Christian Böhm-Ermolli – Notizen zum 30. Todestag

Als ich auf der letzten Sommerakademie in Schnellroda eintraf, wartete dort ein Paket “z. Hd. Martin Lichtmesz” auf mich, das keinen Absendernamen trug.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Groß war mei­ne Ver­blüf­fung, als ich es öff­ne­te: Dar­in befand sich, ohne wei­te­ren Kom­men­tar, ein schlicht gerahm­tes Bild, eine Col­la­ge, deren Sinn nur sehr weni­ge Men­schen ent­schlüs­seln kön­nen. Der Absen­der oder die Absen­de­rin wuß­te, daß ich zu die­sen Men­schen zähle.

Augen­blick­lich erkann­te ich das schwarz­wei­ße Ant­litz des Chris­ti­an Böhm-Ermol­li, wie es Ste­phan Riedl vor drei Jahr­zehn­ten gemalt hat, offen­bar foto­ko­piert und aus­ge­schnit­ten aus einer alten Aus­ga­be der Sezes­si­on, Heft 20, Okto­ber 2007.

Es war auf eine Farb­ko­pie eines Gemäl­des von Arnulf Rai­ner geklebt, der im Dezem­ber letz­ten Jah­res im Alter von 96 Jah­ren ver­stor­ben ist, ein über­mal­tes Kreuz, das der Schöp­fer oder die Schöp­fe­rin der Col­la­ge zusätz­lich mit feu­er­ro­ten Pin­sel­stri­chen über­malt hat­te. Aus (offen­bar öster­rei­chi­schen) Zei­tun­gen aus­ge­schnit­te­ne Buch­sta­ben form­ten die Wor­te “Schö­ne Grüs­se aus dem Diesseits”.

Um die­ses rät­sel­haf­te Bild zu deu­ten, muß man in ein Laby­rinth aus Bedeu­tun­gen und Asso­zia­tio­nen hin­ab­stei­gen, das ich in dem besag­ten Heft der Sezes­si­on in einem mei­ner wohl ein­fluß­reichs­ten Tex­te skiz­ziert habe, “Fanal und Irr­licht”, ein Dop­pel­por­trait zwei­er schil­lern­der Figu­ren, die ich als Geis­tes­ver­wand­te betrach­te­te und zeichnete.

Der Öster­rei­cher Chris­ti­an Böhm, der sich nach einem k.u.k. Feld­mar­schall “Böhm-Ermol­li” nann­te, und der in Kon­stanz auf­ge­wach­se­ne Kon­ra­din Lei­ner, genannt QRT, waren bei­de im sel­ben Jahr 1965 gebo­ren und star­ben bei­de 1996, der eine im März, der ande­re im Okto­ber, der eine in Wien durch Selbst­mord à la Kurt Cobain mit­tels Gewehr­lauf im Mund, der ande­re in Ber­lin infol­ge einer Über­do­sis Hero­in. Was bei­de ver­band, war ein Inter­es­se an Tech­no, Dro­gen, mili­tä­ri­schen Out­fits, Kunst, Pop und dem Geist der “Kon­ser­va­ti­ven Revo­lu­ti­on”, von QRT auf eigen­wil­li­ge, irr­lich­tern­de Wei­se beschwo­ren in dem pos­tum publi­zier­ten Buch Dra­chen­saat.

Die Wei­se von Leben und Tod des Chris­ti­an Böhm-Ermol­li ist wohl so etwas wie der ein­zi­ge wirk­li­che Mythos der deutsch­spra­chi­gen Neu­en Rech­ten. Obwohl mein Text aus dem Jahr 2007 dazu gewiß erheb­lich bei­getra­gen hat (was mit vol­ler, bewuß­ter Absicht geschah), so geht das Ver­dienst vor allem an den Regis­seur Lutz Damm­beck und sei­nen essay­is­ti­schen Doku­men­tar­film Das Meis­ter­spiel aus dem Jahr 1998.

Die­ser, Schluß­teil und Höhe­punkt eines Tri­pty­chons über Kunst, Macht und Poli­tik, zu dem noch die Fil­me Zeit der Göt­ter (über Arno Bre­ker) und Dürers Erben (über die Leip­zi­ger Schu­le) zäh­len, ist im Lau­fe der Jah­re zu einer Art neu­rech­tem Kult­film gewor­den. Zumin­dest für mich ist er es, nicht zuletzt des­we­gen, weil er in mei­ner Hei­mat­stadt Wien spielt und eine Zeit ein­fängt, die für mich äußerst prä­gend war.

Eigent­lich soll­te jeder, der mit der Geschich­te nicht ver­traut ist, sich zuerst den Film anse­hen, dann mei­nen Arti­kel von 2007 (und viel­leicht auch noch die­sen hier) lesen, bevor er mit der Lek­tü­re die­ses vor­lie­gen­den Bei­trags fortschreitet.

Kurz gefaßt ist es die Geschich­te eines jun­gen Man­nes, eines Künst­lers und Intel­lek­tu­el­len, der Anfang der neun­zi­ger Jah­re als eher unty­pi­sche Figur in der frei­heit­li­chen Sze­ne die­ser Zeit auf­tauch­te. Er stu­dier­te Male­rei bei Arnulf Rai­ner und Sozi­al­phi­lo­so­phie bei Nor­bert Leser (zum Zeit­punkt sei­nes Todes war er drei­fa­cher Magis­ter), fiel aber vor allem durch sei­ne lei­den­schaft­li­che Teil­nah­me an Raves auf, die zu die­ser Zeit auch von ande­ren jun­gen Rech­ten wie Manu­el Och­sen­rei­ter und Jür­gen Hat­zen­bich­ler als eksta­ti­sche “Stahl­ge­wit­ter” gedeu­tet und zele­briert wurde.

In einen nach­ge­reich­ten Nach­ruf (Aula 7/8) von Wer­ner Bräu­nin­ger aus dem Jahr 2001 hör­te sich das so an:

Der jun­ge Stu­dent und nach­ma­li­ge drei­fa­che Magis­ter (gebo­ren 1965), Schü­ler des Phi­lo­so­phen Nor­bert Leser, unter­nahm Anfang der neun­zi­ger Jah­re den Ver­such, Kunst und Poli­tik in das Kon­zept einer rech­ten Moder­ne ein­flie­ßen zu las­sen, indem er im Rah­men der Frei­heit­li­chen Tech­no-Events ver­an­stal­te­te und deren rhyth­mi­sche “Stahl­ge­wit­ter” meta­po­li­tisch deu­te­te. Die­se ers­te Jugend­be­we­gung seit 1968 wur­de von ihm instru­men­ta­li­siert und der Zulauf jun­ger Men­schen zu den Frei­heit­li­chen stieg an. Der Wunsch nach eksta­ti­scher Auf­lö­sung traf sich hier mit der Dis­zi­plin eines strin­gen­ten, fast mili­tä­ri­schen Rhyth­mus. Es war dies eine Ästhe­ti­sie­rung der Poli­tik, ein Unter­fan­gen also, das anknüpf­te an ähn­li­che Ver­su­che in der ers­ten Hälf­te des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts, so etwa von d’Annunzio, Mari­net­ti und Leni Riefenstahl.

Die lin­ke Tor­heit, die Kunst poli­ti­sie­ren zu wol­len, beging Böhm-Ermol­li nicht. Sei­ne Fra­ge­stel­lun­gen waren ech­tes Erleb­nis neu­en Seins, radi­kal und tief, die glei­che, die ja auch im Expres­sio­nis­mus den Kreis des libe­ra­lis­ti­schen Oppor­tu­nis­mus ver­ließ und jenen schwie­ri­gen Weg nach innen ging, inmit­ten eines Cha­os von Rea­li­täts­zer­fall und Wer­te­ver­keh­rung. Die Metho­de, sol­ches zu erle­ben, war Stei­ge­rung sei­nes Pro­duk­ti­ven, gleich­sam eine Art des per­ma­nen­ten inne­ren Rausches.

Es war die Ära des Auf­stiegs Hai­ders, die von der Pres­se dämo­ni­sie­rend bis hys­te­risch kom­men­tiert wur­de. Die schlimms­ten Befürch­tun­gen schie­nen sich zu bewahr­hei­ten, als im Dezem­ber 1993 eine Serie von rechts­extre­mis­tisch moti­vier­ten Brief­bom­ben­at­ten­ta­ten begann. Eine die­ser Höl­len­ma­schi­nen traf den popu­lä­ren Wie­ner Bür­ger­meis­ter Hel­mut Zilk, der zwei Fin­ger sei­ner lin­ken Hand ver­lor. Zu den Anschlä­gen bekann­te sich eine omi­nö­se “Baju­wa­ri­sche Befrei­ungs­ar­mee”. Erst viel spä­ter soll­te sich her­aus­stel­len, daß sich dahin­ter ein geis­tes­ge­stör­ter Ein­zel­tä­ter namens Franz Fuchs verbarg.

Die Anschlags­se­rie erreich­te ihren Höhe­punkt im Febru­ar 1995 einem Bom­ben­at­ten­tat im bur­gen­län­di­schen Ober­wart, bei dem vier Roma durch eine Spreng­fal­le getö­tet wur­den. Die lin­ke Stadt­zei­tung Fal­ter bemüh­te sich dar­auf­hin eif­rig, die FPÖ und inbe­son­de­re die jun­gen Wil­den der “Neu­en Rech­ten” mit den Mor­den in Ver­bin­dung zu brin­gen, ja indi­rekt dafür ver­ant­wort­lich zu machen.

Heft 6/95 stell­te Chris­ti­an Böhm-Ermol­li als deren Wie­ner Rädels­füh­rer hin. Zum Inter­view war er im Out­fit eines “urba­nen Sla­ckers” erschie­nen, und es wur­de berich­tet, daß der “gro­ße Blon­de” häu­fig auf Hard­core-Tech­no-Par­ties im Gaso­me­ter oder in der Are­na gesich­tet wur­de, “den Kör­per zu mono­to­nen Rhyth­men ver­ren­kend und wild ges­ti­ku­lie­rend”, oft “von einer Schar jun­ger weib­li­cher Fans umge­ben”. Der Anschluß an die Tech­no­sze­ne wur­de als geziel­te meta­po­li­ti­sche Koopt­a­ti­on und Ein­fluß­nah­me gedeu­tet, exem­pla­risch für die “Stra­te­gien” der Neu­en Rech­ten, der man nach einem auch heu­te noch übli­chen Mus­ter “Camou­fla­ge”, “Mimi­kry” und “Unter­wan­de­rung” unterstellte.

Ich sel­ber las zwar zu die­ser Zeit regel­mä­ßig den Fal­ter (wenn man cine­phil ver­an­lagt war, war das die bes­te Adres­se), wur­de auf Böhm-Ermol­li aber erst im März 1996 auf­merk­sam, um mei­nen 20. Geburts­tag her­um. In Heft 12/96 erschien ein Nach­ruf, der einen nach­hal­ti­gen Ein­druck auf mich mach­te. Zwar eher unpo­li­tisch, aber im wesent­li­chen die gän­gi­gen libe­ra­len Vor­stel­lun­gen im Kopf, von der FPÖ denk­bar weit ent­fernt und abge­stos­sen, dabei aber kei­nes­wegs “links”, fiel mir der durch­aus respekt­vol­le Ton auf, mit dem hier von einem Rech­ten gespro­chen wurde.

Böhm-Ermol­li erschien dar­in als “Schlüs­sel­fi­gur des Freun­des­krei­ses, der sich als Avant­gar­de der Neu­en Rech­ten ver­stand”, eine “schil­lern­de Figur”, einer­seits Gen-X-Hard­core-Raver, ande­rer­seits ein Mann mit “Hang zur Mys­tik, zum Katho­li­zis­mus und zur mon­ar­chis­ti­schen Atti­tü­de”, der sich “gegen die über­hol­te Links-Rechts-Ein­tei­lung” aussprach.

Ein Rech­ter, der weder Nazi noch Spie­ßer war – das war mir völ­lig neu und erschien mir auf Anhieb anzie­hend. Der kei­men­de “Rech­te in mir” begann sich bereits zu regen, soll­te aber erst etwa fünf Jah­re spä­ter durch Armin Moh­ler sei­ne “zwei­te Geburt” erfahren.

Aber ich wäre kaum an die­sem Arti­kel fest­ge­klebt, wäre da nicht der letz­te Absatz gewe­sen. Die “Ant­wort” auf den scho­ckie­ren­den Selbst­mord läge viel­leicht “in der Geschich­te jenes Hau­ses” in der Schwarz­s­pa­nier­stra­ße, “in dem Böhm-Ermol­li gelebt hat­te” und in dem er mit zer­fet­zer Schä­del­de­cke auf­ge­fun­den wurde:

Das Gebäu­de stand auf dem Grund­stück des ehe­ma­li­gen Beet­ho­ven-Ster­be­hau­ses. Und eben­dort war 1903 der Phi­lo­soph Otto Wei­nin­ger, auf den sich Böhm-Ermol­li und sein Freun­des­kreis immer wie­der berie­fen, in den Frei­tod gegan­gen: Auch er hat­te sei­nem Leben durch einen Schuß in den Kopf ein Ende gesetzt.

Dies ist die Grab­in­schrift Weiningers:

Die­ser Stein schliesst die Ruhe­stät­te eines Jüng­lings, des­sen Geist hier­nie­den nim­mer Ruhe fand. Und als er die Offen­ba­run­gen des­sel­ben und die sei­ner See­le kund­ge­ge­ben hat­te, litt es ihn nicht mehr unter den Leben­den. Er such­te den Todes­be­zirk eines Aller­gröss­ten im Wie­ner Schwarz­s­pa­nier­hau­se und ver­nich­te­te dort sei­ne Leiblichkeit.

Wei­nin­ger wur­de in dem ers­ten Fal­ter-Arti­kel zu Böhm-Ermol­li vom Febru­ar 1995 en pas­sant erwähnt, an der Sei­te von Ernst Jün­ger und Hans-Jür­gen Syber­berg. Nun stand er plötz­lich zwar nicht im Zen­trum, aber doch an einem mar­kan­ten Kno­ten­punkt die­ser Geschichte.

Ich kann­te ihn aus dem Film Wei­nin­gers Nacht (1990) von Pau­lus Man­ker, der mich im Alter von 14 Jah­ren mit sei­ner kras­sen Dar­stel­lung von wahn­haf­ten Sexu­al­neu­ro­sen, Anti­se­mi­tis­mus und jüdi­schem Selbst­haß zutiefst scho­ckiert und seit­her nicht mehr los­ge­las­sen hat­te. Offen­sicht­lich spiel­te der Titel des Nach­rufs, “Böhm-Ermol­lis Nacht” auf ihn an. Und nun “klick­te” etwas bei mir. Ein tie­fes Geheim­nis schien die unbe­greif­li­che Tat die­ses selt­sa­men Men­schen zu umgeben.

Die eher dunk­le Fas­zi­na­ti­on, die dar­aus resul­tier­te, war durch­aus ambi­va­lent, denn ich fand Wei­nin­ger ja kei­nes­wegs “gut”. Es war eine sehr ähn­li­che Art von sub­ver­si­ver Ambi­va­lenz, die mich prak­tisch zur sel­ben Zeit zum glü­hen­den Fan von Death in June wer­den ließ, in den Bann geschla­gen durch ein Mix-Tape, das mir eine neu gewon­ne­ne, in die “lore” um Dou­glas P. ein­ge­weih­te Freun­din im Febru­ar oder März 1996 zusam­men­stell­te und schenkte.

Im April 1996 benutz­te ich zum ers­ten Mal schrift­lich den Namen “Licht­mess” (damals noch mit Doppel‑S), und kurz dar­auf begang ich, Speng­lers Unter­gang des Abend­lan­des gie­rig zu verschlingen.

Paul Schr­a­d­ers Mishi­ma (dazu aus­führ­lich in mei­nem Licht­spiel­füh­rer) gehör­te bereits damals zu mei­nen Lieb­lings­fil­men, die Ver­bin­dung zu Böhm-Ermol­li erkann­te ich aller­dings erst viel spä­ter. In mei­nen Zwan­zi­gern ent­wi­ckel­te ich eine hart­nä­cki­ge Beses­sen­heit mit dem The­ma Selbst­mord, wur­de immer wie­der von Todes­wün­schen und ‑sehn­süch­ten heim­ge­sucht, die mich als nun­mehr Fünf­zig­jäh­ri­gen gänz­lich ver­las­sen haben.

Sie hat­te, wie bei jedem Men­schen, der ähn­li­ches in sich ver­spürt, kom­ple­xe Ursa­chen und eben­so kom­ple­xe geis­ti­ge Mani­fes­ta­tio­nen. Sie hat­te nicht bloß einen radi­kal ver­nei­nen­den, son­dern auch einen mys­ti­schen, auf ver­que­re Wei­se radi­kal beja­hen­den, posi­tiv-ener­ge­ti­schen Aspekt, den einer “magisch-theur­gi­schen” Sehn­sucht, ja Gier nach Grenz­über­schrei­tun­gen und tran­szen­den­ten Durch­brü­chen, wie sie Drieu La Rochel­le in sei­nem Gehei­men Bericht schil­dert.

Aber auch die Idee des Selbst­mor­des als Pro­test oder Opfer hat­te eine star­ke Anzie­hung auf mich. Mir schien es For­men des Selbst­mor­des zu geben, die eine zuge­ge­be­ner­ma­ßen ver­zwei­fel­te, aber legi­ti­me Ant­wort auf das Nichts, das Cha­os und die Nacht sind, letz­te, abso­lu­te Akte der Sou­ve­rä­ni­tät, bevor man vom unaus­weich­li­chen und end­gül­ti­gen Tod zer­malmt wird, im Ange­sicht gleich­gül­ti­ger, ewig schwei­gen­der, unend­li­cher Räume.

Und nicht zuletzt sah ich in einem Zusam­men­hang zwi­schen ent­spre­chen­den Din­gen, die in mei­ner eige­nen See­le wirk­sam waren und gewis­sen Vor­gän­gen in der äuße­ren Welt, die ich als Zer­fall, Sui­zid, Unter­gang, Auf­lö­sung, Ver­we­sung wahrnahm.

Und es gab noch einen ande­ren Aspekt, den Yukio Mishi­ma auf exem­pla­ri­sche Wei­se ver­kör­pert hat­te (dies im wahrs­ten Sinn des Wor­tes). „Der Selbst­mord wird in der Stil­le des Her­zens vor­be­rei­tet wie ein Kunst­werk”, schrieb Albert Camus. Mishi­ma faß­te sei­nen Seppu­ku buch­stäb­lich als Kon­zept­kunst­werk auf, als Per­for­mance, in der ech­tes Blut ver­gos­sen wird und nach der sich der Vor­hang für immer schließt. Zugleich war er aber auch ein Pro­test­akt und ein radi­ka­ler Griff nach einer abso­lu­ten Tran­szen­denz, eine ulti­ma­ti­ve Grenz­über­schrei­tung, die Eros und Tha­na­tos mit­ein­an­der ver­mäh­len sollte.

Wir wis­sen bis heu­te nicht, war­um sich Chris­ti­an Böhm-Ermol­li töte­te. Aber ich den­ke, man kann mit Sicher­heit sagen, daß sein Frei­tod weder ein Kunst­werk noch ein Pro­test war und schon gar kein Fanal. Er folg­te offen­bar viel­mehr einem Irr­licht, das in sei­nem ver­mut­lich von Dro­gen (und wer weiß, wel­chen Din­gen noch) zer­rüt­te­ten Geist auf­ge­fla­ckert war.

Nach Aus­kunft sei­nes dama­li­gen Freun­des, eines sehr jun­gen Johann Gude­nus, litt er an Wahn­vor­stel­lun­gen und Ver­fol­gungs­ängs­ten. Er fürch­te­te, die Poli­zei wer­de ihn der Täter­schaft an der Brief­bom­ben­se­rie bezich­ti­gen und ver­haf­ten. Er hin­ter­ließ über­all gehei­me, krpy­ti­sche Bot­schaf­ten an Frei­mau­rer, die angeb­lich hin­ter ihm her waren. Ein höhe­res Wesen hat­te begon­nen, ihm Befeh­le zu ertei­len. Das alles sind deut­li­che Zei­chen einer schwe­ren geis­ti­gen Umnach­tung, einer Psychose.

Wäh­rend er mit sei­ner Freun­din tele­fo­nier­te, nahm er einen Schluck Was­ser, steck­te sich den Gewehr­lauf in den Mund und drück­te ab. Das Was­ser soll den Zweck gehabt haben, den Druck auf die Schä­del­de­cke zu ver­stär­ken, “und der Kopf ist weg, ganz ein­fach” (Gude­nus in Damm­becks Film) – angeb­lich eine tra­di­tio­nel­le Metho­de der k.u.k. Offiziere.

Der Selbst­mord allein hät­te Böhm-Ermol­li nicht zum neu­rech­ten Mythos gemacht. Weit­aus gewich­ti­ger ist eine Erzäh­lung, von der die Nach­ru­fe von 1996 noch nichts wis­sen, und die erst von Lutz Damm­beck als Aus­gangs­punkt sei­nes Films in Spiel gebracht wur­de. In die­ser Ver­si­on erscheint Böhm-Ermol­li als kon­se­quen­ter Kon­zept­künst­ler, der sogar sei­nen Freun­des­kreis “Kon­ser­va­ti­ver Klub” als “Gesamt­kunst­werk” (Damm­beck) auf­ge­faßt habe.

Fol­gen­des war ein­ein­halb Jah­re vor Böhm-Ermol­lis Tod gesche­hen: Im Sep­tem­ber 1994 bra­chen einer oder meh­re­re Unbe­kann­te in einen Raum in der Aka­de­mie der Küns­te ein, in dem 38 Bil­der von Böhm-Ermol­lis Leh­rer Arnulf Rai­ner gela­gert wur­den und über­mal­ten die­se mono­chrom schwarz, wobei sie allein die Signa­tur des Künst­lers unbe­rührt lie­ßen. Auf einem Bild war eine Bot­schaft hin­ter­las­sen wor­den: „Da beschloß er, Aktio­nist zu sein.“ Womög­lich eine iro­ni­sche Anspie­lung auf Mein Kampf, wo es heißt: “Ich aber beschloß, Poli­ti­ker zu werden.”

Die Tat hat­te ganz offen­sicht­lich einen geziel­ten aktio­nis­ti­schen, sym­bo­li­schen Cha­rak­ter: Jener Mann, der vor allem durch sei­ne Über­ma­lun­gen bekannt gewor­den war, war nun selbst über­malt wor­den. War dies eine künst­le­ri­sche Kri­tik, gar eine Nega­ti­on von Rai­ners Kunst­auf­fas­sung? Und ging es nur um Rai­ner allein, oder wur­de er als typi­sches Bei­spiel des “moder­nen Künst­lers” zur Ziel­schei­be gewählt?

Ein Jahr nach dem Anschlag tauch­te ein Beken­ner­schrei­ben auf, ein “anti­mo­der­nes Mani­fest vol­ler Anspie­lun­gen, Zita­te und Ver­wei­se, das die Akti­on in der Aka­de­mie zu begrün­den ver­sucht”, wie es im Meis­ter­spiel heißt.

Dem­nach ging es dar­um, die Moder­ne mit ihren eige­nen Mit­teln zu schla­gen, die ver­bür­ger­lich­ten und eta­blier­ten, als Schar­la­ta­ne denun­zier­ten Bil­der­stür­mer von ges­tern durch neue bil­der­stür­me­ri­sche Akte, dies­mal von rechts, vom Sockel zu sto­ßen, und eine Art Tem­pel­rei­ni­gung und Ver­trei­bung der Händ­ler-Gale­ris­ten und ihrer zynisch und rou­ti­niert gewor­de­nen Kunst­pro­du­zen­ten vorzunehmen.

Durch Damm­becks Film wur­de bekannt, daß Böhm-Ermol­li als Ver­däch­ti­ger gehan­delt und von der Poli­zei unter­sucht wur­de. Hat er die Bil­der Rai­ners wirk­lich über­malt? Hat er auch das Mani­fest geschrie­ben? Die Mit­glie­der und Hin­ter­blie­be­nen des “Kon­ser­va­ti­ven Klubs” äußer­ten, sie wüß­ten es nicht, aber sie fän­den es gut, wenn er es gemacht hatte.

25 Jah­re spä­ter, im Dezem­ber 2019, ging die Mel­dung um, das Atten­tat sei geklärt wor­den. Der Kurier schrieb:

Im Rück­blick war das “Atten­tat” für Rai­ner “das scho­ckie­rends­te Erleb­nis” sei­nes Lebens: “Vor lau­ter Auf­re­gung bekam ich einen Hirn­schlag. Ich ließ mich im Jahr dar­auf eme­ri­tie­ren. Aber jetzt end­lich wis­sen wir, dass der Täter ein Stu­dent der Aka­de­mie war. Er war psy­chisch sehr krank, und er war frus­triert, weil er erfolg­los war. Er war ein­fach nei­disch. Er hat sich umge­bracht. Wir haben daher sei­ner Mut­ter ver­spro­chen, den Namen nicht zu nennen.”

Ohne Zwei­fel ist damit Chris­ti­an Böhm-Ermol­li gemeint. Als ich die­sen Arti­kel las, jubel­te ich inner­lich. Er hat­te es getan! Er hat­te es tat­säch­lich getan! Der Kern des Mythos ist bestätigt!

Aber stimmt das wirk­lich? Es wur­de nicht bekannt gege­ben, wel­che foren­sisch rele­van­ten Bewei­se nach so lan­ger Zeit auf­ge­taucht sein sol­len. In der Tat ist der ein­zi­ge Beleg die Aus­sa­ge Rai­ners selbst.

Und die­ser stand von Anfang an unter Ver­dacht, selbst der Täter gewe­sen zu sein und wur­de zeit­wei­se sogar von der Poli­zei als Haupt­ver­däch­ti­ger gehan­delt. Nur er hat­te den Schlüs­sel zu dem Lager­raum beses­sen, und die sau­ber und sorg­fäl­tig durch­ge­führ­te Tat bedurf­te eines gro­ßen Auf­wan­des an Zeit und Mate­ri­al. Man höre sich in Damm­becks Film an, was Rai­ners Assis­tent Karl Hika­de über den Tat­her­gang zu sagen hat. Die Ver­dachts­mo­men­te sind gewich­tig, wenn nicht gar schlagend.

Wenn es nun aber Rai­ner sel­ber war (aus wel­chen Grün­den auch immer), dann muß nicht auch das Mani­fest-Beken­ner­schrei­ben zwangs­läu­fig von ihm stam­men. Es könn­te jemand geschrie­ben haben, der sich an die Geschich­te “ran­ge­hängt” hat.

Was blie­be dann noch vom Mythos Böhm-Ermol­li übrig, wenn sein Frei­tod weder ein Mishi­ma noch ein Ven­ner noch eine lite­ra­risch-poe­ti­sche Tat war; und wenn er doch nicht der Täter einer geni­al “kon­ser­va­tiv-sub­ver­si­ven Akti­on” war, lan­ge Zeit bevor Götz Kubit­schek und Felix Men­zel (mit mei­ner Betei­li­gung) ähn­li­ches ver­such­ten, was wie­der­um die spä­te­ren Aktio­nen der Iden­ti­tä­ren in ihrer Früh­zeit beeinflußte?

Ihn ret­tet die Tat­sa­che, daß so vie­le Rät­sel die­ses Poli­tik- & Kunst-Kri­mis unge­löst blei­ben. So hält sich auch der Nim­bus der Gestalt Chris­ti­an Böhm-Ermol­lis und der Geschich­ten und Geheim­nis­se, die sich um ihn ran­ken, offen für Inter­pre­ta­tio­nen, Asso­zia­tio­nen, Spe­ku­la­tio­nen und “Spin-Offs”.

Min­des­tens bleibt eine Art Gespenst, eine “Haun­to­lo­gie”, die am Beginn mei­nes Weges zur Neu­en Rech­ten stand, und die über Jahr­zehn­te hin­weg immer wie­der zu mir zurück­ge­kehrt ist.

Am 15. März 2013 zeig­te ich Das Meis­ter­spiel in Wien im Rah­men eines iden­ti­tä­ren Film­abends, bei dem etwa drei­ßig Zuschau­er anwe­send waren, hof­fend, daß hier ein Fun­ke über­sprin­gen wür­de, der künf­ti­gen Aktio­nen einen Impuls und ein Geprä­ge geben könnte.

Am 19. Okto­ber 2013 besuch­te ich Mar­tin Sell­ner in Baden. Ein schier unglaub­li­cher Fall von Syn­chro­ni­zi­tät ereig­ne­te sich: Nach­dem wir uns aus­gie­big über den “Fall” Böhm-Ermol­li unter­hal­ten hat­ten, stol­per­ten wir über eine Akti­on mit dem Titel “Eines Tages kam einer und über­mal­te Rai­ner” vor dem Arnulf-Rai­ner-Muse­um im ehe­ma­li­gen Frauenbad.

Ein Künst­ler namens Alex­an­der Don­ho­fer lud dazu ein, Pos­ter von Rai­ner-Gemäl­den mit Wachs­mal­krei­den zu über­ma­len, die sich dafür aller­dings als denk­bar unge­eig­net erwie­sen. Mar­tin Sell­ner und ich began­nen mun­ter, klei­ne gel­be Lamb­das auf die Pos­ter zu malen. Das Ergeb­nis erwies sich jedoch als der­art unbe­frie­di­gend, daß ich mir am nächs­ten Tag gel­be Acryl-Far­be kauf­te, um zuhau­se den Slo­gan “Da beschloß er, Aktio­nist zu sein” auf das Pla­kat zu malen, als Hom­mage an die Dammbeck-Rainer-Böhm-Ermolli-Legende.

Und nun also, um an den Anfang die­ses Rück­blicks zurück­zu­keh­ren, die geheim­nis­vol­le Col­la­ge, die mir eine unbe­kann­te Per­son via Schnell­ro­da im Janu­ar die­ses Jah­res hat­te zuschi­cken lassen.

Ich erkann­te sofort, daß es sich um eine sym­bo­li­sche Umkehr eines unheim­li­chen Arte­fak­tes han­del­te, das ein Jahr nach dem Tod Böhm-Ermol­lis sei­nen engs­ten Freun­den von einem anony­men Absen­der zuge­schickt wor­den war: Eine Post­kar­te mit einem aus­ge­schnit­te­nen, unvor­teil­haf­ten Bild­nis Böhm-Ermol­lis, auf sei­ner Stirn eine “Schwar­ze Son­ne” pran­gend. Dazu der aus Zei­tungs­buch­sta­ben zusam­men­ge­stü­ckel­te Spruch: “Schö­ne Grü­ße aus dem Jenseits.”

Offen­sicht­lich beab­sich­tig­te der Absen­der, Böhm-Ermol­li und sei­ne Freun­de zu ver­höh­nen. Die­se Col­la­ge hin­ge­gen war eine Hom­mage. Als Grund­la­ge hat­te der Künst­ler eine Kreuz­über­ma­lung Rai­ners benutzt. Ein roter Farb­fleck über Böhm-Ermol­lis Kopf mag das Blut sym­bo­li­sie­ren, das aus der explo­die­ren­den Schä­del­de­cke aus­trat, oder auch eine Flam­me (ein Irr­licht?), die sei­nem Geist ent­springt. Der Künst­ler hat­te die­se rote Flam­me zu einer Art Strah­len­kranz erwei­tert, die schwar­ze Todes­spin­ne von Thu­le erset­zend. Die deut­lichs­te Umkeh­rung war der Spruch “Gruß aus dem Dies­seits”. Nicht der Tote grüß­te die Leben­den, ein Leben­der grüß­te den Toten.

Eine Woche spä­ter lern­te ich auf einem Kon­zert eine Runen­an­hän­ger tra­gen­de Gym­nas­tik­leh­re­rin ken­nen, die sich zu mei­ner Ver­blüf­fung als aus­ge­spro­che­ne Ken­ne­rin des Böhm-Ermol­li-Mythos her­aus­stell­te. Sie erin­ner­te mich dar­an, daß sich am 5. März sein 30. Todes­tag jähr­te. Dar­über­hin­aus hat­te sie her­aus­ge­fun­den, daß sei­ne Grab­stät­te ab 13. März 2026, dem 30. Jah­res­tag sei­nes Begräb­nis­ses, auf­ge­las­sen wer­den würde.

Nun begriff ich end­lich die geheim­nis­vol­le Col­la­ge als eine Auf­for­de­rung an mich, eine Zeit­schlei­fe zu knüp­fen. Sekun­diert von Chris­toph Lemp, einem Vete­ra­nen der Tech­no­sze­ne der neun­zi­ger Jah­re, bega­ben sich “Astra­le Avant­gar­de” und ich am 5. März 2026 auf den Hiet­zin­ger Fried­hof, um Chris­ti­an Böhm-Ermol­li zu geden­ken. Der vier­te im Bun­de war Ger­hard Hall­statt von “Aller­see­len”, der unse­re Akti­on fotographierte.

Drei wei­ße Rosen, die “Grü­ße aus dem Dies­seits” (denen ich ein Datum des Tages, aus­ge­schnit­ten aus der Kro­nen­zei­tung, hin­zu­füg­te) und die ver­häng­nis­vol­le ori­gi­na­le Fal­ter-Aus­ga­be, die mich im März 1996 in ihren Bann gezo­gen hat­te, dien­ten als Sigi­li­en unse­rer Ver­eh­rung und, ja, Dankbarkeit.

Der blank­po­lier­te Grab­stein glich einem schwar­zen Spie­gel. Wir blick­ten in ihn hin­ein, und sahen kein Geheim­nis, kei­ne Ant­wort auf die Rät­sel die­ses “Fal­les”; aber wir sahen und erkann­ten uns selbst: GNOTHI SEAUTON.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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