Kritik der Woche (77): Das Sterben der Demokratie

„Wo Rechtspopulisten an der Macht sind, stirbt die Demokratie“, lautet die Grundthese des Buches von Peter R. Neumann und Richard C. Schneider.

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Der ers­te­re ist Pro­fes­sor für Sicher­heits­stu­di­en am King’s Col­lege Lon­don, der zwei­te­re wirk­te u.a. als lang­jäh­ri­ger ARD-Stu­dio­lei­ter in Tel Aviv und Rom. Bei­de, der For­scher und der Jour­na­list, ver­wech­seln aber – womög­lich auf­grund man­geln­der kon­kre­ter Rezep­ti­on von Phil­ip Manow, Carl Schmitt und Co. – Libe­ra­lis­mus und Demo­kra­tie. Ihr Leit­the­ma setzt Demo­kra­tie und (lin­ken, west­li­chen) Libe­ra­lis­mus in eins; ihre ent­spre­chen­de Ver­en­gung sta­bi­li­siert ihre The­se, führt aber am Gegen­stand vorbei.

Denn „Rechts­po­pu­lis­ten an der Macht“ sor­gen bis­her empi­risch betrach­tet nir­gends für ein Abster­ben der Demo­kra­tie – nicht in Ita­li­en unter Melo­ni, nicht in den USA unter Trump, nicht in Ungarn unter Orbán –, son­dern sie kor­ri­gie­ren eini­ge Malai­sen des west­li­chen Libe­ra­lis­mus, ohne frei­lich die Axt an demo­kra­ti­sche Pro­zes­se, Insti­tu­tio­nen und Wah­len zu legen, war­um auch? Wo Rechts­po­pu­lis­ten an der Macht sind, stirbt folg­lich nicht „die“ Demo­kra­tie, son­dern eine bestimm­te links­li­be­ra­le Aus­ge­stal­tung eben­je­ner hat es schwe­rer, sich im Hege­mo­nie­kampf durch­zu­set­zen – nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Ana­ly­se und Pole­mik zu ver­bin­den, ist für den Leser nicht grund­sätz­lich nach­tei­lig; die­se Sym­bio­se kann bele­bend wir­ken. Das Pro­blem bei den Autoren ist, daß ihre Ana­ly­se­fä­hig­keit ob der Pole­mik ver­lo­ren­geht. Das wird bei­spiels­wei­se dann augen­fäl­lig, wenn Orbáns real­po­li­ti­sches Kon­zept der „illi­be­ra­len Demo­kra­tie“ unter­sucht wird und dies wie folgt ein­ge­lei­tet wird: „Nun ist Vik­tor Orbán kein Hit­ler, und soweit bekannt [!], stre­ben weder er noch sei­ne popu­lis­ti­schen Mit­strei­ter eine geno­zi­da­le Dik­ta­tur an.“

Der­lei könn­te man über­ge­hen, wür­de nicht auch der Gehalt der nach­fol­gen­den Unter­su­chung dar­an lei­den. „Es bleibt fest­zu­hal­ten, dass Popu­lis­ten welt­weit die von Orbán pro­te­gier­te Idee der ‚illi­be­ra­len Demo­kra­tie‘ unter­stüt­zen“, aber wie­so bleibt gera­de das fest­zu­hal­ten? Ist es nicht viel­mehr so, daß rela­tiv­erfolg­rei­che Rechts­po­pu­lis­ten erz­li­be­ra­le Pro­gram­me ver­tre­ten, dar­un­ter just die im Buch por­trä­tier­ten Akteu­re von Gior­gia Melo­ni, Geert Wil­ders bis zu Donald Trump? Wo fin­det dort „illi­be­ra­le“ Ideo­lo­gie­pro­duk­ti­on, wie sie Orbáns Denk­fa­bri­ken und Medi­en betrei­ben, ernst­lich statt?

Ist es nicht viel­mehr ein „ande­rer“ Gedan­ke libe­ra­ler Demo­kra­tie, der bei Melo­ni, Wil­ders und Trump domi­niert, näm­lich eher ein wohl­stands­ori­en­tier­ter und anti­wo­ker, der sich gegen sei­ne feind­li­chen Brü­der rich­tet, die eher wer­te­ori­en­tier­ter und woker daher­kom­men – ist es also nicht viel­mehr ein Bin­nen­streit inner­halb libe­ra­ler Denk­wel­ten, also zwi­schen ihren lin­ken und rech­ten Flanken?

An der­lei hal­ten sich die Autoren nicht auf, sie stel­len gar nicht erst die – ange­sichts der zusam­men­ge­tra­ge­nen Punk­te sich gera­de­zu auf­drän­gen­de – Fra­ge, ob das Gros der Rechts­po­pu­lis­ten der Mar­ke Wil­ders et al. nicht ein­fach die abge­fal­le­nen, unzu­frie­de­nen Tei­le des libe­ra­len Estab­lish­ments sind, die gera­de eben kei­nen Gegen­ent­wurf zum Bestehen­den bie­ten, son­dern eine mit popu­lis­ti­scher Rhe­to­rik geschärf­te Varia­ti­on desselbigen.

Inter­es­sant und lesens­wert ist immer­hin der Schluß­teil: Da suchen Neu­mann und Schnei­der die „Gegen­stra­te­gie“ zum rech­ten Auf­bruch. Und stel­len fest, daß es im kol­lek­ti­ven Wes­ten kei­ne „kon­ser­va­ti­ve“ (aka christ­de­mo­kra­ti­sche, mit­tig-rech­te etc.) Par­tei gebe, die von einer Koope­ra­ti­on mit dem rech­ten Her­aus­for­de­rer im jewei­li­gen Land pro­fi­tiert habe; vie­le „haben dadurch sogar ihre füh­ren­de Stel­lung im Par­tei­en­sys­tem ver­lo­ren oder wur­den gänz­lich zerstört“.

Das ist eine ange­mes­se­ne Nach­richt für Uni­on und AfD glei­cher­ma­ßen: Die „Brand­mau­er“ muß blei­ben. Die einen, die Schwar­zen, ris­kie­ren so kei­nen eska­la­ti­ven „Damm­bruch“. Und die ande­ren, die Blau­en, ent­zau­bern sich nicht so schnell und voll­um­fäng­lich, wie das – der­zeit – noch dro­hen wür­de. Neu­mann und Schnei­der sagen abschlie­ßend, man brau­che end­lich einen „Plan“, wie man hier dann wei­ter ver­fah­re. In die­sem Punkt haben sie zwei­fel­los recht.

– – –

Peter R. Neumann/Richard C. Schnei­der: Das Ster­ben der Demo­kra­tie. Der Plan der Rechts­po­pu­lis­ten – in Euro­pa und den USA, Ber­lin 2025. 220 S., 24 € – hier bestel­len

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

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Kommentare (3)

NC472

11. März 2026 13:05

Wenn es um Politikwissenschaft geht kann man den gesamten (links) liberalen Akademiker/Priester Haufen komplett vergessen. Diese stecken genau wie die Marxistische Linke in der vor 80 Jahren selbst gestellten Falle und können, dürfen nicht ehrlich Analytisch über klassisch Rechts - kleiner Staat, Tradition, pragmatische Partikularisten schreiben, es würde dem Freitod gleich kommen. Diese unheilige Allianz die sich kollektiv zum Machterhalt dazu entschieden hat das ehrlichste Gesicht der utopischen revolutionären eugenischen Linken, die National Sozialisten, nach Rechts zu schieben, damit ihre eigenen Projekte zur Schaffung des "Neuen Menschen", ob Biologisch oder Verhaltenstheoretisch von oben herab mit Totalitärem Autokraten Staat, nicht in die Nähe des "Absolut Bösen" gerückt werden können, müssen sie die größte Lüge des 20. Jahrhunderts propagieren. Das heißt selbst wenn die wahre Rechte explizit für bottom up demokratische Strukturen und gegen Staatseingriffe steht, muss sie Böse sein, denn die Alternative ist, dass der Links liberale Priester Haufen mit seinen Utopischen Projekten selbst näher am "Absoluten Bösen" ist, was natürlich die moralische Selbstüberhöhung der letzten 80 Jahre in ein ganz anderes Licht rückt. Popper hat sie gewarnt, es gibt für die links liberalen keinen Ausweg mehr als Lügen, Lügen und Lügen.

Freichrist343

11. März 2026 15:22

Die Demokratie bleibt erhalten, wenn Rechtskonservative mit Sozialkonservativen zusammenarbeiten. Alice Weidel sollte mit Jürgen Manneck (DieBasis) zusammenarbeiten. Nach der Wahl in RLP ergibt sich die Chance zur politischen Wende.
https://jlt343.wordpress.com

Adler und Drache

11. März 2026 15:33

Zumal diese "liberale Demokratie" gar nicjt mehr wirklich liberal ist ...