Zivilehe und Kulturkampf

PDF der Druckausgabe aus Sezession 125/ April 2025

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von Felix Dirsch –

Der Begriff »Kul­tur­kampf« wird in öffent­li­chen ­Aus­ein­an­der­set­zun­gen der letz­ten Jah­re wie­der häu­fi­ger gebraucht. (1) Ver­wen­det man ihn in gegen­warts­be­zo­ge­nen reli­giö­sen Kon­tex­ten, so stel­len fast aus­schließ­lich (migra­ti­ons­be­dingt zuneh­men­de) isla­mi­sche Kon­tin­gen­te den the­ma­ti­schen Bezugs­punkt dar.

Der Islam gilt auch hier­zu­lan­de als »hei­ße« Reli­gi­on, das heißt als sol­che, die den Lebens­all­tag zumin­dest eines gro­ßen Teils ihrer Mit­glie­der beein­flußt und die­se einer rela­tiv aus­ge­präg­ten Sozi­al­kon­trol­le unter­wirft. Dazu zäh­len sowohl das Ver­hal­ten in Ehe und Fami­lie als auch gene­ra­ti­ve Gepflogenheiten.

Es liegt hier­zu­lan­de schon Gene­ra­tio­nen zurück, daß die christ­li­chen Kir­chen eine ver­gleich­bar grenz­zie­hen­de Kraft ent­wi­ckeln konn­ten. (2) Gemeint ist die Potenz, reli­giö­se Gegen­sät­ze durch inten­si­ve Zuspit­zung in poli­ti­sche Kon­flik­te zu ver­wan­deln, ganz im Sin­ne von Carl Schmitts berühm­ter Freund-Feind-Distink­ti­on. (3) Bis ins frü­he 20. Jahr­hun­dert hin­ein war die Situa­ti­on indes­sen eine andere.

Kul­tur­kampf im enge­ren Sinn, wie ihn der Zel­lu­lar­pa­tho­lo­ge Rudolf Virch­ow 1873 defi­niert hat, meint den Streit zwi­schen dem säku­lar-wis­sen­schaft­li­chen Geist einer­seits und der katho­li­schen Kir­che ande­rer­seits. Die­ser hef­ti­ge Dis­put ent­zün­de­te sich im Rin­gen um die Ver­tei­lung von geist­li­cher und welt­li­cher Macht beson­ders im preu­ßi­schen Staat und spä­ter auch im Deut­schen Kai­ser­reich von 1871. Daß es in meh­re­ren Län­dern Euro­pas (Ita­li­en, Öster­reich usw.) und in ande­ren Kul­tur­krei­sen, etwa der Tür­kei in den Jah­ren nach dem Ers­ten Welt­krieg, ähn­li­che Kon­tro­ver­sen gege­ben hat, zeigt die geis­tes­ge­schicht­lich tie­fe­ren Hin­ter­grün­de von Strö­mun­gen wahr­lich säku­la­ren Ausmaßes.

Bereits das Mit­tel­al­ter kann­te eine stär­ke­re Schei­dung des Welt­li­chen vom Geist­li­chen im Anschluß an den Inves­ti­tur­streit, vor­läu­fig gere­gelt im Worm­ser Kon­kor­dat 1122. Von dort hat man den Bogen zu den gro­ßen Durch­brü­chen sowohl der Renais­sance wie der Refor­ma­ti­on und Jahr­hun­der­te spä­ter der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on geschla­gen, um die geis­ti­gen Hin­ter­grün­de der »Ent­ste­hung des moder­nen Staa­tes« zu beleuch­ten. (4)

Wie sehr die­se geschicht­li­che Ent­wick­lung auf dem Höhe­punkt des Kul­tur­kamp­fes in den 1870er Jah­ren prä­sent war, belegt eine viel­zi­tier­te Stel­le in Otto von Bis­marcks berühm­ter Reichs­tags­re­de, gerich­tet an die Abge­ord­ne­ten der katho­li­schen Zen­trums­par­tei: »Sei­en Sie außer Sor­ge, nach Canos­sa gehen wir nicht – weder kör­per­lich noch geis­tig.« Bereits in der ers­ten Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts nahm der säku­la­re Trend unter dem Ein­fluß der neu­en »Geo­bio­lo­gie« an Fahrt auf. (5) Die Aus­wir­kun­gen zeig­ten sich auch auf poli­ti­schem Feld. Der omni­po­ten­te Staat woll­te den macht­po­li­ti­schen Kon­kur­ren­ten Kir­che aus­schal­ten, zumin­dest schwächen.

Ein ers­ter grö­ße­rer Zusam­men­stoß auf preu­ßi­schem Ter­ri­to­ri­um zwi­schen Kir­che und Staat erfolg­te in den 1830er Jah­ren im soge­nann­ten Köl­ner Kir­chen­streit. Der neue ultra­mon­ta­ne Erz­bi­schof Cle­mens August Dros­te zu Vische­ring ver­such­te mit Ver­ve, letz­te Res­te des auf­ge­klärt-libe­ra­len Katho­li­zis­mus aus sei­nem Bis­tum zu besei­ti­gen. Zu den wich­tigs­ten Streit­punk­ten zwi­schen Regie­rung und kirch­li­chen Behör­den zähl­te der Kon­flikt um die »Misch­ehen«. Im Rhein­land wur­den nicht weni­ge von ihnen geschlossen.

Dros­te zu Vische­ring dräng­te auf kano­ni­sche Vor­schrif­ten, nach denen eine katho­li­sche Trau­ung nur erfol­gen konn­te, wenn sich die Ehe­part­ner ver­pflich­te­ten, ihre Kin­der katho­lisch zu erzie­hen. Die preu­ßi­sche Regie­rung for­der­te hin­ge­gen die Erzie­hung der Kin­der in der Kon­fes­si­on des Vaters. Als der Erz­bi­schof wegen Intran­si­genz ver­haf­tet wur­de, gab es einen Auf­schrei in der Öffent­lich­keit. Mit der flam­men­den Schrift von Joseph Gör­res (Atha­na­si­us) setzt man die Geburts­stun­de des poli­ti­schen Katho­li­zis­mus an.

Nicht ganz unab­hän­gig von sol­chen Zwis­tig­kei­ten kam es bereits vor der Reichs­grün­dung in den Staa­ten des deut­schen Bun­des zu Debat­ten über künf­ti­ge Ehe­schlie­ßungs­for­men. (6) Den Behör­den war bewußt, daß es einen zwar klei­nen, aber wach­sen­den Teil der Bevöl­ke­rung gab, der unge­tauft war, wei­ter­hin Ange­hö­ri­ge ande­rer Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten, etwa des Juden­tums, deren Ehe­schlie­ßung nach staat­li­cher Aner­ken­nung verlangte.

Der Gedan­ke welt­li­cher Ehe­schlie­ßungs­for­men hat­te durch­aus älte­re Wur­zeln. Mar­tin Luther erklär­te die Ehe bekannt­lich zum »welt­lich Ding«, emp­fahl aber den kirch­li­chen Segen. In den Nie­der­lan­den wie in Frank­reich nach der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on exis­tier­ten Vor­for­men einer bür­ger­li­chen Ehe.

Zu den wich­ti­gen Alter­na­ti­ven der Kon­tro­ver­se seit Mit­te des 19. Jahr­hunderts zähl­ten Vor­schlä­ge zur obli­ga­to­ri­schen wie fakul­ta­ti­ven Zivil­ehe. Letz­te­res Modell ver­tra­ten vor­nehm­lich jene, die an einem rei­bungs­lo­sen Mit­ein­an­der von Staat und Kir­che inter­es­siert waren. Als einen der Nach­tei­le die­ser Vari­an­te führ­te man an, daß jene als »unkirch­lich« dis­kri­mi­niert wer­den könn­ten, die sich trotz Tau­fe für die Zivil­ehe ent­schie­den. Die Anhän­ger einer obli­ga­to­ri­schen Zivil­ehe betä­tig­ten sich häu­fig als Kul­tur­kämp­fer, for­der­ten sie doch ein­heit­li­che gesetz­li­che Vor­schrif­ten für alle Bürger.

Vor die­sem Hin­ter­grund erstaunt es nicht, daß die Gestal­tung der Ehe­schlie­ßung den Kern der ver­schie­de­nen Ebe­nen des Kul­tur­kamp­fes betraf, der mit aller Schär­fe unmit­tel­bar nach der Reichs­grün­dung aus­ge­bro­chen war. (7) Dabei ging es nicht nur um den Gegen­satz zwi­schen libe­ral-pro­tes­tan­ti­scher bzw. szi­en­ti­fi­scher Gesin­nung einer­seits und katho­lisch- ultra­mon­ta­ner ande­rer­seits. Die­se Span­nun­gen wur­den über­la­gert von den Gefah­ren eines erstark­ten Papst­tums unter Pius IX., der die Reichs­re­gie­rung herausforderte.

Der ursprüng­lich als libe­ral gel­ten­de Pon­ti­fex hat­te im Syl­labus von 1864, einer Bei­ga­be zur Enzy­kli­ka Quan­ta cura, die den moder­nen Staat kon­sti­tu­ie­ren­den Ideen, dar­un­ter Gewis­sens- und Glau­bens­frei­heit, scharf ver­ur­teilt. Das bald fol­gen­de Unfehl­bar­keits­dog­ma, das zur Zeit des Unter­gangs des Kir­chen­staa­tes 1870 ver­kün­det wur­de, sorg­te selbst bei libe­ra­len Katho­li­ken für Unruhe.

Der Ein­fluß der aus­län­di­schen Macht jen­seits der Alpen war aus Sicht der Reichs­re­gie­rung schon des­halb nicht unpro­ble­ma­tisch, weil sie eine Auf­wie­ge­lung des pol­ni­schen Bevöl­ke­rungs­teils im Osten befürchtete.

Um die ver­mu­te­ten Reichs­fein­de ein­zu­he­gen, wur­de in Preu­ßen wie auf Reichs­ebe­ne eine Rei­he von gesetz­li­chen Bestim­mun­gen beschlos­sen. Dazu zähl­ten unter ande­rem die Mai­ge­set­ze. Sie stell­ten kirch­li­che Lehr- und Bil­dungs­an­stal­ten unter Auf­sicht, schränk­ten die kirch­li­che Dis­zi­pli­nar­ge­walt ein und regel­ten den Kir­chen­aus­tritt. Bald dar­auf ver­trieb man eine Rei­he von Orden aus Deutsch­land und stell­te durch den »Kan­zel­pa­ra­gra­phen« poli­ti­sche Agi­ta­ti­on von Geist­li­chen unter Stra­fe. Ab 1887 schlug der Reichs­kanz­ler nach der Wahl eines neu­en Paps­tes, Leos XII., und ange­sichts der drän­gen­den sozia­lis­ti­schen Her­aus­for­de­rung einen neu­en Kurs ein.

Nach dem Bruch mit den Natio­nal­li­be­ra­len muß­te er neue Ver­bün­de­te suchen, näm­lich die Kon­ser­va­ti­ven, die auf Abschwä­chung der kir­chen­feind­li­chen Maß­nah­men dräng­ten. Schritt­wei­se hob die Regie­rung die Beschrän­kun­gen auf. Auf­merk­sa­men Beob­ach­tern blieb eines aber nicht ver­bor­gen: Als lachen­der Drit­ter aus dem Zwist zwi­schen den kon­ser­va­ti­ven Regie­run­gen in Reich und Län­dern einer­seits und dem lebens­welt­lich gleich­falls kon­ser­va­ti­ven Katho­li­zis­mus ande­rer­seits ging der im Gefol­ge von tech­ni­scher Indus­tria­li­sie­rung und moder­ner Wis­sen­schafts­eu­pho­rie gestärk­te Mate­ria­lis­mus her­vor. Bekann­te Köp­fe wie der Dar­wi­nis­mus-Popu­la­ri­sie­rer und »Anti-Papst« Ernst Hae­ckel, des­sen Buch über die Welt­rätsel schnell Kult­sta­tus erlang­te, reprä­sen­tier­ten die­se Richtung.

Zu den blei­ben­den Bestim­mun­gen aus der Kul­tur­kampf­zeit gehört die Ein­füh­rung der obli­ga­to­ri­schen Zivil­ehe in Preu­ßen 1874, im Reich ein Jahr spä­ter. Vie­le Zeit­ge­nos­sen brach­ten die­se Ein­rich­tung mit einem deut­li­chen Säku­la­ri­sie­rungs­schub in Ver­bin­dung. Die Kri­tik ging weit über Ver­tre­ter des katho­li­schen Bevöl­ke­rungs­teils hin­aus. Auch Reprä­sen­tan­ten der pro­tes­tan­ti­schen Hoch­or­tho­do­xie wie der Jurist Ernst Lud­wig von Ger­lach, seit 1871 Hos­pi­tant der Zen­trums­frak­ti­on, regis­trier­ten in den Ein­schrän­kun­gen des katho­li­schen Lebens Scha­den für das Chris­ten­tum ins­ge­samt, beson­ders in der Ein­füh­rung der Zivil­ehe. Der Kai­ser teil­te die Skep­sis; er setz­te eine Klau­sel durch, nach der die Bestim­mun­gen des kirch­li­chen Rechts durch die neu­en staat­li­chen Befug­nis­se nicht berührt würden.

Obwohl sich die christ­li­che Trau­ungs­pra­xis durch das Zivil­ehe­ge­setz vor­erst kaum änder­te, ver­blie­ben Akzent­ver­schie­bun­gen unüber­seh­bar. Ehe­for­ma­li­en sind nicht gleich Ehe­for­ma­li­en. (8) Nach­dem die bür­ger­li­che Ehe einen Kon­sens der Braut­leu­te her­ge­stellt hat, der aus­schließ­lich durch Ver­trag defi­niert ist, kann die­ser auch wie­der gelöst werden.

Fol­ge­rich­tig schuf man zur sel­ben Zeit die Mög­lich­keit der Ehe­schei­dung. Die­se ist im kano­ni­schen Recht nicht bekannt, das von einer Ver­bin­dung »bis daß der Tod euch schei­det« aus­geht. Die katho­li­sche Ehe umschließt Sakra­ment wie ver­trag­li­chen Kon­sens. Die­ses Ver­ständ­nis eröff­net ledig­lich die (prak­tisch eher sel­te­ne) Gele­gen­heit, eine Ehe von Anfang an zu annul­lie­ren, sofern nach­zu­wei­sen ist, daß bei der Trau­ung Erkennt­nis- oder Wil­lens­män­gel vor­han­den waren oder for­ma­le Hin­der­nis­se, die erst im nach­hin­ein bekannt wer­den. So kann eine vor­sätz­li­che Ableh­nung von Nach­kom­men, die jedoch häu­fig schwer nach­zu­wei­sen ist, unter Umstän­den zur Auf­lö­sung einer sakra­men­ta­len Ehe führen.

In der ers­ten Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts gab es jen­seits von Spezial­debatten kaum Dis­kus­sio­nen über die Zivil­ehe. Im Rah­men einer tem­po­rä­ren Renais­sance des christ­li­chen Glau­bens in den 1950er Jah­ren exis­tier­ten ver­hal­te­ne Kon­tro­ver­sen über die Alter­na­ti­ve von fakul­ta­ti­ver und obli­ga­to­ri­scher Zivil­ehe. Der sei­ner­zeit füh­ren­de katho­li­sche Kano­nist Klaus Mörs­dorf griff älte­re Vor­stel­lun­gen wie­der auf, nach denen die obli­ga­to­ri­sche Zivil­ehe die Gewis­sens­frei­heit des katho­li­schen Bevöl­ke­rungs­teils ver­let­ze, der einen sol­chen Zwang mehr­heit­lich ableh­ne. (9)

Im Fall einer kirch­li­chen Trau­ung im vor­aus ris­kier­ten Geist­li­che über­dies auf­grund eines Ver­sto­ßes gegen das Per­so­nen­stands­ge­setz ein Ord­nungs­geld. Wün­sche nach einer aus­schließ­lich kirch­li­chen Trau­ung wur­den in Ein­zel­fäl­len durch­aus vor­ge­bracht. So woll­ten Gläu­bi­ge im soge­nann­ten Rent­ner-Kon­ku­bi­nat aus mora­li­schen Grün­den manch­mal nur eine pries­ter­li­che Ein­seg­nung, um den Weg­fall der Wit­wen­ren­te (im Fal­le einer vor­he­ri­gen stan­des­amt­li­chen Trau­ung) zu ver­mei­den. Mörs­dorf und ande­re schlu­gen vor, ein Modell ein­zu­füh­ren, das es in katho­li­schen Län­dern wie Ita­li­en und Spa­ni­en bis heu­te gibt. Dem­nach soll­ten kirch­li­che Trau­un­gen auch in zivil­recht­li­cher Hin­sicht aner­kannt wer­den. Doch die­se For­de­rung setz­te sich nicht durch. Im öffent­li­chen Dis­kurs der 1970er Jah­re spiel­te aus­schließ­lich die Reform des welt­li­chen Ehe­rechts eine Rolle.

Eine wenig bemerk­te Ände­rung im staat­li­chen Ehe­recht konn­te man 2009 ver­neh­men: Seit­her ist es mög­lich, eine kirch­li­che Trau­ung legal ohne vor­he­ri­ge stan­des­amt­li­che ein­zu­ge­hen, was aber kei­ner­lei Rechts­wir­kun­gen auf den staat­li­chen Bereich ent­fal­tet. Inso­fern ist die Attrak­ti­vi­tät gering. Als eines der Argu­men­te gegen die­se Novel­lie­rung führ­te man ins Feld, sie wer­te impli­zit die Imam-Ehe auf. Befürch­tet wur­de, daß staat­li­che Rechts­fol­gen beson­ders im mus­li­mi­schen Kon­text expli­zit igno­riert wür­den und damit auch die Stel­lung von Frau­en juris­tisch geschwächt wer­de. Auch katho­li­sche Bis­tü­mer regis­trie­ren sol­che sel­te­nen Fäl­le. Sie erfor­dern das Nihil obstat des Ortsordinarius.

Die Ein­wän­de von kirch­li­cher Sei­te gegen die bür­ger­li­che Ehe sind heu­te weit­aus gerin­ger als etwa die aus der femi­nis­ti­schen Ecke. Zah­len­mä­ßig über­schau­ba­re inte­gra­lis­ti­sche Grup­pen wie die Pries­ter­bru­der­schaft Pius X. beto­nen die Prio­ri­tät der sakra­men­ta­len katho­li­schen Ehe. Der Bedeu­tungs­ver­lust der bür­ger­li­chen Ehe, einst im Kul­tur­kampf und vor dem Hin­ter­grund von Libe­ra­lis­mus sowie Säku­la­ris­mus durch­ge­setzt, (10) läßt etli­che Grün­de erken­nen, die der Ent­wick­lung der moder­nen Lebens­welt geschul­det sind: so die Ver­än­de­rung der Rol­len­mus­ter von Mann und Frau, den Trend zur Belie­big­keit der Lebens­for­men, Indi­vi­dua­li­sie­rung, Plu­ra­lis­mus, Beschleu­ni­gung vie­ler Daseins­pro­zes­se und anderes.

Nicht nur dem ver­stor­be­nen Staats­rechts­leh­rer und ehe­ma­li­gen Bun­des­ver­fas­sungs­rich­ter Ernst-Wolf­gang Böcken­för­de, einem lang­jäh­ri­gen Ehe­mann, fiel es schwer, die Quint­essenz der bür­ger­lich-welt­li­chen Ehe zu erken­nen. Wahr­schein­lich exis­tiert ein sol­ches Kon­strukt auch gar nicht (mehr).

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(1)  Stell­ver­tre­tend: Susan­ne Schrö­der: Der neue Kul­tur­kampf. Wie eine woke Lin­ke Wis­sen­schaft, Kul­tur und Gesell­schaft bedroht, Frei­burg i. Br. 2024; Mar­tin Wage­ner: Kul­tur­kampf um das Volk. Der Ver­fas­sungs­schutz und die natio­na­le Iden­ti­tät der Deut­schen, Rein­bek 2021.

(2)  Zur abneh­men­den Sozi­al-kon­trol­le ‑christ­li­cher Insti­tu­tio­nen schon im 20. Jahr­hun­dert: Howard Becker: »Säku­la­ri­sie­rungs­pro­zes­se. Ide­al­ty­pi­sche Ana­ly­se mit beson­de­rer Berück­sich­ti­gung der durch Bevöl­ke­rungs­be­we­gung her­vor­ge­ru­fe­nen Per­sön­lich­keits­ver­än­de­rung«, in: Köl­ner Vier­tel­jah­res­hef­te für Sozio­lo­gie 10 (1932), S. 283 – 294, 450 – 463.

(3)  Vgl. Carl Schmitt: Der Begriff des Poli­ti­schen. Text von 1932 mit einem Vor­wort und drei Corol­la­ri­en (1963), Ber­lin 72002, bes. S. 37.

(4)  So der Titel des epo­cha­len Auf­sat­zes von Ernst-Wolf­gang Böcken­för­de: »Die Ent­ste­hung des Staa­tes als Vor­gang der Säku­la­ri­sa­ti­on«, in: ders.: Recht, Staat, Frei­heit. Stu­di­en zur Rechts­phi­lo­so­phie, Staats­theo­rie und Ver­fas­sungs­ge­schich­te, Frank­furt a. M. 1991, S. 92 – 114, der die viel­zi­tier­te Sen­tenz über die Vor­aus­set­zun­gen des frei­heit­li­chen Staa­tes ent­hält (S. 112).

(5)  So jüngst Wil­helm Schmidt-Big­ge­mann: Der Dämon des 19. Jahr­hun­derts. Ana­to­mie eines über­for­der­ten Säku­l­ums, Stutt­gart-Bad Cannstatt 2021, S. 25 – 66.

(6)  Zu den viel­schich­ti­gen Hin­ter­grün­den sie­he Inken Fuhr­mann: Die Dis­kus­si­on über die Ein­füh­rung der fakul­ta­ti­ven Zivil­ehe in Deutsch­land und Öster­reich seit Mit­te des 19. Jahr­hun­derts, Frank­furt a. M. 1998.

(7)  Aus der Fül­le der Lite­ra­tur: Georg Franz: Kul­tur­kampf. Staat und katho­li­sche Kir­che in Mit­tel­eu­ro­pa, Mün­chen 1954.

(8)  Zum dif­fe­ren­zier­ten Ver­ständ­nis: Vitus Kap­fel­sper­ger: Ehe­ver­fah­ren und Ehe­pro­zes­se in Staat und Kir­che. Eine rechts­ver­glei­chen­de Betrach­tung, Frank­furt a. M. 2015.

(9)  Vgl. Klaus Mörs­dorf: »Der hohe Preis der zivi­len Ehe«, in: Zeit­schrift für das gesam­te Fami­li­en­recht 1 (1954), S. 123 – 125.

(10)  Aus der neu­es­ten Lite­ra­tur: Luci­an Höl­scher: »Die Zukunft des Säku­la­ris­mus«, in: Ste­phan Stei­ner, Dani­el Weid­ner (Hrsg.): Kul­tur­kampf. Kon­flikt, ­Kul­tur, Kon­fes­si­on, Baden-Baden 2024, S. 65 – 75.

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