Regression als Volkssport

Ich sehe überall Regressionen. Auch im privaten Umfeld übrigens: Auf Instagram hab ich gesehen, daß sich ein Cousin von mir heftig mit Schlümpfen und ???-Hörspielen beschäftigt. Der Mann ist 51. Das läßt tief blicken: Diese Sehnsucht nach einem „Früher“, das längst nicht mehr ist…

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Sol­che regres­si­ven Akte pas­sie­ren meist als Schutz vor Über­for­de­rung, star­ker Angst, tief­lie­gen­den Trau­ma­ta. Regres­si­on ist ein klas­si­sches Bewäl­ti­gungs­sche­ma. Eines, das bei uns seit län­ge­rem überhandnimmt.

Vor mir an der Super­markt­kas­se stand heu­te eine Frau mit durch Plugs aus­ge­lei­er­ten Ohr­läpp­chen. (Aber nun ohne Plugs. War es ihr zu schwer oder zu dumm? Dezen­tes, „nach­denk­li­ches“ Nacken­tat­too: „Belie­ver“.) Auf den Hän­den hat­te sie einen Ele­fan­ten, Rosen, „Matteo“ und einen wei­te­ren, für mich unle­ser­li­chen Namen, wohl je mit Geburtsdatum.

Sie hat­te nichts wirk­lich Gutes auf dem Kas­sen­lauf­band: Naß­fut­ter für Hun­de, Spa­ghet­ti in Dosen, Chips, Raum­be­dufter, Scho­ko­rie­gel, Corn­flakes, Kip­pen und einen Gut­schein für Play-Kon­sum. Das sind natür­lich so Gemenge­la­gen, die man eher näch­tens ins Träu­men bear­bei­tet. (Was nicht heißt, daß es ein sel­te­ner Anblick wäre, hier­zu­lan­de. Nur: Man gewöhnt sich so schwer dran.)

Ihr Haar­pink war aus­ge­wach­sen, der Ansatz war grau. Sie trug einen glit­zern­den Ein­horn-Pul­li mit der erra­ti­schen Auf­schrift „Erwach­sen war ges­tern“ … ob sie 32 war oder eher 49, wie könn­te ich es ahnen? Sie roch stark nach Zigaretten.

Nun bin ich stets bemüht, an Men­schen das Gute her­aus­zu­fin­den. Ich dach­te mir aus, daß sie viel­leicht eine wahn­sin­nig lie­be­vol­le Mut­ter sei oder eine eif­ri­ge Kran­ken­schwes­ter. Ich tat mich schwer (und viel­leicht müß­te man auch ein­fach mal weni­ger den­ken.) Betrei­be ich hier Unter­schich­ten-Besu­de­lung oder Class Shaming, wie es neu­deutsch heißt? Mag schon sein, aber es ist nun mal mei­ne All­tags­rea­li­tät. Ich kann nicht nicht-denken.

Die­se kaum beson­de­re Frau war nicht vom Typus, der aktu­el­le Trends auf­spürt und ver­brei­tet. (Klein­stadt!) Aber sie hat auf eine Wei­se begrif­fen, daß es ange­sagt ist, sich selbst als infan­til zu framen: “Erwach­sen war gestern.”

Die­ses sich selbst als „non-adult“, nicht-erwach­sen zu benen­nen ist nun sehr in Mode. Es ent­le­digt einen ja auch qua Spruch einer gewis­sen Ver­ant­wor­tung. Bekannt­lich ende­te „die Jugend“ im Mit­tel­al­ter mit etwa 13 Jah­ren, in der Neu­zeit mit 21 und heu­te (haha, Wahl­al­ter aber ab 16, was für ein Para­dox) „in sozio­lo­gi­scher Hin­sicht“ erst mit 29.

Ich erin­ne­re mich noch gut dar­an, wie mir vor vie­len Jah­ren mei­ne (damals 26jährige) Freun­din geschrie­ben hat­te, sie sei nicht reif für ein Kind, „ich bin doch selbst noch ein Kind“. Ein Jahr spä­ter war sie schwan­ger. Ich hat­te sie „spa­ßes­hal­ber“ an ihre dama­li­ge Aus­sa­ge erin­nert. Sie schrieb mir:

Den Spruch damals… ehr­lich gesagt hat­te ich den aus dem Inter­net auf­ge­ga­belt. Ich kann nicht leug­nen, wie mich so Zeug beeinflußt.

„Squish­mal­lows“ und „Labu­bu“ sind zwei extrem erfolg­rei­che Sam­mel- Phä­no­me­ne, bei denen durch mas­sen­haf­te, mini­mal vari­ier­te Designs (tau­sen­de Cha­rak­te­re bzw. hun­der­te Figu­ren) gezielt Sam­mel­zwang und per­ma­nen­ter Kon­sum­druck bei Kin­der und erwach­se­nen Samm­lern erzeugt wird. Es sind nied­li­che (naja), „per­sön­li­che“ Kuschelfiguren.

Mir geht es hier nur um die Erwach­se­nen. Und wir spre­chen hier­bei von einer umgrei­fen­den Regres­si­on. Squish­mal­lows und Labu­bus flot­tie­ren frei. Hun­der­tau­sen­de voll­jäh­ri­ge Deut­sche kon­su­mie­ren das Zeug. Von den armen Leu­ten +75, die „lebens­ech­te“  Pup­pen sam­meln und auch dar­auf abon­niert sind, ganz zu schwei­gen. Und das ist unheim­lich genug.

Du kommst in so ein Haus, wo gera­de die allein­ste­hen­de 87jährige ver­stor­ben ist. Du blickst in zwan­zig künst­li­che Mäd­chen­au­gen­paa­re. Und, ja, das Zeug ver­kauft sich sogar wei­ter, weil die Leu­te ein­fach ver­rückt danach sind. Das ist nichts für ‚Klein­an­zei­gen‘, und wenn, dann ist‘s sofort weg

berich­tet mir ein auf „Senio­ren­woh­nungs­auf­lö­sung“ spe­zia­li­sier­ter Unter­neh­mer. Ob das nicht etwas per­vers sei? Eine Gene­ra­ti­on, die Eins­kom­ma­noch­was Kin­der gebar, aber sich nun mit „lebens­ech­ten“ Baby­pup­pen umgibt? Der Unter­neh­mer reagiert mil­de. Er hat Dut­zen­de die­ser Kin­der­pup­pen­auf­lö­sun­gen zu ver­wal­ten. Er sagt, das sei­en völ­lig natür­li­che Traum­wel­ten. Daß sich alte Frau­en in die Rol­le einer Viel­fach-Super­mut­ti ima­gi­nie­ren, ist aus sei­ner Sicht ein nahe­zu gesun­der Wesenszug.

Regres­si­on ist ein Zurück­fal­len in kind­li­che Modi. Die­ser Zurück­fall dient meist dem kurz­fris­ti­gen Angst- und Streß-Abbau. Man flüch­tet in eine Pha­se, in der es weni­ger Ver­ant­wor­tung, weni­ger Kon­flik­te und mehr Gebor­gen­heit gab. Das gibt es auf vie­len Ebenen.

Per­sön­lich erin­ne­re ich mich dar­an, wie ich mir mit etwa 12 Jah­ren einen Schlaf-Over­all kau­fen ließ. Das war pure Regres­si­on. Ich woll­te mit Puber­täts­be­ginn wohl ein­fach zurück in den „Stramp­ler“, wie ihn Babys tra­gen. Krank­haft war das nicht, nur eine Remi­nis­zenz, aber jeden­falls eine, die mich begrei­fen läßt, wie das läuft mit dem Regre­die­ren, das eine öffent­li­che Pest gewor­den ist.

Ganz neu ist die Kla­ge über eine infan­ti­le und zuneh­mend regre­die­ren­de Gesell­schaft nicht. In den spä­ten 1960ern wur­de im Rah­men von Alex­an­der Mit­scher­lichs Kri­tik und Visi­on einer “vater­lo­sen Gesell­schaft” eine all­ge­mein kon­sta­tier­te Rei­fungs­hem­mung schlagworttauglich.

Spä­ter bemerk­te Neil Post­man in Das Ver­schwin­den der Kind­heit, daß es nur eine Fra­ge der Per­spek­ti­ve sei, ob die Kind­heit oder das Erwach­se­nen­al­ter ver­schwän­den. Er kon­sta­tier­te zwi­schen Säug­lings­al­ter und Seni­li­tät eine lang­ge­streck­te drit­te Lebens­stu­fe: die des „Kind-Erwach­se­nen“.

Mit­te der Neun­zi­ger, im Zuge der mas­sen­haf­ten Ver­sor­gung deut­scher Haus­hal­te mit Pri­vat­fern­se­hen und den ent­spre­chen­den Blö­del­pro­gram­men und Voy­eur­shows, erschie­nen zahl­rei­che Bücher zur „kind­li­chen Gesell­schaft“, und der Spie­gel titel­te mit dem Schre­ckens­bild eines Mor­bus Infan­ti­li­ta­tis.

Nai­vi­tät, Ver­spielt­heit und das ent­hemm­te Lau­fen­las­sen der Emo­tio­nen wur­den von moder­nen Kunst­strö­mun­gen und gesamt­ge­sell­schaft­lich von den rebel­lie­ren­den Acht­und­sech­zi­gern gera­de­zu ein­ge­for­dert und wirk­ten letzt­lich kulturprägend.

Infan­ti­li­sie­rung ist ein Luxus­pro­blem wohl­ha­ben­der Gesell­schaf­ten. Sie frißt lang­fris­tig Sub­stanz. Sie ist kei­ne Rebel­li­on gegen die Här­te des Lebens, son­dern Kapitulation.

Die Gesell­schaft infan­ti­li­siert sich, weil sie den Preis der Rei­fe scheut. Ich behaup­te ja, daß „vie­le-Kin­der-krie­gen“ ein Rezept gegen fast alles ist, auch gegen den Mor­bus regres­sio­nis infan­ti­lis. Ich schwö­re auf die­ses Rezept.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Nichts schreibt sich
von allein!

Das Blog der Zeitschrift Sezession ist die wichtigste rechtsintellektuelle Stimme im Netz. Es lebt vom Fleiß, von der Lesewut und von der Sprachkraft seiner Autoren. Wenn Sie diesen Federn Zeit und Ruhe verschaffen möchten, können Sie das mit einem Betrag Ihrer Wahl tun.

Sezession
DE58 8005 3762 1894 1405 98
NOLADE21HAL

Kommentare (8)

ofeliaa

21. März 2026 17:48

Regression wird wirklich absolut allem voran mit einem Werkzeug in Deutschland betrieben und das ist der Sport. Weiß nicht, ob dieser Kommentar hier veröffentlicht wird, da ich Teile der Neuen Rechten eher als Sportfanatiker einstufe. Nun betrachten wir den Sport einmal als das, was er ist: Stumpfe Ablenkung. Statt sich mit seinem Partner auseinanderzusetzen, geht man ins Gym. Statt an Nachwuchs zu arbeiten, geht man Radfahren. Statt sich mit Politik zu beschäftigen, geht man joggen. Statt sich jemals geistig zu nähren, in Form von Literatur, Kino, Musik und anderer Kunst, statt je ein Instrument zu lernen oder einen guten Kuchen oder ein nahrhaftes günstiges Mahl zubereiten zu zu können, geht man ins Gym, und so weiter. Ein völlig fruchtloses unterfangen und man erkennt die Wurzeln eines Baumes bekanntlich an den Früchten. Doch dies wird übersehen. Man sieht Schlumpffanatiker und Disney-Verrückte, aber man achtet selten darauf, wie kaputt uns dieser völlig sinnlose Sportwahn als Gesellschaft macht. Der Sport, wie er in unserer Gesellschaft derzeit betrieben wird, ist für mich der Antagonist zu emotionalem und geistigem Wachstum, einem natürlichen Lebensstil (diese Menge an Sport ist völlig unnatürlich), wie zu einer gesunden, reifen Gesellschaft mit echten Werten. 

Diogenes

21. März 2026 18:20

"Unsere" sog. Elite (die nicht "unsere" ist, weil sie keine dt. Sichtweise als solche ausweist) "frißt" unsere Kinder ja, und das nicht nur im übertragenen und politischen Sinne, sondern wortwörtlich: https://www.youtube.com/watch?v=yn5Wca0vEFw ("Holger Strohm: Politik, Korruption und Satanismus")
 
Davon ab, sollte sich jeder sein "Inneres Kind" bewahren, damit diese Zeiten mit Humor nehmen kann. 

Blue Angel

21. März 2026 18:31

"Infantilisierung ist ein Luxusproblem wohlhabender Gesellschaften. Sie frißt langfristig Substanz. Sie ist keine Rebellion gegen die Härte des Lebens, sondern Kapitulation." - Das trifft es auf den Punkt.

Kurativ

21. März 2026 18:52

Bei der Arbeit läuft in der Nachbarsabteilung den ganzen Tag "Deutschland Funk". Also Lizenzpresse mit Gehirnwäsche der NATO/USA/GB.
Meistens ist eine kleinkindhafte weibliche Stimme zu hören, welche versucht, die Zuhörer mit vermeindlichen oder tatsächlichen Ungerechtigkeiten auf kindlicher Ebene zu gewinnen. Ich kann mir vorstellen, dass die Zuhörer nach einiger Zeit dort alles glauben und sich denken: "Die machen das schon. Ich bin klein und unwichtig. Die werden doch nicht...". Und wenn es dann doch unangenehm wird (Ölpreise, Armut, ..) kann man sich wieder auf die kleinkindhafte Rolle zurückziehen und macht dem Regime keinen Ärger.
Viele glauben dabei, sie stehen in einem Dialog mit den Überbringern der Regierung. Aber im Falle von Nachteilen bekommen sie NICHTS für ihre Selbstverzwergung.
Die beschriebene Regression als Luxusproblem trifft für mich das Problem perfekt.
Es liegt an jedem selber, die Situationen, welche von Außen auf einen zu kommen, zu ändern !

RMH

21. März 2026 19:02

Das ist auch ein Ergebnis der antiautoritären Erziehung und der daran anschließenden Überpädagogisierung aller Bildungseinrichtungen. Wer immer nur "altersgerecht" Zöglinge "abholen" will, wer die jungen Pennäler nicht mehr ab einen gewissen Alter siezt und sie nicht wie "große" behandelt und fordert (!), sondern stets nur wie Kinder, der leistet der Infantilisierung großen Vorschub. Auf der anderen Seite ist es auch eine klare Charaktersache, die zu einem großen Teil genetische Ursachen hat. Wer als Kind und Jugendlicher nie besonders kindisch war, sondern sich schon in jungen Jahren an Erwachsenen orientierte, der neugierig von Kinder- & Jugendbuchabteilung in der Bibliothek (aus Sicht mancher Erwachsener "zu früh") zu den Büchern der Großen gegeriffen hat, der wird auch im höheren Alter kaum regressiv oder infantil sein. Allein: Es fehlt heutztage dann auch noch an erwachsenen Vorbildern und echter, Literatur für Erwachsene (womit ich nicht erotisch oder pornografisch meine, wie man es vor 40 Jahren verstand). Wo sind die 14 Jährigen, die schon Thomas Mann, Stefan Zweig oder Hermann Hesse lesen? Zu meiner Zeit war das gar nicht mal so selten.

Gracchus

21. März 2026 19:05

Den ersten Satz würde ich unterstreichen, den letzten nicht - weil mir schon viele infantile Mütter begegnet sind. Wir leben halt in einer infantil-pubertären Kultur.

Alex Schleyer

21. März 2026 19:53

Woher das harte Urteil? Nur, weil die Tusse augenscheinlich vulgäre Unterschicht war? Oder weil die falsch verstandene Härte der rechten Szene mitunter bizarre Blüten treibt? Ich, als erwachsener Akademiker mit Erfahrung in Krisengebieten, fahre in meinem alten Mercedes einen lebensgroßen Teddy spazieren. Und? Er bereitet mir und anderen eine kleine Freude in einer Gegenwart, in der wir von lauter Dreck umgeben sind.

Kositza: Der Teddy: wahrlich auch eine bizarre Blüte, die ich Ihnen gern gönne. Infantilismen bei Leuten, die viel in Krisengebieten zu tun hatten, erlebe ich übrigens sehr häufig. Die Grenze zwischen Spleen und Psychopathologie, schmaler Grat.

Mitleser2

21. März 2026 19:55

Schöne Beobachtung. Ob es sich mit Kinderkriegen lösen lässt? Zweifel. Es kommt halt gerade alles zusammen. Die 68er haben mit ihrem Selbsthass die Macht, auch wenn die inzwischen Opas sind. Und die danach Gekommenen wählen 75% Blockparteien. Schwierig, da nicht depressiv zu werden.