War Frohnmaier erfolgreich?

von Wiggo Mann -- Merkel, Habeck, Özdemir. Wenn ein Marketing-Rezept dreimal angewandt wird, lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Eine Werbeagentur namens Jung von Matt war in allen drei Fällen am Werk.

Jung von Matt enga­giert sich für NGOs „gegen rechts“ und gehört mit über 100 Mil­lio­nen Euro Umsatz zu den gro­ßen inha­ber­ge­führ­ten Agen­tu­ren Deutsch­lands, gewis­ser­ma­ßen zum Rekla­me-Pen­dant des Par­tei­en­kar­tells. Einer der bei­den Grün­der, Jean-Remy von Matt (73), wur­de eini­ge Jah­re im stren­gen Inter­nat des Schwei­zer Klos­ters Ein­sie­deln erzo­gen und nann­te sei­ne Söh­ne spä­ter beschei­den Edi­son und New­ton. Heu­te lebt der Wer­be­chef in Ber­lin, wo das gewölb­te Dach sei­nes Pent­house angeb­lich nach der nack­ten Brust sei­ner fünf­ten Lebens­part­ne­rin, der Schmuck­de­si­gne­rin Nata­lie, gestal­tet wur­de. Es gäbe Grün­de, dar­über zu spot­ten. Aber der Mann ist in sei­ner ruhi­gen, cha­ris­ma­ti­schen Art ein psy­cho­lo­gisch klar­sich­ti­ger Profi.

Alle drei Kam­pa­gnen — Mer­kel 2017, Habeck 2025, Özd­emir 2026 — haben eine gemein­sa­me Auf­ga­be: Gestal­te aus dem Spit­zen­kan­di­da­ten eine ver­trau­ens­wür­di­ge Per­so­nen­mar­ke und zie­he die Par­tei­mar­ke in den Hin­ter­grund, wenn sie stört.

Das ist kei­ne Wun­der­waf­fe. Weder gegen exter­ne noch gegen selbst­ge­mach­te Pro­ble­me. Die schmerz­li­chen Ver­lus­te Mer­kels bei ihrer letz­ten Kan­di­da­tur und die Dar­stel­lung Habecks als Geor­ge Cloo­ney der deut­schen Umwelt­be­we­gung zei­gen die Gren­zen von Mar­ke­ting. Im Fall von Özd­emir lässt sich aller­dings erken­nen, wie die­ses Feu­er­werk zün­det, wenn die Rah­men­be­din­gun­gen stimmen.

In Baden-Würt­tem­berg haben nicht ein­fach Die Grü­nen gewon­nen. Gewon­nen hat die Süd­west-Idee einer gut situ­ier­ten Bür­ger­lich­keit aus Boo­mer- und Beam­ten­mi­lieus. Özd­emir wur­de zum Vor­zei­ge-Migran­ten einer mora­lisch über­höh­ten regio­na­len Staats­par­tei. Ein Beleg dafür, sich „sui­ci­dal empa­thy“, Mit­ge­fühl bis zur Selbst­aus­lö­schung, immer noch leis­ten zu können.

Wie funk­tio­nier­te die Özdemir-Kampagne?

Ers­tens: star­ke Per­so­na­li­sie­rung. Die CDU stell­te 2017 Mer­kel als Ver­trau­ens­fi­gur ins Zen­trum; Die Grü­nen prä­sen­tier­ten 2025 Habeck mit kusche­li­gen Küchen­vi­de­os unter dem Mot­to „Ein Mensch, ein Wort“. Bei Özd­emir 2026 wur­de die Per­so­na­li­sie­rung noch radi­ka­ler. Die Par­tei ver­schwand optisch nahe­zu voll­stän­dig.

Durch die­se Ent­kopp­lung von der Par­tei wur­de Özd­emir bewusst als eigen­stän­di­ge baden-würt­tem­ber­gi­sche Regie­rungs­mar­ke auf­ge­baut. Kra­wat­te, Steu­er­be­ra­ter­bril­le und auto­ri­tär abge­dun­kel­ter Bild­hin­ter­grund waren kei­ne blo­ße Stil­fra­ge, son­dern Reak­ti­on auf ein Pro­blem: Die Per­so­nen­mar­ke Özd­emir hat­te im Abstim­mungs­ge­biet eine deut­lich bes­se­re Anschluss­fä­hig­keit als sei­ne Parteimarke.

Zwei­tens: psy­cho­lo­gi­sche Codie­rung über Nah­bar­keit und Ver­läss­lich­keit. Die­se Kan­di­da­ten­merk­ma­le beein­flus­sen Wahl­ent­schei­dun­gen stark. Visu­el­le Ein­drü­cke spie­len eine ent­schei­den­de Rol­le. Ins­be­son­de­re in der umkämpf­ten Grup­pe weib­li­cher Wäh­ler in Zei­ten von Infor­ma­ti­ons­über­las­tung und sozia­len Span­nun­gen. Die soge­nann­te „Gen­der Ideo­lo­gy Gap“, also weib­li­che Bevor­zu­gung lin­ker Posi­tio­nen, war dabei längst kein Frei­fahrt­schein für Die Grü­nen — in einer Alt­par­tei­en­land­schaft, die inklu­si­ve CDU nahe­zu voll­stän­dig links auf­tritt. Die Özd­emir-Kam­pa­gne hat aber gewirkt: Frau­en bevor­zug­ten ihn vor allen ande­ren Kan­di­da­ten.

Die AfD unter Mar­kus Frohn­mai­er hat­te es schwer, dage­gen anzu­kämp­fen. Das Ergeb­nis bei der Land­tags­wahl klingt zwar nach Erfolg („Ver­dopp­lung!“), tat­säch­lich erkennt man dar­in aber vor allem den Nie­der­schlag einer län­ger­fris­ti­gen Ent­wick­lung. Die psy­cho­lo­gisch wich­ti­ge 20-Pro­zent-Mar­ke wur­de nicht durch­bro­chen. Zwar hat­te die Par­tei Rücken­wind durch Bun­des­po­li­tik, Migra­ti­on und öko­no­mi­sche Ängs­te, aber es gab auch Bremsfaktoren:

Die Beob­ach­tung des Lan­des­ver­bands als rechts­extre­mis­ti­scher Ver­dachts­fall, die gefühl­te Distanz des Spit­zen­kan­di­da­ten, Skan­da­le wie die soge­nann­te Vet­tern­wirt­schaft und par­tei­in­ter­ne Irri­ta­tio­nen rund um Frohn­mai­ers US-Enga­ge­ment. All das kann für bür­ger­li­che Wäh­ler eine psy­cho­lo­gi­sche Gren­ze mar­kie­ren, exakt an der rech­ten Kan­te der Reputationslücke.

Wahl­wer­bung der AfD in Baden-Würt­tem­berg konn­te die­se Lücke nicht schlie­ßen. Kam­pa­gnen-Slo­gans wie „Unser Land ver­dient ein Come­back“ wirk­ten wie ein fader MAGA-Auf­guss. Erzeug­te es Sym­pa­thie und staats­män­ni­sche Auto­ri­tät? Eher nicht. Mar­kus Frohn­mai­ers Wahl­kampf ver­mit­tel­te vor allem: Lust auf Opposition.

„Du siehst es doch auch“ lau­te­te eine ande­re lako­ni­sche Pla­kat­zei­le der AfD in Baden-Würt­tem­berg und ließ den Betrach­ter rat­los zurück. Wei­te­re Wahl­wer­bung erklär­te, der AfD-Spit­zen­kan­di­dat sei „nur auf dem Pla­kat links“ abge­bil­det und sonst erstaun­li­cher­wei­se rechts. Frohn­mai­er fand zudem ori­gi­nell, dass er eine Glat­ze hat und dem „Absturz“ des Bun­des­lan­des des­halb laut einer zen­tra­len Schlag­zei­le „die Stirn bie­ten“ kön­ne. Instink­tiv frag­te man sich, ob Mar­tin Son­ne­born und sei­ne Sati­re­par­tei das Frohnmaier’sche Wahl­kampf­team unter­wan­dert hatten?

Aber Wahl­wer­bung ist nicht alles. Selbst­ver­ständ­lich müs­sen unter­schied­li­che Fak­to­ren aus­ge­wer­tet wer­den, um aus dem Ergeb­nis vom ver­gan­ge­nen Sonn­tag opti­ma­le Lern­ef­fek­te zu zie­hen. Man­che Varia­blen sind nicht steu­er­bar, etwa die unfai­ren Ver­su­che der Desta­bi­li­sie­rung durch gleich­ge­schal­te­te Medi­en Unser­er­de­mo­kra­tie. Auch inter­ne Beglei­tung eines Kan­di­da­ten im Rah­men der Mar­ken­füh­rung soll­te über­prüft werden.

Ein Poli­ti­ker ist kein Fix­punkt. Er muss und darf sich den Umstän­den anpas­sen. Die Band­brei­te sei­ner Reak­tio­nen soll­te eine Par­tei aber in Wahl­kampf­zei­ten sorg­fäl­tig abstim­men. Für Mar­kus Frohn­mai­er, in sei­ner Funk­ti­on als außen­po­li­ti­scher Spre­cher der AfD-Bun­des­tags­frak­ti­on, ist der US/israelische Angriffs­krieg auf den Iran bei­spiels­wei­se geprägt von „chir­ur­gi­scher Prä­zi­si­on und kla­rer Ziel­ori­en­tie­rung“. Kein Wort zum israe­li­schen Ver­such, gewalt­sam die Hege­mo­nie im Nahen Osten aus­zu­deh­nen. Wenig Gespür für mas­si­ve diplo­ma­ti­sche Ver­wer­fun­gen, Lei­chen­ber­ge, zer­stör­te Infra­struk­tur, neue Flücht­lings­strö­me und eine Welt an der Schwel­le zum Reli­gi­ons­krieg. Was vom Team des außen­po­li­ti­schen Spre­chers der AfD mög­li­cher­wei­se als klu­ges Balan­cie­ren mit Blick auf den Wahl­ter­min gedacht war, erwies sich als unge­eig­net, im deut­schen Bun­des­land mit dem größ­ten Export­vo­lu­men ein Ergeb­nis ober­halb von 20 Pro­zent zu erzeugen.

Blei­ben wir prag­ma­tisch. Der Lan­des­ver­band konn­te sein Wahl­er­geb­nis gegen­über 2021 um fast zehn Punk­te auf knapp unter 20 Pro­zent stei­gern. Das ist ein ordent­li­ches Resul­tat für ein west­deut­sches Bun­des­land, womög­lich sogar das bis­her bes­te bei einer Land­tags­wahl im Wes­ten. Die Füh­rung der Mar­ke AfD und ihre pro­pa­gan­dis­ti­schen Dar­stel­lung zeigt jedoch wei­ter Schwach­stel­len und unge­lös­te Gegensätze:

Kor­re­la­ti­on ver­sus Kau­sa­li­tät – Die bis­lang erkenn­ba­re par­tei­in­ter­ne Aus­wer­tung lässt befürch­ten, dass der Wahl­kampf in Baden-Würt­tem­berg vor­schnell zum Mus­ter­er­folg sti­li­siert wird. Stich­wort: Ver­dopp­lung. Genau dar­in liegt womög­lich das gefähr­lichs­te Miss­ver­ständ­nis. Das star­ke Ergeb­nis beweist nicht auto­ma­tisch die Qua­li­tät der Kam­pa­gne, wie sich mit Erkennt­nis­sen der Ent­schei­dungs­theo­rie leicht unter­mau­ern lässt. Das Wahl­er­geb­nis der AfD kann eben­so­gut nur glück­li­cher End­punkt einer Ent­wick­lung und Aus­druck eines Trends sein.

Mar­ken­ver­trau­en ver­sus Mobi­li­sie­rung – Sar­kas­mus und grel­le Optik funk­tio­nie­ren gut, um Auf­merk­sam­keit zu erzwin­gen. So wird Anhän­ger­schaft akti­viert. Gera­de für Pro­test­par­tei­en ist das nütz­lich, weil es Wut in Iden­ti­tät ver­dich­tet. In Baden-Würt­tem­berg passt dazu, dass ers­te Ana­ly­sen offen­bar den AfD-Zuwachs stark mit der Mobi­li­sie­rung von Nicht­wäh­lern verbinden.

Wenn die AfD aber mit­tel­fris­tig brei­te­re Wäh­ler­schich­ten erobern und dadurch regie­rungs­fä­hig wer­den will, dann sind Pro­test-Ästhe­tik und Gags nicht genug. Weder optisch noch sprach­lich. Es braucht Sou­ve­rä­ni­tät, Ver­läss­lich­keit und unbe­irr­tes pro­pa­gan­dis­ti­sches Macht­stre­ben als Aus­druck in Wort und Bild. Auf­tre­ten, als sei man gewohnt, Ziel durchzusetzen.

Mar­ken­ver­trau­en auf­zu­bau­en ist übri­gens kein Plä­doy­er für Mäßi­gung. Im Gegen­teil. Es ist die For­de­rung, deut­sches Inter­es­se mit Kraft und zivi­li­sier­ter Ent­schlos­sen­heit zu vertreten.

Nach dem Wahl­er­geb­nis von Baden-Würt­tem­berg lau­tet die eigent­li­che Fra­ge des­halb nicht, ob es ein Erfolg für die AfD war, son­dern, wel­che Art von Erfolg erzielt wur­de: Die sta­bi­le Ver­tei­di­gung einer gro­ßen Pro­test­be­we­gung, oder die Aura einer zukünf­tig staats­tra­gen­den poli­ti­schen Macht?

Nichts schreibt sich
von allein!

Das Blog der Zeitschrift Sezession ist die wichtigste rechtsintellektuelle Stimme im Netz. Es lebt vom Fleiß, von der Lesewut und von der Sprachkraft seiner Autoren. Wenn Sie diesen Federn Zeit und Ruhe verschaffen möchten, können Sie das mit einem Betrag Ihrer Wahl tun.

Sezession
DE58 8005 3762 1894 1405 98
NOLADE21HAL

Kommentare (0)