Der Iran und die Zerstörung des Völkerrechts

Seit drei Tagen rollt der US-amerikanisch-israelische Angriff auf den Iran. Die Europäische Union hat einen Arbeitskreis gebildet, Deutschland weiß nicht, wie man Israel kritisieren kann. Überhaupt steckt man in einer begrifflichen Sackgasse:

Götz Kubitschek leitet den Verlag Antaios

Man hat den Krieg in der Ukrai­ne als einen rus­si­schen Angriffs­krieg bezeich­net (und als nichts sonst), und mit die­ser begriff­li­chen Fest­le­gung auch eine völ­ker­recht­li­che Fest­le­gung von immenser Trag­wei­te getrof­fen. Die Unter­stüt­zung der Ukrai­ne mit Waf­fen­sys­te­men, Geld, Öffent­lich­keits­ar­beit wird mit dem Ver­weis auf das völ­ker­recht­lich fest­ge­schrie­be­ne Ver­bot eines Angriffs­kriegs begrün­det, eben­so umge­kehrt das Embar­go gegen Ruß­land und die Äch­tung die­ser Nati­on in den Gre­mi­en, in denen der west­li­che Ein­fluß noch hinreicht.

Längst ist allen, die klar den­ken und nüch­tern wahr­neh­men kön­nen, glas­klar, daß das Völ­ker­recht eine aus­ge­höhl­te Form und nicht mehr das ist, was sich aus der tota­len Ver­hee­rung und dem poli­ti­schen Schock des Drei­ßig­jäh­ri­gen Kriegs ent­wi­ckelt hat­te – und sich wohl nur aus einer sol­chen Kata­stro­phe her­aus ent­wi­ckeln konn­te: Denn ent­völ­ker­te Land­stri­che und unsag­ba­re Ent­mensch­li­chung waren etwas, an dem kei­ner, der herrsch­te und befoh­len hat­te, vor­bei­schie­len konn­te. Der West­fä­li­sche Frie­de war also ein ech­ter Frie­de, und er for­mu­lier­te Grund­sät­ze, die lan­ge galten.

Ich fas­se hier nur aktua­li­sie­rend den Anfang eines Vor­trags zusam­men, den Dr. Thor v. Wald­stein im Rah­men der Win­ter­aka­de­mie in Schnell­ro­da vor eini­gen Wochen hielt. Wir hat­ten ihn mit Vor­ah­nung ins Pro­gramm genom­men, obwohl die Aka­de­mie mit den ande­ren Refe­ren­ten ein ande­res The­ma auf­blät­ter­te. Aber der Über­griff auf Vene­zue­la und der Umriß des Trump-geführ­ten “Frie­dens­rats” leg­ten nahe, daß nun unver­blümt geo­po­li­ti­sche Neu­ord­nung betrie­ben wür­de. Das bedeu­tet auch: Die Macht­lo­sen müs­sen den Offen­ba­rungs­eid aller Macht­lo­sen leis­ten, und das lau­te Pochen auf Völ­ker­rechts­pa­ra­gra­phen kann nicht dar­über hinwegtäuschen.

Das Völ­ker­recht ist zer­rie­ben, das kann man anhand von einem Dut­zend Sta­tio­nen nach­zeich­nen, begin­nend um 1900. Thor v. Wald­stein leis­tet das in sei­nem Vor­trag, und die aus­führ­li­che Fas­sung davon ist als Kapla­ken-Essay Die Zer­stö­rung des Völ­ker­rechts nach vorn in die Staf­fel geholt wor­den, die nun in weni­gen Wochen erschei­nen wird. (Chris­ti­an Ill­ners Bänd­chen über die Tie­fe Rech­te ist auf den Früh­som­mer verschoben.)

Die­ses Kapla­ken kann man hier erwer­ben und die gesam­te 34. Kapla­ken-Staf­fel ist hier zu haben (neben v. Wald­stein sind dar­in Essays von Dr. Micha­el Hen­kel und dem “Schat­ten­ma­cher” ent­hal­ten.) Der Mit­schnitt des Vor­trags ist unten verlinkt.

Man soll­te das, was dar­in vor­ge­tra­gen und im Essay auf­ge­schrie­ben ist, sehr wach auf­neh­men: Es han­delt sich bei dem, was v. Wald­stein beschreibt, um einen his­to­ri­schen Wen­de­punkt. Das hat etwas Gutes: Machen wir uns ein­fach nichts mehr vor.

Es beinhal­tet aber auch eine sehr bit­te­re, har­te Erkennt­nis: Eine eini­ger­ma­ßen halt­ba­re völ­ker­recht­li­che Rege­lung ist wohl nur auf zwei Arten zu errei­chen. Ent­we­der gibt es eine ein­zi­ge Super­macht, die Regeln fest­legt – oder eine Kata­stro­phe und unsag­ba­res Leid füh­ren zu jener Nüch­tern­heit und jenem ernst­haf­ten Geist, wie er nach dem Drei­ßig­jäh­ri­gen Krieg die Ver­hand­lun­gen präg­te. Aber das eine ist in einer mul­ti­po­la­ren Welt nicht mehr in Sicht, und das ande­re wol­len wir alle lie­ber nicht erleben.

Götz Kubitschek leitet den Verlag Antaios

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Kommentare (6)

Majestyk

3. März 2026 19:36

Ihr immer mit Eurem Völkerrecht, was ist mit dem Recht eines Volkes?
Jahrelang wird über Fremdbestimmung gejammert, man schimpft über internationale Einflüße, beklagt fehlende nationale Souveränität und wenn sich dann eine Chance auftut, dieses linksgewobene Spinnennetz einzureißen ist es auch nicht recht. 
Mal ganz abgesehen, daß ich es befremdlich finde, daß für die Regierung des Iran nun Völkerrecht gelten soll, wo der Iran sich doch selber seit 45 Jahren weder an Völkerrecht noch ans Recht seines Volkes hält. Seltsam ebenso. Wo war die Verteidigungsrede von rechts fürs Völkerrecht als Rußland seinen Nachbarn überfiel? Kann natürlich sein, daß es zwei Völkerrechte gibt oder zumindest zwei Maßstäbe. 
"Der alte Sinn des europäischen Völkerrechts ist zu Ende." ca. 1:00:00
Warum auch nicht? Europa ist ja auch am Ende, politisch, wirtschaftlich, kulturell. Und warum soll sich die Welt an ein Völkerrecht gebunden fühlen, welches Europäer einst erfanden, um den Rest der Welt damit zu beherrschen und unter sich aufzuteilen.
 

Le Chasseur

3. März 2026 20:05

Der außenpolitische Sprecher der CDU-Bundestagsfraktion, Jürgen Hardt, bezeichnete den erneuten Angriff auf den Iran und die Ermordung des iranischen Staatsoberhaupts nebst Familie übrigens als "präventive Selbstverteidigung".

MarkusMagnus

3. März 2026 20:15

Nun, der Angriff rollt, aber Israel bekommt auch gut was auf die Glocke. Die Medien zeigen uns die Bilder und Videos von den Bombardierungen im Iran, aber sie zeigen uns (aus gutem Grund) nicht die Raketeneinschläge und die Auswirkungen in Israel. Eine Tonne Sprengstoff pro Rakete in einem stark bebauten Gebiet richtet nunmal erhebliche Schäden an. 
Der Iran hält fast die komplette Bevölkerung von Israel im Bunker. Das Leben steht dort still. Ewig können die das auch nicht durchhalten. Ob Netanjahu überhaupt noch im Land ist weiss auch kein Mensch. Klar, nach dem Angriff auf das Staatsoberhaupt des Irans ist er auf Tauchstation gegangen, er befürchtet zu Recht einen Angriff auf seine Person.
Wem gehen zuerst die Raketen aus?

Le Chasseur

3. März 2026 20:25

"Für London, Paris, Berlin und Brüssel ist die "regelbasierte internationale Ordnung" auf eine einfache, brutale Prämisse zusammengeschrumpft – Macht schafft Recht, sofern es sich um westliche Macht handelt. (...) Während der Nahe Osten am Rande eines neuen, weitreichenden Krieges steht, wird die Geschichte nicht gnädig mit jenen umgehen, die es versäumt haben, zu irgendeiner diplomatischen Lösung beizutragen, um ihn zu verhindern, und ihn dann auch noch billigten, indem sie den letzten Nagel in den Sarg der "regelbasierten internationalen Ordnung" schlugen."
https://www.telepolis.de/article/Macht-vor-Recht-Wie-sich-Europa-vom-Voelkerrecht-verabschiedet-hat-11197158.html
 

RMH

3. März 2026 20:44

Vorab: Ich habe den Vortrag von Dr. W. nicht gesehen. Daher nur meine eigenen Gedanken zum Artikel: Wer das Völkerrecht (international law = Recht der Staaten untereinander, zwischenstaatliches Recht etc.) wegen Kriegsaktionen pauschal für erledigt erklärt, verkennt, dass es deutlich mehr als ein Kriegsvölkerrecht ist & schüttet das Kind mit dem Bade aus. Das Völkerrecht ist ein Recht, welches sich entwickelte. Es war schon immer ein Recht, bei dem man Durchsetzungs- & Sanktionsprobleme bei Verstößen hatte, insbesondere beim umstrittensten Teilbereich, der wiederum nur 1 Teilbereich des Kriegsvölkerrechts ist, dem sog. ius ad bellum. Der Punkt, es in die "Mülltonne" zu treten, war mithin in Bezug auf den Teilbereich ius ad bellum schon dutzende male da & nicht erst jetzt, dennoch hat es kein Land offiziell getan. Auf das ius in bello, dem humanitären Völkerrecht, will auch keiner verzichten, Kollateralschäden, "Versehen", Herausrede-Gelabere danach etc. hin oder her. Das Völkerrecht taugt also nach wie vor als Orientierungsmaßsstab & als Verhandlungsrahmen. Auch für das Völkerrecht gilt: Totgesagte leben länger & nur der Rechtsunkundige sagt sich, was soll das, hält sich keiner dran, also weg damit (& meint damit vermutlich nur das ius ad bellum, weil er mehr nicht im Blick hat). Mithin: Das Völkerrecht ist NICHT zerstört.

Franz Bettinger

3. März 2026 22:06

Der US-Israelische Überfall auf den Iran könnte für das 21. Jhd. sein, was Sarajevo für das 20. Jhd. war. Auch wunderte mich nicht, wenn dies sogar nur eine Nebelwerfer-Aktion wäre, die dazu diente, Kuba sang- und klanglos zu überfallen und zu annektieren, und möglicherweise auch Grönland!