Groß war meine Verblüffung, als ich es öffnete: Darin befand sich, ohne weiteren Kommentar, ein schlicht gerahmtes Bild, eine Collage, deren Sinn nur sehr wenige Menschen entschlüsseln können. Der Absender oder die Absenderin wußte, daß ich zu diesen Menschen zähle.
Augenblicklich erkannte ich das schwarzweiße Antlitz des Christian Böhm-Ermolli, wie es Stephan Riedl vor drei Jahrzehnten gemalt hat, offenbar fotokopiert und ausgeschnitten aus einer alten Ausgabe der Sezession, Heft 20, Oktober 2007.
Es war auf eine Farbkopie eines Gemäldes von Arnulf Rainer geklebt, der im Dezember letzten Jahres im Alter von 96 Jahren verstorben ist, ein übermaltes Kreuz, das der Schöpfer oder die Schöpferin der Collage zusätzlich mit feuerroten Pinselstrichen übermalt hatte. Aus (offenbar österreichischen) Zeitungen ausgeschnittene Buchstaben formten die Worte “Schöne Grüsse aus dem Diesseits”.
Um dieses rätselhafte Bild zu deuten, muß man in ein Labyrinth aus Bedeutungen und Assoziationen hinabsteigen, das ich in dem besagten Heft der Sezession in einem meiner wohl einflußreichsten Texte skizziert habe, “Fanal und Irrlicht”, ein Doppelportrait zweier schillernder Figuren, die ich als Geistesverwandte betrachtete und zeichnete.
Der Österreicher Christian Böhm, der sich nach einem k.u.k. Feldmarschall “Böhm-Ermolli” nannte, und der in Konstanz aufgewachsene Konradin Leiner, genannt QRT, waren beide im selben Jahr 1965 geboren und starben beide 1996, der eine im März, der andere im Oktober, der eine in Wien durch Selbstmord à la Kurt Cobain mittels Gewehrlauf im Mund, der andere in Berlin infolge einer Überdosis Heroin. Was beide verband, war ein Interesse an Techno, Drogen, militärischen Outfits, Kunst, Pop und dem Geist der “Konservativen Revolution”, von QRT auf eigenwillige, irrlichternde Weise beschworen in dem postum publizierten Buch Drachensaat.
Die Weise von Leben und Tod des Christian Böhm-Ermolli ist wohl so etwas wie der einzige wirkliche Mythos der deutschsprachigen Neuen Rechten. Obwohl mein Text aus dem Jahr 2007 dazu gewiß erheblich beigetragen hat (was mit voller, bewußter Absicht geschah), so geht das Verdienst vor allem an den Regisseur Lutz Dammbeck und seinen essayistischen Dokumentarfilm Das Meisterspiel aus dem Jahr 1998.
Dieser, Schlußteil und Höhepunkt eines Triptychons über Kunst, Macht und Politik, zu dem noch die Filme Zeit der Götter (über Arno Breker) und Dürers Erben (über die Leipziger Schule) zählen, ist im Laufe der Jahre zu einer Art neurechtem Kultfilm geworden. Zumindest für mich ist er es, nicht zuletzt deswegen, weil er in meiner Heimatstadt Wien spielt und eine Zeit einfängt, die für mich äußerst prägend war.
Eigentlich sollte jeder, der mit der Geschichte nicht vertraut ist, sich zuerst den Film ansehen, dann meinen Artikel von 2007 (und vielleicht auch noch diesen hier) lesen, bevor er mit der Lektüre dieses vorliegenden Beitrags fortschreitet.
Kurz gefaßt ist es die Geschichte eines jungen Mannes, eines Künstlers und Intellektuellen, der Anfang der neunziger Jahre als eher untypische Figur in der freiheitlichen Szene dieser Zeit auftauchte. Er studierte Malerei bei Arnulf Rainer und Sozialphilosophie bei Norbert Leser (zum Zeitpunkt seines Todes war er dreifacher Magister), fiel aber vor allem durch seine leidenschaftliche Teilnahme an Raves auf, die zu dieser Zeit auch von anderen jungen Rechten wie Manuel Ochsenreiter und Jürgen Hatzenbichler als ekstatische “Stahlgewitter” gedeutet und zelebriert wurde.
In einen nachgereichten Nachruf (Aula 7/8) von Werner Bräuninger aus dem Jahr 2001 hörte sich das so an:
Der junge Student und nachmalige dreifache Magister (geboren 1965), Schüler des Philosophen Norbert Leser, unternahm Anfang der neunziger Jahre den Versuch, Kunst und Politik in das Konzept einer rechten Moderne einfließen zu lassen, indem er im Rahmen der Freiheitlichen Techno-Events veranstaltete und deren rhythmische “Stahlgewitter” metapolitisch deutete. Diese erste Jugendbewegung seit 1968 wurde von ihm instrumentalisiert und der Zulauf junger Menschen zu den Freiheitlichen stieg an. Der Wunsch nach ekstatischer Auflösung traf sich hier mit der Disziplin eines stringenten, fast militärischen Rhythmus. Es war dies eine Ästhetisierung der Politik, ein Unterfangen also, das anknüpfte an ähnliche Versuche in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts, so etwa von d’Annunzio, Marinetti und Leni Riefenstahl.
Die linke Torheit, die Kunst politisieren zu wollen, beging Böhm-Ermolli nicht. Seine Fragestellungen waren echtes Erlebnis neuen Seins, radikal und tief, die gleiche, die ja auch im Expressionismus den Kreis des liberalistischen Opportunismus verließ und jenen schwierigen Weg nach innen ging, inmitten eines Chaos von Realitätszerfall und Werteverkehrung. Die Methode, solches zu erleben, war Steigerung seines Produktiven, gleichsam eine Art des permanenten inneren Rausches.
Es war die Ära des Aufstiegs Haiders, die von der Presse dämonisierend bis hysterisch kommentiert wurde. Die schlimmsten Befürchtungen schienen sich zu bewahrheiten, als im Dezember 1993 eine Serie von rechtsextremistisch motivierten Briefbombenattentaten begann. Eine dieser Höllenmaschinen traf den populären Wiener Bürgermeister Helmut Zilk, der zwei Finger seiner linken Hand verlor. Zu den Anschlägen bekannte sich eine ominöse “Bajuwarische Befreiungsarmee”. Erst viel später sollte sich herausstellen, daß sich dahinter ein geistesgestörter Einzeltäter namens Franz Fuchs verbarg.
Die Anschlagsserie erreichte ihren Höhepunkt im Februar 1995 einem Bombenattentat im burgenländischen Oberwart, bei dem vier Roma durch eine Sprengfalle getötet wurden. Die linke Stadtzeitung Falter bemühte sich daraufhin eifrig, die FPÖ und inbesondere die jungen Wilden der “Neuen Rechten” mit den Morden in Verbindung zu bringen, ja indirekt dafür verantwortlich zu machen.
Heft 6/95 stellte Christian Böhm-Ermolli als deren Wiener Rädelsführer hin. Zum Interview war er im Outfit eines “urbanen Slackers” erschienen, und es wurde berichtet, daß der “große Blonde” häufig auf Hardcore-Techno-Parties im Gasometer oder in der Arena gesichtet wurde, “den Körper zu monotonen Rhythmen verrenkend und wild gestikulierend”, oft “von einer Schar junger weiblicher Fans umgeben”. Der Anschluß an die Technoszene wurde als gezielte metapolitische Kooptation und Einflußnahme gedeutet, exemplarisch für die “Strategien” der Neuen Rechten, der man nach einem auch heute noch üblichen Muster “Camouflage”, “Mimikry” und “Unterwanderung” unterstellte.
Ich selber las zwar zu dieser Zeit regelmäßig den Falter (wenn man cinephil veranlagt war, war das die beste Adresse), wurde auf Böhm-Ermolli aber erst im März 1996 aufmerksam, um meinen 20. Geburtstag herum. In Heft 12/96 erschien ein Nachruf, der einen nachhaltigen Eindruck auf mich machte. Zwar eher unpolitisch, aber im wesentlichen die gängigen liberalen Vorstellungen im Kopf, von der FPÖ denkbar weit entfernt und abgestossen, dabei aber keineswegs “links”, fiel mir der durchaus respektvolle Ton auf, mit dem hier von einem Rechten gesprochen wurde.
Böhm-Ermolli erschien darin als “Schlüsselfigur des Freundeskreises, der sich als Avantgarde der Neuen Rechten verstand”, eine “schillernde Figur”, einerseits Gen-X-Hardcore-Raver, andererseits ein Mann mit “Hang zur Mystik, zum Katholizismus und zur monarchistischen Attitüde”, der sich “gegen die überholte Links-Rechts-Einteilung” aussprach.
Ein Rechter, der weder Nazi noch Spießer war – das war mir völlig neu und erschien mir auf Anhieb anziehend. Der keimende “Rechte in mir” begann sich bereits zu regen, sollte aber erst etwa fünf Jahre später durch Armin Mohler seine “zweite Geburt” erfahren.
Aber ich wäre kaum an diesem Artikel festgeklebt, wäre da nicht der letzte Absatz gewesen. Die “Antwort” auf den schockierenden Selbstmord läge vielleicht “in der Geschichte jenes Hauses” in der Schwarzspanierstraße, “in dem Böhm-Ermolli gelebt hatte” und in dem er mit zerfetzer Schädeldecke aufgefunden wurde:
Das Gebäude stand auf dem Grundstück des ehemaligen Beethoven-Sterbehauses. Und ebendort war 1903 der Philosoph Otto Weininger, auf den sich Böhm-Ermolli und sein Freundeskreis immer wieder beriefen, in den Freitod gegangen: Auch er hatte seinem Leben durch einen Schuß in den Kopf ein Ende gesetzt.
Dies ist die Grabinschrift Weiningers:
Dieser Stein schliesst die Ruhestätte eines Jünglings, dessen Geist hiernieden nimmer Ruhe fand. Und als er die Offenbarungen desselben und die seiner Seele kundgegeben hatte, litt es ihn nicht mehr unter den Lebenden. Er suchte den Todesbezirk eines Allergrössten im Wiener Schwarzspanierhause und vernichtete dort seine Leiblichkeit.
Weininger wurde in dem ersten Falter-Artikel zu Böhm-Ermolli vom Februar 1995 en passant erwähnt, an der Seite von Ernst Jünger und Hans-Jürgen Syberberg. Nun stand er plötzlich zwar nicht im Zentrum, aber doch an einem markanten Knotenpunkt dieser Geschichte.
Ich kannte ihn aus dem Film Weiningers Nacht (1990) von Paulus Manker, der mich im Alter von 14 Jahren mit seiner krassen Darstellung von wahnhaften Sexualneurosen, Antisemitismus und jüdischem Selbsthaß zutiefst schockiert und seither nicht mehr losgelassen hatte. Offensichtlich spielte der Titel des Nachrufs, “Böhm-Ermollis Nacht” auf ihn an. Und nun “klickte” etwas bei mir. Ein tiefes Geheimnis schien die unbegreifliche Tat dieses seltsamen Menschen zu umgeben.
Die eher dunkle Faszination, die daraus resultierte, war durchaus ambivalent, denn ich fand Weininger ja keineswegs “gut”. Es war eine sehr ähnliche Art von subversiver Ambivalenz, die mich praktisch zur selben Zeit zum glühenden Fan von Death in June werden ließ, in den Bann geschlagen durch ein Mix-Tape, das mir eine neu gewonnene, in die “lore” um Douglas P. eingeweihte Freundin im Februar oder März 1996 zusammenstellte und schenkte.
Im April 1996 benutzte ich zum ersten Mal schriftlich den Namen “Lichtmess” (damals noch mit Doppel‑S), und kurz darauf begang ich, Spenglers Untergang des Abendlandes gierig zu verschlingen.
Paul Schraders Mishima (dazu ausführlich in meinem Lichtspielführer) gehörte bereits damals zu meinen Lieblingsfilmen, die Verbindung zu Böhm-Ermolli erkannte ich allerdings erst viel später. In meinen Zwanzigern entwickelte ich eine hartnäckige Besessenheit mit dem Thema Selbstmord, wurde immer wieder von Todeswünschen und ‑sehnsüchten heimgesucht, die mich als nunmehr Fünfzigjährigen gänzlich verlassen haben.
Sie hatte, wie bei jedem Menschen, der ähnliches in sich verspürt, komplexe Ursachen und ebenso komplexe geistige Manifestationen. Sie hatte nicht bloß einen radikal verneinenden, sondern auch einen mystischen, auf verquere Weise radikal bejahenden, positiv-energetischen Aspekt, den einer “magisch-theurgischen” Sehnsucht, ja Gier nach Grenzüberschreitungen und transzendenten Durchbrüchen, wie sie Drieu La Rochelle in seinem Geheimen Bericht schildert.
Aber auch die Idee des Selbstmordes als Protest oder Opfer hatte eine starke Anziehung auf mich. Mir schien es Formen des Selbstmordes zu geben, die eine zugegebenermaßen verzweifelte, aber legitime Antwort auf das Nichts, das Chaos und die Nacht sind, letzte, absolute Akte der Souveränität, bevor man vom unausweichlichen und endgültigen Tod zermalmt wird, im Angesicht gleichgültiger, ewig schweigender, unendlicher Räume.
Und nicht zuletzt sah ich in einem Zusammenhang zwischen entsprechenden Dingen, die in meiner eigenen Seele wirksam waren und gewissen Vorgängen in der äußeren Welt, die ich als Zerfall, Suizid, Untergang, Auflösung, Verwesung wahrnahm.
Und es gab noch einen anderen Aspekt, den Yukio Mishima auf exemplarische Weise verkörpert hatte (dies im wahrsten Sinn des Wortes). „Der Selbstmord wird in der Stille des Herzens vorbereitet wie ein Kunstwerk”, schrieb Albert Camus. Mishima faßte seinen Seppuku buchstäblich als Konzeptkunstwerk auf, als Performance, in der echtes Blut vergossen wird und nach der sich der Vorhang für immer schließt. Zugleich war er aber auch ein Protestakt und ein radikaler Griff nach einer absoluten Transzendenz, eine ultimative Grenzüberschreitung, die Eros und Thanatos miteinander vermählen sollte.
Wir wissen bis heute nicht, warum sich Christian Böhm-Ermolli tötete. Aber ich denke, man kann mit Sicherheit sagen, daß sein Freitod weder ein Kunstwerk noch ein Protest war und schon gar kein Fanal. Er folgte offenbar vielmehr einem Irrlicht, das in seinem vermutlich von Drogen (und wer weiß, welchen Dingen noch) zerrütteten Geist aufgeflackert war.
Nach Auskunft seines damaligen Freundes, eines sehr jungen Johann Gudenus, litt er an Wahnvorstellungen und Verfolgungsängsten. Er fürchtete, die Polizei werde ihn der Täterschaft an der Briefbombenserie bezichtigen und verhaften. Er hinterließ überall geheime, krpytische Botschaften an Freimaurer, die angeblich hinter ihm her waren. Ein höheres Wesen hatte begonnen, ihm Befehle zu erteilen. Das alles sind deutliche Zeichen einer schweren geistigen Umnachtung, einer Psychose.
Während er mit seiner Freundin telefonierte, nahm er einen Schluck Wasser, steckte sich den Gewehrlauf in den Mund und drückte ab. Das Wasser soll den Zweck gehabt haben, den Druck auf die Schädeldecke zu verstärken, “und der Kopf ist weg, ganz einfach” (Gudenus in Dammbecks Film) – angeblich eine traditionelle Methode der k.u.k. Offiziere.
Der Selbstmord allein hätte Böhm-Ermolli nicht zum neurechten Mythos gemacht. Weitaus gewichtiger ist eine Erzählung, von der die Nachrufe von 1996 noch nichts wissen, und die erst von Lutz Dammbeck als Ausgangspunkt seines Films in Spiel gebracht wurde. In dieser Version erscheint Böhm-Ermolli als konsequenter Konzeptkünstler, der sogar seinen Freundeskreis “Konservativer Klub” als “Gesamtkunstwerk” (Dammbeck) aufgefaßt habe.
Folgendes war eineinhalb Jahre vor Böhm-Ermollis Tod geschehen: Im September 1994 brachen einer oder mehrere Unbekannte in einen Raum in der Akademie der Künste ein, in dem 38 Bilder von Böhm-Ermollis Lehrer Arnulf Rainer gelagert wurden und übermalten diese monochrom schwarz, wobei sie allein die Signatur des Künstlers unberührt ließen. Auf einem Bild war eine Botschaft hinterlassen worden: „Da beschloß er, Aktionist zu sein.“ Womöglich eine ironische Anspielung auf Mein Kampf, wo es heißt: “Ich aber beschloß, Politiker zu werden.”
Die Tat hatte ganz offensichtlich einen gezielten aktionistischen, symbolischen Charakter: Jener Mann, der vor allem durch seine Übermalungen bekannt geworden war, war nun selbst übermalt worden. War dies eine künstlerische Kritik, gar eine Negation von Rainers Kunstauffassung? Und ging es nur um Rainer allein, oder wurde er als typisches Beispiel des “modernen Künstlers” zur Zielscheibe gewählt?
Ein Jahr nach dem Anschlag tauchte ein Bekennerschreiben auf, ein “antimodernes Manifest voller Anspielungen, Zitate und Verweise, das die Aktion in der Akademie zu begründen versucht”, wie es im Meisterspiel heißt.
Demnach ging es darum, die Moderne mit ihren eigenen Mitteln zu schlagen, die verbürgerlichten und etablierten, als Scharlatane denunzierten Bilderstürmer von gestern durch neue bilderstürmerische Akte, diesmal von rechts, vom Sockel zu stoßen, und eine Art Tempelreinigung und Vertreibung der Händler-Galeristen und ihrer zynisch und routiniert gewordenen Kunstproduzenten vorzunehmen.
Durch Dammbecks Film wurde bekannt, daß Böhm-Ermolli als Verdächtiger gehandelt und von der Polizei untersucht wurde. Hat er die Bilder Rainers wirklich übermalt? Hat er auch das Manifest geschrieben? Die Mitglieder und Hinterbliebenen des “Konservativen Klubs” äußerten, sie wüßten es nicht, aber sie fänden es gut, wenn er es gemacht hatte.
25 Jahre später, im Dezember 2019, ging die Meldung um, das Attentat sei geklärt worden. Der Kurier schrieb:
Im Rückblick war das “Attentat” für Rainer “das schockierendste Erlebnis” seines Lebens: “Vor lauter Aufregung bekam ich einen Hirnschlag. Ich ließ mich im Jahr darauf emeritieren. Aber jetzt endlich wissen wir, dass der Täter ein Student der Akademie war. Er war psychisch sehr krank, und er war frustriert, weil er erfolglos war. Er war einfach neidisch. Er hat sich umgebracht. Wir haben daher seiner Mutter versprochen, den Namen nicht zu nennen.”
Ohne Zweifel ist damit Christian Böhm-Ermolli gemeint. Als ich diesen Artikel las, jubelte ich innerlich. Er hatte es getan! Er hatte es tatsächlich getan! Der Kern des Mythos ist bestätigt!
Aber stimmt das wirklich? Es wurde nicht bekannt gegeben, welche forensisch relevanten Beweise nach so langer Zeit aufgetaucht sein sollen. In der Tat ist der einzige Beleg die Aussage Rainers selbst.
Und dieser stand von Anfang an unter Verdacht, selbst der Täter gewesen zu sein und wurde zeitweise sogar von der Polizei als Hauptverdächtiger gehandelt. Nur er hatte den Schlüssel zu dem Lagerraum besessen, und die sauber und sorgfältig durchgeführte Tat bedurfte eines großen Aufwandes an Zeit und Material. Man höre sich in Dammbecks Film an, was Rainers Assistent Karl Hikade über den Tathergang zu sagen hat. Die Verdachtsmomente sind gewichtig, wenn nicht gar schlagend.
Wenn es nun aber Rainer selber war (aus welchen Gründen auch immer), dann muß nicht auch das Manifest-Bekennerschreiben zwangsläufig von ihm stammen. Es könnte jemand geschrieben haben, der sich an die Geschichte “rangehängt” hat.
Was bliebe dann noch vom Mythos Böhm-Ermolli übrig, wenn sein Freitod weder ein Mishima noch ein Venner noch eine literarisch-poetische Tat war; und wenn er doch nicht der Täter einer genial “konservativ-subversiven Aktion” war, lange Zeit bevor Götz Kubitschek und Felix Menzel (mit meiner Beteiligung) ähnliches versuchten, was wiederum die späteren Aktionen der Identitären in ihrer Frühzeit beeinflußte?
Ihn rettet die Tatsache, daß so viele Rätsel dieses Politik- & Kunst-Krimis ungelöst bleiben. So hält sich auch der Nimbus der Gestalt Christian Böhm-Ermollis und der Geschichten und Geheimnisse, die sich um ihn ranken, offen für Interpretationen, Assoziationen, Spekulationen und “Spin-Offs”.
Mindestens bleibt eine Art Gespenst, eine “Hauntologie”, die am Beginn meines Weges zur Neuen Rechten stand, und die über Jahrzehnte hinweg immer wieder zu mir zurückgekehrt ist.
Am 15. März 2013 zeigte ich Das Meisterspiel in Wien im Rahmen eines identitären Filmabends, bei dem etwa dreißig Zuschauer anwesend waren, hoffend, daß hier ein Funke überspringen würde, der künftigen Aktionen einen Impuls und ein Gepräge geben könnte.
Am 19. Oktober 2013 besuchte ich Martin Sellner in Baden. Ein schier unglaublicher Fall von Synchronizität ereignete sich: Nachdem wir uns ausgiebig über den “Fall” Böhm-Ermolli unterhalten hatten, stolperten wir über eine Aktion mit dem Titel “Eines Tages kam einer und übermalte Rainer” vor dem Arnulf-Rainer-Museum im ehemaligen Frauenbad.
Ein Künstler namens Alexander Donhofer lud dazu ein, Poster von Rainer-Gemälden mit Wachsmalkreiden zu übermalen, die sich dafür allerdings als denkbar ungeeignet erwiesen. Martin Sellner und ich begannen munter, kleine gelbe Lambdas auf die Poster zu malen. Das Ergebnis erwies sich jedoch als derart unbefriedigend, daß ich mir am nächsten Tag gelbe Acryl-Farbe kaufte, um zuhause den Slogan “Da beschloß er, Aktionist zu sein” auf das Plakat zu malen, als Hommage an die Dammbeck-Rainer-Böhm-Ermolli-Legende.
Und nun also, um an den Anfang dieses Rückblicks zurückzukehren, die geheimnisvolle Collage, die mir eine unbekannte Person via Schnellroda im Januar dieses Jahres hatte zuschicken lassen.
Ich erkannte sofort, daß es sich um eine symbolische Umkehr eines unheimlichen Artefaktes handelte, das ein Jahr nach dem Tod Böhm-Ermollis seinen engsten Freunden von einem anonymen Absender zugeschickt worden war: Eine Postkarte mit einem ausgeschnittenen, unvorteilhaften Bildnis Böhm-Ermollis, auf seiner Stirn eine “Schwarze Sonne” prangend. Dazu der aus Zeitungsbuchstaben zusammengestückelte Spruch: “Schöne Grüße aus dem Jenseits.”
Offensichtlich beabsichtigte der Absender, Böhm-Ermolli und seine Freunde zu verhöhnen. Diese Collage hingegen war eine Hommage. Als Grundlage hatte der Künstler eine Kreuzübermalung Rainers benutzt. Ein roter Farbfleck über Böhm-Ermollis Kopf mag das Blut symbolisieren, das aus der explodierenden Schädeldecke austrat, oder auch eine Flamme (ein Irrlicht?), die seinem Geist entspringt. Der Künstler hatte diese rote Flamme zu einer Art Strahlenkranz erweitert, die schwarze Todesspinne von Thule ersetzend. Die deutlichste Umkehrung war der Spruch “Gruß aus dem Diesseits”. Nicht der Tote grüßte die Lebenden, ein Lebender grüßte den Toten.
Eine Woche später lernte ich auf einem Konzert eine Runenanhänger tragende Gymnastiklehrerin kennen, die sich zu meiner Verblüffung als ausgesprochene Kennerin des Böhm-Ermolli-Mythos herausstellte. Sie erinnerte mich daran, daß sich am 5. März sein 30. Todestag jährte. Darüberhinaus hatte sie herausgefunden, daß seine Grabstätte ab 13. März 2026, dem 30. Jahrestag seines Begräbnisses, aufgelassen werden würde.
Nun begriff ich endlich die geheimnisvolle Collage als eine Aufforderung an mich, eine Zeitschleife zu knüpfen. Sekundiert von Christoph Lemp, einem Veteranen der Technoszene der neunziger Jahre, begaben sich “Astrale Avantgarde” und ich am 5. März 2026 auf den Hietzinger Friedhof, um Christian Böhm-Ermolli zu gedenken. Der vierte im Bunde war Gerhard Hallstatt von “Allerseelen”, der unsere Aktion fotographierte.
Drei weiße Rosen, die “Grüße aus dem Diesseits” (denen ich ein Datum des Tages, ausgeschnitten aus der Kronenzeitung, hinzufügte) und die verhängnisvolle originale Falter-Ausgabe, die mich im März 1996 in ihren Bann gezogen hatte, dienten als Sigilien unserer Verehrung und, ja, Dankbarkeit.
Der blankpolierte Grabstein glich einem schwarzen Spiegel. Wir blickten in ihn hinein, und sahen kein Geheimnis, keine Antwort auf die Rätsel dieses “Falles”; aber wir sahen und erkannten uns selbst: GNOTHI SEAUTON.








