Wahlanalyse Baden-Württemberg

Die gute Nachricht des Wahlabends für alle Kampagnenmacher: Wahlkämpfe können tatsächlich einen Unterschied machen. Ende Januar verharrten die Grünen im Südwesten in Umfragen bei abgeschlagenen 21%, um in einer rasanten Aufholjagd von knapp fünf Wochen fast zehn Prozentpunkte zuzulegen und als stärkste Kraft in Baden-Württemberg einzufahren.

Daniel Fiß

Daniel Fiß ist freier Publizist.

Mit der Nomi­nie­rung von Cem Özd­emir setz­ten die Grü­nen kon­se­quent auf die bewähr­te Erfolgs­for­mel des schei­den­den Minis­ter­prä­si­den­ten Win­fried Kret­sch­mann. Ein  nicht pola­ri­sie­ren­der Kan­di­dat, der für das klas­sisch bür­ger­lich und mit­tig gepräg­te Baden-Würt­tem­berg Ver­bind­lich­keit aus­strahlt und das Kon­trast­bild zu den soge­nann­ten „woken Träu­mern“ der grü­nen Gesamt­par­tei repräsentiert.

Die Wahl­kampf­stra­te­gie der Grü­nen war dabei ziem­lich klar auf Özd­emir zuge­schnit­ten. Die Grü­nen zei­gen, daß der Weg in neue Wäh­ler­schich­ten heu­te weni­ger über Pro­gram­me als über Per­so­nal führt. Par­tei­en über­schrei­ten Milieugren­zen nicht durch das Nach­schär­fen von Text­bau­stei­nen, son­dern durch Kan­di­da­ten, die Ver­trau­en aus­strah­len und nicht als Kari­ka­tur der eige­nen lin­ken Sze­ne wahr­ge­nom­men werden.

Auf Pla­ka­ten muß­te man das grü­ne Par­tei­lo­go teil­wei­se erst suchen. Die­ses Under­state­ment der eige­nen Par­tei bei gleich­zei­tig stär­ke­rer Kan­di­da­ten­zen­trie­rung schafft in Baden-Würt­tem­berg eine Milieu­ko­ali­ti­on, die offen­bar weit über die tat­säch­li­chen Sym­pa­thie- und Kern­wäh­ler­schaf­ten der Grü­nen hin­aus­ge­hen. Begüns­tigt wur­de die­se extre­me Per­so­na­li­sie­rung durch das neue Wahl­recht mit zwei Stim­men, das es Özd­emir ermög­lich­te, tak­ti­sche Wäh­ler des lin­ken Lagers direkt auf sich zu ver­ei­nen, um den CDU-Kan­di­da­ten Manu­el Hagel zu verhindern.

Ins­be­son­de­re die Wäh­ler­trans­fers zwi­schen Grü­nen und CDU der letz­ten Jah­re zei­gen, daß in einem Bun­des­land wie Baden-Würt­tem­berg grü­ne Ideo­lo­gie tief in die „bür­ger­li­che Mit­te“ durch­greift oder die bür­ger­li­che Mit­te die Grü­nen als neu­es Reprä­sen­ta­ti­ons­an­ge­bot begreift.

In jedem Fall straft Baden-Würt­tem­berg jene Lügen, die noch immer an die Illu­si­on eines schlum­mern­den rechts­kon­ser­va­ti­ven Bür­ger­tums glau­ben. Das soge­nann­te „Bür­ger­tum“ ist ein poli­ti­sches Ver­fü­gungs­in­stru­ment (bzw. hat sich selbst zu einem sol­chen gemacht), dass sich meist an die Macht­ar­chi­tek­tur des hege­mo­nia­len Zen­trums anpasst.

Die zen­tra­le Lek­ti­on aus dem grü­nen Wahl­sieg ist für die AfD, daß selbst eine in wei­ten Tei­len der Bevöl­ke­rung eher unbe­lieb­te Par­tei wie die Grü­nen durch einen extrem star­ken und pro­mi­nen­ten Kan­di­da­ten enorm viel her­aus­ho­len kann. Ein Kan­di­da­ten­fak­tor, der bei der AfD bis­her lei­der nir­gends wirkt. Weder in Baden-Würt­tem­berg, noch in ande­ren west­deut­schen Lan­des­ver­bän­den (im Osten mit Ausnahmen).

Betrach­tet man die schlich­ten Zah­len, so hat die Par­tei ihr Ergeb­nis aus dem Durst­stre­cken­jahr 2021 (9,7%) auf 18,8% fast ver­dop­pelt, zieht mit 35 Abge­ord­ne­ten als größ­te Oppo­si­ti­ons­frak­ti­on in den Stutt­gar­ter Land­tag ein und fei­ert damit fak­tisch das bis­her bes­te Wahl­er­geb­nis bei einer west­deut­schen Landtagswahl.

Den­noch scheint es zumin­dest in eini­gen inner­par­tei­li­chen Ana­ly­sen die Les­art einer Nie­der­la­ge zu geben. Dies mag mit­un­ter an einem etwas fal­schen Erwar­tungs­ma­nage­ment lie­gen, wenn die Kam­pa­gne als Ziel­mar­ke ein Ergeb­nis von 20%+X aus­ge­ge­ben hat und als Zweit­plat­zier­ter ein­lau­fen woll­te. Den­noch lag der Umfra­ge­spit­zen­wert nie über 21%, und ange­sichts der media­len Kam­pa­gnen und der Außen­dar­stel­lung der Par­tei (Vet­tern­wirt­schaft und Co), muß man jene, die nun von einer Nie­der­la­ge spre­chen, ernst­haft fra­gen, auf wel­cher Grund­la­ge man auf der Ziel­gra­den der Kam­pa­gne noch ein Ergeb­nis von über 20% erwar­ten konnte.

Es ist daher ana­ly­tisch unred­lich, das Wahl­er­geb­nis pri­mär als Schei­tern zu inter­pre­tie­ren, denn die AfD lag genau inner­halb des Solls und schöpf­te ihr struk­tu­rel­les Wäh­ler­po­ten­zi­al im Land weit­ge­hend aus.

Die Wahl­so­zio­lo­gie hat das AfD-Elek­to­rat in Süd­west­deutsch­land in zahl­rei­chen Stu­di­en stets als sozio­öko­no­mi­schen Son­der­fall beschrie­ben. Die Unter­stüt­zer der AfD ent­stam­men hier nicht dem klas­si­schen, pre­kä­ren oder „abge­häng­ten“ Milieu mit erwerbs­bio­gra­fi­schen Brü­chen und nied­ri­gen Ein­kom­men. Viel­mehr speist sich die fun­da­men­ta­le Unzu­frie­den­heit aus einem tie­fen, sub­jek­ti­ven nega­ti­ven Erwar­tungs­bild (Fach­be­griff: „Sub­jek­ti­ve Depri­va­ti­on“) für die Zukunft, das durch die schlei­chen­de Kri­se der Indus­trie im Auto­land immer greif­ba­rer wird.

Ent­spre­chend mas­siv fie­len die Zuge­win­ne in den indus­tri­ell gepräg­ten Wahl­krei­sen bei Arbei­tern und mit­tel­qua­li­fi­zier­ten Beschäf­tig­ten aus. 30% der Arbei­ter mach­ten ihr Kreuz bei der AfD. Ein hoher Anteil an Beschäf­tig­ten im pro­du­zie­ren­den Gewer­be bleibt sta­tis­tisch ein star­ker Prä­dik­tor für höhe­re Zuge­win­ne der Par­tei. In man­chen Indus­trie­re­gio­nen wur­den sogar Wachs­tums­wer­te von mehr als 20% ver­zeich­net. Die SPD wur­de dabei nahe­zu voll­stän­dig pul­ve­ri­siert. Somit ist der Anstieg und die elek­to­ra­le Eta­blie­rung der AfD selbst­ver­ständ­lich auch das Zer­falls­pro­dukt ver­lo­re­ner Tra­di­ti­ons­mi­lieus von SPD und FDP, die nun in den Baden-Würt­tem­berg kaum noch eine poli­ti­sche Rol­le spielen.

Bei die­ser Wahl domi­nier­te seit lan­gem nicht mehr das Migra­ti­ons­the­ma die gene­rel­le Debat­te bei einer grö­ße­ren Wahl. Nur 8% aller Wahl­be­rech­tig­ten sahen dies als wahl­ent­schei­den­des The­ma. Bei den AfD-Wäh­lern bleibt die migra­ti­ons­po­li­ti­sche Pro­blem­ma­trix zwar über den Kon­nex von Kri­mi­na­li­täts­be­kämp­fung und Inne­rer Sicher­heit mit­ein­an­der ver­schränkt, doch im Gesamt­e­lek­to­rat konn­te über die­ses The­ma kei­ne Dyna­mik auf­ge­baut wer­den, die über die eige­ne Kern­wäh­ler­schaft hinauswirkt.

Auch die­ser Befund mag sicher zu einer kri­ti­schen Refle­xi­on über die eige­ne Ideen- und The­men­ar­mut der AfD ein­la­den, aber er macht zugleich deut­lich, daß man unter die­sen gege­be­nen Umstän­den mit 18,8% noch ein pas­sa­bles Ergeb­nis raus­ge­holt hat.

Man mag sicher kon­sta­tie­ren, daß die maxi­ma­len Poten­tia­le viel­leicht nicht abge­ru­fen wur­den (ins­be­son­de­re, wenn man die Bun­des­tags­wahl als Refe­renz nimmt, wo man zumin­dest abso­lut 200.000 Wäh­ler mehr an die Urne zur AfD gebracht hat) und unter ande­ren Umstän­den auch mehr drin gewe­sen wäre – aber weder die Rele­vanz der eige­nen The­men noch die spe­zi­fi­schen Umstän­de des Mobi­li­sie­rungs­ren­nens zwi­schen CDU und Grü­nen konn­ten hier einen signi­fi­kan­ten Unter­schied machen.

Man mag, wie bereits beschrie­ben, die­se Land­tags­wahl für die AfD als Soll-Erfül­lung abhan­deln. Vor allem, wenn es dar­um geht die Kern­wäh­ler­schaft aus unzu­frie­de­ner Indus­trie­ar­bei­ter­schaft und sozia­len Brenn­punkt­re­gio­nen abge­holt zu haben. Die AfD pro­fi­tiert wei­ter­hin von eher grö­ße­ren Mobi­li­sie­rungs­re­ser­ven inner­halb poli­ti­scher Ent­frem­dungs­mi­lieus. Die gestie­ge­nen Kom­pe­tenz­wer­te in teil­wei­se zwei­stel­li­gen Wachs­tums­be­reich ver­deut­li­chen zugleich ein­mal das höhe­re Ver­trau­en und die enge­re Bin­dung an die Partei.

Dar­auf läßt sich auf­bau­en. Zu einer ehr­li­chen Ana­ly­se gehört jedoch auch, daß die klas­si­schen habi­tu­el­len Pro­test­mo­bi­li­sie­run­gen mit­tel­fris­tig an gewis­se Gren­zen im Wes­ten sto­ßen. Der Aus­griff in neue Wäh­ler­mi­lieus mit Mul­ti­pli­ka­to­ren­po­ten­ti­al in einem Bun­des­land wie Baden-Würt­tem­berg (bestehend aus einer grund­sätz­lich ein­kom­mens­star­ken, abge­si­cher­ten und satu­rier­ten Bür­ger­schicht) schwie­rig nur allein über rein popu­lis­ti­sche Akzen­te zu erreichen.

Wenn­gleich die Mobi­li­sie­rungs­en­er­gie des Popu­lis­mus die ent­schei­den­de Erfolgs­res­sour­ce der AfD ist, wer­den wei­ter­ge­dach­te stra­te­gi­sche Ansät­ze stär­ker auf For­ma­te der Milieu­bil­dung, Gras­wur­zel­ar­beit und zivil­ge­sell­schaft­li­che Ver­an­ke­rung set­zen müs­sen und logi­scher­wei­se auch die the­ma­ti­sche Spann­brei­te erwei­tern müssen.

Daniel Fiß

Daniel Fiß ist freier Publizist.

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Kommentare (14)

Majestyk

10. März 2026 17:34

Selbst wenn die AfD nicht gescheitert ist, die Idee der Erneuerung Deutschlands kommt beim Wahlvolk nicht an. Vor allem nicht die Überzeugung, daß man die eingetretenen Pfade überdenken bzw. verlassen sollte. Und das ist ein Scheitern, welches schwerer wiegt als das Abschneiden einer Partei.
Meinen Einwand möchte ich aber nicht als Kritik an der Analyse verstanden wissen. Nur kann ich nicht erkennen, daß Deutschland noch viel Zeit bleibt, um gegenzusteuern, weder ökonomisch, noch kulturell. 

Mitleser2

10. März 2026 17:47

"Baden-Württemberg (bestehend aus einer grundsätzlich einkommensstarken, abgesicherten und saturierten Bürgerschicht) ..."
Ich weiß, die Verelendungstheorie wird hier nicht gerne gehört. Aber es scheint doch klar zu sein, dass die AfD im Westen nur weiterkommen kann, wenn es dieser Bürgerschicht in einer näheren oder weiteren Zukunft merklich schlechter geht, und sie daraus Konsequenzen zieht. Die verbliebenen Arbeiter, Migrationsgegner und derzeitigen Nichtwähler werden von ihrer Anzahl her nicht reichen.
 

Maiordomus

10. März 2026 17:56

@DF. Nüchterne Analyse, realistisch. Beim Personalisierungsfaktor scheint, dass der meistenteils tüchtig agierende Frohnmaier sich zwar vom Strebertyp der CDU abgesetzt hat, aber nicht annähernd das medienkompatible Charisma des getürkten Musterbürgers erreicht hat, der Dreckarbeit an eine Kollegin delegieren konnte. Aber nachweisbar, gilt auch für Schweiz und Oberschwaben, dass mit Trump-Nähe so wenig wie mit (angeblichem) Putinismus beim Klein- und Kulturbürgerum irgendwas zu holen ist. Das war schon die Crux der Schweizer Opposition gegen die 17 öffentlichrechtlichen Sender, wiewohl der Verweis der Initiativ-Gegner auf Trump und Musk reine Demagogie war. Die Ablehnung der Initiative, Annahme wäre Voraussetzung des Kampfes gegen die 10-Millionenschweiz und für die Neutralitätsinitative, ist auf fast völligen Verzicht auf den Kulturkampf gegen die 75% Linken bei den Öffentlichrechtlichen samt Hinweis auf die faktische (zwar nur objektive) Menschenrechtsverletzung bei Zwangsfinanzierung der Einschränkung der Meinungsfreiheit, was heute für  Denkende eine mindestens gleich grosse Demütigung darstellt wie es eine rassistische Beleidigung wäre. Letzteres dürfte auch für oppositionell denkende Deutsche zutreffen.         

Marcus AC Severus

10. März 2026 18:03

2016 hat die AfD 15,1 geholt und hatte 23 Abgeordnete. 
3,7% mehr in 10 Jahren, obwohl die Partei im Bund doppelt so viele Stimmen hat. Obwohl wir ein Jahr mir vielen Krisen haben. Obwohl gerade in BW die Industrie einiges an Stellenabbau hinter sich hat. Obwohl der CDU Kandidat so schwach war wie schon lange nicht.
Das ist nicht wirklich ein Erfolg. Vielleicht liegt es eher daran, dass man nicht mehr soweit weiß wofür die AfD eigentlich steht in vielen Bereichen. 
MMn braucht es straffere Disziplin und eine eindeutigere Richtung und auch anderes Führungspersonal. Wer AfD liest, soll sofort wissen wofür sie steht und von wem sie vertreten wird. 
Aktuell ist nichtmal klar ob die AfD für den Wehrdienst ist oder dagegen. Für mehr Nato (Lucassen) oder für weniger? 
Auch bezogen auf die Innenpoltik. Kein klares Konzept. Der Sellner wird von manchen eingeladen, nun darf er von anderen nicht. Was nun? 
Des Weiteren Millionen an Wähler und man findet nur die Schwiegermutter für die eigene Arbeit im Büro oder wie? Oder streitet sich in der Öffentlichkeit untereinander, belegt sich gegenseitig mit Auschlüssen und Bannsprüchen. Die NRW-AfD scheint ne andere Partei sein zu wollen wie die Thüringer-AfD. Man könnte hier lange weitermachen. Komplettes Chaos grade. 

tearjerker

10. März 2026 18:27

Die Leute setzen auf das, was sie kennen. Özdemir hüpfte schon vor 25 Jahren durch die Kulissen, während die diesjährige Konkurrenz schlicht niemandem viel sagte. Immerhin hat man die Sozis schonmal zur Splitterpartei verzwergt, selbst wenn die niemals eine allzu grosse Rolle in BaWü spielte. Geld ist noch genug da, so dass die Mehrheit sich unbedingt für was Besseres halten will. Dann hat Blau schlechte Karten. Witzig, dass die Union nicht den Regierungschef stellt, weil man gemeinsam mit Grün das neue Wahltecht durchsetzte, da bei der letzten Wahl Schäubles Schwiegersohn nicht über eine Liste ins Parlament kam. Wolfgangs langer Schatten.

Freichrist343

10. März 2026 18:39

Die Grünen haben zwar gesiegt, aber sie haben Wähler verloren. Die Grünen machen u. a. den Fehler, Abtreibungen zu tolerieren.
Die AfD hat viele Wähler gewonnen. Alice Weidel sollte mit Jürgen Manneck (DieBasis) zusammenarbeiten.
https://jlt343.wordpress.com

Maiordomus

10. März 2026 18:45

@M.A. Sev. Resultat 2016 war noch stark von Meuthen u. Co. bestimmt, selbstverliebten Lucke-Adlaten, auch von z.T. unausgegorenen Extremisten. 3,7% netto plus in 10 Jahren ist mager. Man ist gerade so weit, wie es Unglücksrabe Möllemann für die FDP anstrebte. Dabei zeigt Özdemir, der noch Ärger bekommen wird, dass man auf regionale Mentalität Rücksicht nehmen muss, wobei aber in Ba-Wü nebst den bekannten Zuständen der Industrie für AfD kulturellen Brüche auf de Lande zu berücksichtigen sind. Meine Lieblingsgegend als Volkskundler war über Jahre der Heuberg, eine Gegend, die Ernst Jünger wie ihrem Dichter Arnold Stadler lieb war. Im Raum Nusplingen erzielte die AfD ähnlich wie bei den Donau-Quellen starke Ergebnisse. Da gab's in traditonsgesättigten Dorfschaften, wo nicht von Fremdenhass oder gar Nazi-Mentalität gesprochen werden kann, unglaubliche Ergebnisse aus der Stadlerschen Erfahrung "Heimat wird immer weniger" (was zwar nicht bedeutet, dass der Prophet auch Wähler war). Es geht um Erfahrungen aus der Tiefenstruktur des Volkes. Es ist längst nicht gesagt, dass Parteileute dies geistig auch erfassen. Das Personal-Problem ist mit Händen zu greifen.  

Franz Bettinger

10. März 2026 18:50

Die Sargnägel, die lokal & landesweit zum Abschmieren der Volksparteien geführt haben, tragen Namen. Es war "Stuttgart 21" für BW, und es war die Erfindung der "Brandmauer" für ganz Deutschland. Das eine hat die Grünen an die Macht gebracht, das andere die AfD, Gott sei Dank. Die AfD muss klar plakatieren: Wir sind gegen Krieg, gg Sanktionen, gg den Klima-Schwindel. Für Atomkraft, gute Beziehungen zu Russland, natürlich für Deutschland. Einfache Slogans! 

RMH

10. März 2026 18:56

"Aber es scheint doch klar zu sein, dass die AfD im Westen nur weiterkommen kann, wenn es dieser Bürgerschicht in einer näheren oder weiteren Zukunft merklich schlechter geht, und sie daraus Konsequenzen zieht."
@Mitleser2, nach marx. Annahmen sollte dass dann zur proletarischen Revolution führen, aber nicht zum Kreuzchen woanders machen. & das ist der Punkt. Zum vermeintlich "gut situierten" gehört auch brav zur Wahl zu gehen, ebenso wie die ältere Gen. ganz selbstverständlich wählen geht. Es ist Teil der  - Achtung, Modeschlagwort! - assymetrischen Mobilisierung, dass manche einfach nicht mehr wählen sollen oder wenn, einen Narrensaum, während der "couragierte" Bürger immer wählt & am liebsten per Briefwahl, damit er seine Urlaubsplanung nicht ändern muss. Lange Rede kurzer Sinn: Ein "schlechter gehen" sorgt noch lange nicht dafür, dass das Kreuzchen an der aus unserer Sicht richtigen Stelle gemacht wird oder überhaupt noch gemacht wird. Evtl. sollte die AfD das Spiel auch mal spielen, bleibt doch zu Hause, unsere Kernwähler haben dann mehr Gewicht. 

Laurenz

10. März 2026 19:09

@DF ... Wie immer, kurz & bündig, das Elementare an der Wahl herausgearbeitet. Allerdings gibt es diesmal einen Widerpruch, den die Teilnehmer @Marcus AC Severus, @Majestyk & Maiordomus nicht ganz verstanden haben. Sie, DF, bemängeln ein zu enges thematisches Programm-Spektrum der AfD. Ich kann mich an keine einzige inhaltliche Aussage der Mitbewerber-Parteien erinnern, außer, daß jemand meinte, der Hansel von der Union hätte zu sehr auf Ökonomie abgestellt. Im Vergleich dazu war Frohnmaier schon viel zu komplex in den Rededuellen. Inhalte scheinen in BaWü kein Schwein zu interessieren. Ozidämel oder wie er heißt zu wählen, zeigt deutlich das frapante Luxusproblem der Ländle-Hobbits an der Wahlurne. Kleiner Tipp, jeder kann flux per KI das Median-Vermögen der Öchsle-Wählerschaft mit & ohne Immobilien abfragen & das dann im Vergleich zu Deutschland. Dieselbe Nummer kann der SiN-Leser noch mal für Sachsen-Anhalt durchspielen. Dazwischen liegen gewaltige finanzielle Welten. Die Badischen & Ihre Nachbarn im Land haben einfach keine Probleme, außer, daß das Ländle die Welt retten muß. Es kann ja jeder mal nach Sindelfingen fahren & die Straße auf Zebrastreifen aus Carrara-Marmor überqueren. Wenn das keine Reise in die Heimat des Chefs wert ist....

Jan

10. März 2026 19:16

In einem Kernbundesland der deutschen Wirtschaft lagen die Themen für die AfD auf der Straße: Deindustrialisierung, Bildungsverfall, Abstieg einer einst innovativen Industrieregion, die nur noch ihre alte Substanz aufzehrt und die Produktion ins Ausland verlagert. Selbstmordkommando Energiewende. Wenn Imperien ständig neue Kriege um Öl und Gas führen, können nur grüne Narren glauben, man könne mit Wind und Sonne autark werden und konkurrenzfähig bleiben. Endlich war man nicht mehr ausschließlich vom Migrationsthema abhängig und hätte sich neue Wählerschichten in wirtschaftlich einflussreichen westdeutschen Milieus erschließen können. Man hat die Steilvorlagen von grün-schwarzer Abrisspolitik nicht genutzt. Ich hätte in BaWü mit wesentlich mehr Prozenten gerechnet. Stattdessen lässt man den abgehalfterten Ampel-Loser Özdemir auftrumpfen! Das hätte nicht passieren müssen (dürfen!). Es war die einfachste Wahl im wichtigsten Bundesland. Man hätte die Schwaben und Badener bei ihrem Stolz packen können. Chance vertan.

Mitleser2

10. März 2026 19:19

@RMH: marxistische Annahmen haben noch nie funktioniert. Und gerade diese "Bürgerlichen" werden keine proletarische Revolution machen. Ich bleibe dabei, dass ein wirtschaftlicher Niedergang (auch wenn man den eigentlich nicht wünscht) die einzige Chance für die AfD ist. Andere Aspekte wie Ablehnung von Migration und Schuldkult oder Nationalstolz scheinen nicht zu reichen.

Maiordomus

10. März 2026 19:29

@Korr. "Nebst den bekannten Zuständen der Industrie die kulturellen Brüche auf dem Lande zu berücksichtigen." Für Canetti ist bekanntlich der Wald das deutsche Massensymbol: in Ba-Wü der Schwarzwald, es gibt noch zahlreiche andere. Diesbezüglich ist noch eindrücklicher als Heideggers Todtnauberg die Gegend um St. Blasien, aber zumal der heilige Berg Oberschwabens, der Bussen, aber natürlich zumal der Heuberg, vgl. Arnold Stadler: "Einmal auf der Welt und dann so", Fischer-Taschenbach 18124 (2009), nicht zu bergessen der Sammelbd, herausgegeben v. Michael Albus: "Arnold Stadler: Was ist Glück? Nachher weiss man es.", stellt das Nobelpreiswerk des Ungarn v. 2025, Satanstango noch in den Schatten bei immerhin mehr Licht. Sehr schöne Beschreibung des Heubergs, eigentlich sonst an Magie nur noch mit dem schon längst von Goethe besungenen "Brocken" vergleichbar. Der Bussen, ein spiritueller Ausläufer des Klosters St. Gallen, war übrigens der bevorzugte Wallfahrtsort des spät wenn auch unfrömmlerlisch zum Katholizismus gelangten Ernst Jünger. Das sind keine Abschweifungen, sondern Vertiefungen der laufenden Debatte.      

Marcus AC Severus

10. März 2026 19:35

@Maiordamus 
Danke für ihre wunderbare Ergänzung!