Das Buch wird bei Castrum nun ohne das knallharte Lektorat erscheinen, das notwendig gewesen wäre. Aber das paßt zur neuen Karriere. Außerdem gehört zu Castrum auch das Magazin Fiume, das Reinkultur verspricht und gegen alles pinkelt, was rechts an solidem Aufbau arbeitet. Noch ringt man dort ums erste gedruckte Heft, aber die wiederum soliden Autoren sind längst über alle Berge. Paßt also auch.
Krah wollte (und will immer noch) seinen Roman auf der Leipziger Buchmesse präsentieren. Man will es ihm verweigern, weil man für seine Sicherheit nicht garantieren könne. Für die Sicherheit Salman Rushdies konnte man vor Jahren garantieren, irgendetwas ist also schlechter geworden seither, wie so vieles.
Armutszeugnisse also, wohin man schaut. Dabei könnte es so schön sein: echte Konfrontationen im öffentlichen Raum, Schabernack in Messehallen, gut lektorierte gute Romane, Fanale, Irrlichter, irres Zeug, gut begründet oder auch nicht. Jedenfalls: eine sich auffächernde Szene, in der die steifen Typen mit Stock im Rücken ebenso ihren Platz haben wie diejenigen, die als Karikaturen eines schon vor hundert Jahren absurden Politiktheaters für verkorkste und verkokste Abende plus Schlägerei verantwortlich wären.
Politiktheater: Ich habe den Fiume-Roman Die Republik der Irren nicht ungern gelesen. Man erwartete eine verkniffene Dekonstruktion und fand eine literarische Zweibisdrei, in der sich aber doch ein grundsätzliches Verständnis für diese präfaschistische, futuristische, ekstatische Anarchie herausschälte.
Stimmen rundum: Der eine las das als Kenner des Werks und Lebens Gabriele D’Annunzios – und war positiv überrascht; der andere nahm genau jenen gegen rechtspopulistische Dynamik gewendeten Ton wahr, den er erwartet hatte; der nächste empfahl mir einen anderen Roman über das Experiment Fiume, eine dickleibige Sache, die aus dem Englischen übertragen werden müßte.
Mein Sohn las vor, las dann alleine weiter, kam aber mit vielen Fragen, und darüber ist mir klar geworden, daß das Weltwissen der jungen Rechten von vor dreißig Jahren sich von dem heutiger unterscheidet. In den Kreisen, in denen ich unterwegs war, wußte man, was Fiume war, und mancher hat sein schwarzes Hemd seither nicht mehr abgelegt. Man las Filippo Marinettis Futuristisches Manifest und gab Geld aus für sein nur antiquarisch verfügbares Futuristisches Kochbuch, das auch in der Villa Kunterbunt hätte verfaßt worden sein können.
Die jungen Rechten von heute wissen andere Dinge und müssen sich anderen Herausforderungen stellen. Deshalb ist es sinnvoll, ein wenig von Fiume zu erzählen, bevor der Strang sich an den Anfang zurückbiegt, zu Krah und seiner Art von Theater.
Also: Italien war als einer der Sieger aus dem Ersten Weltkrieg hervorgegangen und hatte Gebietsansprüche entlang der Dalmatinischen Küste angemeldet. Fiume, das heutige kroatische Rijeka, war Zankapfel. Auf Vorschlag Woodrow Wilsons entstand der Freistaat Fiume – eine dieser typisch hirnlosen, geo-idealistischen Schnapsideen, der Status Danzigs ist ein weiteres Beispiel aus dieser Liga.
Mitten in die offene Frage hinein stieß nun der italienische Schriftsteller Gabriele D’Annunzio mit einer Truppe aus Freischärlern und demobilisierten Soldaten auf Fiume vor, übernahm die Stadt kampflos und führte dort ein ebenso anarchistisches wie theatralisch inszeniertes Regime, in dem futuristische, kommunistische, nationalistische und an Vorstellungen der Lebensreformbewegung angelehnte Elemente durch ihn und sein charismatisches Talent gemischt und zusammengehalten wurden.
Mussolini ließ D’Annunzio politisch im Stich, übernahm aber Formen der Massenchoreographie und des politischen Kults, die theatralische Wechselrede zwischen Führer und Menge, das Schwarzhemd, den Gruß, die aufgepeitschte Todesverachtung, die Feier der Jugend – überhaupt: den Stil, Politik als Inszenierung, als Ansprache einer Kollektivseele zu begreifen und zu praktizieren.
Fiume war politische Verantwortungslosigkeit in einem schmalen Zeitfenster. Das wußten diejenigen, die Fiume inszenierten, natürlich auch, und zwar nicht erst hinterher, sondern während sie es trieben.
Aber sie kamen aus Jahren, Lagen und Begebenheiten, in denen ihnen die Politik geordneter Staaten als das Verantwortungsloseste überhaupt hatte vorkommen müssen – als ungeheure und bis dahin nicht vorstellbare Abschätzigkeit dem Leben gegenüber: Hunderttausende junge Europäer hatten einander niedergemetzelt, waren von Maschinen zerschossen, zerfetzt, verschüttet, niedergewalzt, vergiftet, zerstückelt worden, während sich die Front um ein paar Kilometer hin und wieder her bewegt hatte.
Man kann, man muß verstehen, daß die Rückkehrer aus solchen Räumen keinerlei Interesse daran hatten, sich in ein ausgelaugtes Weiter-so einzugliedern und zuzuschauen, wie der nächste Waffengang von denjenigen vorbereitet würde, die selbst natürlich an der Front, in den Gräben, in Stahlgewittern nicht gewesen waren.
Aus dieser Perspektive schien das verrückteste Gesellschaftsexperiment weniger gefährlich und vielleicht sogar normaler zu sein als der Moment, an dem ein Tiroler jenem Italiener den Kopf einschlug, in dessen Trattoria er zwei Jahre zuvor in Ravenna ein zweites und drittes Glas Wein bestellt hatte.
Die Republik der Irren, Fiume: ekstatisch, trunken, promiskuitiv, rasend, laut, verschwenderisch, instabil, ein Magnet, ein fiebriges Nest, eine Anstalt.
Ist doch interessant: So funktioniert Politik eben auch, zumal Politik in Massengesellschaften. Aber wenn der alte Spruch gilt: daß eine liberale Generation die Substanz von hundert konservativen Jahren aufbrauche, dann galt das für Fiume in verschärfter Form. Fünfzehn anarchistische, artistische, experimentelle Monate reichten hin, um alle Substanz aufzubrauchen, die in der Stadt vorhanden gewesen war.
Blutige Weihnacht 1920: Es war die italienische Armee, die dem Treiben ein Ende setzte, kein besonders blutiges, denn entgegen der im Fackelschein nächtlich und oft wiederholt vorgetragenen Todesverachtung zerstreuten sich die Bürger des Freistaats rasend schnell, als die ersten Granaten einschlugen. Auch D’Annunzio schlüpfte wieder unter und genoß bis zu seinem Lebensende auf Staatskosten einen luxuriösen Stil. Dagegen ist nichts einzuwenden.
Dieser Mann hat der Politik, der Staatspolitik, einen Spiegel vorgehalten – und wohl dem Land, das Orte und Apanagen hat für solche Pfauen. Sie bleiben auf eine Art im Gedächtnis und beschäftigen das Gehirn und die Fantasie, wie es der eiserne Staatssekretär, der das Stabile, Belastbare kennt und tut, nie könnte.
Aber eines darf man über aller Faszination an der Operette nicht vergessen: Irgendjemand mußte damals schon und muß heute, wo sich Dinge als Karikatur zu wiederholen anschicken, die Zeche zahlen. Das ist kein Argument, das sich gegen Theater, Größenwahn, künstlerische Rücksichtslosigkeit und verbrannte Erde richtet. Vieles, was grandios ist und überdauert und inspirierend wirkt, gedeiht auf diesem Boden und nährt sich aus einem gerüttelt Maß an Asozialität.
Das historische Fiume hatte gute Gründe, einmal so zu sein. Wo aber wären diese Gründe heute, und vor allem: wo der volle Einsatz? Was ist aus der Erschütterung geboren, was Schmierentheater?
Kurzum: Niemand, dem der Staat, das Volk, der gesellschaftliche Aufbau und die Lebensabsicherung von Masse Mensch am Herzen liegt (oder liegen muß), würde sich Rat bei so etwas wie Fiume und den Protagonisten dieses Wahns holen. Denn meist bezahlt sich die Zeche nicht so leicht, wie es von dort aus wirkt, wo Politik als Theater inszeniert und die Karikatur einer historischen Eruption gezeichnet wird. Daran muß ab und an erinnert werden, wer von Mandaten und Gutgläubigen lebt.
So. Habe ich den Faden verloren? Ich wollte einen Bogen schlagen und auf Krah zurückkommen. Habe ich das? Egal.
Boreas
Schon eine merkwürdige Entwicklung des Verlages Castrum, der nach dem Tod des Verlegers Uwe Lammla (Arnshaugk) eine neue Heimat für den Jahrhundertdichter Rolf Schilling zu werden schien. Jedenfalls wurde sein letzter Gedichtband dort editiert. Danach aber Funkstille vonseiten des Verlegers. Es ist ein langer Weg von Schilling zu Krah aber man scheint ihn gegangen zu sein. Fiume, welch expressiv-größenwahnsinniger Zauberklang. Die Chaostriebe dieses Experimentes ragen sogar ins Feld der Philatelie: http://www.briefmarkenverein-berliner-baer.de/vereinszeitung/252-2-annunzio.htm
Legendär auch der Luftangriff mit einem Nachttopf voller Rüben, den d´Annunzio seinen Adjudanten auf den römischen Regierungssitz vollführen ließ.
Gerade wollte ich GK noch für eine gelungene Metapher zur Beschreibung unguter Gesichter im obigen Text loben, da sehe ich, das er rausredigiert wurde. Die Beschreibung, daß jemandem die "fechterische Unfähigkeit ins Gesicht geschrieben ist", sollte dennoch der Nachwelt erhalten bleiben. Zumindest für gewissen subkulturellen Nischen.