Sezession
4. September 2009

Henscheid vs. Merkel

Martin Lichtmesz

TittenManchmal werden Träume wahr. Jeden Tag, den ich in den letzten Wochen an den unvermeidlichen Grinsgesichtern, Arschüberschriften, und Spülmittelslogans hochmütig bis semispastisch vorbeiflaniert bin, dabei die großzügige Wahl hatte zwischen fünf verschiedenen linken Parteien und der CDU,  habe ich mindestens um einen Thomas Bernhard oder Léon Bloy von Innen oder Außen gebeten und gebetet, damit das Unaussprechliche beim rechten Namen genannt werde.  

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Immer noch von der Grüneiterbildung benommen, langsam aber wieder zu Kräften kommend, schlug ich heute die JF auf und fand zu meiner grenzenlosen freudigen Überraschung einen gerechten, nüchternen und ausgewogenen Text von Eckhard Henscheid, dessen Sudelblätter und Erledigte Fälle ich weiland wie Opium inhaliert habe.

Etwas derart Langweiliges, Überflüssiges, Erwartbares, Dünnpfiffiges, Doofes, zäh nur sich selbst Genügendes wie die nun baldige Bundestagswahl 2009 sowie ihr Wahlkampf ist mir bisher noch nie zugemutet worden.

Der Rest des Textes ist eine Stakkatohommage an Angela Murkel, die mir aus der tiefsten Seele spricht.  Ich fühlte mich nach all dem unsäglichen, minusbeseelten, heucheldummen Schmutz der letzten Wochen wie in ein wohliges warmes Bad gleiten.

Ich rede hier vor allem von der tagein tagaus schmerzenden, quälenden, peinigenden Zumutung, ja Gottesstrafe typischer und übertypischer Merkelscher Sätze seit ca. 2000 und dann vor allem seit 2005: Sätze, die, ganz gleich, ob sie nun mehr ihrer eigenen Sprachhemisphäre oder der ihrer (ebenfalls hosenanzugsgewappelten) Bürochefin Frau Baumann entkreucht sind, zum Aufheulen sind, zum Davonlaufen, zur Landesflucht animieren. (...)

Nach einer entsprechenden Blütenlese, die ich hier mal eben außen vor lasse:

Die Platitüdidät solcher Sätze in Serie reicht einer ganz neuartigen "Banalität des Bösen" (Hannah Arendt) die schweißige Hand seitlich der schwitzfleckenfeuchten Hosenanzugsjacke. Der bestürzende Stumpfsinn, die behämmerte und zugleich behämmernde, die uns am Ende richtig zuschüttende Impertinenz, die der einstmals mitteldeutsche Seelenknödel im Hosenanzug täglich, ja wer weiß (und ich wäre nicht gerne nahe dabei) stündlich produziert und ausschüttet: Er überragt inzwischen längst die oftmals ja sogar kunstvolle Nichtigkeit der Rede ihres Lehrmeisters Helmut Kohl oder aber auch die Komik eines komischen Selbstläufers, dessen Banausität bis hin zur Debilität aber ja ohnehin mehr eine sich selbstzeugende Legende war.

Diese Logorrhoe geht noch zwei lange wonnevolle Spalten weiter, und ich empfehle jedem Merkelgeschädigten die Lektüre. Ich möchte ergänzen, daß es nicht bloß die Sprache allein ist, die das "Lebewesen namens Merkel" (Henscheid) zum bisherigen personellen Tiefpunkt in der politischen Geschichte Bundesrepublik macht. Der Widerwille, der sich hier in jedem halbwegs gesunden Menschen ausbreitet, ist viel elementarer, reicht tief ins Instinkthafte, unmittelbar Physiognomische hinein. Die nationale Infantilisierung und Vertantung von oben hat in Merkel ihr vollendetes, allegorisches Antlitz gefunden. Diese Frau kann gar nicht anders aussehen, als sie es eh schon tut.

Die triebhafte Stilsicherheit, mit der sie traumwandlerisch diese ihrer Physiognomie gemäße Rolle ausfüllt, ist verblüffend.  Die Frau, die sich an der Seite von Vera Lengsfeld im Tittenpräsentier-Dekolltee ("Wir haben mehr zu bieten") plakatieren ließ (als Regierungsoberhaupt!),
+ ist dieselbe, die sich für den Schülerwettbewerb "361 Grad Toleranz" als betuliche Märchentante hergibt ("Trägt in der Klasse jemand Kopftuch oder Kippa (sic!), und wird deshalb anders behandelt? Werden Mitschüler und Mitschülerinnen gehänselt, weil sie anders aussehen? Stellen wir uns vor, wie man sich fühlt, wenn man ausgegrenzt wird und ständig Sticheleien und Gemeinheiten ertragen muß."),
+ ist dieselbe, die sich neulich in Danzig, ungefragt die Schuldundschamstolzrolle übererfüllend, für die Trillionen Opfer des ersten bis fünften Weltkriegs entschuldigt hat (gibt es eigentlich eine Chance, ihr all das anzuhängen??).

Zwischen diesen chronologisch nah beieinanderliegenden Momentaufnahmen besteht ein profunder innerer Zusammenhang. Aber das haben wir Rechten ja immer schon gewußt.

Indessen bewundere ich, daß sich Henscheid nach 40 und mehr Jahren seine Schimpfkraft immer noch relativ ungetrübt erhalten hat.  Ich für meinen Teil bin schon jetzt ganz lethargisch. Ganz Amerika hat sich damals über die "Bushisms" lustig gemacht, aber Merkel kommt tagtäglich davon.  Ist das etwa gerecht? Deutschland befindet sich, scheints, schon längst im postdemokratischen "Jetz' is aa scho wuascht"-Stadium, um es auf Wienerisch zu sagen. Oder eben in einer Infantilisierungs-, Vertantungs-, und Verdummungspsychose, in der "die da unten" tatsächlich das genaue Ebenbild "der da oben" sind. (Bravo, das wollten wir doch immer so haben, in der Demokratie.)

Anders kann ich mir nicht erklären, warum ein Plakat mit Gregor Gysis seifiger Berufsdemagogen-Visage und dem kriminell dummdreisten Versprechen "Reichtum für Alle" nicht massenweise Tourettesyndrom und empörte Spontanausschreitungen gegen die LINKE hervorruft. Das Zähe, Erwartbare, Langweilige, Doofe sitzt eben per se doch am längeren Ast. Es setzt sich auf die Dauer allein wegen seiner schieren Persistenz durch.  Dazu kommt der wehrkraftzersetzende Manager- und Margarinewerbungs-Optimismus der Wahlplakate, dessen demoralisierende, depressivmachende Wirkung jede Widerstandskraft zum Erlahmen bringt.

All das erinnert mich an diese Geschichte mit dem kochenden Wasser und dem Frosch: wenn man den Frosch ins kochende Wasser wirft, dann bleibt er nicht drinnen wie der Hummer, sondern springt aufgrund des Hitzeschocks heraus. Wenn man den Frosch allerdings ins kalte Wasser gibt, und das dann ganz langsam erhitzt, bleibt das sich progressiv akklimatisierende Tier angeblich ruhig drinnen, bis es lebendig gekocht wird. So ist das mit den Deutschen heute auch. Seit Jahrzehnten weichgekocht.

Irgendwo ahnt man noch dumpf das Böse und die Kanaille und die Lüge, aber irgendwann tut's auch nicht mehr weh, und das ist ja die Hauptsache, nicht? Frei nach Gómez Dávila:

"Der Mensch gewöhnt sich mit entsetzlicher Leichtigkeit an die absolute Häßlichkeit und das reine Böse. Eine Hölle ohne Qualen verwandelt sich leicht in einen etwas heißen Urlaubsort."


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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