Autoimmun? Der Fall Kevin Dorow

von Wiggo Mann -- Bundespräsident Kevin Dorow? Warum eigentlich nicht, irgendwann! Er ist erst 27 Jahre alt. Der linksradikale Frank-Walter Steinmeier hat es doch auch geschafft, obwohl er mit 27 für den vom Ministerium für Staatssicherheit der DDR finanzierten Pahl-Rugenstein Verlag arbeitete. Kevin Dorow arbeitet nach aktuellem Kenntnisstand nicht gegen Deutschland.

Dorow kommt aus dem beschau­li­chen Land­kreis Rends­burg-Eckern­för­de in Schles­wig-Hol­stein. Ein jun­ger Typ wie er könn­te auch ein­fach nur stu­die­ren, doom­scrol­len und sams­tags im „Che­yenne Club“ in Rends­burg abhängen.

Aber er enga­giert sich offen­bar für die­ses Land, wird poli­tisch aktiv und scheut sich nicht, Ver­ant­wor­tung zu über­neh­men. Er wird Bei­sit­zer im Vor­stand der schles­wig-hol­stei­ni­schen AfD und Bei­sit­zer im Vor­stand ihrer neu­en natio­na­len Jugend­or­ga­ni­sa­ti­on „Gene­ra­ti­on Deutsch­land“ (GD).

Wäh­rend ande­re schon Schwit­ze­händ­chen bekom­men, wenn sie an der Uni etwas vor­tra­gen müs­sen, kämpf­te sich Kevin am 29. Novem­ber 2025 in Sak­ko und Kra­wat­te durch den Ter­ror-Mob der Anti­fa zur Grün­dungs­ver­samm­lung der GD, stell­te sich vor die Mit­glie­der sowie die ver­sam­mel­te Meu­te von Jour­na­lis­ten und sprach über das, was ihn bewegt. Chapeau.

In sei­ner Rede erklär­te der jun­ge Mann sein Ver­ständ­nis der Orga­ni­sa­ti­on. Er setz­te sich dafür ein, daß die­ser Teil der Par­tei einen jugend­li­chen Hand­lungs­spiel­raum abseits des kon­ven­tio­nel­len Poli­tik­ge­schäfts haben soll­te. Eigent­lich logisch – sonst bräuch­te man ja kei­ne Jugend­or­ga­ni­sa­ti­on. Dorow nutzt dabei eine kur­ze For­mu­lie­rung über die Jugend, die ihm nun nach­träg­lich zur Last gelegt wird.

Den Satz, um den es geht, hät­ten irgend­wann auch mal Natio­nal­so­zia­lis­ten gesagt, behaup­ten man­che. Ande­re wider­spre­chen: Das Zitat sei viel älter und sogar Leit­spruch einer Ver­ei­ni­gung gewe­sen, unter deren Mit­glie­dern Sophie Scholl und Graf von Stauf­fen­berg waren.

Ein Streit um des Kai­sers Bart – insze­niert und auf­ge­sta­chelt von den Prot­ago­nis­ten „Unser­er­De­mo­kra­tie“ und den ange­schlos­se­nen Medi­en. Kevin Dorow hat alles hin­ter­her noch­mal freund­lich ein­ge­ord­net. Die AfD könn­te sich gemüt­lich mit einer Tüte Pop­corn zurück­leh­nen und abwar­ten. Statt­des­sen tut sie was? Sie will offen­bar ein Par­tei­aus­schluß­ver­fah­ren gegen einen 27-Jäh­ri­gen auf den Weg brin­gen. Warum?

Die AfD steht bei unge­fähr 25 Pro­zent. Wenn sich etwas vor­wärts bewegt, dann meist im Osten. Natio­nal wirkt der Auf­tritt der Mar­ke sel­ten stra­te­gisch koor­di­niert. Man pro­fi­tiert vor allem von exter­nen Ereig­nis­sen und stol­pert gele­gent­lich über die eige­nen Füße. Man hofft auf Man­da­te und Macht­be­tei­li­gung, wird aber nur in einer Ecke der Demo­kra­tie-Mane­ge kulant geduldet.

Die Par­tei habe den mar­gi­na­len Wert einer DKP, erklärt uns Deutsch­lands meist­ge­le­se­ner Kolum­nist Harald Mar­ten­stein in der BILD. Das schmerzt. Was muß also getan wer­den, um die Repu­ta­ti­ons­lü­cke zur CDU zu schlie­ßen? Alles absto­ßen, aus­schlie­ßen, neu­tra­li­sie­ren, was kle­ben, kle­ckern, rei­ben könn­te? Müs­sen wir zurück­ste­cken, damit das Par­tei­en­kar­tell uns über die Brand­mau­er hilft?

Sogar manch erfah­re­nen Mit­strei­ter im Vor­feld ver­läßt der Mut. Man brau­che eine „Neu­ver­mes­sung“ der Kos­ten-Nut­zen-Abwä­gung und eine „Pro­jekt­hy­gie­ne“ zwi­schen Leu­ten inner­halb und außer­halb der Par­tei, kann man der­zeit lesen. Was aka­de­misch klingt, ent­spricht nicht immer der Lebens­er­fah­rung. Zu viel Des­in­fek­ti­on schwächt die Resi­li­enz. Das Ergeb­nis kann eine Auto­im­m­un­re­ak­ti­on sein, bei der kör­per­ei­ge­ne Zel­len sogar als fremd ein­ge­stuft und ange­grif­fen wer­den. Wir erle­ben das gera­de live im Bun­des­vor­stand der AfD.

Eine gro­ße Not­wehr-Bewe­gung zur Ret­tung Deutsch­lands darf wild und manch­mal auch unbe­re­chen­bar sein. Das Erfolgs­kri­te­ri­um ist nicht aus­schließ­lich Har­mo­nie, son­dern Dyna­mik, Immun­trai­ning, manch­mal sogar Zumu­tung – gera­de wenn jun­ge Leu­te an Bord sein sol­len. Aus Sicht von Ver­hal­tens­öko­no­men sind die alten Model­le ohne­hin über­be­wer­tet, die her­vor­he­ben, wie ratio­nal ein „homo oeco­no­mic­us“ han­delt. Ent­schei­dun­gen, auch Wahl­ent­schei­dun­gen, sind viel­mehr getrie­ben durch Unbe­wuss­tes: lim­bi­sche Moti­va­to­ren, Nor­men, Kontext.

Nobel­preis­trä­ger Richard Tha­ler zeigt in sei­nen Stu­di­en und Büchern (u. a. Mis­be­ha­ving, 2019), wie der Mensch das­sel­be Ereig­nis gleich­zei­tig in getrenn­te men­ta­le Kon­ten sor­tiert. Wir sind kei­ne „Econs“ mit Excel-Tabel­le im Hirn, son­dern ambi­va­len­te „Humans“, schreibt Thaler.

Für CDU-Wäh­ler wäre eine Ent­schei­dung zuguns­ten einer wah­ren, kla­ren, unbe­stech­li­chen AfD in die bei­den Kopf-Kon­ten „emo­tio­na­ler Gewinn“ und „Umset­zungs­ge­fahr“ sepa­riert. Mit die­ser psy­cho­lo­gi­schen Tren­nung kann radi­ka­le Wahr­heit zum Wesen der AfD werden.

Expe­ri­men­te der Ent­schei­dungs­theo­rie zei­gen, daß Wäh­ler Authen­ti­zi­tät sehr hoch gewich­ten – sogar dann, wenn sie mit gele­gent­li­chen Feh­lern oder mate­ri­el­len Ein­bu­ßen ver­bun­den ist. Men­schen for­dern eben nicht nur Nut­zen; sie reagie­ren auf Inte­gri­tät als Wert. Vie­le Wäh­ler wol­len maxi­ma­len Druck, rech­nen ins­ge­heim aber mit nach­träg­li­cher Zäh­mung im lau­fen­den Regierungsprozeß.

Man könn­te die­se Stra­te­gie „iro­ni­sche Radi­ka­li­tät“ nen­nen. Wobei die Iro­nie – also die ein­ge­schränk­te Ernst­haf­tig­keit – im Wesen des Bür­gers liegt. Es gibt einen Weg zu Wahl­er­fol­gen ohne Anpassung.

Wahr­heit, Klar­heit und ein Man­gel an Ver­söh­nung gegen­über dem deka­den­ten Sys­tem kön­nen Mar­ken­kern einer erfolg­rei­chen AfD sein. Statt­des­sen bemüht sich die Par­tei – wie bei Sank­tio­nen gegen Kevin Dorow – zu oft dar­um, eine Kulis­se belang­lo­ser Nor­ma­li­tät zu erhal­ten, gemäß dem Slo­gan „Deutsch­land. Aber normal“.

Das reicht nicht mehr. Wer das kaput­te Sys­tem grund­sätz­lich hin­ter­fragt, muss radi­kal neue Per­spek­ti­ven anbie­ten: ande­re Arten, sich zu orga­ni­sie­ren, zu spre­chen, zu ent­schei­den, zu hei­len, zu erzie­hen, Geld zu ver­die­nen und aus­zu­ge­ben, Freun­de und Fein­de unse­rer Gesell­schaft zu kate­go­ri­sie­ren. Dazu kann Remi­gra­ti­on in gro­ßem Maß­stab gehö­ren. Der voll­stän­di­ge staat­li­che Ver­zicht auf die Lohn­steu­er könn­te dazu­ge­hö­ren, die Hal­bie­rung der absur­den Staats­quo­te, oder der Aus­tritt aus supra­na­tio­na­len Orga­ni­sa­tio­nen des Glo­bal-Gover­nan­ce-Regimes. Das wäre weit weg von „nor­mal“, oder?

Will man die­se neue Qua­li­tät radi­ka­ler Wahr­heit in einer gelenk­ten Demo­kra­tie umset­zen, grenzt das an mas­sen­haf­ten zivi­len Unge­hor­sam. Je mehr Per­so­nen sich aus frei­er Ent­schei­dung zur Klar­text-AfD beken­nen und unbe­que­me Stand­punk­te aus­spre­chen, publi­zie­ren oder zumin­dest in Betracht zie­hen, des­to enger wer­den die Mög­lich­kei­ten des Sys­tems, den Unge­hor­sam gewalt­frei zu unterdrücken.

Eine AfD, die sol­che Dyna­mik durch obers­te Gre­mi­en bremst und sich in den Streit um Peti­tes­sen drän­gen läßt, hat ver­sagt. Vorschlag:

  • Eine neue Klar­text-AfD hät­te qua­li­ta­tiv hoch­wer­ti­ge Pro­pa­gan­da- und PR-Auf­trit­te – gera­de bei ver­meint­li­chen Kri­sen, auf die sie sich (mitt­ler­wei­le im Wochen­rhyth­mus) einläßt.
  • Sie wür­de dau­er­haft ein Team eige­ner „Fact-Che­cker“ beschäf­ti­gen – eine spe­zia­li­sier­te Trup­pe, die Quel­len recher­chiert, Bele­ge gut sor­tiert, popu­lär auf­be­rei­tet und mit regel­mä­ßi­gen Updates auf einem frei zugäng­li­chen digi­ta­len Hub abseits der Social-Media-Hek­tik präsentiert.
  • Die Klar­text­par­tei AfD wür­de es schwie­ri­ger machen, Tat­sa­chen von Sei­ten des Sys­tems zu mani­pu­lie­ren und Per­so­nen aus den eige­nen Rei­hen zu beschädigen.

Statt sich einen Streit um den Rede­bei­trag eines enga­gier­ten 27-jäh­ri­gen Nach­wuchs­po­li­ti­kers auf­drän­gen zu las­sen, kann die AfD nur mit Mut und Auto­no­mie gewin­nen. Der fran­zö­si­sche Phi­lo­soph Michel Fou­cault dozier­te in den berühm­ten letz­ten Vor­le­sun­gen der 1980er Jah­re („Le cou­ra­ge de la véri­té“) über den Begriff der par­r­he­sia, alt­grie­chisch für das Aus­spre­chen beleg­ba­rer Wahr­hei­ten trotz erkenn­ba­rer Risi­ken. Par­r­he­sia wird für Fou­cault zum Aus­gangs­punkt, anders regiert wer­den zu wol­len, die Macht­ver­hält­nis­se zu ver­schie­ben. Glaub­wür­dig­keit wird gewon­nen, indem man wahr­spricht, obwohl es etwas „kos­tet“.

Wenn eine Par­tei immer wie­der eige­ne Leu­te opfert, führt sie kei­nen Kampf gegen das Sys­tem, son­dern gegen das eige­ne Immun­sys­tem. Sank­tio­nen gegen Men­schen wie Kevin Dorow sind Sym­ptom einer Krankmeldung.

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Kommentare (5)

NC472

27. Februar 2026 13:54

Der Begriff Parrhesia ist nicht einfach allgemein "Alt Griechisch". Es ist einer der fundamentalen Glaubenssätze der Kyniker, dessen Gründer Antisthenes instrumental dafür war, dass die Ankläger des Sokrates nach ihrer Trangession das bekommen haben, was sie verdienten: Exekution und Exil.
Im Zusammenhang mit dem Text, ja die AfD ist auch nur ein aus angenommen zukünftigen Steuereinnahmen und öffentlichen Ponzi Anleihen finanzierter Verein, wie der gesamte (Partei)politische Affenzirkus, samt Beamtenschaft und subventionierten "Privaten", die ihre Pfoten im Honigtopf der Zukunft haben und hatten. Diese Trangession gehört aufs selbe bestraft. Die Fehler nach '45 und '90 dürfen nicht wiederholt werden. Ein paradigmatischer Wandel zweiten Grades ist sinnlos und dient nur der fortführung der Machtverhältnisse des mittleren Managements und der kleinen Mitläufer, das ist zu unterbinden mit allen Mitteln, allen voran in einer epistemischen Umgebung in welcher Gramscis "Top-Down one-to-many" Propaganda Methodologie schon lange tot ist.

Majestyk

27. Februar 2026 14:23

Verstehe ich das richtig, Kevin Dorow soll ausgeschlossen werden, weil er gesagt hat „Jugend muss durch Jugend geführt werden“? Schließt man dann auch Björn Höcke aus, weil er volle Leistung für Deutschland fordert?
Wenn eine Partei immer wieder eigene Leute opfert, führt sie keinen Kampf gegen das System, sondern gegen das eigene Immunsystem.
Wie mir scheint, versucht ein Teil der Parteiführung eher, die Sprachkontrolle des Systems in die AfD zu implementieren. Das ist dann kein Kampf gegen das System, sondern bestenfalls wäre moderate Systemmodifizierung zu erwarten (wovon ich persönlich ja leider eh ausgehe). Das lohnt dann aber den Aufwand nicht. Zwei Trippelschritte zurück, um dann wieder Vollgas gegen die Wand zu fahren, da kann man gleich die Hände in den Schoß legen und auf den Zusammenbruch warten.
Die angesprochenen neuen Perspektiven, Steuersenkung, Apparatrückbau, Befreiung von internationalen Fesseln, Remigration sind bei Systemanpassung nicht zu erwarten. Jene Idee mit eigenen Faktencheckern/ Rechercheteams habe ich der AfD schon vor ein paar Jahren vorgeschlagen, man zeigte sich ziemlich desinteressiert.

Mitleser2

27. Februar 2026 16:22

Das Zurückweichen vor den FEINDEN ist völlig unverständlich. Was ist mit Leuten wie z.B. Torben Braga? Denken die auch so?

RMH

27. Februar 2026 16:39

Der Artikel hat recht, wenn er eine verbesserte PR anmahnt. Die AfD ist in der Tat vielfach noch auf Boomer/GenX- Facebook-Niveau stecken geblieben, womit sie noch vor 5 Jahren anderen etwas voraus hatte, aber aktuell eben nicht mehr. Ein paar TiK-ToK, X-Videos reißen das nicht raus. Zumal ich jetzt schon von mehreren gehört habe, dass dann auf Kontaktaufnahme via FB nicht geantwortet wird.
Zum Fall Dorow: Es soll wohl um mehr gehen, als die banale Jugend führt Jugend Forderung. Wenn ich mir anhöre, was er in seinem auf der linken Spur der AB aufgenommen Stellungnahme erzählt, dann halte ich ihn auch eher für APO & außerparteiliches Engagement geeignet, als für eines in einer Partei. Im Übrigen sollte das jetzt erst einmal parteiintern geklärt werden, ein Parteiausschlussverfahren ist ein VERFAHREN, also hat jeder Betroffene die Gelegenheit, dazu Stellung zu nehmen & da es auch noch ein Schiedsgericht gibt, ist aus meiner Sicht alles geregelt. Als Nichtmitglied halte ich mich aus innerparteilichen Vorgängen raus, nehme es aber zu Kenntnis, dass andere das nicht so sehen & meinen, dem Herrn Dorow jetzt irgendwie beispringen zu müssen. Ob das am Ende hilfreich ist, wage ich zu bezweifeln. Lasst die Partei das intern regeln. Jede Parteinahme hift aktuell den anderen.

Franz Bettinger

27. Februar 2026 17:03

"Jugend kann nur durch J. geführt werden“, „Alles für ... das Saarland!“ "Make the Pfalz great again“ oder wie wir Kletterer früher sagten „Ohne Salz keine Paltz!“ Es ist egal, ob so Sätze zuerst oder als 100. Wiederholung, ob vom Club der Trierer Vegetarier oder von der SA, Antifa, der atheistischen Jugend, von Joschka dem Schläger oder von Willi dem Heiligen in diesem oder jenem Kontext mal gesagt wurde! All diese Sprüche sind vor allem eins: harmlos. Die AfD geht ihrem Gegner auf den Leim. Beschämend & kontra-produktiv!