Christian Böhm-Ermolli – Notizen zum 30. Todestag

Als ich auf der letzten Sommerakademie in Schnellroda eintraf, wartete dort ein Paket “z. Hd. Martin Lichtmesz” auf mich, das keinen Absendernamen trug.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Groß war mei­ne Ver­blüf­fung, als ich es öff­ne­te: Dar­in befand sich, ohne wei­te­ren Kom­men­tar, ein schlicht gerahm­tes Bild, eine Col­la­ge, deren Sinn nur sehr weni­ge Men­schen ent­schlüs­seln kön­nen. Der Absen­der oder die Absen­de­rin wuß­te, daß ich zu die­sen Men­schen zähle.

Augen­blick­lich erkann­te ich das schwarz­wei­ße Ant­litz des Chris­ti­an Böhm-Ermol­li, wie es Ste­phan Riedl vor drei Jahr­zehn­ten gemalt hat, offen­bar foto­ko­piert und aus­ge­schnit­ten aus einer alten Aus­ga­be der Sezes­si­on, Heft 20, Okto­ber 2007.

Es war auf eine Farb­ko­pie eines Gemäl­des von Arnulf Rai­ner geklebt, der im Dezem­ber letz­ten Jah­res im Alter von 96 Jah­ren ver­stor­ben ist, ein über­mal­tes Kreuz, das der Schöp­fer oder die Schöp­fe­rin der Col­la­ge zusätz­lich mit feu­er­ro­ten Pin­sel­stri­chen über­malt hat­te. Aus (offen­bar öster­rei­chi­schen) Zei­tun­gen aus­ge­schnit­te­ne Buch­sta­ben form­ten die Wor­te “Schö­ne Grüs­se aus dem Diesseits”.

Um die­ses rät­sel­haf­te Bild zu deu­ten, muß man in ein Laby­rinth aus Bedeu­tun­gen und Asso­zia­tio­nen hin­ab­stei­gen, das ich in dem besag­ten Heft der Sezes­si­on in einem mei­ner wohl ein­fluß­reichs­ten Tex­te skiz­ziert habe, “Fanal und Irr­licht”, ein Dop­pel­por­trait zwei­er schil­lern­der Figu­ren, die ich als Geis­tes­ver­wand­te betrach­te­te und zeichnete.

Der Öster­rei­cher Chris­ti­an Böhm, der sich nach einem k. u. k. Feld­mar­schall “Böhm-Ermol­li” nann­te, und der in Kon­stanz auf­ge­wach­se­ne Kon­ra­din Lei­ner, genannt QRT, waren bei­de im sel­ben Jahr 1965 gebo­ren und star­ben bei­de 1996, der eine im März, der ande­re im Okto­ber, der eine in Wien durch Selbst­mord à la Kurt Cobain mit­tels Gewehr­lauf im Mund, der ande­re in Ber­lin infol­ge einer Über­do­sis Hero­in. Was bei­de ver­band, war ein Inter­es­se an Tech­no, Dro­gen, mili­tä­ri­schen Out­fits, Kunst, Pop und dem Geist der “Kon­ser­va­ti­ven Revo­lu­ti­on”, von QRT auf eigen­wil­li­ge, irr­lich­tern­de Wei­se beschwo­ren in dem pos­tum publi­zier­ten Buch Dra­chen­saat.

Die Wei­se von Leben und Tod des Chris­ti­an Böhm-Ermol­li ist wohl so etwas wie der ein­zi­ge wirk­li­che Mythos der deutsch­spra­chi­gen Neu­en Rech­ten. Obwohl mein Text aus dem Jahr 2007 dazu gewiß erheb­lich bei­getra­gen hat (was mit vol­ler, bewuß­ter Absicht geschah), so geht das Ver­dienst vor allem an den Regis­seur Lutz Damm­beck und sei­nen essay­is­ti­schen Doku­men­tar­film Das Meis­ter­spiel aus dem Jahr 1998.

Die­ser, Schluß­teil und Höhe­punkt eines Tri­pty­chons über Kunst, Macht und Poli­tik, zu dem noch die Fil­me Zeit der Göt­ter (über Arno Bre­ker) und Dürers Erben (über die Leip­zi­ger Schu­le) zäh­len, ist im Lau­fe der Jah­re zu einer Art neu­rech­tem Kult­film gewor­den. Zumin­dest für mich ist er es, nicht zuletzt des­we­gen, weil er in mei­ner Hei­mat­stadt Wien spielt und eine Zeit ein­fängt, die für mich äußerst prä­gend war.

Eigent­lich soll­te jeder, der mit der Geschich­te nicht ver­traut ist, sich zuerst den Film anse­hen, dann mei­nen Arti­kel von 2007 (und viel­leicht auch noch die­sen hier) lesen, bevor er mit der Lek­tü­re die­ses vor­lie­gen­den Bei­trags fortschreitet.

Kurz gefaßt ist es die Geschich­te eines jun­gen Man­nes, eines Künst­lers und Intel­lek­tu­el­len, der Anfang der neun­zi­ger Jah­re als eher unty­pi­sche Figur in der frei­heit­li­chen Sze­ne die­ser Zeit auf­tauch­te. Er stu­dier­te Male­rei bei Arnulf Rai­ner und Sozi­al­phi­lo­so­phie bei Nor­bert Leser (zum Zeit­punkt sei­nes Todes war er drei­fa­cher Magis­ter), fiel aber vor allem durch sei­ne lei­den­schaft­li­che Teil­nah­me an Raves auf, die zu die­ser Zeit auch von ande­ren jun­gen Rech­ten wie Manu­el Och­sen­rei­ter und Jür­gen Hat­zen­bich­ler als eksta­ti­sche “Stahl­ge­wit­ter” gedeu­tet und zele­briert wurden.

In einem nach­ge­reich­ten Nach­ruf (Aula 7/8) von Wer­ner Bräu­nin­ger aus dem Jahr 2001 hör­te sich das so an:

Der jun­ge Stu­dent und nach­ma­li­ge drei­fa­che Magis­ter (gebo­ren 1965), Schü­ler des Phi­lo­so­phen Nor­bert Leser, unter­nahm Anfang der neun­zi­ger Jah­re den Ver­such, Kunst und Poli­tik in das Kon­zept einer rech­ten Moder­ne ein­flie­ßen zu las­sen, indem er im Rah­men der Frei­heit­li­chen Tech­no-Events ver­an­stal­te­te und deren rhyth­mi­sche “Stahl­ge­wit­ter” meta­po­li­tisch deu­te­te. Die­se ers­te Jugend­be­we­gung seit 1968 wur­de von ihm instru­men­ta­li­siert und der Zulauf jun­ger Men­schen zu den Frei­heit­li­chen stieg an. Der Wunsch nach eksta­ti­scher Auf­lö­sung traf sich hier mit der Dis­zi­plin eines strin­gen­ten, fast mili­tä­ri­schen Rhyth­mus. Es war dies eine Ästhe­ti­sie­rung der Poli­tik, ein Unter­fan­gen also, das anknüpf­te an ähn­li­che Ver­su­che in der ers­ten Hälf­te des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts, so etwa von d’Annunzio, Mari­net­ti und Leni Riefenstahl.

Die lin­ke Tor­heit, die Kunst poli­ti­sie­ren zu wol­len, beging Böhm-Ermol­li nicht. Sei­ne Fra­ge­stel­lun­gen waren ech­tes Erleb­nis neu­en Seins, radi­kal und tief, die glei­che, die ja auch im Expres­sio­nis­mus den Kreis des libe­ra­lis­ti­schen Oppor­tu­nis­mus ver­ließ und jenen schwie­ri­gen Weg nach innen ging, inmit­ten eines Cha­os von Rea­li­täts­zer­fall und Wer­te­ver­keh­rung. Die Metho­de, sol­ches zu erle­ben, war Stei­ge­rung sei­nes Pro­duk­ti­ven, gleich­sam eine Art des per­ma­nen­ten inne­ren Rausches.

Es war die Ära des Auf­stiegs Hai­ders, die von der Pres­se dämo­ni­sie­rend bis hys­te­risch kom­men­tiert wur­de. Die schlimms­ten Befürch­tun­gen schie­nen sich zu bewahr­hei­ten, als im Dezem­ber 1993 eine Serie von rechts­extre­mis­tisch moti­vier­ten Brief­bom­ben­at­ten­ta­ten begann. Eine die­ser Höl­len­ma­schi­nen traf den popu­lä­ren Wie­ner Bür­ger­meis­ter Hel­mut Zilk, der zwei Fin­ger sei­ner lin­ken Hand ver­lor. Zu den Anschlä­gen bekann­te sich eine omi­nö­se “Baju­wa­ri­sche Befrei­ungs­ar­mee”. Erst viel spä­ter soll­te sich her­aus­stel­len, daß sich dahin­ter ein geis­tes­ge­stör­ter Ein­zel­tä­ter namens Franz Fuchs verbarg.

Die Anschlags­se­rie erreich­te ihren Höhe­punkt im Febru­ar 1995 bei einem Bom­ben­at­ten­tat im bur­gen­län­di­schen Ober­wart, bei dem vier Roma durch eine Spreng­fal­le getö­tet wur­den. Die lin­ke Stadt­zei­tung Fal­ter bemüh­te sich dar­auf­hin eif­rig, die FPÖ und inbe­son­de­re die jun­gen Wil­den der “Neu­en Rech­ten” mit den Mor­den in Ver­bin­dung zu brin­gen, ja indi­rekt dafür ver­ant­wort­lich zu machen.

Heft 6/95 stell­te Chris­ti­an Böhm-Ermol­li als deren Wie­ner Rädels­füh­rer hin. Zum Inter­view war er im Out­fit eines “urba­nen Sla­ckers” erschie­nen, und es wur­de berich­tet, daß der “gro­ße Blon­de” häu­fig auf Hard­core-Tech­no-Par­tys im Gaso­me­ter oder in der Are­na gesich­tet wur­de, “den Kör­per zu mono­to­nen Rhyth­men ver­ren­kend und wild ges­ti­ku­lie­rend”, oft “von einer Schar jun­ger weib­li­cher Fans umge­ben”. Der Anschluß an die Tech­no­sze­ne wur­de als geziel­te meta­po­li­ti­sche Koopt­a­ti­on und Ein­fluß­nah­me gedeu­tet, exem­pla­risch für die “Stra­te­gien” der Neu­en Rech­ten, der man nach einem auch heu­te noch übli­chen Mus­ter “Camou­fla­ge”, “Mimi­kry” und “Unter­wan­de­rung” unterstellte.

Ich sel­ber las zwar zu die­ser Zeit regel­mä­ßig den Fal­ter (wenn man cine­phil ver­an­lagt war, war das die bes­te Adres­se), wur­de auf Böhm-Ermol­li aber erst im März 1996 auf­merk­sam, um mei­nen 20. Geburts­tag her­um. In Heft 12/96 erschien ein Nach­ruf, der einen nach­hal­ti­gen Ein­druck auf mich mach­te. Zwar eher unpo­li­tisch, aber im wesent­li­chen die gän­gi­gen libe­ra­len Vor­stel­lun­gen im Kopf, von der FPÖ denk­bar weit ent­fernt und abge­sto­ßen, dabei aber kei­nes­wegs “links”, fiel mir der durch­aus respekt­vol­le Ton auf, mit dem hier von einem Rech­ten gespro­chen wurde.

Böhm-Ermol­li erschien dar­in als “Schlüs­sel­fi­gur des Freun­des­krei­ses, der sich als Avant­gar­de der Neu­en Rech­ten ver­stand”, eine “schil­lern­de Figur”, einer­seits Gen-X-Hard­core-Raver, ande­rer­seits ein Mann mit “Hang zur Mys­tik, zum Katho­li­zis­mus und zur mon­ar­chis­ti­schen Atti­tü­de”, der sich “gegen die über­hol­te Links-Rechts-Ein­tei­lung” aussprach.

Ein Rech­ter, der weder Nazi noch Spie­ßer war – das war mir völ­lig neu und erschien mir auf Anhieb anzie­hend. Der kei­men­de “Rech­te in mir” begann sich bereits zu regen, soll­te aber erst etwa fünf Jah­re spä­ter durch Armin Moh­ler sei­ne “zwei­te Geburt” erfahren.

Aber ich wäre kaum an die­sem Arti­kel fest­ge­klebt, wäre da nicht der letz­te Absatz gewe­sen. Die “Ant­wort” auf den scho­ckie­ren­den Selbst­mord läge viel­leicht “in der Geschich­te jenes Hau­ses” in der Schwarz­s­pa­nier­stra­ße, “in dem Böhm-Ermol­li gelebt hat­te” und in dem er mit zer­fetz­ter Schä­del­de­cke auf­ge­fun­den wurde:

Das Gebäu­de stand auf dem Grund­stück des ehe­ma­li­gen Beet­ho­ven-Ster­be­hau­ses. Und eben­dort war 1903 der Phi­lo­soph Otto Wei­nin­ger, auf den sich Böhm-Ermol­li und sein Freun­des­kreis immer wie­der berie­fen, in den Frei­tod gegan­gen: Auch er hat­te sei­nem Leben durch einen Schuß in den Kopf ein Ende gesetzt.

Dies ist die Grab­in­schrift Weiningers:

Die­ser Stein schliesst die Ruhe­stät­te eines Jüng­lings, des­sen Geist hier­nie­den nim­mer Ruhe fand. Und als er die Offen­ba­run­gen des­sel­ben und die sei­ner See­le kund­ge­ge­ben hat­te, litt es ihn nicht mehr unter den Leben­den. Er such­te den Todes­be­zirk eines Aller­gröss­ten im Wie­ner Schwarz­s­pa­nier­hau­se und ver­nich­te­te dort sei­ne Leiblichkeit.

Wei­nin­ger wur­de in dem ers­ten Fal­ter-Arti­kel zu Böhm-Ermol­li vom Febru­ar 1995 en pas­sant erwähnt, an der Sei­te von Ernst Jün­ger und Hans-Jür­gen Syber­berg. Nun stand er plötz­lich zwar nicht im Zen­trum, aber doch an einem mar­kan­ten Kno­ten­punkt die­ser Geschichte.

Ich kann­te ihn aus dem Film Wei­nin­gers Nacht (1990) von Pau­lus Man­ker, der mich im Alter von 14 Jah­ren mit sei­ner kras­sen Dar­stel­lung von wahn­haf­ten Sexu­al­neu­ro­sen, Anti­se­mi­tis­mus und jüdi­schem Selbst­haß zutiefst scho­ckiert und seit­her nicht mehr los­ge­las­sen hat­te. Offen­sicht­lich spiel­te der Titel des Nach­rufs, “Böhm-Ermol­lis Nacht” auf ihn an. Und nun “klick­te” etwas bei mir. Ein tie­fes Geheim­nis schien die unbe­greif­li­che Tat die­ses selt­sa­men Men­schen zu umgeben.

Die eher dunk­le Fas­zi­na­ti­on, die dar­aus resul­tier­te, war durch­aus ambi­va­lent, denn ich fand Wei­nin­ger ja kei­nes­wegs “gut”. Es war eine sehr ähn­li­che Art von sub­ver­si­ver Ambi­va­lenz, die mich prak­tisch zur sel­ben Zeit zum glü­hen­den Fan von Death in June wer­den ließ, in den Bann geschla­gen durch ein Mix-Tape, das mir eine neu gewon­ne­ne, in die “lore” um Dou­glas P. ein­ge­weih­te Freun­din im Febru­ar oder März 1996 zusam­men­stell­te und schenkte.

Im April 1996 benutz­te ich zum ers­ten Mal schrift­lich den Namen “Licht­mess” (damals noch mit Doppel‑S), und kurz dar­auf begang ich, Speng­lers Unter­gang des Abend­lan­des gie­rig zu verschlingen.

Paul Schr­a­d­ers Mishi­ma (dazu aus­führ­lich in mei­nem Licht­spiel­füh­rer) gehör­te bereits damals zu mei­nen Lieb­lings­fil­men, die Ver­bin­dung zu Böhm-Ermol­li erkann­te ich aller­dings erst viel spä­ter. In mei­nen Zwan­zi­gern ent­wi­ckel­te ich eine hart­nä­cki­ge Beses­sen­heit mit dem The­ma Selbst­mord, wur­de immer wie­der von Todes­wün­schen und ‑sehn­süch­ten heim­ge­sucht, die mich als nun­mehr Fünf­zig­jäh­ri­gen gänz­lich ver­las­sen haben.

Sie hat­te, wie bei jedem Men­schen, der ähn­li­ches in sich ver­spürt, kom­ple­xe Ursa­chen und eben­so kom­ple­xe geis­ti­ge Mani­fes­ta­tio­nen. Sie hat­te nicht bloß einen radi­kal ver­nei­nen­den, son­dern auch einen mys­ti­schen, auf ver­que­re Wei­se radi­kal beja­hen­den, posi­tiv-ener­ge­ti­schen Aspekt, den einer “magisch-theur­gi­schen” Sehn­sucht, ja Gier nach Grenz­über­schrei­tun­gen und tran­szen­den­ten Durch­brü­chen, wie sie Drieu La Rochel­le in sei­nem Gehei­men Bericht schil­dert.

Aber auch die Idee des Selbst­mor­des als Pro­test oder Opfer hat­te eine star­ke Anzie­hung auf mich. Mir schien es For­men des Selbst­mor­des zu geben, die eine zuge­ge­be­ner­ma­ßen ver­zwei­fel­te, aber legi­ti­me Ant­wort auf das Nichts, das Cha­os und die Nacht sind, letz­te, abso­lu­te Akte der Sou­ve­rä­ni­tät, bevor man vom unaus­weich­li­chen und end­gül­ti­gen Tod zer­malmt wird, im Ange­sicht gleich­gül­ti­ger, ewig schwei­gen­der, unend­li­cher Räume.

Und nicht zuletzt sah ich in einem Zusam­men­hang zwi­schen ent­spre­chen­den Din­gen, die in mei­ner eige­nen See­le wirk­sam waren und gewis­sen Vor­gän­gen in der äuße­ren Welt, die ich als Zer­fall, Sui­zid, Unter­gang, Auf­lö­sung, Ver­we­sung wahrnahm.

Und es gab noch einen ande­ren Aspekt, den Yukio Mishi­ma auf exem­pla­ri­sche Wei­se ver­kör­pert hat­te (dies im wahrs­ten Sinn des Wor­tes). „Der Selbst­mord wird in der Stil­le des Her­zens vor­be­rei­tet wie ein Kunst­werk”, schrieb Albert Camus. Mishi­ma faß­te sei­nen Seppu­ku buch­stäb­lich als Kon­zept­kunst­werk auf, als Per­for­mance, in der ech­tes Blut ver­gos­sen wird und nach der sich der Vor­hang für immer schließt. Zugleich war er aber auch ein Pro­test­akt und ein radi­ka­ler Griff nach einer abso­lu­ten Tran­szen­denz, eine ulti­ma­ti­ve Grenz­über­schrei­tung, die Eros und Tha­na­tos mit­ein­an­der ver­mäh­len sollte.

Wir wis­sen bis heu­te nicht, war­um sich Chris­ti­an Böhm-Ermol­li töte­te. Aber ich den­ke, man kann mit Sicher­heit sagen, daß sein Frei­tod weder ein Kunst­werk noch ein Pro­test war und schon gar kein Fanal. Er folg­te offen­bar viel­mehr einem Irr­licht, das in sei­nem ver­mut­lich von Dro­gen (und wer weiß, wel­chen Din­gen noch) zer­rüt­te­ten Geist auf­ge­fla­ckert war.

Nach Aus­kunft sei­nes dama­li­gen Freun­des, eines sehr jun­gen Johann Gude­nus, litt er an Wahn­vor­stel­lun­gen und Ver­fol­gungs­ängs­ten. Er fürch­te­te, die Poli­zei wer­de ihn der Täter­schaft an der Brief­bom­ben­se­rie bezich­ti­gen und ver­haf­ten. Er hin­ter­ließ über­all gehei­me, krpy­ti­sche Bot­schaf­ten an Frei­mau­rer, die angeb­lich hin­ter ihm her waren. Ein höhe­res Wesen hat­te begon­nen, ihm Befeh­le zu ertei­len. Das alles sind deut­li­che Zei­chen einer schwe­ren geis­ti­gen Umnach­tung, einer Psychose.

Wäh­rend er mit sei­ner Freun­din tele­fo­nier­te, nahm er einen Schluck Was­ser, steck­te sich den Gewehr­lauf in den Mund und drück­te ab. Das Was­ser soll den Zweck gehabt haben, den Druck auf die Schä­del­de­cke zu ver­stär­ken, “und der Kopf ist weg, ganz ein­fach” (Gude­nus in Damm­becks Film) – angeb­lich eine tra­di­tio­nel­le Metho­de der k. u. k. Offiziere.

Der Selbst­mord allein hät­te Böhm-Ermol­li nicht zum neu­rech­ten Mythos gemacht. Weit­aus gewich­ti­ger ist eine Erzäh­lung, von der die Nach­ru­fe von 1996 noch nichts wis­sen, und die erst von Lutz Damm­beck als Aus­gangs­punkt sei­nes Films in Spiel gebracht wur­de. In die­ser Ver­si­on erscheint Böhm-Ermol­li als kon­se­quen­ter Kon­zept­künst­ler, der sogar sei­nen Freun­des­kreis “Kon­ser­va­ti­ver Klub” als “Gesamt­kunst­werk” (Damm­beck) auf­ge­faßt habe.

Fol­gen­des war ein­ein­halb Jah­re vor Böhm-Ermol­lis Tod gesche­hen: Im Sep­tem­ber 1994 bra­chen einer oder meh­re­re Unbe­kann­te in einen Raum in der Aka­de­mie der Küns­te ein, in dem 38 Bil­der von Böhm-Ermol­lis Leh­rer Arnulf Rai­ner gela­gert wur­den und über­mal­ten die­se mono­chrom schwarz, wobei sie allein die Signa­tur des Künst­lers unbe­rührt lie­ßen. Auf einem Bild war eine Bot­schaft hin­ter­las­sen wor­den: „Da beschloß er, Aktio­nist zu sein.“ Womög­lich eine iro­ni­sche Anspie­lung auf Mein Kampf, wo es heißt: “Ich aber beschloß, Poli­ti­ker zu werden.”

Die Tat hat­te ganz offen­sicht­lich einen geziel­ten aktio­nis­ti­schen, sym­bo­li­schen Cha­rak­ter: Jener Mann, der vor allem durch sei­ne Über­ma­lun­gen bekannt gewor­den war, war nun selbst über­malt wor­den. War dies eine künst­le­ri­sche Kri­tik, gar eine Nega­ti­on von Rai­ners Kunst­auf­fas­sung? Und ging es nur um Rai­ner allein, oder wur­de er als typi­sches Bei­spiel des “moder­nen Künst­lers” zur Ziel­schei­be gewählt?

Ein Jahr nach dem Anschlag tauch­te ein Beken­ner­schrei­ben auf, ein “anti­mo­der­nes Mani­fest vol­ler Anspie­lun­gen, Zita­te und Ver­wei­se, das die Akti­on in der Aka­de­mie zu begrün­den ver­sucht”, wie es im Meis­ter­spiel heißt.

Dem­nach ging es dar­um, die Moder­ne mit ihren eige­nen Mit­teln zu schla­gen, die ver­bür­ger­lich­ten und eta­blier­ten, als Schar­la­ta­ne denun­zier­ten Bil­der­stür­mer von ges­tern durch neue bil­der­stür­me­ri­sche Akte, dies­mal von rechts, vom Sockel zu sto­ßen, und eine Art Tem­pel­rei­ni­gung und Ver­trei­bung der Händ­ler-Gale­ris­ten und ihrer zynisch und rou­ti­niert gewor­de­nen Kunst­pro­du­zen­ten vorzunehmen.

Durch Damm­becks Film wur­de bekannt, daß Böhm-Ermol­li als Ver­däch­ti­ger gehan­delt und von der Poli­zei unter­sucht wur­de. Hat er die Bil­der Rai­ners wirk­lich über­malt? Hat er auch das Mani­fest geschrie­ben? Die Mit­glie­der und Hin­ter­blie­be­nen des “Kon­ser­va­ti­ven Klubs” äußer­ten, sie wüß­ten es nicht, aber sie fän­den es gut, wenn er es gemacht hatte.

25 Jah­re spä­ter, im Dezem­ber 2019, ging die Mel­dung um, das Atten­tat sei geklärt wor­den. Der Kurier schrieb:

Im Rück­blick war das “Atten­tat” für Rai­ner “das scho­ckie­rends­te Erleb­nis” sei­nes Lebens: “Vor lau­ter Auf­re­gung bekam ich einen Hirn­schlag. Ich ließ mich im Jahr dar­auf eme­ri­tie­ren. Aber jetzt end­lich wis­sen wir, dass der Täter ein Stu­dent der Aka­de­mie war. Er war psy­chisch sehr krank, und er war frus­triert, weil er erfolg­los war. Er war ein­fach nei­disch. Er hat sich umge­bracht. Wir haben daher sei­ner Mut­ter ver­spro­chen, den Namen nicht zu nennen.”

Ohne Zwei­fel ist damit Chris­ti­an Böhm-Ermol­li gemeint. Als ich die­sen Arti­kel las, jubel­te ich inner­lich. Er hat­te es getan! Er hat­te es tat­säch­lich getan! Der Kern des Mythos ist bestätigt!

Aber stimmt das wirk­lich? Es wur­de nicht bekannt gege­ben, wel­che foren­sisch rele­van­ten Bewei­se nach so lan­ger Zeit auf­ge­taucht sein sol­len. In der Tat ist der ein­zi­ge Beleg die Aus­sa­ge Rai­ners selbst.

Und die­ser stand von Anfang an unter Ver­dacht, selbst der Täter gewe­sen zu sein und wur­de zeit­wei­se sogar von der Poli­zei als Haupt­ver­däch­ti­ger gehan­delt. Nur er hat­te den Schlüs­sel zu dem Lager­raum beses­sen, und die sau­ber und sorg­fäl­tig durch­ge­führ­te Tat bedurf­te eines gro­ßen Auf­wan­des an Zeit und Mate­ri­al. Man höre sich in Damm­becks Film an, was Rai­ners Assis­tent Karl Hika­de über den Tat­her­gang zu sagen hat. Die Ver­dachts­mo­men­te sind gewich­tig, wenn nicht gar schlagend.

Wenn es nun aber Rai­ner sel­ber war (aus wel­chen Grün­den auch immer), dann muß nicht auch das Mani­fest-Beken­ner­schrei­ben zwangs­läu­fig von ihm stam­men. Es könn­te jemand geschrie­ben haben, der sich an die Geschich­te “ran­ge­hängt” hat.

Was blie­be dann noch vom Mythos Böhm-Ermol­li übrig, wenn sein Frei­tod weder ein Mishi­ma noch ein Ven­ner noch eine lite­ra­risch-poe­ti­sche Tat war; und wenn er doch nicht der Täter einer geni­al “kon­ser­va­tiv-sub­ver­si­ven Akti­on” war, lan­ge Zeit bevor Götz Kubit­schek und Felix Men­zel (mit mei­ner Betei­li­gung) ähn­li­ches ver­such­ten, was wie­der­um die spä­te­ren Aktio­nen der Iden­ti­tä­ren in ihrer Früh­zeit beeinflußte?

Ihn ret­tet die Tat­sa­che, daß so vie­le Rät­sel die­ses Poli­tik- & Kunst-Kri­mis unge­löst blei­ben. So hält sich auch der Nim­bus der Gestalt Chris­ti­an Böhm-Ermol­lis und der Geschich­ten und Geheim­nis­se, die sich um ihn ran­ken, offen für Inter­pre­ta­tio­nen, Asso­zia­tio­nen, Spe­ku­la­tio­nen und “Spin-Offs”.

Min­des­tens bleibt eine Art Gespenst, eine “Haun­to­lo­gie”, die am Beginn mei­nes Weges zur Neu­en Rech­ten stand, und die über Jahr­zehn­te hin­weg immer wie­der zu mir zurück­ge­kehrt ist.

Am 15. März 2013 zeig­te ich Das Meis­ter­spiel in Wien im Rah­men eines iden­ti­tä­ren Film­abends, bei dem etwa drei­ßig Zuschau­er anwe­send waren, hof­fend, daß hier ein Fun­ke über­sprin­gen wür­de, der künf­ti­gen Aktio­nen einen Impuls und ein Geprä­ge geben könnte.

Am 19. Okto­ber 2013 besuch­te ich Mar­tin Sell­ner in Baden. Ein schier unglaub­li­cher Fall von Syn­chro­ni­zi­tät ereig­ne­te sich: Nach­dem wir uns aus­gie­big über den “Fall” Böhm-Ermol­li unter­hal­ten hat­ten, stol­per­ten wir über eine Akti­on mit dem Titel “Eines Tages kam einer und über­mal­te Rai­ner” vor dem Arnulf-Rai­ner-Muse­um im ehe­ma­li­gen Frauenbad.

Ein Künst­ler namens Alex­an­der Don­ho­fer lud dazu ein, Pos­ter von Rai­ner-Gemäl­den mit Wachs­mal­krei­den zu über­ma­len, die sich dafür aller­dings als denk­bar unge­eig­net erwie­sen. Mar­tin Sell­ner und ich began­nen mun­ter, klei­ne gel­be Lamb­das auf die Pos­ter zu malen. Das Ergeb­nis erwies sich jedoch als der­art unbe­frie­di­gend, daß ich mir am nächs­ten Tag gel­be Acryl-Far­be kauf­te, um zuhau­se den Slo­gan “Da beschloß er, Aktio­nist zu sein” auf das Pla­kat zu malen, als Hom­mage an die Dammbeck-Rainer-Böhm-Ermolli-Legende.

Und nun also, um an den Anfang die­ses Rück­blicks zurück­zu­keh­ren, die geheim­nis­vol­le Col­la­ge, die mir eine unbe­kann­te Per­son via Schnell­ro­da im Janu­ar die­ses Jah­res hat­te zuschi­cken lassen.

Ich erkann­te sofort, daß es sich um eine sym­bo­li­sche Umkehr eines unheim­li­chen Arte­fak­tes han­del­te, das ein Jahr nach dem Tod Böhm-Ermol­lis sei­nen engs­ten Freun­den von einem anony­men Absen­der zuge­schickt wor­den war: Eine Post­kar­te mit einem aus­ge­schnit­te­nen, unvor­teil­haf­ten Bild­nis Böhm-Ermol­lis, auf sei­ner Stirn eine “Schwar­ze Son­ne” pran­gend. Dazu der aus Zei­tungs­buch­sta­ben zusam­men­ge­stü­ckel­te Spruch: “Schö­ne Grü­ße aus dem Jenseits.”

Offen­sicht­lich beab­sich­tig­te der Absen­der, Böhm-Ermol­li und sei­ne Freun­de zu ver­höh­nen. Die­se Col­la­ge hin­ge­gen war eine Hom­mage. Als Grund­la­ge hat­te der Künst­ler eine Kreuz­über­ma­lung Rai­ners benutzt. Ein roter Farb­fleck über Böhm-Ermol­lis Kopf mag das Blut sym­bo­li­sie­ren, das aus der explo­die­ren­den Schä­del­de­cke aus­trat, oder auch eine Flam­me (ein Irr­licht?), die sei­nem Geist ent­springt. Der Künst­ler hat­te die­se rote Flam­me zu einer Art Strah­len­kranz erwei­tert, die schwar­ze Todes­spin­ne von Thu­le erset­zend. Die deut­lichs­te Umkeh­rung war der Spruch “Gruß aus dem Dies­seits”. Nicht der Tote grüß­te die Leben­den, ein Leben­der grüß­te den Toten.

Eine Woche spä­ter lern­te ich auf einem Kon­zert eine Runen­an­hän­ger tra­gen­de Gym­nas­tik­leh­re­rin ken­nen, die sich zu mei­ner Ver­blüf­fung als aus­ge­spro­che­ne Ken­ne­rin des Böhm-Ermol­li-Mythos her­aus­stell­te. Sie erin­ner­te mich dar­an, daß sich am 5. März sein 30. Todes­tag jähr­te. Dar­über­hin­aus hat­te sie her­aus­ge­fun­den, daß sei­ne Grab­stät­te ab 13. März 2026, dem 30. Jah­res­tag sei­nes Begräb­nis­ses, auf­ge­las­sen wer­den würde.

Nun begriff ich end­lich die geheim­nis­vol­le Col­la­ge als eine Auf­for­de­rung an mich, eine Zeit­schlei­fe zu knüp­fen. Sekun­diert von Chris­toph Lemp, einem Vete­ra­nen der Tech­no­sze­ne der neun­zi­ger Jah­re, bega­ben sich “Astra­le Avant­gar­de” und ich am 5. März 2026 auf den Hiet­zin­ger Fried­hof, um Chris­ti­an Böhm-Ermol­li zu geden­ken. Der vier­te im Bun­de war Ger­hard Hall­statt von “Aller­see­len”, der unse­re Akti­on fotographierte.

Drei wei­ße Rosen, die “Grü­ße aus dem Dies­seits” (denen ich ein Datum des Tages, aus­ge­schnit­ten aus der Kro­nen­zei­tung, hin­zu­füg­te) und die ver­häng­nis­vol­le ori­gi­na­le Fal­ter-Aus­ga­be, die mich im März 1996 in ihren Bann gezo­gen hat­te, dien­ten als Sigi­li­en unse­rer Ver­eh­rung und, ja, Dankbarkeit.

Der blank­po­lier­te Grab­stein glich einem schwar­zen Spie­gel. Wir blick­ten in ihn hin­ein, und sahen kein Geheim­nis, kei­ne Ant­wort auf die Rät­sel die­ses “Fal­les”; aber wir sahen und erkann­ten uns selbst: GNOTHI SEAUTON.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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Kommentare (60)

FraAimerich

13. März 2026 20:14

Dazu möchte ich ausnahmsweise mal Sebastian Schwaerzel zitieren:
"Und wie das treffende Wort über die Gesamtlage ('gefickt zu sein') schon andeutet, ist das 'Ja' zum Leben nie wirklich verhandelbar und noch weniger einvernehmlich."
Darum - alles für die Kunst!

Le Chasseur

13. März 2026 20:35

"durch Selbstmord à la Kurt Cobain mittels Gewehrlauf im Mund"
Forensiker erheben Zweifel an Todesursache von Kurt Cobain
 

Franz Bettinger

13. März 2026 20:58

Recht unterhaltsam, das Ganze; im Film vor allem die 1-minütige Sequenz ab 32:34’ betitelt „Der Führer kommt“. 

Monika

14. März 2026 07:48

Ich halte es, gelinde gesagt, für äußerst kritisch, von einem Suizid "als Mythos" oder "Opfermythos" zu sprechen !!! Man sollte immer auch den sogenannten Nachahmungseffekt im Auge behalten. In Wien und andernorts gibt es junge Leute mit traurigen Augen, die getrieben sind von dem Gedanken, den "Untergang des Abendlandes" durch Aktivismus abzuwenden und darin ihren Lebenssinn sehen, so wie die Linksgrünen den Klimatod der Erde verhindern wollen. ( Auch von dieser Richtung ist mir ein Suizid bekannt 😢). Also, bitte sensibler mit diesem Thema umgehen!!https://kriseninterventionszentrum.at/wp-content/uploads/2025/04/Leitfaden-zur-Berichterstattung-ueber-Suizid_2025.pdf

Monika

14. März 2026 07:52

Wer denkt schon daran, wenn er sich in den Kopf schießt, wie es dem Auffinder bei diesem Anblick ergeht. Kenne einen dieser Auffinder. Er hätte sich diese Erfahrung lieber erspart. Otto Weiniger soll sich ins Herz geschossen haben. Auf dem Totenbett sieht er jedenfalls noch recht ansehnlich aus. 😢

Boreas

14. März 2026 09:19

Ich erinnere mich noch sehr gut, wie uns in der Schriftleitung von "Sigill" die Nachricht von der Entkörperung Böhm-Ermollis erreichte. Wir waren geschockt und fasziniert zugleich. Erschreckend, wie schnell 30 Jahre vergehen. Aber Stil und Grandezza sind zeitlos, daher sei auch der heutigen Jugend sowohl das Wirken Böhm-Ermollis als auch Dammbecks Film ans Herz gelegt. Danke für die Erinnerung, Martin Lichtmesz!

Franz Bettinger

14. März 2026 09:33

Ich, ein Atheist, der gern gläubig wäre, kann mir nicht erklären wieso mich die Vorstellung von Reinkarnation (& der damit verbundenen Gnadenlosigkeit, aber auch Gerechtigkeit) gepackt hat. Es ist ein Märchen, eine Fantasie und für den, der daran glauben will, eine Religion. Aber eine in sich logische & attraktive; eine, die ich willkommen hieße; obwohl mich das Kapitel über den Selbstmord, der ganz und gar ! verwerflich sei, erschrocken, ja fast deprimiert hat; war mir der Gedanke an Suizid doch immer ein Trost, ein Ausweg, falls das Schlamassel mal zu groß würde. Und nun ist auch dieser Pfad verstellt. 

Franz Bettinger

14. März 2026 09:38

Wie man sich das vorzustellen hat, zu sterben, vom Diesseits der Erde ins Jenseits zu gelangen, & auf Wunsch (!) wieder zurück ins Hier und Heute? Wieso einer überhaupt das Abenteuer Erde angehen will, und das 300.000-jährige Sein im Dies- und im Jenseits zum Gegenstand seines Ichs machen will? Das Zerrbild der Jahre 1939 bis 1945 hat die Menschheit verwirrt. Die heutige Präsentation jener Jahre ist ein Zerrbild, also fast eine Fälschung. Das Zerrbild selbst aber (also nicht die Nazi-Zeit, wie sie wirklich war) das Zerrbild ist ein Spiegel der Jetzt-Zeit. Irre!  

Le Chasseur

14. März 2026 10:48

@Franz Bettinger
"obwohl mich das Kapitel über den Selbstmord, der ganz und gar ! verwerflich sei, erschrocken, ja fast deprimiert hat; war mir der Gedanke an Suizid doch immer ein Trost, ein Ausweg, falls das Schlamassel mal zu groß würde."
„Der Gedanke an den Selbstmord ist ein starkes Trostmittel: mit ihm kommt man gut über manche böse Nacht hinweg.“ --Friedrich Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse
"Und nun ist auch dieser Pfad verstellt."
Wieso? Wenn Sie dieses Leben nicht mehr ertragen, begehen Sie eben Selbstmord, und ein neues Leben beginnt. Man kann ja auch mal Glück haben. If the life will not change, we will change the life.
"Wie man sich das vorzustellen hat, zu sterben, vom Diesseits der Erde ins Jenseits zu gelangen, & auf Wunsch (!) wieder zurück ins Hier und Heute?"
Ich glaube nicht, dass man eine Wahl hat, ob, wann oder wo man wiedergeboren wird. Es gibt einen ja auch nicht mehr, die Persönlichkeit ist ja weg.

Umlautkombinat

14. März 2026 11:24

Reinkarnation... eine Fantasie... Aber eine... attraktive

Nicht fuer die groessten Religionen, die sie als Bestandteil haben. Das nehme ich zugegebenermassen allerdings schon vielen Buddhisten nicht wirklich ab, man kann sich in diesem - nach Vorgabe zu beendenden - Zyklus auch ganz komfortabel einrichten.
 

Ein gebuertiger Hesse

14. März 2026 11:30

Krasse Geschichte. Nicht zuletzt für sowas ist man rechts.

RMH

14. März 2026 12:54

"wie uns in der Schriftleitung von "Sigill""
@Boreas, vielen, vielen Dank für das damalige Schaffen (auch an ggf. andere Mitarbeiter dieser Zeitschrift). Habe jede Ausgabe der Zeitschrift gekauft und mit großem Interesse wirklich jedes Mal komplett gelesen. Als es dann "Eis & Licht" wurde, nach den ersten 1-2 Ausgaben nicht mehr (evtl. gab es davon auch nicht mehr, kann mich nicht mehr genau erinnern - ich muss in den Kisten von damals einmal wühlen gehen, auf jeden Fall war das dann nicht mehr das, was man bei Sigill gefunden hat. Aber irgendwann erging ja auch das Verdikt "Rechts" über die Neofolk- Szene und da war dann das spielerisch, träumerische, die Begeisterung für Kultur, die nicht auf Seite 1 stand, recht bald vorbei). Ja, wer die 90er bewusst erlebte und ein bisschen in die Nischen und Subkultur ging, der hat dort ein Aufblühen erlebt und eine Freiheit, wie es sie danach nie wieder gab in diesem Land. Im Nachhinein betrachtet kommen einem das Aufblühen der Subkulturen (war ja nicht nur die, die in Zeitschriften wie Sigill präsent war, war in allen Bereichen so), überhaupt die 90er, wie eine kräftige Notblüte eines sterbenden Baumes vor, hier der deutschen Eiche. 
PS: Den eigentlichen Artikel von M.S. muss ich erst noch weiter auf mich wirken lassen.

Ekstroem

14. März 2026 13:17

@Franz Bettinger Ihre Faszination für die Reinkarnation ist mir sehr verständlich. Selbst aus einem atheistischen Umfeld kommend, sah ich das Leben lange als sinnlos an. Als ich später Reinkarnation und Karma für mich akzeptierte, "rastete alle ein". Die Dinge machten plötzlich Sinn. Jahre später stieß ich auf das Buch "Die Reisen der Seele". Darin wird das Leben zwischen den Leben illustriert. - Jeder geht seinen Weg, den nur der Einzelne selbst gehen kann. Hier gibt es kein richtig oder falsch. Als Anregung der Netzverweis zum obigen Buch: https://www.amazon.de/Die-Reisen-Seele-Fallstudien-Astroterra/dp/390702950X

heinrichbrueck

14. März 2026 13:19

"Sterben ist Mist, der Tod aber schön." Gabriele Wohmann 
Irgendwie muß man es ja sehen. 

nom de guerre

14. März 2026 13:33

@ Le Chasseur
Wenn die Persönlichkeit weg ist, frage ich mich, wer oder was dann eigentlich wiedergeboren wird.
Aber zum Artikel: hab gestern Abend noch spät den Text aus der alten Sezession gelesen. Höchst faszinierend. Werde ihn vllt sogar noch mal lesen (und den Dammbeck-Film schauen), so fremd auf der einen und auf der anderen Seite aber doch interessant (ist ein zu schwaches Wort, passenderes fällt mir gerade nicht ein) wirkt der Verstorbene auf mich.
Nebenbei bemerkt sehe ich im vorliegenden Text keinen unsensiblen Umgang mit dem Thema Suizid, im Gegenteil finde ich es sehr beruhigend zu lesen, dass man, nach dem, was der Autor schreibt, Selbstmordgedanken, die einen über einen längeren Zeitraum begleitet haben, offenbar auch überwinden kann.

Ekstroem

14. März 2026 13:34

@Franz Bettinger 2: "Wie man sich das vorzustellen hat vom Diesseits ins Jenseits und zurück" Einen kleinen Einblick gibt das Buch von Michael Newton, das ich im ersten Kommentar empfohlen habe. 

Maiordomus

14. März 2026 14:40

WERTVOLL ZU ERFAHREN, wie ML jung zu sich kam. Man versteht nun seinen Filmgeschmack besser.Von Ermolli zu Mishima, dem.Harakiri-Edelterroristen. Teil-Verschwisterung der sog. Konservativen Revolution mit Nihilismus, was man nicht aushält: da hilft am Ende Mohler als Orientierung. Jahrgang 1965!  Wie 2 für mich genialische Schüler, einer Spitzen-Historiker u. Antiquar v. Museum originellster Heimat-Autoren; der andere Theologe u.dem Studienkollegen, nun Bischof, um Welten voraus. ML verkörpert in seinem Land Ungnade später Geburt, 1a-Kaffeehausliteraten zu früh weggestorben: A. v. Lernet-Holenia; Umfeld von Richard v, Schaukal, so Schwiegertochter, die zuvor Reinh.Schneider per Heirat aufheitern wollte; Stifter-Vermittler H. Eisenreich, scharfer Th.Bernhard-Kritiker; Kuehnelt-Leddihn; der linkskonservative Friedrich Heer. Fast alle mit Zweig u. Hofmannsthal einst bekannt. Man ist versucht, MLs denkwürdige überfantasievolle Selbstmörder als verzweifelte Schnüffler an einer leeren Flasche zu bemitleiden. Zu obigem Kreis passte prima E. Ionesco: Salzburg 1972! Alle kommunikabel, fern vom 68er Ungeist, Wohltat für deren junge Verweigerer!

RMH

14. März 2026 15:41

Danke für den Artikel, habe mir das volle Programm mit Dammbeck-Film, erneuter Lektüre des 2007er Sezessions Artikels und allen weiteren links gegeben. 

RMH

14. März 2026 15:50

Habe bei meinem ersten Beitrag etwas durcheinander gebracht. Das Nachfolge Magazin des legändären Sigill Magazins hieß, wenn ich mich jetzt nicht schon wieder falsch, sondern diesesmal richtig erinnere, natürlich Zinnober und nicht Eis & Licht, letzteres war ein Label.

Maiordomus

14. März 2026 16:48

@Lichtmesz. Meinte das mit der "Ungnade der späten Geburt" Ihnen gegenüber nicht despektierlich. Sie wissen selber , in welchem Ausmass, wie es Herbert Eisenreich und andere kritisierten, mit der Generation um Th. Bernhard und Jelinek nicht durchwegs, sondern vielfach eine Null-Epoche angebrochen ist. Jedenfalls würde ich Autoren wie Alexander Lernet-Holenia, erst recht Richard von Schaukal , die wie Max Mell zunehmend vom Nebel des Vergessens bedeckt sind, im Sinne Ihrer kulturgeschichtlichen Perspektive nicht nur nicht unterschätzen, sondern aus der Perspektive eines Ewigen Vorrages deutscher  Poesie sehen, Lernet-Holenia wird mit einem meisterhaften noch expressionistischen Gedicht in "Winter in Wien" zitiert. Und natürlich ist die Generation Hofmannsthal nun mal eine Kulturliga exquisitester Art. Es bleibt für mich aber dabei, dass Ihre Essays und Rezensionen gerade für Literaten meiner (früheren) Generation, für mich noch und noch, eine Quelle horizontüberschreitender Entdeckungen sind. Von der ö. Hochprominenz bleibt Handke jederzeit auch weltbildkonstitutiv zu beachten, ein bedeutender Zugang zu ihm war für mich "Über die Dörfer". Auch sein Verhältnis zur Vaterschaftsthematik bleibt wertvoll.  

Andreas Stullkowski

14. März 2026 18:00

Es ist nicht nur der Selbstmord an sich entscheidend, sondern die Art des Selbstmord.
Mishimas Selbstmord als öffentliche Zelebrierung und Rückbesinnung auf die japanische Tradition hinterlässt eine große Erinnerung an das Todesereignis und auch einen Leichnam, den man zustimmend betrachten kann. Es ist melancholisch, aber im Grunde lebensbejahend und vielleicht sogar zukunftsgewandt.
Böhm-Ermollis Selbstmord, allein zu Hause und mit grösstmöglicher Entstellung, ist etwas grundsätzlich anderes: Selbsthass und die Zerstörung der Welt, an der man nichts Schönes finden kann. Da gibt es nichts daran zu feiern.
Daran ändert auch sein Bezug auf Weininger nichts, der auch den nicht entstellenden Tod wählte.
Man muss sich nur die Todesbilder von Mishima, Weininger und Böhm-Ermolli ansehen, um den Unterschied zu begreifen.

Old Linkerhand

14. März 2026 19:29

Als 65er bleibt mir eine Existenz zwischen Prostatauntersuchung und Darmspiegelung. Heute Abend auf den Bilderstürmer und den Tekknostaufer im Götterolymp angestoßen. 

Karl

14. März 2026 20:31

1 von 2:
Der Schluck Wasser als letzter Booster vor dem Gewehrlauf im Mund – makaber. Menninger würde seine drei Todestrieb-Elemente abhaken: töten (Aggression) – getötet werden (Selbstbestrafung) – tot sein (Todeswunsch). Bei Männern maskiert sich schwere Depression oft als Aggression, Reizbarkeit, impulsive Gewalt und Autoaggression. Aggression ist bei Männern ein stärkerer Prädiktor für Suizidrisiko als Depression. Dazu noch Wahn, Paranoia, Drogen: ein klassischer Cocktail. Gar nicht romantisch. Während hier Einige ihre Suizidgedanken („der Gedanke daran ist schon Erleichterung“) teilen, frage ich mich: Romantisieren wir einen explodierten Schädel zum Mythos? Die meisten Suizide sind ambivalent und impulsiv – 90 % der Überlebenden eines Versuchs bereuen ihn später. Von denen, die einen schweren Suizidversuch medizinisch überleben, sterben mehr als 90 % später nicht durch Suizid. (Owens et al. Br J Psychiatry, 2002). Romantisierung tötet. Wer Suizid als „heroisch“, „edlen Abgang“ oder „letzte Freiheit“ darstellt, löst den Werther-Effekt aus (Goethes Roman 1774, danach Suizidwelle). Glorifizierende Berichterstattung oder Medien steigern die Suizidrate um 29 %. Leitlinien der Suizidprävention fordern: Nie glorifizieren, nie als heldenhaft oder ehrenvoll darstellen. Das produziert einen „coolen" Pseudo-Ausweg.

Karl

14. März 2026 20:35

2 von 2:
Der Papageno-Effekt (nach Mozarts Zauberflöte 1791) ist der positive Gegenpol zum Werther-Effekt. Statt dass Medienberichte über Suizide (mit Details zu Methode, Glorifizierung oder Prominenz) Imitationen auslösen, können produktive Erzählungen suizidale Gedanken reduzieren, Hilfesuche steigern und letztlich Suizidraten senken (Niederkrotenthaler et al.: Role of media reports in completed and prevented suicide: Werther vs. Papageno effects. Br J Psychiatry. 2010 197:234-43). Die echte Souveränität ist das Weiterleben. Camus hat’s in „Der Mythos des Sisyphus“ klar gesagt: Die Revolte gegen das Absurde ist nicht der Sprung in den Tod, sondern das bewusste Weiterleben trotz allem. Nietzsche? „Amor fati“ – Liebe zum Schicksal, nicht Flucht davor.

Karl

14. März 2026 20:54

Nachtrag: 
Ich vergaß als Quelle zum Werther Effekt folgende Literatur anzugeben: Shaman et al. Quantifying suicide contagion at population scale. Sci Adv. 2024  2;10(31):eadq4074. 
Zur Literaturangabe beim Papageno-Effekt ist vielleicht noch anekdotisch anzumerken, dass diese Arbeit von einer Arbeitsgruppe aus Wien stammt  (Department of General Practice and Family Medicine, Center for Public Health, Medical University of Vienna). Der Autor des hier thematisierten Artikels (ML) ebenfalls und der geschilderte makabre Suizid trug sich ebenfalls in Wien zu.
Besitzt Wien vielleicht eine besondere suizidale Affinität?

Ekstroem

14. März 2026 21:12

@ Le Chasseur und @ nom du guerre "Wer oder was wird eigentlich wiedergeboren?" Die Frage zielt auf den Kern. Die Persönlichkeit (Persona) ist die jeweilige Schauspielermaske, die der unsterbliche Wesenskern (die Seele) in der entsprechenden Inkarnation trägt. So ist die ganze Welt die Bühne der Seele (Shakespeare, Wie es euch gefällt). Wie das abläuft wird in "Die Reisen der Seele" (siehe 14.3., 13:17) ganz gut erklärt. - Wiedergeboren wird die Seele.

Boreas

14. März 2026 21:19

@RMHJa, der Nachfolger von "Sigill" war, Evola-inspiriert,2000 "Zinnober" bis 2003, danach gab es noch kurz "Zwielicht". "Eis & Licht" war ein Tonträger-Verlag, ursprünglich von Stephan P. gegründet, um die erste Lichtscheibe von "Orplid" herauszubringen, später weitergeführt und mit einigen Preciosen der damaligen "Neuen Deutschen Tonkunst" wie der ersten Veröffentlichung von "Forseti", "Sonne-Hagal", "Leger des Heils" oder "Scivias" und legendären Anthologien wie "Cavalcare la tigre" oder " Das Graue Corps". Schön war die Jugend. Einem Landsmann von Martin Lichtmesz, Gerhard Petak alias "Allerseelen" verdankten wir damals unzählige Themenimpulse, die dann auch wieder eine Brücke zu Böhm-Ermolli schlugen.

Gracchus

14. März 2026 21:50

Von Böhm-Ermolli hatte ich nie gehört. Habe mir den Dambeck-Film angesehen und den Lichtmesz-Artikel gelesen. Die Über-Malerei des Arnulf Rainer wirkt von heute aus tatsöchlich so, als würde sie sich aus eben der destruktiven Energie des NS speisen. Ich habe noch keinen Rainer im Original gesehen, vielleicht ist es dann anders. 
Diese Aktionen, so meine Sicht, bringen daher das "Faschistische" der Popkultur und der Kunst-Avantgarde, überhaupt des Sozialen, zum Vorschein, aber gewissermaßen affirmativ und als offenbares Geheimnis. 
Selbstmord-Gedanken in Dauerschleife sind mir aus der Pubertät bekannt. Es war aber immer nur der Gedanke, blieb abstrakt. Zweierlei tröstete daran: frei zu sein und es gibt noch eine andere Welt. 

Gracchus

14. März 2026 21:57

@Franz Bettinger: Was ist denn daran gerecht, wenn man fortwährend wiedergeboren wird? Und was ist das Ziel? Endlich nicht mehr zu sein? Man muss sich seine Vernichtung also quasi erst verdienen? Wenn das mal keine pessimistische Weltsicht ist! Gerne gläubig sein wollen, aber eine gnadenlose Welt vorziehen - schließt tatsächlich aus.
Interessant: Was man einem gütigen Gott nicht durchgehen lässt (Theodizee), so doch einem unpersönlichen Karma-Schicksal. Es hat natürlich etwas Tröstendes: Die Welt wäre in Ordnung, kein Unschuldiger würde leiden, wir befinden uns alle im Karma-Vollzug.

RMH

14. März 2026 22:14

Ich empfinde es als Interessant, dass für mich bei Artikeln, Film etc. der Suizid weniger in den Vordergrund gerückt ist, als bei anderen Kommentatoren. Es war aus Film & Artikel m.M.n. sehr klar erkennbar, dass hier der letzte Schritt durch eine recht klar mitgeteilte psychische Erkrankung ausgelöst wurde & nicht durch romantischen Übermut oder Drang zu künstlerischer Inszenierung. Schade, dass das Grab jetzt aufgelöst wurde (auch so eine Unsitte unserer  "christlichen" sog. Sepulkralkultur). Als ehem "Szenebesucher" spricht mich viel an. Es war die Zeit, wo es fast schon eine Ehre war, wenn man einen der sehr anspruchsvoll gest. Flyer zu einer neuen Veranstaltung an einer oft sehr spannenden "Location" persönlich in die Hand bekommen hat & man sowas nicht gleich sofort weggeworfen hat, wie es heute der Fall wäre. Es war die Zeit, wo der usprüngliche Techno, der düster war, oft auch aus der EBM-Richtung stammend, auf einmal aus seiner maschinellen, stahlgewittrigen Ecke geholt wurde & verhippiisiert wurde, auf einmal gabs eine "Love Parade" & es wurde das gemacht, was man bei der counter culture in den 60er schon gemacht hat, es gab eine Love&Peace Kommerzialisierung (&Kanalisierung), die mich dann eher bei Industrial, Power-Electronics & anderem abbiegen liesen. Zumal derartige Abende musikalisch abwechslungsreicher waren, es gab die Folk-Runde, Industrial Noise & alles hat sich abgewechselt.

Guilelmia

14. März 2026 22:20

Martin Lichtmesz ist vielleicht derjenige, der nebst dem Spiritus rector der Sezession der Komplexität des heiligen Deutschlands gerecht werden kann und sich daher zu Recht den Namen Licht zur Erleuchtung der Heiden zugelegt hat. Ich meine: zur Erleuchtung der deutschen Heiden. – Ave Martin, morituri te salutant.

Andreas J

14. März 2026 22:22

Inspirierende Geschichte, falls man das so pietätlos sagen darf und hat für mich abseits der intellektuellen Dimension (TV-)Krimi Vibes, in meiner Fantasie ins München der 80er verlagert. Dort wird bei der Bilderstürmerei ein Wachmann erschossen. Derrick verhört Böhm-Ermolli, recherchiert sein Umfeld (inkl. obligatorischem Besuch eines Szene-Clubs mit drogenversunkener Musik), ist, gemäß des üblichen Serien-Narrativs des zunächst falschen Verdächtigen, an ihm dran, überzeugt den Täter vor sich zu haben („Nein Harry, ich bin mir ganz sicher. Hast du seine Augen gesehen?“). Im letzten Filmdrittel rückt Rainer langsam in den Fokus und in der letzten Szene klingelt Derricks Telefon im Büro, er meldet sich „Derick..Ja?...Wann?...Und es gibt keinen Zweifel?“, legt auf, niedergeschlagene Miene, sagt zu Harry: „Böhm hat sich umgebracht“ - Schlussmusik. 
 
 

Le Chasseur

14. März 2026 22:40

@nom de guerre"Wenn die Persönlichkeit weg ist, frage ich mich, wer oder was dann eigentlich wiedergeboren wird"
Ekstroem hat Ihre Frage ja schon beantwortet. Es gibt ja auch den Begriff  "Seelenwanderung".

Pit

15. März 2026 02:26

Auf mich wirkt das alles primär selbstgefällig.

ofeliaa

15. März 2026 04:15

Auch ich ertrage das Leben nur durch Inspirationen, vor allem durch die Musik. Ich verstehe die hier im Text beschriebene fundamentale Inspiration, die da stattgefunden hat. Aber was würde es heutzutage bedeuten, so rebellisch zu sein? Sich als Aktivisten zu bezeichnen? Nun ich sage es ganz ehrlich, es würde bedeuten ein Rebel in der Wissenschaft zu werden. So viele Themen sind unterforscht, weil Universitäten das immer gleiche offiziell geduldete Themensortiment an fleißige Studenten verschachern wie Kokain am Bahnhof. Wenn ich Mahler höre, hört für mich jeglicher emotionaler Schmerz schlagartig auf. Klassische Musik ist meine Offenbarung. Doch ich bin keine, die in der Kunst vor der Realität flüchtet. Ich frage mich stattdessen, ob man vielleicht auch körperliche Schmerzen mithilfe der Musik beeinflussen könnte. Doch dazu wird nicht geforscht. Versteht ihr mich und was das mit dem Text hier zu tun hat? Heute ist es wichtiger statt Kunst und Philosophie zu betreiben, zu Themen wie moderner Medizin, Empathie, Kommunikation zu forschen. Alles andere ist um ehrlich zu sein, eine zu leichte Lebenshaltung. Rebellisch sein ja, aber immer im Sinne der Gemeinschaft, sodass man das tut, was gebraucht wird um kollektiv in eine bessere Zukunft zu gehen. Für denjenigen, der die menschliche Aufgabe verstanden hat - die immer darin liegt, einen Funken in anderen zu bewegen - für den ist der Suizid automatisch so weit entfernt, dass es dafür kein offizielles Distanzmaß mehr gibt.

Rheinlaender

15. März 2026 07:38

@Andreas Stullkowski
Mishima fasziniert mich, seitdem ich mit 18 eine linke Verurteilung seines Lebens und seiner Ideen las, die alles anprangerte, was mir daran gut und richtig zu sein schien. Mittlerweile habe ich aber Distanz zu ihm gewonnen, weil ich den Eindruck habe, dass er in erster Linie nur einen schönen Tod inszensieren wollte und die von ihm gewählten Bezüge auf Dienst, Soldatentum und Tradition nur Staffage waren. Dahinter verbarg sich offenbar ein masochistischen (homo-)sexuellen Impulsen verstärkter Todestrieb. 

Monika

15. März 2026 08:15

@Karl "Besitzt Wien eine suizidale Affinität ? " Ich denke schon, vor allem aber den Hang zum Morbiden und "Abartigen". Vielleicht sollte man Beethovens Sterbehaus in die Liste morbider Sehenswürdigkeiten aufnehmen. https://28ideas.de/morbides-wien/
Statt Arnulf Rainer zu übermalen, hätte man seine Bilder auch in einer künstlerischen Aktion im Stile Herman Nitsches mit Blut überschütten können oder sich direkt über den Bildern erschießen können. 😱Hermann Nitsches Totenmesse hielt übrigens mein damaliger Frankfurter Heimatpfarrer, der Jesuit Friedhelm Mennekes.Der stellte in unserer Pfarrkirche in Frankfurt Nied auch schon mal Joseph Beuys aus. Auch der österreichische Künstler Alfred Hrdlicka, Freund Oskar Lafontaines, arbeitete mit "Wiener Blut". Beste Grüße aus dem Diesseits.

Franz Bettinger

15. März 2026 08:56

"Wenn die Persönlichkeit weg ist, frage ich mich, wer oder was dann eigentlich wiedergeboren wird". Die Persönlichkeit (aka Seele) stirbt eben nicht. Sie ist es, die wiedergeboren wird und sich weiterentwickeln kann, wenn sie will und die Kraft dazu hat. Bezug: "Die spirituelle Welt" von Michael Winkler. 

FraAimerich

15. März 2026 10:02

@Andreas J: "Hast du seine Augen gesehen?"
 
Sie flackerten wie die Fenster einer brennenden Verwahranstalt...

Umlautkombinat

15. März 2026 10:54

@Le Chasseur, @Ekstroem,
 
Wie weiter oben schon gesagt, gilt das nicht fuer alle. Fuer den Buddhismus explizit nicht (es ist  der inhaltliche Unterschied zu seiner Ausgangsreligion). Und selbst fuer den Hinduismus mit seinem ausgebauten Seelenbegriff (atman, brahman) ist der ganze Zyklus ebenso etwas, was beendet werden soll. Ob beide das im Einzelnen nun Moksha oder Nirvana nennen.
 
Die Frage von @nom de guerre ist ein Dauerbrenner des Buddhismus auch innerhalb dieser Religion, anatta ist tricky.

Karl

15. März 2026 11:43

@ofeelia: „… ob man vielleicht auch körperliche Schmerzen mithilfe der Musik beeinflussen könnte. Doch dazu wird nicht geforscht.“
Das trifft so nicht zu: In der Musiktherapie wird intensiv zu körperlichen Schmerzen geforscht, insbesondere im Kontext von chronischen Schmerzen, akuten Schmerzen und schmerzassoziierten Erkrankungen wie Krebs oder Verbrennungen. Zahlreiche Studien und Meta-Analysen haben gezeigt, dass Musiktherapie Schmerzen lindern kann, oft ohne oder ergänzend zu medikamentösen Behandlungen. Sie wirkt auf physiologische Ebenen ein, indem sie Herzfrequenz, Blutdruck und Muskelspannung reguliert, und beeinflusst die emotionale Wahrnehmung von Schmerz durch Aktivierung von Gehirnregionen wie dem limbischen System. Sie reduziert nicht nur den Schmerz selbst, sondern auch Angst, Depressionen und Schlafstörungen, was den Übergang von akutem zu chronischem Schmerz verhindern kann. Sie kann den Bedarf an Opioiden oder anderen Analgetika verringern.
Literatur:
Cournoyer & Perreault. The use of music in the treatment of chronic pain: a scoping review. Pain Manag. 2024 Oct-14:579-589.
Chen et al. The effect of music therapy for patients with chronic pain: systematic review and meta-analysis. BMC Psychol. 2025 30;455. 
Sihvonen et al. Isn't There Room for Music in Chronic Pain Management? The Journal of Pain, 23, 2022, 1143 – 1150.

Kurativ

15. März 2026 12:00

Selbstmord bedeutet, aus dem Bündel der rechten Kräfte den eigenen Zweig herauszubrechen. Es ist eine Schwächung des rechten Lagers und verwerflich. Die zusätzliche optisch-theatralische Inszenierung einer solchen Flucht von der Truppe ist umsomehr verwerflich, weil sie narzisstisch und selbstbezogen ist.

Ein gebuertiger Hesse

15. März 2026 12:14

Wenn es schon um Selbstmord geht - das muß man mal gesehen haben, ein filmischer Großwurf (der Text von ML in seinem Filmbuch ist fast genauso gut). Anschauen, lesen!
https://www.youtube.com/watch?v=V6SZzCp9sDc&list=RDV6SZzCp9sDc&start_radio=1

RMH

15. März 2026 12:24

Zitat eines Zitats aus dem 2007er Artikel von M.L.:
"Es kommt, man kann es der deutschen Philosophie nur wünschen, vielleicht eine Zeit, in der mit Begeisterung Spengler gelesen wird, wenn sich kein Mensch mehr an den Namen Habermas erinnert."
Habermas ist am 14.03.2026 verstorben - ab jetzt läuft die Uhr bis die genannte Zeit kommt. Ich vermute, sehr schnell.

RMH

15. März 2026 12:29

@Reinkarnations-/Karma-Debatte (was hat die mit dem konkreten Artikel hier zu tun, hab ich etwas übersehen, überlesen?): Die Idee des Karmas kommt eigentlich als Idee der Bedingheiten und Kausalitäten auch ohne Seele zurecht. Aber soetwas wie eine Seelenvorstellung braucht es wohl, um eine Religion zu bilden. 

links ist wo der daumen rechts ist

15. März 2026 12:41

Wien in den 90ern 1
Tja, die 90er – ein eigentümliches Jahrzehnt. Dialektisch betrachtet kamen die 70er (wer sie nicht in seiner Kindheit erlebt hat, kennt das Paradies nicht) und 80er (die große Ernüchterung) zu ihrer selbstreflexiven Synthese: Eskapismus und Selbstvergewisserung (in der österr. Literatur etwa die Romane von Ransmayer, Gstrein und Winkler), Weltschmerz und Zuversicht (Musik – eingerahmt zwischen „Where Is My Mind“ der Pixies und Mobys „Natural Blues“) und natürlich die großartigen Mindgame-Movies (am Ende die Frage: war alles so, wie es scheint?).
Ich habe das Wien dieser Zeit als Philosophie-Student kennengelernt - während ein Herbert Kickl in den Gartler-Seminaren saß und sich für Fichte begeisterte.
Wien selber und die Universität waren, man kann es nicht anders ausdrücken, derart verkommen, daß es diverser Sumpfblüten und Irrlichter bedurfte, um darüber hinwegzutäuschen; und deren gab es viele. Es existierte ein Gemisch aus hochgejubelten Professoren (von Leser bis Liessmann, Schmidt-Dengler, Erika Weinzierl et al.; daneben Hofnarren wie einen Roland Girtler), den Kleinbürger- und Bauernkindern aus der Provinz neben dem unerträglichen Wiener Schmock und eben ein paar „Dissidenten“, die sich mit ihren Jüngern umgaben und eine Club-Atmosphäre pflegten und von denen heute die meisten verschollen sind (Karriere haben die Mittelmäßigen gemacht).
 

RMH

15. März 2026 12:46

Die von Böhm-Ermolli aufgestellte These vom NS als concept-art mit Hitler als obersten Chef-Graphiker und art-director hat bei der gesamten Ästhetik, die der NS auszustrahlen verstand, durchaus seine Berechtigung. Als Hitler Selbstmord beginn, soll der Reichssender Hamburg nach der Todesnachricht das Adagio aus der 7. Sinfonie Bruckners gespielt haben, überall Untergang, aber "so ne Musik, .. in der Todeszone"(Deichkind). Was hat eigentlich der Rundfunk der UdSSR beim Tod von Stalin gespielt? Was die USA, nach dem Tod von Kennedy? Was, der Iran nach dem Tod von Chamenei?
Apropos Bruckner, schwarze Szene etc:
https://youtu.be/t49VLczejf8?si=D50wEH_EdAjSk2Ri
Wird mal wieder Zeit, in den alten Sachen zu stöbern ...
 

links ist wo der daumen rechts ist

15. März 2026 13:20

Wien in den 90ern 2
Korrigiere zu Kickl: Ungler und Hegel.
Wie verkommen die Wiener Universität war, erkannte man auch daran, daß das altehrwürdige Hauptgebäude baulich nur etwa zur Hälfte genutzt wurde, da ganze Trakte in einem Dornröschenschlaf lagen (renoviert wurde erst in den letzten 20 Jahren mit EU-Geldern); damals wurde sehr viel „disloziert“. Das Ganze glich einer Messie-Wohnung, in der man von einem vollgestopften Zimmer ins nächste wechseln muß.
Ähnlich desolat die Wirkung nach außen: in internat. Rankings ist die Wiener Universität etwa im Vergleich zur LMU meist ca. 100 Plätze nachgereiht.
So saß man also in den Girtler/Gerlich- oder Heinrich/Hrachovec-Seminaren, die oft von den erwähnten Sumpfblüten gesprengt wurden, langweilte sich, klapperte die paar exotischen Vögel ab, indem man an die „Bildende“ (Sloterdijk) oder „Angewandte“ (Rudolf Burger) auswich, um dann in irgendwelchen Nischen zu landen (in meinem Fall Kurt Marko) oder ausgewiesene Linke (Burghart Schmidt) mit Reizthemen (Spengler) zu provozieren (wobei der frühere Bloch-Assistent derart souverän reagierte, daß mir das ewigen Respekt abrang).
Die Masse der Professoren aber hielt seit Jahrzehnten die selben Vorträge (wie etwa Kehlmanns Lieblingsprof. Hans-Dieter Klein), war publikationsfaul und wurde erst durch eine „Evaluierung“ Anfang der 90er etwas aufgeschreckt.
Gelegentliche Besuche in Berlin ließen eine fast paradiesische Gegenwelt aufleuchten. 

Ekstroem

15. März 2026 13:35

@ Umlautkombinat Wer/was bin ich? Die Antwort auf diese Frage ist die Antwort auf die Frage von @ nom de guerre. Auf den Punkt gebracht: Ich bin Seele und ich habe eine Persönlichkeit. Ebenso habe ich (Seele) einen Körper. Ich habe auch Gefühl, Verstand...

links ist wo der daumen rechts ist

15. März 2026 13:47

Wien in den 90ern 3
Zurück zum ML-Text.
Der Film von Dammbeck (dem Hinweis bin ich dankbar im früheren ML-Artikel gefolgt) verdeutlicht sehr gut diese morbide Stimmung; die paar erwähnten Sumpfblüten brachten keinen Aufbruch, sondern verstärkten nur noch die Misere. Die Freunde um Böhm-Ermolli, allen voran Gudenus jr. (wie hat der mit seinem Gestotter nur die Matura schaffen können?), sind ja fast eine zur Deutlichkeit entstellte Karikatur des berühmten Wiener Schmocks: Kinder aus begütertem Haus, die aus Langeweile ein bißchen auf Dekadenz machen und den – linken - Plebs verachten. Irgendwie arme Würschteln von Papas Gnaden.
Das gab's aber im linken Spektrum genauso: ich erinnere mich an ein arrogantes Professorensöhnchen (Papa Militärhistoriker), der mit seinem Kumpel a'la Waldorf & Statler immer in der hintersten Reihe saß und ständig ungefragt die Äußerungen der Kommilitonen „dekonstruierte“.
Böhm selber dürfte eine Ausnahmeerscheinung gewesen sein, worauf auch die respektvollen Worte eines Peter Weibel (im Film) hinweisen. Aber eine geniale Vereinzelung gehört halt auch zum österr. Nationalcharakter.
Wien blieb die Stadt an der Grenze zum eh. Ostblock, die Melancholie hat sich in die umgebende Landschaft versenkt (Gerhard Fritsch schrieb zur Situierung seines Romans „Moos auf den Steinen“, daß Galizien im Weinviertel beginne). Berlin war damals ein Mekka des Aufbruchs.
Der Koffer waren also gepackt.
 
 
 

Majestyk

15. März 2026 15:24

Diesen Glauben an Erlösung, Leben nach dem Tod, Wiedergeburt brauchen vor allem Leute, die es nicht schaffen im Diesseits Frieden mit sich selbst zu machen. 
Was an einem Freitod inspirierend oder mythisch sein soll erschließt sich mir nicht. Mein Onkel erhängte sich 2016. Grundsätzlich seine Entscheidung, er war ja auch schon hochbetagt, wenn auch noch kerngesund. Keine Ahnung, was er suchte oder fand. Sein Sohn leidet darunter bis heute. So ein Selbstmord beinhaltet auf jeden Fall eine ganz schön große Portion Egozentrik.

Waldgaenger aus Schwaben

15. März 2026 17:03

Mich mutet dieses Getue um den Suizid seltsam an. Stände nicht der Ernst des Todes dahinter, was wäre das Ganze mehr als Spiel gelangweilter Pubertierender?
Begreift ein junger Mensch, der sein Leben wegwirft, überhaupt was er da tut? Frage ich mich als einer, der bald auf die siebzig zugeht. 
"Leicht trennt nur die Jugend sich vom Leben."
Preussens Infanterielehrer Colmar von der Goltz in „Das Volk in Waffen", 1899
Zu Reinkarnation, Karma und Nirvana. Im Original ist das Karma unpersönlich. Eine verlöschende Existenz erzeugt eine neue oder eben nicht. Es gibt kein "Ich", das da wiedergeboren wird oder ins Nirvana eingeht. Das Ich ist eine Illusion, die überwunden werden muss. Heißt es. 
Im Abendland, so mein Eindruck, sind Reinkarnation, Karma und Nirvana einheimische, ursprünglich christliche Konzepte unter dem Mantel fernöstlicher Begriffe. Karma ist die Schuld, Reinkarnation die Buße im Diesseits oder als Fegefeuer im Jenseits. Und Nirvana, was ja Verlöschen bedeutet, der Zustand ewiger Glückseligkeit im Himmel. Was freilich fehlt, ist der befreiende und beglückende Kern des Christentums: Die Lehre von der persönlichen Beziehung zu Gott, der eben nicht ein Prinzip ist, sondern ein liebendes Gegenüber.
 

Gracchus

15. März 2026 19:36

@Maiordomus: "Ungnade ..." - verstehe ich so, dass heute kein guter Boden für künstlerisches Gedeihen gegeben ist. Ich habe kürzlich versucht, Thomas Bernhard wiederzulesen, aber es ging nicht. Anders als Manzonis Brautleute, die der von Ihnen erwähnte Lernet-Holenia übersetzt hat, oder auch Puschkin. "Null-Epoche" scheint mir dennoch zu hart - man muss ja auch sehen, dass aus früheren Epochen auch nur das Wenigste überlebt hat. Die moderne Literatur kämpft eben auch mit dem Nihilismus. Ich erinnere mich noch an einen Artikel von Lichtmesz "Die Blumen des Bösen".  

deutscheridentitaerer

16. März 2026 07:47

Hach ja, lange ist es her, dass ich "Fanal und Irrlicht" auf der Rückfahrt von der Winterakademie gelesen habe. Ist mir - auch das hervorragende Spanferkel - in bleibender Erinnerung geblieben! 

RMH

16. März 2026 13:04

Nochmal: Wenn hier in allen Ausgangsbeiträgen ein Mensch geschildert wurde, der am Ende Wahnvorstellungen, Paranoia & klare, psychotische Symptome, ob jetzt zum Teil drogeninduziert oder nicht, zeigte, dann kann man dessen Suizid nicht mehr als irgendeinen Ausweg eines verwöhnten, dekadenten Übermütigen oder narzissistsch Selbstbezogenen kritisieren. Da in meinem persönl. Bekanntenkreis schon zu viele Suizid begangen haben, die alle klare Kennzeichen von ernsthaften, psychischen Erkrankungen hatten & die alle irgendeine Story darum herum gebaut haben, an denen man sich als Hinterbliebene zerstreiten, ärgern, aufregen, Schuld-Zuweisungen machen konnte (auch an den Suizidenten selber), kann ich nur davor warnen, bei dem Thema an der Oberfläche zu kratzen. Viele der Fälle, die ich kannte, waren sogar vorher in psychatrischer Behandlung, aber auch da war der intellektuelle Typus, den alle verkörperten, eher derjenige, der offenbar von den Ärzten nicht ernst genommen wurde, weil die sich ja alle noch so schön scheinbar klar & rational äußern konnten ... Nach allem, was ich hier lesen konnte, ist, "er folgte einem Irrlicht", noch die würdigste Beschreibung. C. Böhm-E wünsche ich: Friede seiner Seele!

Andreas J

16. März 2026 13:32

@links ist wo der daumen rechts istKinder aus begütertem Haus, die aus Langeweile ein bißchen auf Dekadenz machen und den – linken - Plebs verachten.Die gabs dann wohl auch nördlich der Alpen. Faserland ist genau Mitte der 90er erschienen.
 
 

Gracchus

16. März 2026 14:22

Gestatten: Homer! Wie ich in meiner letzten Rückführungs-Session erfahren habe, bin ich der Verfasser von Ilias und Odysee! Ich bitte dies gebührend zu berücksichtigen.
Damit will ich die Reinkarnations-Diskussion nicht ins Lächerliche ziehen, frage mich aber, was dies mit dem Beitrag von Lichtmesz zu tun hat. Der westliche (platonisch-pythagoräische) Reinkarnationsgedanke (Metempsychose) unterscheidet sich von dem buddhistischen. Im christlichen Bereich wird diese Metempsychose-Vorstellung - falls man die Anthroposophie nicht dazu zählt - gerade von einem evangelischen Theologen namens Poppges (im Rückgriff auf das Thomas-Evangelium und Platon) (re-)aktiviert. Ich habe dazu keine klare Meinung - ich finde die Vorstellung abstoßend, sie hat aber auch zugegebenermaßen auch etwas für sich. 

heinrichbrueck

16. März 2026 14:34

"Die Über-Malerei des Arnulf Rainer wirkt von heute aus tatsöchlich so, als würde sie sich aus eben der destruktiven Energie des NS speisen."
Die Nationalsozialisten hätte Rainer nicht übermalt, ganz sicher nicht. Sie hätten ihn erschossen. Wäre diese Destruktivität des NS dann positiv? Jedenfalls wäre ein Arnulf Rainer unter Hitler nicht möglich gewesen. Aber warum muß Hitler immer eine Rolle spielen? 
Das 19. Jahrhundert war eine großartige Ausgreifung und Musealisierung des Abendlandes; die großen Sammlungen stehen in Bibliotheken und zuweilen Antiquariaten. 
Das humanistische Bildungsbürgertum lebt in einer Welt, die es so nicht mehr gibt. Deshalb kann auch kein Führungsanspruch mehr vorhanden sein, globale Politik "gestalten" zu können. Diese Leute pusten sich den Kopf nicht weg, sie denken sich den Kopf weg. Europa schafft Abstraktionen, für die Masse ungeeignet, dafür geschaffen, die Wahrheit nicht denken zu müssen. 
Woher kommen diese "Welt"-Probleme? Und wenn wir schon Hitler in der Weltgeschichte haben, könnte es nicht ein bißchen logischer sein, daß Hitler den allumfassenden Krieg nicht begonnen hat? Schließlich ist der Krieg nach 1945 weitergegangen. Man sollte diese Weltpolitik etwas globaler sehen, vielleicht ohne europäischen Hochmut der Abstraktionen. 

Ein gebuertiger Hesse

16. März 2026 15:24

Toll, wie das Kommentariat hier abschwirrt. Es scheint, es haben hier alle gut was zur Sache (welcher noch gleich?) zu sagen. Aber he, so geht rechter Freigeist!

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