Rheinland-Pfalz hat gewählt – eine Analyse

Nach 35 Jahren Regierungszeit verliert die SPD ein weiteres westdeutsches Stammland.

Daniel Fiß

Daniel Fiß ist freier Publizist.

Bei genaue­rer Betrach­tung ist Rhein­land-Pfalz jedoch kei­ne sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Mus­ter­re­gi­on. Die Sozi­al­struk­tur von Rhein­land-Pfalz bil­de­te eigent­lich stets die Scha­blo­ne für ein klas­sisch-tra­di­tio­nel­les, christ­de­mo­kra­ti­sches Milieu, stark geprägt durch eine katho­lisch-länd­li­che Trä­ger­schaft, auf die sich CDU-Urge­stei­ne wie Hel­mut Kohl oder Bern­hard Vogel bis in die spä­ten 1980er Jah­re stüt­zen konnten.

Die jahr­zehn­te­lan­ge Vor­macht der Uni­on beruh­te genau auf die­sen kon­fes­sio­nel­len, sied­lungs­struk­tu­rel­len und milieu­spe­zi­fi­schen Vor­aus­set­zun­gen. Daß die SPD hier seit den frü­hen neun­zi­ger Jah­ren den­noch eine so lan­ge Regie­rungs­ära auf­bau­en konn­te, war poli­tisch bemer­kens­wert und his­to­risch eher die Aus­nah­me als die Regel.

Die SPD konn­te ihre struk­tu­rel­len Nach­tei­le in Rhein­land-Pfalz über vie­le Jah­re nach der Wen­de durch ein wirk­sa­mes Modell star­ker poli­ti­scher Per­sön­lich­kei­ten kom­pen­sie­ren, die lager­über­grei­fen­de Wäh­ler­al­li­an­zen orga­ni­sie­ren konn­ten. Ähn­lich wie es schon die Grü­nen in Baden-Würt­tem­berg ver­moch­ten, konn­ten die SPD-Minis­ter­prä­si­den­ten wie Kurt Beck oder Malu Drey­er sich gegen die sons­ti­gen Trends ihrer eige­nen Par­tei stem­men und die sozio­struk­tu­rel­len Ver­falls­er­schei­nun­gen der tra­di­tio­nel­len Sozi­al­de­mo­kra­tie überbrücken.

Die­ses stra­te­gi­sche Asset ist nun jedoch an Gren­zen gesto­ßen. Die alte Erfolgs­for­mel, wonach star­ke Per­sön­lich­kei­ten die Vola­ti­li­tät einer geschwäch­ten Stamm­par­tei über­strah­len, reicht nicht mehr zur Mehrheitssicherung.

Wie die Zah­len vom Wahl­abend zei­gen, lag dies auch weni­ger an einer schwa­chen Per­sön­lich­keit als an einem gene­rel­len poli­ti­schen Wech­sel­wil­len. In allen direk­ten Duel­len und Gegen­über­stel­lun­gen hin­sicht­lich Popu­la­ri­tät, Bekannt­heit und Direkt­wahl­prä­fe­renz konn­te Alex­an­der Schweit­zer sei­nen Kon­kur­ren­zen Gor­don Schnie­der aus­ste­chen. Für 72% (+19) war bei die­ser Wahl wich­ti­ger, wel­che Par­tei­en künf­tig regie­ren, und nur noch für 22% (-15), wer Minis­ter­prä­si­dent wird.

Die aktu­el­le Wahl offen­bart, dass sich CDU und SPD in einer Art per­ma­nen­ten „Ero­si­ons­wett­lauf“ um ihre schwin­den­den Trä­ger­mi­lieus befin­den. Die katho­li­sche Land­be­völ­ke­rung auf der einen und die Indus­trie­ar­bei­ter­schaft auf der ande­ren Sei­te. Das Zer­falls­pro­dukt bei­der Ero­si­ons­pro­zes­se lan­det zuneh­mend als Stim­men­zu­wachs bei der AfD.

Lan­ge Zeit ging die SPD in Rhein­land-Pfalz ver­mut­lich davon aus, die­sen Wett­lauf gegen die CDU gewin­nen zu kön­nen, da Trends wie die fort­schrei­ten­de Säku­la­ri­sie­rung, die Bil­dungs­expan­si­on ab Ende der 80er-Jah­re, Urba­ni­sie­rung und der Wan­del zur Dienst­leis­tungs­ge­sell­schaft die kon­ser­va­tiv-bür­ger­li­che Milieus schein­bar stär­ker unter Druck setz­ten würden.

Doch die Zer­falls­ge­schwin­dig­keit der Milieu­al­li­an­zen der Sozi­al­de­mo­kra­tie hat in den letz­ten Jah­ren deut­lich zuge­nom­men. Die SPD ver­lor bei die­ser Wahl mas­siv bei den Arbei­tern und stürz­te in die­ser Grup­pe auf 21% ab, wäh­rend die AfD hier mit 39% stärks­te Kraft wurde.

Die Sozi­al­de­mo­kra­tie ver­liert nach rechts ihre tra­di­tio­nel­le Arbei­ter­schaft und nach links ihr urban-aka­de­mi­sches Kli­en­tel an die Grü­nen und die Links­par­tei. Die­ser Aus­zer­rungs­pro­zess wirkt deut­lich inten­si­ver und destruk­ti­ver als auf Sei­ten der Uni­on. Doch auch die­ser CDU-Sieg soll­te nicht als Rück­kehr zur alten christ­de­mo­kra­ti­schen Hege­mo­nie ver­stan­den wer­den. 31% sind immer noch das zweit­schlech­tes­te Par­tei­er­geb­nis in Rhein­land-Pfalz. Die Wahl bringt die CDU zurück an die Macht, aber läßt sie nicht an Ära von Hel­mut Kohl oder Bern­hard Vogel anknüpfen.

Die AfD erziel­te in Rhein­land-Pfalz mit 19,5% ihr bis­lang bes­tes Ergeb­nis bei einer west­deut­schen Land­tags­wahl, auch wenn die selbst­ge­steck­te Ziel­mar­ke von 20% knapp ver­fehlt wur­de. Erst vor zwei Wochen war der Lan­des­ver­band in Baden-Würt­tem­berg hier noch Rekordhalter.

Die AfD hat ihr Ergeb­nis gegen­über 2021 mehr als ver­dop­pelt und zieht mit 24 Man­da­ten als deut­lich stär­ke­re Kraft in den Land­tag ein. Das gene­rel­le sozio­struk­tu­rel­le Wahl- und Ein­stel­lungs­mus­ter der AfD bestä­tigt weit­ge­hend die Trends ver­gan­ge­ner Wah­len, die nun jedoch noch­mal mit knapp 20 statt nur 8% anders dimen­sio­niert sind.

Es ist eine kla­re Kor­re­la­ti­on zwi­schen Unzu­frie­den­heit, wirt­schaft­li­chen Sor­gen, sub­jek­ti­ven Abstiegs­be­dro­hun­gen und Unsi­cher­heits­wahr­neh­mun­gen erkenn­bar, die die Mobi­li­sie­rungs­en­er­gie der Par­tei kata­ly­siert. Knapp 80% der AfD-Anhän­ger fürch­ten, ihren Lebens­stan­dard künf­tig nicht mehr hal­ten zu kön­nen. AfD-Wäh­ler schät­zen ihre per­sön­li­che wirt­schaft­li­che Situa­ti­on deut­li­cher schlech­ter ein als ande­re Par­tei­an­hän­ger. 77% haben gro­ße Sor­gen, dass sie durch stei­gen­de Prei­se ihre Rech­nun­gen nicht mehr bezah­len können.

Die sozia­le Seg­men­tie­rung der AfD-Wäh­ler­schaft ist somit recht ein­deu­tig und bie­tet über den Uni­ver­sal-Kleb­stoff der Migra­ti­ons­kri­tik nach wie vor ein kla­res Allein­stel­lungs­merk­mal und eine rück­ge­bun­de­ne Stammwählerbasis.

Das pro­gram­ma­ti­sche Ange­bot der AfD bleibt im Kern jedoch eine “Man­gel-Erzäh­lung”, die von poli­ti­scher Ent­frem­dung zehrt, aber nur schwer­lich eine kon­kre­te Gestal­tungs­idee for­mu­lie­ren kann. Es soll­te daher auch als ein ganz lei­ses Warn­si­gnal erkannt wer­den, dass Migra­ti­on und Inne­re Sicher­heit zwar wei­ter­hin die the­ma­ti­schen Kern­prä­fe­ren­zen der AfD-Wäh­ler­schaft zum Aus­druck, aber ins­be­son­de­re im Bereich „Zuwan­de­rung“ die The­men­prio­ri­tät um ‑17% im Ver­gleich zu 2021 abge­nom­men hat.

Natür­lich bleibt das wich­tigs­te The­ma „Kri­mi­na­li­tät und Inne­re Sicher­heit“ letzt­lich nur ein ver­mit­teln­der Pro­xy für das Migra­ti­ons­the­ma, aber wir haben aus einem gan­zen Fun­dus von Stu­di­en der letz­ten Jahr­zehn­te, die kla­re Evi­denz, dass der Wahl­er­folg rech­ter Par­tei­en von der Sali­enz (also der Wich­tig­keit oder Auf­fäl­lig­keit eines bestimm­ten poli­ti­schen The­mas) des Migra­ti­ons­the­mas abhängt: Ist die­ses The­ma in der Gesamt­wäh­ler­schaft nur wenig prä­sent, so fällt es der Par­tei schwer in ande­re Wäh­ler­spek­tren aus­zu­grei­fen. Wird die­ses The­ma auch in der eige­nen Anhän­ger­schaft weni­ger rele­vant erge­ben sich kon­kre­te Mobi­li­sie­rungs­pro­ble­me – das haben die Umfra­gen- und Wahl­durst­stre­cken auch schon in den Coro­na­jah­ren zwi­schen 2020–2022 klar gezeigt.

Die viel­fäl­ti­gen öko­no­mi­schen, sozia­len und kul­tu­rel­len Kri­sen­schocks und Gesell­schafts­trans­for­ma­tio­nen machen die AfD zu einer Art Sam­mel­ge­fäß poli­ti­scher Unzu­frie­den­heit, bei der die Migra­ti­ons­kri­tik als eine wich­ti­ge Brü­cke dient.

Dau­er­haft trag­fä­hig wird die­se Brü­cke jedoch nur dann, wenn sie auf sta­bi­len Pfei­lern ruht, über die Aus­bil­dung eige­ner sozia­ler Milieus, auf kon­ti­nu­ier­li­cher kom­mu­na­ler und vor­po­li­ti­scher Gras­wur­zel­ar­beit sowie auf einer hin­rei­chend kohä­ren­ten Pro­gram­ma­tik, die den Über­gang von situa­ti­vem Pro­test zu sta­bi­ler Hege­mo­nie­fä­hig­keit ermöglicht.

Trotz einer rech­ne­ri­schen Mehr­heit für ein Bünd­nis aus CDU und AfD zeigt die Nach­wahl­ana­ly­se, daß die viel dis­ku­tier­te “Brand­mau­er” recht sta­bil bleibt. Nur etwa 11% der CDU-Befrag­ten in Rhein­land-Pfalz befür­wor­ten ein schwarz-blau­es Bünd­nis. Über 80% der CDU-Wäh­ler spre­chen sich expli­zit gegen eine Regie­rungs­be­tei­li­gung der AfD aus. Somit sind sich – trotz oft­mals ande­rer Hoff­nun­gen und Beschwö­run­gen – der CDU-Funk­tio­närs­über­bau und die eige­ne Anhän­ger­schaft doch immer noch recht einig in der Brandmauerpolitik.

Man muß das Kal­kül der CDU end­lich ver­ste­hen und nicht auf vage Spe­ku­la­tio­nen oder eige­ne Prä­mis­sen ver­las­sen. Die CDU hat mit Rhein­land-Pfalz gese­hen, daß sie im Wes­ten wei­ter­hin aus eige­ner Kraft um Mehr­hei­ten kämp­fen und Wah­len gewin­nen kann – selbst in Län­dern, die lan­ge als sozi­al­de­mo­kra­tisch befes­tigt gal­ten, wie Rhein­land-Pfalz, oder in tra­di­tio­nel­len Hoch­bur­gen wie Nordrhein-Westfalen.

Im Osten wie­der­um ope­riert die Uni­on seit Jah­ren mit deut­lich ein­ge­schränk­te­ren Erwar­tun­gen. Gera­de des­halb wird die Par­tei­spit­ze kaum bereit sein, das Risi­ko mas­si­ver Wäh­ler­ver­lus­te in den west­deut­schen Kern­räu­men ein­zu­ge­hen, nur um sich im Osten über eine Koope­ra­ti­on mit der AfD kurz­fris­tig neue Macht­op­tio­nen zu eröff­nen. Die Behar­rungs­kräf­te die­ser Par­tei soll­ten nicht unter­schätzt werden.

Hin­zu kommt, daß die Uni­on ihre Kon­kur­renz sicher­lich auch beob­ach­ten und dabei erken­nen wird, daß die Ero­si­ons­pro­zes­se, wie anfäng­lich erwähnt, im Mit­te-Links-Lager gegen­wär­tig schnel­ler, tie­fer und destruk­ti­ver ver­lau­fen als im eige­nen Haus.

Die poli­ti­schen Wett­be­wer­ber der CDU schwä­chen sich in zen­tra­len Seg­men­ten wech­sel­sei­tig. Grü­ne und Links­par­tei kon­kur­rie­ren in urba­nen, aka­de­misch gepräg­ten Milieus um ähn­li­che Wäh­ler­grup­pen. Die SPD ver­liert zugleich in beträcht­li­chem Maße den Anschluß an ihre frü­he­re arbei­ter­schaft­li­che Basis, deren Unzu­frie­den­heit immer stär­ker von der AfD gebün­delt wird. Und die FDP ist als bür­ger­li­che Kon­kur­renz vie­ler­orts so geschwächt, daß sie für die CDU kaum noch als ernst­haf­te stra­te­gi­sche Bedro­hung erscheint.

Vor die­sem Hin­ter­grund hat sich die Uni­on auch mit den eige­nen Ver­lus­ten an die AfD in Tei­len länd­lich-kon­ser­va­ti­ver Milieus in gewis­ser Wei­se arran­giert. Die­se Ver­lus­te sind real und teil­wei­se auch schmerz­haft, aber sie wer­den im Par­tei­ap­pa­rat offen­kun­dig nicht als akut exis­tenz­ge­fähr­dend bewer­tet. Sie gehö­ren aus Sicht der CDU eher zu den lang­fris­ti­gen Struk­tur­kos­ten eines ver­än­der­ten Parteiensystems.

Gleich­zei­tig kann sich die Par­tei in west­deut­schen Kern­räu­men wei­ter­hin auf sta­bi­le sozia­le Reser­ven stüt­zen, ins­be­son­de­re dort, wo katho­li­sche Prä­gun­gen, kom­mu­na­le Ver­an­ke­rung und älte­re Wäh­ler­schich­ten den Rest­be­stand klas­si­scher Volks­par­tei­b­in­dung tra­gen. Die eigent­li­che Hoff­nung der Uni­on besteht weni­ger in der eige­nen alten Grö­ße als in der Annah­me, dass die Par­tei­en links und rechts von ihr ent­we­der an sich selbst schei­tern oder sich gegen­sei­tig wei­ter schwä­chen. Das Ver­hält­nis zur AfD scheint im Kon­rad-Ade­nau­er-Haus, ange­sichts sol­cher Zah­len bis auf wei­te­res erst­mal geklärt.

Daniel Fiß

Daniel Fiß ist freier Publizist.

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Kommentare (5)

Dieter Rose

23. März 2026 18:57

Hilfe, ich fühle mich von den Wählenden und anderen -enden verfolgt.
 

Franz Bettinger

23. März 2026 19:21

"Das programmatische Angebot der AfD ist mangelhaft. Es zehrt von einer politischer Entfremdung. Es kann aber kaum eine konkrete Gestaltungs-Idee formulieren,“ schreibt @DF. Das sehe ich nicht so. Richtig ist, dass die AfD mit klareren und einfacheren Slogans operieren sollte, wie: "Wir sind gegen Krieg, gg jegliche Sanktionen, gg den Klima-Schwindel. Für Atomkraft, gute Beziehungen zu Russland, natürlich für Deutschland.“ Schön wäre auch: „Raus aus der NATO! Raus aus der EU!“ Das wird die AfD zwar insgeheim wollen, aber nicht zu sagen wagen. Vllt. fällt's ja nach dem Iran-Krieg leichter. 

Dietrichs Bern

23. März 2026 19:37

Die Analyse geht in einem zentralen Punkt vollkommen fehl: Die "Trägermillieus" von schwarz und rot sind durchaus noch existent. Sie werden nur leidenschaftlich bekämpft und verdrängt. Bei der CDU hat es für die eigene Wählerschaft vorerst weniger unschöne Konsequenzen, deshalb gibt es noch so viele Merkelianer.
Bei der SPD baden gerade Arbeiter, Krankenschwester und Büroangestellte mit geringen Einkommen die Auswirkungen von Migration, Wirtschaftsabbau, und ständiger Steigerung von Steuern und Abgaben am ehesten aus.

Le Chasseur

23. März 2026 19:46

Vielen Dank für die Analyse.
Hier noch zwei ergänzende Links:
Wahlverhalten Landtagswahl Rheinland-Pfalz
Wählerwanderung Landtagswahl Rheinland-Pfalz
 

Mitleser2

23. März 2026 20:03

"Das Verhältnis zur AfD scheint im Konrad-Adenauer-Haus, angesichts solcher Zahlen bis auf weiteres erstmal geklärt."
Ja, und für die BTW 29 gilt, dass die absoluten Wählerzahlen im Osten zu gering sind. Für die AfD kann es nur um die Landtagswahlen dort gehen. Das wird schwierig genug gegen die Blockparteien.