Es genügt ihm nicht, militärische Erfolge und die Tötung von Gegnern zu verkünden. Er will den Feind demütigen.
Iran’s leadership has (…) gone underground, cowering. That’s what rats do.
Wir dürfen vermuten, daß es ihm nicht darum ging, mit der biologischen Rattenmetapher auf die Intelligenz, Lernfähigkeit und Sozialkompetenz der iranischen Regierung hinzuweisen. Hegseth will sagen, daß sich Teile der iranischen Führung im Fall von Bombenangriffen in unterirdischen Bunkern aufhalten – „wie Ratten es tun“.
Offenbar vergaß Hegseth dabei, daß auch er im Verteidigungsfall ein eigenes Bunker-Appartement im National Military Command Center (NMCC) unter dem Pentagon beziehen würde. (Und bedenkt man, daß Hegseth eng an der Seite des Staates Israel steht, dann könnten ihm seine jüdischen Freunde historisch sicher erklären, welche Folgen die Gleichsetzung von Menschen und Schädlingen haben kann.)
Hegseths sprachliche Aggression ist wohl darauf zurückzuführen, daß der Krieg gegen den Iran nicht den erhofften schnellen Erfolg hat. Es geht drunter und drüber.
Das Chaos zerrt erkennbar an den Nerven des körperlich hervorragend trainierten US-Verteidigungsministers. Als Soldat kennt er die Demütigung des Gegners während und nach einer Tötung. Im engsten militärischen Kontext mag sie situativ akzeptabel und für kämpfende Einheiten motivierend sein. In der Rede eines Regierungsmitglieds an Journalisten ist diese entmenschlichende Sprachgewalt jedoch ein Hinweis auf Kontrollverlust und Sadismus.
Wo ist – zumindest im übertragenen Sinne – die „Milde roher Männer“, die in der Pause eines kriegerischen Gemetzels die gegnerischen Toten noch respektvoll behandeln und die Köpfe Sterbender auf einen gefalteten Mantel betten, wie es in Jochen Kleppers Roman Der Vater (1937) aus einem Kriegserlebnis Friedrich Wilhelms I. beschrieben wird?
Aber Hegseth ist mit medialen Entgleisungen nicht allein. Das Weiße Haus veröffentlicht auf seinen Social-Media-Accounts aktuelle Filme, in denen Erfolge bei sportlichen Videospielen (Golf, Baseball, Bowling) in direkten Zusammenhang mit Bildern der Tötung gegnerischer Einheiten gestellt werden. Zur Entspannung unterlegt mit digitaler Muzak, also unaufdringlicher Instrumentalmusik. Man scheint sich im Team Bibi/Donald einig: Menschen totmachen ist ein Riesenspaß.
Die Gründe dafür liegen womöglich rund 1000 Jahre zurück. American Crusade heißt Pete Hegseths Buch mit Bezug zu den Kreuzzügen des 11. Jahrhunderts. Er veröffentlichte es 2020 während seines Engagements als Co-Host beim Kabelsender Fox. Das Buch beschreibt seine Idee eines Kulturkampfes gegen Wokeness, Globalismus und Islamismus. Zum damaligen Zeitpunkt nicht mit Waffen. Noch nicht.
Our American Crusade is not about literal swords, and our fight is not with guns. Yet.
Yet. Noch nicht. Wie bei den Ratten am vergangenen Freitag sind es auch in Hegseths Buch über einen bevorstehenden Kreuzzug wieder diese nebensächlichen Worte, die erhellen. Während der Anhörung im Zusammenhang mit Hegseths Nominierung zum Secretary of Defense im Januar 2025 wurde sein impliziter Aufruf zum Kreuzzug ausdrücklich nochmal thematisiert. Und zerredet.
Ergänzend befragt zu den Eskapaden während seiner drei Ehen konnte Hegseth im Schlagabtausch der Anhörung bestätigen: Jesus und er kommen gut klar. Alles sei verziehen. Zudem gäbe es Geheimhaltungs-Vereinbarungen mit den betroffenen Frauen.
I have failed in things in my life, and thankfully I am redeemed by Lord and Savior, Jesus Christ.
Man sieht, der amerikanische Verteidigungsminister ist Teil einer starken Glaubensgemeinschaft. Er gehört nach übereinstimmenden Berichten zur Communion of Reformed Evangelical Churches (CREC), also einem konservativ reformiert-evangelikalen Kirchennetzwerk um Doug Wilson, einem weiteren Kreuzzug-Fan. Kurz vor Weihnachten 2013 erklärte dieser Pastor bereits:
Declare holy war, and leave the vindication to God.
Erst einmal Krieg führen. Gott wird es schon richten. Nachrichtenquellen wie AP oder die Washington Post benennen Doug Wilsons Gemeinde bzw. die CREC ausdrücklich als Hegseths Konfession und berichten, dass er Wilsons Schriften und Lehren sehr schätzt.

Auf dem Bizeps steht „Deus vult“. „Gott will es.“ So lautete der Marketing-Slogan, den Papst Urban II. für die Kreuzzüge auf dem Konzil von Clermont im November 1095 in seiner Predigt präsentierte. Anschließend begann der Weg des Kampfes über Konstantinopel, Anatolien, Antiochia und Jerusalem. Die Kampfgebiete lagen im Bereich der heutigen Türkei, Syriens, des Libanon und Israels/Palästinas. Kurzfristig gab es mit der Gründung von Kreuzfahrerstaaten Erfolge, langfristig jedoch anhaltende Kriege, schwere christlich-muslimische und auch innerchristliche Spannungen. Viele Gebiete gingen später ohnehin wieder verloren. Das Übliche also.
Einen Monat nach dem Konzil von 1095 und seinem „Deus vult“ meldet sich Papst Urban II. übrigens noch einmal zu Wort. In einem Brief an die Christen in Flandern kurz vor Weihnachten drängt er darauf, alle Kräfte gegen den Feind im Nahen Osten zu bündeln. Die Aggression der Muslime müsse zurückgeschlagen werden, denn:
Fraternitatem vestram iam pridem multorum relatione didicisse credimus barbaricam rabiem ecclesias Dei in Orientis partibus miserabili infestatione devastasse.
Wir glauben, dass eure Bruderschaft seit geraumer Zeit aus vielen Berichten erfahren hat, wie barbarische Wut die Kirchen Gottes in den östlichen Gebieten durch beklagenswerte Angriffe verwüstet.
Langweiliger Geschichtsunterricht? Wäre da nicht schon wieder ein kleiner, fast nebensächlicher Begriff, der aufhorchen lässt: barbaricam rabiem. Barbarische Wut, die man den Muslimen damals vorwarf. Im Englischen: Barbaric Fury.
Rund 1000 Jahre später greift eine Allianz aus israelischen und US-amerikanischen Streitkräften in einer der größten Militäraktionen die Islamische Republik Iran an und stürzt die globale Staatengemeinschaft in tiefe Verwerfungen. Ist es wirklich Zufall, dass der Titel dieses Angriffs wie eine Antwort auf die „Barbaren“, und historischer Bezug auf Kreuzzüge klingt? Epic Fury.
Die – laut Marco Rubio – von Israel initiierte und von Amerikanern mitgetragene Schlacht im Nahen Osten wird von gut informierten Beobachtern wie dem „Economist“ zunehmend als Fehler beschrieben. Anfechtbare Plausibilität, viele kollaterale Opfer und kaum erkennbare Exit-Strategie.
Derselbe Mangel gilt auch für den Hoffnungsträger der Rechten, Donald Trump. Unklar, wie gut sich derzeit Basecaps verkaufen, die behaupten: „Trump was right about everything.“ Unbestritten ist aber, daß Trump ein zentrales Wahlversprechen gebrochen hat. „No more stupid wars“ war neben „Build the wall“ einer der Gründe, warum 80 Millionen US-Bürger ihre Hoffnung auf diesen Präsidenten setzten.
Our power will stop all wars.
So hieß es noch in der Einführungsrede am 20. Januar 2025 in Washington. „I stopped wars. I hate to see people killed“ wäre aus Trumps Sicht der Grund für seinen persönlichen Friedensnobelpreis gewesen. Ein Jahr später liegen diese Ideen in Scherben. Analysten fragen sich, ob Trump plötzlich aus eigenem Willen vom politischen Weg abgebogen ist, oder ob er zu schwach war, sich gegen Fehlberatung, Kreuzzug-Fans und israelischen Druck durchzusetzen. Schwer zu sagen, was für die Zurechnungsfähigkeit der USA schlimmer wäre.
Das Vorgehen des Präsidenten gefährdet nicht nur den Selbstversuch, einen neuen Mythos der globalen Unantastbarkeit zu schaffen. Auch der meta-politische Raumgewinn im Inneren zerlegt sich, spaltet das Lager. Prominente Trump-Fans nennen kritischere Trumpisten plötzlich „Dämonen“. Die rechte Influencerin Laura Loomer freut sich darüber, daß ein journalistischer Mitbewerber laut öffentlicher Biografie in früher Kindheit von seiner Mutter verlassen wurde. How low can you go?
Solche Episoden sind nicht nur Mobbing im digitalen Zeitalter, sondern Symptom eines tieferen politischen Verfalls. Gerade darin liegt für deutsche Rechte die eigentliche Lehre: Wer sich zu eng an fremde Machtzentren bindet und Außenpolitik betreibt, indem er Textbausteine von Kriegsparteien kopiert, der importiert am Ende nicht Stärke, sondern auch deren Zerrüttung.
Eine politisch reife Bewegung darf sich nicht dauerhaft von Gunst und Mißgunst äußerer Mächte abhängig machen – auch dann nicht, wenn Interventionen aus Washington (Vance, Rubio, etc) im Einzelfall willkommen erscheinen. Gerade in Deutschland fällt diese Perspektive schwer. Das Land wurde im Zweiten Weltkrieg nicht mit dem Ziel echter Selbstständigkeit besiegt, sondern über Jahrzehnte zum Vasall in einer transatlantischen Beziehung gemacht, die zunehmend ungesund wurde und deren Preis sich bis in die Katastrophe des Ukrainekriegs hinein gezeigt hat.
Umso wichtiger ist bei einer rechten Volkspartei wie der AfD ein Plädoyer für nüchterne Souveränität. Weniger Übernahme fremder Propaganda, weniger reflexhafte Lagerbindung, mehr Fähigkeit zur Äquidistanz gegenüber Weltmächten.
Synchronisierte Markenführung benötigt dafür eine Schnittstelle zwischen Kampagnenplanung und internem Think Tank. Ein Team mit der Fähigkeit, tiefe Analysen vorzubereiten und zeitgerecht in öffentlich wirksame Sprache zu übersetzen. Krisen sind auch Momente der Klärung. Sie zwingen dazu, wackelige Gewissheiten wegzuräumen und das eigene Denken auf stabile Fundamente zu stellen.
Ein souveränes Deutschland ist keine Bauchrednerpuppe der Weltmächte. Dies ist nicht unser Kreuzzug.
RMH
Der Beitrag in 4 Zeilen zusammengefasst:
- Der Autor mag Pete Hegseth nicht.
- Er ist ihm total unsympathisch, genauso, wie die Evangelikalen in den USA.
- Trump ist ein Wortbrecher.
- Die AfD sollte sich endlich vom Flirt mit USRAEL verbschieden, endlich sich wieder nüchtern und neutral machen.
Anmerkung meinerseits: Relevant ist der Text für uns Deutsche, die wir uns als AfD nah oder gar AfD-Mitglieder bezeichnen, in seinen letzten 5 Absätzen, alles davor: Da lässt einer Luft ab, was nicht zur Stärkung der eigenen Argumente taugt. Dabei ist doch gerade die Qunintessenz der letzten 5 Absätzte, dass man das Bomb, bomb, bomb; bomb, bomb Iran weder aufhalten, verhindern, ändern oder sonst wie Einfluss drauf haben kann. Warten wirs ab, was noch kommt. Der hohe Spritpreis, die quasi Veruntreuung des "Sondervermögens" - evtl. bewegt das noch ein paar Leute in Rhl.-Pfalz. Wünsche viel Erfolg.