Die Alten, das Ende und wir

PDF der Druckausgabe aus Sezession 125/ April 2025

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Ein Gespräch

Jörg Sei­del: Herr Weber, wir haben uns auf der Aka­de­mie im Herbst ken­nen­ge­lernt. Sie – Phi­lo­so­phie­stu­dent, 24 Jah­re – haben mir für einen Moment ein Licht ange­zün­det: Mir wur­de in unse­rem Gespräch plötz­lich der Begriff des »Boo­mers« erhellt. Bis dahin hielt ich ihn für ein iro­ni­sches Orna­ment, ein Witz im Grun­de, ein Spaß über die Alten. Was ver­ste­hen Sie unter einem Boo­mer? Spre­chen wir von einer Alters­ko­hor­te oder von einem Typus?

Weber: Bei­des. Die Baby-Boo­mer sind als Alters­ko­hor­te bekannt­lich die gebur­ten­star­ken Jahr­gän­ge etwa von 1945 bis 1965. Was die­sen Typus aus­zeich­net, läßt sich gut am Meme »OK, Boo­mer« ver­deut­li­chen. Das Meme dien­te als eine Art Tot­schlag­ar­gu­ment gegen die Beleh­run­gen die­ser Gene­ra­ti­on: Es genügt ein »OK, Boo­mer«, um die Dis­kus­si­on zu been­den. In die­ser Flos­kel steckt bereits das Wesent­li­che: Der Boo­mer erklärt uns die Welt, weil er glaubt, alle Ant­wor­ten zu haben. Dabei merkt er nicht, daß unse­re Zeit ganz ande­re Fra­gen stellt.

Gleich­zei­tig gibt es auch das Gefühl, daß der Boo­mer nicht nur unbe­tei­ligt, son­dern aktiv mit­ver­ant­wort­lich für die Schwie­rig­kei­ten ist, mit denen wir heu­te kämp­fen. Der Typus des Boo­mers, der auch einer ande­ren Alters­ko­hor­te ange­hö­ren kann, ver­eint also eine Mischung aus Rea­li­täts­fer­ne und igno­ran­ter Selbst­be­zo­gen­heit, die bis ins Rück­sichts­lo­se rei­chen kann.

Sei­del: Was Sie sagen, impli­ziert einen kom­plet­ten Kul­tur­bruch. In der gesam­ten Geschich­te der Mensch­heit hat­ten die Alten – auf­grund ihres Erfah­rungs­vor­sprun­ges und auf­grund ihrer bio­gra­phisch erwor­be­nen »Gelas­sen­heit« – das Pri­vi­leg der Beleh­rung. Tat­säch­lich haben die jun­gen Leu­te heu­te in der Regel einen tech­nisch-media­len Wis­sens­vor­sprung, die Schü­ler wer­den Leh­rer und die Leh­rer Schüler.

Weber: Wir dür­fen nicht ver­ges­sen, daß wir in Deutsch­land und im Wes­ten eine Situa­ti­on erle­ben, in der es mehr alte als jun­ge Men­schen gibt. Die­ser Zustand ist in der Mensch­heits­ge­schich­te in die­sem Aus­maß bei­spiel­los. Hier beginnt bereits die Umkeh­rung der Ver­hält­nis­se. Es drängt sich die Fra­ge auf, wel­che weit­rei­chen­den gesell­schaft­li­chen Fol­gen eine sol­che demo­gra­phi­sche Ver­schie­bung nach sich zie­hen wird.

Die fast uni­ver­sel­le Tra­di­ti­on, die Alten zu ehren, könn­te zu einem gewis­sen Grad schlicht auf dem Prin­zip von Ange­bot und Nach­fra­ge beru­hen. Die Alten wur­den ver­ehrt, ihre Erfah­rung galt als wert­voll, weil sie rar waren. Respekt vor dem Alter hat­te also einen rea­len und nicht nur ideel­len Wert. Heu­te jedoch haben wir ein Über­an­ge­bot an Alten. Und mit die­sem Über­an­ge­bot geht eine Ent­wer­tung ein­her. Die Mas­se an Alten, wie wir sie in der BRD erle­ben, hat die Vor­stel­lung eines wür­de­vol­len Alterns gera­de­zu ent­zau­bert. Wie vie­le seni­le, mür­ri­sche Alte begeg­nen uns? Das ist ein bekla­gens­wer­tes Altern.

Es geht uns nicht dar­um, Leh­rer der Alten zu wer­den, es geht dar­um, uns unse­re Zukunft nicht von der Gegen­wart der Boo­mer ver­bau­en zu las­sen. Wir for­dern unser natur­ge­ge­be­nes Recht als Gene­ra­ti­on ein. War­um natur­ge­ge­ben? Weil in allen bis­he­ri­gen Gesell­schaf­ten die Natur ihren Dienst getan hat, die Alten abge­tre­ten sind, um den Jun­gen Platz zu machen, ein bio­lo­gi­sches Fak­tum, das über Jahr­tau­sen­de hin­weg die Sta­bi­li­tät von Gesell­schaf­ten sicherte.

Sei­del: Neben der demo­gra­phi­schen gibt es auch eine zuneh­mend tech­nisch-kom­mu­ni­ka­ti­ve Dif­fe­renz zwi­schen den Gene­ra­tio­nen. Die Alten kön­nen die »Digi­tal Nati­ves« kaum noch ver­ste­hen, weil sie deren Welt der Gerä­te, der sozia­len Medi­en und damit auch der neu­en Kom­mu­ni­ka­ti­ons­struk­tu­ren nicht mehr ver­ste­hen. Qua­li­ta­tiv ist das jedoch nicht immer ein Gewinn: Man kann direkt von All­round-Ver­blö­dung durch aso­zia­le Medi­en spre­chen, man spricht bereits von »digi­ta­ler Demenz«.

Weber: Die tech­nisch-kom­mu­ni­ka­ti­ve Dif­fe­renz zwi­schen den Gene­ra­tio­nen wächst nicht nur – son­dern sie wächst expo­nen­ti­ell. Ich bekom­me es selbst zu spü­ren. Älte­re Zoo­mer schau­en mit Befrem­den auf das Trei­ben der jün­ge­ren Zoo­mer und der Gene­ra­ti­on Alpha. Wäh­rend wir älte­ren Zoo­mer zwar als »Digi­tal Nati­ves« mit dem Inter­net auf­ge­wach­sen sind, hat­ten wir Smart­phones und mobi­les Inter­net erst so rich­tig im Teenageralter.

Wenn wir nun aber zu den jüngs­ten Jahr­gän­gen schau­en, sieht die Situa­ti­on anders aus. Die heu­ti­gen Teen­ager sind seit Kin­des­bei­nen mit dem Smart­phone ver­traut, die aller­jüngs­ten wer­den vor das Smart­phone gesetzt, bevor sie über­haupt lau­fen kön­nen. Es scheint ein genau­so per­fi­des Aus­trick­sen der Psy­cho­lo­gie und Bio­lo­gie zu sein wie das Fast Food.

Sei­del: Wir haben es also mit ver­schie­de­nen par­al­lel ver­lau­fen­den, sich wider­spre­chen­den gene­ra­tio­nel­len Phä­no­me­nen zu tun. Wäh­rend die bio­lo­gi­sche Gene­ra­tio­nen­fol­ge über vie­le Jahr­tau­sen­de durch­schnitt­lich um die 20 Jah­re betrug, reden wir jetzt von 30 bis 40 Jah­ren. Lebens­welt­lich betrach­tet, also tech­nisch-kom­mu­ni­ka­tiv, wer­den die Gene­ra­tio­nen­ab­stän­de hin­ge­gen immer kürzer.

Nun ist es aller­dings so, daß die Zoo­mer die Feh­ler der Boo­mer ja anschei­nend wie­der­ho­len und oft sogar in Potenz. Die kla­gen­de Gene­ra­ti­on bekommt selbst kei­ne Kin­der mehr und wenn, dann stel­len sie ihre Klein­kin­der schon im Kin­der­wa­gen mit End­ge­rä­ten ruhig.

Weber: Aus mei­nem Freun­des- und Bekann­ten­kreis hat nie­mand Kin­der. Wor­an die Kin­der­lo­sig­keit mei­ner Gene­ra­ti­on liegt, dar­über möch­te ich nicht spe­ku­lie­ren, weil es so unfaß­bar vie­le Erklä­rungs­an­sät­ze gibt. Aus mei­ner Per­spek­ti­ve kann ich nur fest­stel­len: Es han­delt sich um eine Ver­än­de­rung der gesell­schaft­li­chen Dis­po­si­ti­on. Das »Man« ist verlorengegangen.

Es gibt gesell­schaft­li­che Dis­po­si­tio­nen, in denen ein Ver­hal­ten wie die Fami­li­en­grün­dung oder das Kin­der­krie­gen nahe­lie­gend ist – eine Selbst­ver­ständ­lich­keit, ein »Man«. In Ihrer Gene­ra­ti­on hat man gehei­ra­tet und Kin­der bekom­men. Das ist heu­te nicht mehr der Fall. Fami­li­en­grün­dung ist von einer Selbst­ver­ständ­lich­keit zu einer bewuß­ten Anstren­gung geworden.

Sei­del: Zurück zum Boo­mer: Sie hat­ten mir am Tre­sen eine Sze­ne geschil­dert, die mich erschüt­ter­te. Kön­nen Sie das noch ein­mal kurz schildern?

Weber: Ja, ich war letz­tes Jahr auf einer Ver­an­stal­tung, die sich mit der Stra­te­gie­bil­dung für die Rech­te beschäf­tig­te. Der Refe­rent äußer­te sich pro­vo­kant und sag­te sinn­ge­mäß zum The­ma Mas­sen­ein­wan­de­rung: Anstatt Pfle­ge­kräf­te aus ande­ren Län­dern zu holen, sol­le man lie­ber die Boo­mer dort­hin depor­tie­ren, damit sie dort wei­ter­ver­sorgt wer­den kön­nen … Kurz gesagt: »Sol­len sie doch dort ver­re­cken.« Dar­auf­hin brach im Saal unter den Zoo­mern tosen­der Applaus los.

Sei­del: Das sitzt also tief, das berührt Ver­stand und Emo­ti­on, die Res­sen­ti­ments – um kei­nen här­te­ren Begriff zu wäh­len – sind sub­stan­ti­ell. Mir scheint, die Boo­mer haben die affek­ti­ve Dimen­si­on des Phä­no­mens noch längst nicht begrif­fen. Sie beschrei­ben da eine Sze­ne unter Rech­ten. Kön­nen Sie ein­schät­zen, ob es Unter­schie­de zwi­schen lin­ken und rech­ten Zoo­mern gibt?

Weber: Ich den­ke, daß es hier auch Über­schnei­dungs­punk­te gibt, vor allem in dem gemein­sa­men Gefühl, daß die Art und Wei­se, wie Poli­tik betrie­ben wird, nicht nach­hal­tig ist – auch wenn die Schwer­punk­te unter­schied­lich gesetzt wer­den. Bei den Rech­ten ist es die Migra­ti­ons­fra­ge, bei den Lin­ken die Klimafrage.

Aber was uns als Zoo­mer alle ver­bin­det, ist die Lebens­wirk­lich­keit jun­ger Men­schen in der BRD – eine Rea­li­tät, die man nicht anders als als ein »Frei­luft-Alters­heim« bezeich­nen kann. Die »elek­to­ra­le Gei­sel­haft« ist ein wei­te­rer Punkt. Egal, was wir wäh­len, am Ende kommt durch die zah­len­mä­ßi­ge Über­macht des Boo­mer-Elek­to­rats ein Gemisch aus den Alt­par­tei­en zusammen.

Eine altern­de Gesell­schaft ist ­zwangs­läu­fig eine weni­ger dyna­mi­sche, denn die Dyna­mik kommt von unten, von den jun­gen Gene­ra­tio­nen. Feh­len sie, bleibt nur Sta­gna­ti­on. Wäh­rend man in Deutsch­land aner­kennt, daß die Über­al­te­rung wirt­schaft­li­che Kon­se­quen­zen hat, die man durch Mas­sen­mi­gra­ti­on aus­zu­glei­chen ver­sucht, wer­den die poli­ti­schen und kul­tu­rel­len Aspek­te die­ser Sta­gna­ti­on sel­ten thematisiert.

Neben der Über­frem­dung mit all ihren Kon­se­quen­zen gibt es also auch die Über­al­te­rung unse­rer Gesell­schaft. Wäh­rend die Über­frem­dung von der Rech­ten aus­gie­big dis­ku­tiert wird, fehlt es an einer ernst­haf­ten Aus­ein­an­der­set­zung mit der Überalterung.

Sei­del: Remi­gra­ti­on ist also nur die eine Sei­te der Medail­le, Juve­na­li­sie­rung wäre die ande­re. Gehen wir durch ein belie­bi­ges Stadt­zen­trum, dann sehen wir neben den Alten – deutsch oder auch schon nicht mehr – vor allem leb­haf­te, lau­te, ges­ti­ku­lie­ren­de und viri­le Jung­män­ner­grup­pen aus ande­ren Kul­tu­ren, und immer öfter sieht man sogar, wie sich die ein­hei­mi­schen Mäd­chen lie­ber die­sen zuge­sel­len, als sich mit blas­sen, vom ­Han­dy­na­cken gebeug­ten jun­gen Deut­schen abzu­ge­ben. Wie sagt man heut­zu­ta­ge: Was macht das mit den Zoomern?

Weber: Das ist ein rea­les Phä­no­men. Zwi­schen deut­schen und migran­ti­schen Jugend­li­chen gibt es nicht sel­ten Ani­mo­si­tä­ten. In kon­kre­ten Situa­tio­nen auf der Stra­ße hat man den Talahons sel­ten etwas ent­ge­gen­zu­set­zen. Deut­sche wur­den anders erzo­gen. Sie ken­nen nicht nur nicht die kul­tu­rel­len Codes der migran­ti­schen Jugend­grup­pen, son­dern auch nicht die einer vita­len, genui­nen Jugendkultur.

Für deut­sche Jugend­li­che erge­ben sich jeden­falls zwei Nach­ah­mungs­op­tio­nen: ­Ent­we­der man über­nimmt den Habi­tus, eifert migran­ti­schen Jugend­li­chen nach und wird selbst zum Talahon, oder man ahmt das nach, was man bei die­sen migran­ti­schen Jugend­li­chen sieht, aber selbst nicht hat: den Stolz, den Natio­nal­stolz. Ich den­ke, das ist auch ein Grund, wes­halb die AfD bei Zoo­mern so beliebt ist. Die AfD greift die­se Pro­ble­ma­tik mit Leu­ten wie Krah auf: »Du bist Deut­scher, mach was draus.«

Sei­del: Man hört immer wie­der, Tik­Tok habe Welt­ge­schich­te gemacht. So wur­de die Wahl in Rumä­ni­en annul­liert, weil die­se angeb­lich über rus­si­sche Beein­flus­sung mani­pu­liert wor­den sei. Krah behaup­tet, auf­grund sei­ner Tik­Tok-Schnip­sel der »belieb­tes­te AfD-Poli­ti­ker« zu sein. Schaut man sich die tat­säch­li­chen Klick­zah­len an, die in der Regel maxi­mal ein paar hun­dert­tau­send Leu­te umfas­sen, dann ergibt das alles kei­nen Sinn. Es kann schon quan­ti­ta­tiv nicht stim­men. Haben Tik­Tok und ähn­li­che Platt­for­men die­se Macht über Jugend­li­che? Und was bedeu­te­te das über­haupt für eine sinn­vol­le poli­ti­sche oder gar meta­po­li­ti­sche Arbeit?

Weber: Sich nur auf den einen Account zu fokus­sie­ren und so Schlüs­se über die Reich­wei­te zu zie­hen ist nicht aus­sa­ge­kräf­tig. Das liegt an zwei Din­gen: Ers­tens haben wir es bei sol­chem »Con­tent« meist gar nicht mit einer klas­si­schen Situa­ti­on von Sen­der und Emp­fän­ger zu tun. Statt des­sen gibt es neben dem »Ori­gi­nal« unzäh­li­ge Reu­ploads mit Bear­bei­tun­gen, Inter­view­schnip­seln oder Zusam­men­schnit­ten mit Musik unter­leg­ten »Edits«, die dann auch wie­der hoch­ge­la­den und erneut bear­bei­tet wer­den. So ent­steht ein schein­bar unend­li­ches media­les Recy­cling, eine ganz ande­re Art der media­len Pro­li­fe­ra­ti­on. Es ent­steht eine ande­re Art der Reich­wei­te, die sich gar nicht so leicht an ein­zel­nen Klick­zah­len bemes­sen läßt und gleich­zei­tig tie­fer in die Psy­che dringt.

Die Rech­te steht unter der Logik des Zug­zwangs, der mit jeder neu­en Tech­no­lo­gie ein­her­geht. Sich der Tech­nik zu ent­zie­hen, weil man sie für mora­lisch bedenk­lich hält, ist fak­tisch kei­ne Opti­on, da man sich durch den Ent­zug einen Nach­teil ver­schafft. War­um soll­ten wir auf die­se Tech­nik ver­zich­ten, wenn sie uns hilft? Das muß man aner­ken­nen: Sie spielt uns über­pro­por­tio­nal in die Hände.

Sei­del: Also den Tiger rei­ten, des­sen Aus­bruch man eigent­lich ver­hin­dern will. Zurück zur Aka­de­mie: Dort saßen 130 Zoo­mer und haben artig einer Hand­voll Boo­mer gelauscht. Aber was haben die Vor­tra­gen­den, was haben die von die­sen zitier­ten, alt­ehr­wür­di­gen Auto­ri­tä­ten aus einer Zeit, in der kaum jemand auch nur ein Tele­fon benutz­te, Ihnen, der Jugend über­haupt noch zu sagen und wes­halb pil­gern Sie an einen sol­chen Ort, wo alte wei­ße (viel­leicht sogar wei­se) Män­ner von der Kan­zel dozieren?

Weber: Weil wir kon­ser­va­tiv sind. Denn bei all dem Tiger­rei­ten fra­gen wir uns, wor­an wir uns fest­hal­ten kön­nen. Wir haben bemerkt, daß etwas Erhal­tens­wer­tes ver­lo­ren­geht, und möch­ten es bewah­ren. Viel­leicht gibt es grund­sätz­li­che Miß­ver­ständ­nis­se, die wir gar nicht bemer­ken. Viel­leicht reden wir mit den gene­ra­tio­nel­len Boo­mern in Schnell­ro­da anein­an­der vor­bei. Aber ist das nicht der nor­ma­le Lauf der Zeit? Ich mei­ne, ver­stün­den Homer oder Dan­te unse­re Zeit? Und doch lesen wir sie, weil wir mei­nen, daß sie uns noch etwas zu sagen haben, daß an ihnen etwas Ewi­ges ist. Und das, mei­ne ich, ist auch Teil eines kon­ser­va­ti­ven Pro­jekts – wenn man Kon­ser­va­tis­mus nicht als das Hän­gen an dem sieht, was ges­tern war, son­dern als ein Leben aus dem her­aus, was ewig gilt.

Hier möch­te ich aus­nahms­wei­se die Boo­mer nicht zur Rechen­schaft zie­hen. Wenn wir etwas anders sehen oder das Gefühl haben, daß etwas nicht kon­se­quent zu Ende gedacht wur­de, dann müs­sen wir es selbst tun – und es, falls not­wen­dig, an die älte­re Gene­ra­ti­on her­an­tra­gen. Und davon sehe ich bei den Zoo­mern noch zu wenig. Wir haben uns in und durch Schnell­ro­da ein ideo­lo­gi­sches Besteck erwor­ben, mit dem man jetzt ganz gut han­tie­ren und sich die Welt mit Hil­fe eines eigen­stän­di­gen Den­kens erklä­ren kann. Schnell­ro­da ist unab­ding­bar, wo sonst sol­len wir nach Ant­wor­ten suchen? In Schnell­ro­da wer­den wenigs­tens die Pro­ble­me aus­for­mu­liert, die wir alle wahr­neh­men, die sonst aber über­all tot­ge­schwie­gen werden.

Sei­del: Ich muß insis­tie­ren. In zwei Punk­ten. Zum einen ist es ja nicht die Fra­ge, ob Homer oder Dan­te uns ver­stün­den, son­dern ob sie uns, ob das Alte dem Jun­gen noch etwas ver­mit­teln kann. Zum ersten­mal kön­nen die Alten den Jun­gen nicht mehr erklä­ren, wie Welt und Leben lau­fen, den Jun­gen fehlt damit der gesam­te edu­ka­ti­ve Hori­zont. Gene­ra­tio­nen­dif­fe­ren­zen gehen weit über den klas­si­schen und anthro­po­lo­gisch begründ­ba­ren Alt-jung-Kon­flikt hin­aus; sie sind heut­zu­ta­ge Welt­al­ter­un­ter­schie­de. Gibt es also
das Ewi­ge, von dem wir, die Boo­mer, viel­leicht die letz­ten Rest­re­prä­sen­tan­ten sind, über­haupt noch?

Und zum zwei­ten: Aus Schnell­ro­da kann man ler­nen – etwa von Sophie Lieb­nitz –, daß die­se neu­ar­ti­gen und sehr aggres­si­ven lin­ken Gleich­heits­be­we­gun­gen einen Sta­tus­ge­winn ein­brin­gen. Wokis­mus, Post­ko­lo­nia­lis­mus, Que­er-Theo­rie, Cri­ti­cal-Race-Theo­rie, Femi­nis­mus, Gen­der-Stu­dies, Disa­bi­li­ty-Stu­dies und der­glei­chen kämp­fen gewinn­brin­gend gegen den »alten wei­ßen Mann«. Struk­tu­rell scheint es da Par­al­le­len zur gene­rel­len Boo­mer-Kri­tik durch die Zoo­mer zu geben. Ist die­se also eher gene­ra­tio­nell und weni­ger poli­tisch grundiert?

Weber: So wie ich Sie ver­stan­den habe, mei­nen Sie hier mit dem Ewi­gen tie­fe und tiefs­te Tra­di­ti­ons­li­ni­en und ‑prak­ti­ken. Aber ich wür­de nicht behaup­ten, daß sich die Boo­mer als deren letz­te Reprä­sen­tan­ten rüh­men dür­fen. Viel­mehr hat die­ses Ewi­ge mit ihnen auf­ge­hört. Die Boo­mer haben unter ande­rem mit der 68er-Bewe­gung das Erbe – sowie die Idee, das Erbe wei­ter­zu­ge­ben – aus­ge­schla­gen, sich ande­ren Zie­len gewid­met und gemeint, sie könn­ten abseits des Alt­her­ge­brach­ten die Din­ge neu set­zen. Sie sind der Bruch in der Ket­te. Sie sind nur noch Nutz­nie­ßer, kei­ne Reprä­sen­tan­ten. Sie haben vom kul­tu­rel­len Boden geern­tet, aber nichts oder nur in einem gerin­ge­ren Maße den Boden bestellt, nichts gesät. Und wir Zoo­mer schau­en nun ins Leere.

Aber ich den­ke, daß durch­aus Ähn­lich­kei­ten zwi­schen der rech­ten Zoo­mer-Wut und zum Bei­spiel der »Fri­days for Future«-Bewegung bestehen. Es geht dar­um, daß die Boo­mer nicht nach­hal­tig gehan­delt haben und uns damit die Zukunft ver­bau­en – also das The­ma des Bruchs eines unge­schrie­be­nen Generationenvertrags.

Und es sind auch ganz ähn­li­che Leid­tra­gen­de: Wenn man sich an die »Fri­days for Future«-Demonstrationen erin­nert, dann waren das fast aus­schließ­lich »bio­deut­sche« Jugend­li­che und meist aus dem Bil­dungs­bür­ger­tum. Man wird sich auf unter­schied­li­che Wei­se sei­ner gene­ra­tio­nel­len Pro­blem­stel­lun­gen bewußt und fin­det dafür ver­schie­de­ne ideo­lo­gi­sche Ven­ti­le. Wenn wir uns die Bewe­gun­gen anschau­en, dann wür­de ich aus rech­ter Per­spek­ti­ve doch eine Unter­schei­dung machen.

Es ist rich­tig, daß hier mit der Boo­mer-Aver­si­on Par­al­le­len zu einer Art Res­sen­ti­ment gegen den alten wei­ßen Mann bestehen, aber mit ganz ande­ren Zie­len. Wäh­rend die­se gan­zen »woken« Bewe­gun­gen die Herr­schaft des »alten wei­ßen Man­nes« angrei­fen und trotz ihres eige­nen Pro­fits in die­sem Sys­tem zumin­dest ideell an sei­nem Sturz inter­es­siert sind, ist das bei den rech­ten Zoo­mern über­haupt nicht der Fall.

Viel­mehr füh­len wir uns um unser wirt­schaft­li­ches und kul­tu­rel­les Erbe sowie unse­re Zukunft betro­gen. In der abs­trak­ten Hin­sicht, daß es sich um Ver­tei­lungs­kämp­fe han­delt, ähnelt man sich, aber: All die­se ande­ren »woken« Inter­es­sen­grup­pen, die ein Stück vom Kuchen möch­ten, stei­gern eigent­lich nur unser Res­sen­ti­ment gegen die Boomer.

Sei­del: Zum Schluß. Sie sind kon­ser­va­tiv. Aber das Kon­ser­va­ti­ve ist die Bewah­rung des Alten, des guten Alten. Auch sind die Alten seit jeher kon­ser­va­ti­ver als die Jun­gen. Revo­lu­tio­nen sind in der Regel ein Vor­recht der Jugend. Wie kann man kon­ser­va­tiv sein und das Alte/die Alten verachten?

Weber: Ein Wort: gut. Die­ses Wort darf nicht ver­ges­sen wer­den. Es geht um das gute Alte. Wir wol­len das Alte nicht um sei­ner selbst wil­len bewah­ren, son­dern das Gute im Alten, das sich im Lau­fe der Zeit bewährt hat, des­halb bewahrt wur­de und dem­nach etwas Wah­res in sich tra­gen muß. Der Kon­ser­va­tis­mus ist in die­ser Hin­sicht nicht nur pas­siv, son­dern ein akti­ves Pro­jekt der Aus­le­se. Nun sehen wir uns in einem Dickicht des schlech­ten Alten vor die Auf­ga­be gestellt, um so ver­bis­se­ner das gute Alte zu bewahren.

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