Die Einschätzungen schwanken zwischen Provokation, Unsinn, Abenteuer, Kuschelblatt für Dunkeldeutsche und Egotrip des Herausgebers. Daß andere Zeitungen nicht erfreut sind, sich den umkämpften Markt in Zukunft mit einem Neuankömmling teilen zu müssen, liegt in der Natur der Sache. Daher sind die Einschätzungen der Konkurrenz nicht viel wert, man muß selbst reinschauen.
Die gedruckte Auflage soll 43.000 Exemplare betragen, am heimischen Bahnhof war sie am Sonnabend bereits ausverkauft, bei Kaufland und am Zeitungskiosk noch vorrätig. Optisch macht sie einen aufgeräumten Eindruck, klare Gliederung der Artikel und der sogenannten Bücher, die unter anderem “Geopolitik” und “Ostdeutschland” betitelt sind.
Was außerdem auffällt: Der Titel ist in einer schönen Fraktur gehalten, die an die Berliner Zeitung erinnert, die Zeitung, mit der Holger Friedrich 2019 den Sprung ins Zeitungsgeschäft wagte. Das lief offensichtlich so gut, daß die Expansion auf den Wochenzeitungsmarkt möglich wurde.
Das Geheimnis des Erfolgs von Friedrich liegt sicher in seiner nicht nur finanziellen, sondern auch geistigen Unabhängigkeit. Äußerte sich diese zu Beginn eher im Hinblick auf die Bewertung der DDR, kamen vor allem im Zuge von Corona und Ukrainekrieg weitere Themen hinzu, bei denen man leicht einen Kontrapunkt zum Mainstream setzen konnte.
Die OAZ ist dem Zuspruch zu verdanken, den die Berliner Zeitung für ihre Berichterstattung abseits des Mainstreams erhalten hat.
Was mir persönlich aber gleich mißfällt, ist der Titel. Ja, viele Ossis bezeichnen sich als Ostdeutsche, ignorieren damit aber, daß dieses Ostdeutschland ganz woanders liegt, in Ostpreußen, in Schlesien, in Pommern, in Ostbrandenburg. Mit der Adaption des Ostdeutschen für die ehemalige DDR wird der Verlust der Ostgebiete auch geistig besiegelt. Von den „Namen, die keiner mehr nennt“ (Dönhoff) ist es nicht weit bis zu 1000 Jahren Geschichte östlich der Oder, die ausgelöscht werden. Das mag kleinlich klingen, für mich ist es aber eine echte Hürde.
Schauen wir rein: auf dem Cover ein Megafon, das offensichtlich darauf hinweisen soll, daß die OAZ ein Sprachrohr für Meinungsfreiheit sei. Denn „Vorsicht, Freiheit“ steht da in großen Lettern, als Warnhinweis für Entwöhnte gewissermaßen. Das Editorial des Chefredakteurs (Dorian Baganz, 1993 in Duisburg geboren, kommt vom Freitag) bekundet, daß die OAZ eine „Repräsentationslücke“ schließen und zum gesamtdeutschen Leitmedium werden will.
Überhaupt findet sich in der Ausgabe eine stattliche Anzahl von Selbstbekenntnissen. Die Redaktion legt eine ganzseitige Selbstverpflichtung zu Leitlinien und Grundsätzen ab (die wohl jede andere Zeitung auch unterschreiben würde). Die Existenznotwendigkeit der OAZ wird aus dem Fehlen der „ostdeutschen“ Perspektive im deutschen und europäischen Diskurs abgeleitet. Schließlich rechtfertigen Holger Friedrich und Gattin ihr neues Projekt mit dem stigmatisierten Osten, der dem Westen eine wichtige historische Erfahrung voraus habe und viel toleranter und erfolgreicher sei, als manche behaupten.
Der Inhalt der OAZ ist dagegen eher bieder. Eisenach ist eine tolle Automobilstadt, Ostdeutschland sei das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Und der sächsische Ministerpräsident darf im Interview auf einer Doppelseite seine Weltsicht ausbreiten. Die OAZ fragt, ob der „Kurswechsel“ (!) der Bundesregierung bei der Migration genüge, verlorengegangenes Vertrauen zurückzugewinnen. Kretschmer:
Wichtig ist, daß wieder offen, sachlich und pragmatisch über Migration gesprochen wird.
Nachfrage OAZ:
Setzt sich Sachsen in Berlin für eine restriktive Flüchtlingspolitik ein?
Kretschmer:
Schon immer.
Also alles bestens, im Osten. Und auch die zweiseitige Homestory über Chrupalla ist gut gemeint. Chrupalla wird nicht verteufelt, sondern als Kumpeltyp mit Hund geschildert, der gern Bäckereien aufsucht. (Und welche Uhrenmarke er trägt, wissen wir jetzt auch.)
Aber: Der Mann ist Chef einer Partei, die im Osten an der absoluten Mehrheit kratzt. Da darf es auch mal politisch werden. Merkel-Fotograf Andreas Mühe wird gemeinsam mit dem ehemaligen Kapo der Ultras von Dynamo Dresden interviewt (weil die mal ein Bild zusammen gemacht haben, und vermutlich, weil beide Ossis sind). Dem Kapo, der heute Yoga betreibt, fällt auf die Frage
Das Klischee von der Hooligan-Szene sieht weiß, männlich, gewaltbereit aus. Ist da nicht doch was dran?
nur ein: Nö, das war seinerzeit „ein ganz bunter Haufen“. Klar, die Dynamo-Ultras waren schon immer für ihre gelebte diversity bekannt.
Der Osten der BRD wird weichgespült. Es fällt selbst bei den Artikeln auf, die sich kritisch mit den gegenwärtigen Verhältnissen beschäftigen, daß da ein ganz starker Zug in Richtung Mitte herrscht. Thomas Fasbender, der früher für die Junge Freiheit schrieb, schildert zwar den Zustand der Demokratie richtig als durch Meinungsverbote und Gängeleien der Mehrheit durch eine Minderheit geprägt, biegt dann aber noch rechtzeitig ab:
Wenn es den etablierten Parteien und Politikern nicht gelingt, den öffentlich-rechtlichen Meinungskorridor für einen wirklichen Diskurs zu öffnen, wenn sie es nicht schaffen, als Menschen und nicht als Phrasen vor das eigene Volk zu treten, und wenn sie die verstummte Mitte nicht mobilisieren, tragen die Ränder den Sieg davon. Das können nur die Ränder wollen.
Blöd nur, daß zumindest der eine Rand mittlerweile in die Mitte hineinreicht. Immerhin gibt es ein zweiseitiges Interview mit Jacques Baud, dem auf EU-Ebene das passierte, was hierzulande Zivilgesellschaft und Verfassungsschutz übernehmen: Er wurde ohne Anklage oder Gerichtsverfahren zur Persona non grata erklärt.
Hinzu kommt: Die heiligen Kühe „Einwanderung ist wichtig“ und „mit der Vergangenheitsbewältigung sind wir noch lange nicht fertig“ bleiben auch bei der OAZ heilige Kühe. Es wird mehr Einwanderung gefordert und dazu die wirtschaftliche Entwicklung des Ostens gepriesen, und es gibt zwei Buchbesprechungen in der Ausgabe, die sich beide mit Romanen befassen, in denen irgendein SS-Unmensch eine Rolle spielt.
Damit aber auch alle merken, daß man in Sachen Vergangenheitsbewältigung auf der richtigen Seite steht, darf Laura Laabs im Interview unwidersprochen die Befreiung durch die Sowjetunion loben, und Jens Wendland, früher Programmdirektor bei den Öffentlich-Rechtlichen, der in einem Lebensborn-Heim geboren wurde und lange den falschen SS-Offizier für seinen Vater hielt, antwortet auf die Frage, ob die „sogenannte Vergangenheitsbewältigung“ geglückt sei:
Das kann ich mit einem klaren Nein beantworten […]. Die alten Probleme, auch die antisemitischen Haltungen, haben wir einfach mit fortgeschleppt.
Wie steht’s mit der „ostdeutschen Perspektive“, der man in der OAZ eine Stimme geben wollte? Die kommt zu kurz. Man könnte sogar der Meinung sein, daß es sie gar nicht gibt, es sei denn, es geht darum, wie prima alles in der DDR war. Da kommt mit Christian Baron jemand ins Spiel, der uns wissen läßt, warum er „kein Wessi mehr sein will“. Der hat sich aus prekären Verhältnissen emporgekämpft und ist dennoch der Meinung, daß es in der BRD wesentlich ungerechter zugeht als damals in der DDR. Und:
Daß viele Ossis heute meinen, die Wahl einer rechtsextremen Partei würde ihr Leben verbessern, ist tragisch.
Vielleicht ist es aber viel eher so, daß die Ossis es leid sind, daß sie durch die Politik der anderen Parteien daran gehindert werden, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Holger Friedrich hat durch sein Engagement von dieser Haltung Zeugnis abgelegt, dennoch ist auch er der Meinung, daß der Ossi ein ganz besonderes Tierchen im deutschen Zoo sei.
Nun haben es nicht alle Ossis zum IT-Millionär gebracht, aber ob sie deswegen wie eine Minderheit betreut und gepäppelt werden müssen, ist bald 36 Jahre nach der Wiedervereinigung zumindest fraglich. Andererseits: Warum sollten die Fürsprecher der Ossis vom allgemeinen Zug zur Identitätspolitik nicht auch profitieren können?
Unterm Strich bleibt der unternehmerische Mut, die OAZ aus der Taufe gehoben zu haben, zu loben. Sie wird sich allerdings nur als gesamtdeutsches Leitmedium etablieren können, wenn sie auch den Todsünden des Westens entsagt, dem Schuldkult und dem Selbsthaß.

RMH
"Was mir persönlich aber gleich mißfällt, ist der Titel. Ja, viele Ossis bezeichnen sich als Ostdeutsche, ignorieren damit aber, daß dieses Ostdeutschland ganz woanders liegt, in Ostpreußen, in Schlesien, in Pommern, in Ostbrandenburg. Mit der Adaption des Ostdeutschen für die ehemalige DDR wird der Verlust der Ostgebiete auch geistig besiegelt. Von den „Namen, die keiner mehr nennt“ (Dönhoff) ist es nicht weit bis zu 1000 Jahren Geschichte östlich der Oder, die ausgelöscht werden. Das mag kleinlich klingen, für mich ist es aber eine echte Hürde."
Wort! & Amen! Soll der Herr Friedrich sein Einhegungsblättchen doch bitte in Polen herausbringen, verbunden mit dem Statement:
"Daß viele Polen heute meinen, die Wahl einer rechtsextremen Partei würde ihr Leben verbessern, ist tragisch."
PS: Ob das neue Blatt wirklich so ganz unternehmerisch mit privaten Kapital finanziert ist, da würde ich einmal ganz höflich Fragezeichen dahinter setzen.