Solche regressiven Akte passieren meist als Schutz vor Überforderung, starker Angst, tiefliegenden Traumata. Regression ist ein klassisches Bewältigungsschema. Eines, das bei uns seit längerem überhandnimmt.
Vor mir an der Supermarktkasse stand heute eine Frau mit durch Plugs ausgeleierten Ohrläppchen. (Aber nun ohne Plugs. War es ihr zu schwer oder zu dumm? Dezentes, „nachdenkliches“ Nackentattoo: „Believer“.) Auf den Händen hatte sie einen Elefanten, Rosen, „Matteo“ und einen weiteren, für mich unleserlichen Namen, wohl je mit Geburtsdatum.
Sie hatte nichts wirklich Gutes auf dem Kassenlaufband: Naßfutter für Hunde, Spaghetti in Dosen, Chips, Raumbedufter, Schokoriegel, Cornflakes, Kippen und einen Gutschein für Play-Konsum. Das sind natürlich so Gemengelagen, die man eher nächtens ins Träumen bearbeitet. (Was nicht heißt, daß es ein seltener Anblick wäre, hierzulande. Nur: Man gewöhnt sich so schwer dran.)
Ihr Haarpink war ausgewachsen, der Ansatz war grau. Sie trug einen glitzernden Einhorn-Pulli mit der erratischen Aufschrift „Erwachsen war gestern“ … ob sie 32 war oder eher 49, wie könnte ich es ahnen? Sie roch stark nach Zigaretten.
Nun bin ich stets bemüht, an Menschen das Gute herauszufinden. Ich dachte mir aus, daß sie vielleicht eine wahnsinnig liebevolle Mutter sei oder eine eifrige Krankenschwester. Ich tat mich schwer (und vielleicht müßte man auch einfach mal weniger denken.) Betreibe ich hier Unterschichten-Besudelung oder Class Shaming, wie es neudeutsch heißt? Mag schon sein, aber es ist nun mal meine Alltagsrealität. Ich kann nicht nicht-denken.
Diese kaum besondere Frau war nicht vom Typus, der aktuelle Trends aufspürt und verbreitet. (Kleinstadt!) Aber sie hat auf eine Weise begriffen, daß es angesagt ist, sich selbst als infantil zu framen: “Erwachsen war gestern.”
Dieses sich selbst als „non-adult“, nicht-erwachsen zu benennen ist nun sehr in Mode. Es entledigt einen ja auch qua Spruch einer gewissen Verantwortung. Bekanntlich endete „die Jugend“ im Mittelalter mit etwa 13 Jahren, in der Neuzeit mit 21 und heute (haha, Wahlalter aber ab 16, was für ein Paradox) „in soziologischer Hinsicht“ erst mit 29.
Ich erinnere mich noch gut daran, wie mir vor vielen Jahren meine (damals 26jährige) Freundin geschrieben hatte, sie sei nicht reif für ein Kind, „ich bin doch selbst noch ein Kind“. Ein Jahr später war sie schwanger. Ich hatte sie „spaßeshalber“ an ihre damalige Aussage erinnert. Sie schrieb mir:
Den Spruch damals… ehrlich gesagt hatte ich den aus dem Internet aufgegabelt. Ich kann nicht leugnen, wie mich so Zeug beeinflußt.
„Squishmallows“ und „Labubu“ sind zwei extrem erfolgreiche Sammel- Phänomene, bei denen durch massenhafte, minimal variierte Designs (tausende Charaktere bzw. hunderte Figuren) gezielt Sammelzwang und permanenter Konsumdruck bei Kinder und erwachsenen Sammlern erzeugt wird. Es sind niedliche (naja), „persönliche“ Kuschelfiguren.
Mir geht es hier nur um die Erwachsenen. Und wir sprechen hierbei von einer umgreifenden Regression. Squishmallows und Labubus flottieren frei. Hundertausende volljährige Deutsche konsumieren das Zeug. Von den armen Leuten +75, die „lebensechte“ Puppen sammeln und auch darauf abonniert sind, ganz zu schweigen. Und das ist unheimlich genug.
Du kommst in so ein Haus, wo gerade die alleinstehende 87jährige verstorben ist. Du blickst in zwanzig künstliche Mädchenaugenpaare. Und, ja, das Zeug verkauft sich sogar weiter, weil die Leute einfach verrückt danach sind. Das ist nichts für ‚Kleinanzeigen‘, und wenn, dann ist‘s sofort weg
berichtet mir ein auf „Seniorenwohnungsauflösung“ spezialisierter Unternehmer. Ob das nicht etwas pervers sei? Eine Generation, die Einskommanochwas Kinder gebar, aber sich nun mit „lebensechten“ Babypuppen umgibt? Der Unternehmer reagiert milde. Er hat Dutzende dieser Kinderpuppenauflösungen zu verwalten. Er sagt, das seien völlig natürliche Traumwelten. Daß sich alte Frauen in die Rolle einer Vielfach-Supermutti imaginieren, ist aus seiner Sicht ein nahezu gesunder Wesenszug.
Regression ist ein Zurückfallen in kindliche Modi. Dieser Zurückfall dient meist dem kurzfristigen Angst- und Streß-Abbau. Man flüchtet in eine Phase, in der es weniger Verantwortung, weniger Konflikte und mehr Geborgenheit gab. Das gibt es auf vielen Ebenen.
Persönlich erinnere ich mich daran, wie ich mir mit etwa 12 Jahren einen Schlaf-Overall kaufen ließ. Das war pure Regression. Ich wollte mit Pubertätsbeginn wohl einfach zurück in den „Strampler“, wie ihn Babys tragen. Krankhaft war das nicht, nur eine Reminiszenz, aber jedenfalls eine, die mich begreifen läßt, wie das läuft mit dem Regredieren, das eine öffentliche Pest geworden ist.
Ganz neu ist die Klage über eine infantile und zunehmend regredierende Gesellschaft nicht. In den späten 1960ern wurde im Rahmen von Alexander Mitscherlichs Kritik und Vision einer “vaterlosen Gesellschaft” eine allgemein konstatierte Reifungshemmung schlagworttauglich.
Später bemerkte Neil Postman in Das Verschwinden der Kindheit, daß es nur eine Frage der Perspektive sei, ob die Kindheit oder das Erwachsenenalter verschwänden. Er konstatierte zwischen Säuglingsalter und Senilität eine langgestreckte dritte Lebensstufe: die des „Kind-Erwachsenen“.
Mitte der Neunziger, im Zuge der massenhaften Versorgung deutscher Haushalte mit Privatfernsehen und den entsprechenden Blödelprogrammen und Voyeurshows, erschienen zahlreiche Bücher zur „kindlichen Gesellschaft“, und der Spiegel titelte mit dem Schreckensbild eines Morbus Infantilitatis.
Naivität, Verspieltheit und das enthemmte Laufenlassen der Emotionen wurden von modernen Kunstströmungen und gesamtgesellschaftlich von den rebellierenden Achtundsechzigern geradezu eingefordert und wirkten letztlich kulturprägend.
Infantilisierung ist ein Luxusproblem wohlhabender Gesellschaften. Sie frißt langfristig Substanz. Sie ist keine Rebellion gegen die Härte des Lebens, sondern Kapitulation.
Die Gesellschaft infantilisiert sich, weil sie den Preis der Reife scheut. Ich behaupte ja, daß „viele-Kinder-kriegen“ ein Rezept gegen fast alles ist, auch gegen den Morbus regressionis infantilis. Ich schwöre auf dieses Rezept.
ofeliaa
Regression wird wirklich absolut allem voran mit einem Werkzeug in Deutschland betrieben und das ist der Sport. Weiß nicht, ob dieser Kommentar hier veröffentlicht wird, da ich Teile der Neuen Rechten eher als Sportfanatiker einstufe. Nun betrachten wir den Sport einmal als das, was er ist: Stumpfe Ablenkung. Statt sich mit seinem Partner auseinanderzusetzen, geht man ins Gym. Statt an Nachwuchs zu arbeiten, geht man Radfahren. Statt sich mit Politik zu beschäftigen, geht man joggen. Statt sich jemals geistig zu nähren, in Form von Literatur, Kino, Musik und anderer Kunst, statt je ein Instrument zu lernen oder einen guten Kuchen oder ein nahrhaftes günstiges Mahl zubereiten zu zu können, geht man ins Gym, und so weiter. Ein völlig fruchtloses unterfangen und man erkennt die Wurzeln eines Baumes bekanntlich an den Früchten. Doch dies wird übersehen. Man sieht Schlumpffanatiker und Disney-Verrückte, aber man achtet selten darauf, wie kaputt uns dieser völlig sinnlose Sportwahn als Gesellschaft macht. Der Sport, wie er in unserer Gesellschaft derzeit betrieben wird, ist für mich der Antagonist zu emotionalem und geistigem Wachstum, einem natürlichen Lebensstil (diese Menge an Sport ist völlig unnatürlich), wie zu einer gesunden, reifen Gesellschaft mit echten Werten.