glaube mit dem zwischen Natur und Gnade. Das Beglückende an der Theologie ist, wie der Hl. Thomas beide (Be-)Reiche in Harmonie bringt. Sein Denken hat durchaus etwas von einer grossen Symphonie. Die ästhetischen Vorstellungen des Hl. Thomas, von dem wir auch wunderbare Hymnen haben, haben übrigens noch einen modernistischen Rabauken wie James Joyce inspiriert (vgl. Porträt des Künstlers als jungen Mann). 

RMH

25. Februar 2026 20:49

@Gracchus, danke für den link oben im Beitrag #25. Februar 2026 18:46. Darüber erfährt man, dass der Autor des Buches, Sebastian Ostritsch, ausgerechnet von der ansonst geschätzten Jesuiten-Hochschule HFPH (die veröffentlichen auf ihrer HP immer wieder mal interessante Beiträge) gecancelt wurde.
https://www.herder.de/communio/gesellschaft/der-fall-sebastian-ostritsch-und-die-freiheit-der-wissenschaft-wer-ist-hier-der-extremist/
Ziemlich schade! Von Seiten der HFPH gibt es dann auch eine Stellungnahme zum Buch von Ostritsch, mit der man jetzt in typisch jesuitischer Art (bitte kein Kuluturkampf - und das von denen, die zum Zweck des Kulturkampfs gegründet wurden - lol) der schnöden Absage höhere Weihen verleiht:
https://hfph.de/magazin/wofuer-stehen-die-namen-thomas-von-aquin-und-immanuel-kant/

Gracchus

25. Februar 2026 21:15

@Wuwwerboezer: Mit saftiger Psychologie bleibt man aber im sumpfigen Subjektivismus hängen. Die Theologie des Hl. Thomas hat eine befreiende Kraft. Unser aller Denken ist ja von der modernen Subjektphilosophie infiziert, die sich aber als immenses Verlustgeschäft entpuppt hat: auf den Verlust Gottes folgte der Verlust der Welt ("wir verstehen die Welt nicht mehr", CS) und in der Postmoderne der Verlust der Sprache und schließlich des Subjekts selbst. Von diesen Verlusten schaut man neidisch auf die Philosophie des Hl. Thomas, die eben auch den Glauben an die Vernunft und eine objektiv erkennbare Wirklichkeit überhaupt zurückgibt. 
 

Laurenz

25. Februar 2026 21:23

@Franz Bettinger (& CS) ... Du bist unaufmerksam, Franz. Bin kein Atheist. Du leugnest Hexen, ich noch nie. Mein Unterschied zur Schrift ist, ich will Hexen nicht umbringen. Bei mir hätte Hildegard von Bingen auch keinen päpstlichen Nuntius gebraucht. Hildegards Erlebnis, Hildegards Geschichte, nicht unsere. Hatte völlig nüchtern einige phänomenale Erlebnisse in meinem Leben. Aber wer will schon wissen, ob man Gott oder Bonapartes Geist trifft? Deswegen sind spirituelle Erlebnisse vollkommen ok, aber ich achte es als vermessen, sie zur Allgemeingültigkeit zu erklären. Um es frei zitiert mit Tolle zu sagen, Franz. Du fürchtest eine Annäherung an das Phänomenale. Es ist menschlich, daß der Verstand die Herrschaft über das ICH behalten will, aber nicht unbedingt gesund. Meine besten Gottesdienste, im kleinen Kollektiv, waren Familienaufstellungen nach Hellinger, aber ohne, daß ich dazu Gesetzmäßigkeiten formulieren darf. Habe in meinem Leben genügend Katholische & ein paar Evangelische Gottesdienste im Vergleich erlebt. Dazwischen liegen mentale Universen. Mag hier auch CS diametral widersprechen. Die Ratio fixiert das Bewußtsein an einer Stelle, welche die spirituelle Wahrnehmung ausschließt. D.h. nicht, daß man keine Bücher lesen darf. Ihre Bücher, CS, vermitteln aber keine Technik, wie man das Bewußtsein der Ratio verläßt, sondern wie man sich dort weiter festnagelt. Man kann Gott nicht erdenken.

Laurenz

25. Februar 2026 21:26

@CS @Majestyk ... Seelen retten! ... Ihr Hochmut erschreckt mich.

Kommentar Sommerfeld:
Doch nicht ICH rette die Seelen, sondern Gott. Ich konnte nicht ahnen, daß Sie das annehmen würden, wenn ich so abgekürzt hier schreibe. Jeder Christ ist berufen, Seelen zu Gott zu führen.

RMH

25. Februar 2026 21:48

Man darf gerne von einer kulturwissenschaftlich- & geschichtlichen Seite an den hl. Thomas v. Aquin herangehen. Er lebte am Ende das Hochmittelters, Übergang zum Spätmittelalter. Nach Kreuzügen, die nicht mehr nur zur Befreiung des hl. Landes geführt wurden, sondern auch schon gegen Europäer, die "Ketzer" (Katharer) waren, gab es offenbar erste Fragezeichen, ob "da oben" wirklich wer ist, & ob er wirklich liebend & allmächtig ist (die Frage nach Gott schließt bekannterm. nicht mit der blanken Existenz einer "höheren" Instanz ab). Das Gottvertrauen war offenbar nicht mehr unangetastet, denn sonst wären manche Debatten vielleicht gar nicht entstanden. In der Summa Theologica werden Fragen gestellt, die beantwortet werden. Alleine eine solche, enorm umfangreiche Abhandlung zeigt, dass manches offenbar nicht mehr selbstverständlich war. Das Thomas v. A. harte Strafen für Ketzer/Ungläubige befürwortet hat, ist auch ein Beleg dafür, dass man etwas, was leicht ins Wanken kam, stabilisieren wollt (& konnte). Insgesamt maße ich mir nicht an, irgendwie gegen Thomas anzustänkern. Für mich ist das Hochmittelalter das chr. Abendland in größter Entfaltung. Ich schaue mit Respekt auf dieses geistige Erbe. Ein Respekt, den man unabhängig vom eigenen Glauben oder Nichtglauben erweisen kann, ohne dass man sich dabei einen Zacken aus der Krone bricht. Überhaupt leben wir wieder in einer Zeit der Verächtlichmachung des Geistigen, was ich nicht mit "Rechts" in Einklang bringen kann.

Wuwwerboezer

25. Februar 2026 22:24

Gracchus
 
Der böse "sumpfige Subjektivismus" - es fällt mir schwer, mich überhaupt in Ihre Denkweise hineinzudenken. Denn aus göttlich-geistiger Sicht ist - fernab aller moderener Subjektphilosophie - alles subjektiv. Weil alles wesenhaft ist und weil Gott alle Wesen in sich fügt. Gibt es etwas Befreienderes als diese Sicht?!