Wie wir mal ein Genie kannten

Eine erheiternde Geschichte aus dem „Nähkästchen“ darf hier zum Besten gegeben werden.

Sie hat womöglich als Pointe einen etwas schadenfrohen Beigeschmack. Daß ich sie erzähle, schadet aber keinem. Namen, Orte habe ich leicht verfremdet. Es ist eine wahre Geschichte.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Vor etwa vier Jah­ren erreich­te mich eine Mail von einem mir unbe­kann­ten 80jährigen Herrn. Zumin­dest bewußt unbe­kannt, denn er rekur­rier­te auf ein „inten­si­ves, außer­ge­wöhn­li­ches“ Gespräch, daß „wir bei­de“ auf der Buch­mes­se anno 2017 geführt hät­ten. Das moch­te sein. Es waren hun­der­te Gesprä­che damals. Gut: dut­zen­de jedenfalls.

Er woll­te mich UNBEDINGT tref­fen, es gin­ge um WICHTIGES. Das paß­te mir nicht ganz in den Terminkalender.

Lud­ger von Lub­o­mir­ski blieb hart­nä­ckig. Nach meh­re­ren Mail­wech­seln, bei denen ich wohl etwas sprö­de blieb, obgleich es um ein „gro­ßes Erbe“ ging, gelang es ihm, mich unter der Ver­lags­num­mer an den Hörer zu bekommen.

Tat­säch­lich sprüh­te er vor Witz und (naja, Alt­her­ren-) Charme. Sei­ne Lache war ein­zig­ar­tig. Er wol­le nun, da er mich end­lich „dran­ha­be“ (und es sei ihm sym­pa­thisch, daß ich mich durch das Stich­wort „Erbe“ nicht habe anfi­xen las­sen), kei­nen lan­gen Fackel­zug machen:

Er und sei­ne Frau sei­en lei­der kin­der­los geblie­ben. Er sei sehr ver­mö­gend, aber vor allem besä­ße er eine gigan­ti­sche For­schungs­bi­blio­thek, deren Pfle­ge er gesi­chert wis­sen wolle.

Er habe vor Jah­ren bereits eine Erbin ein­ge­setzt (also für die hoch­wert­vol­le Biblio­thek, aber auch für das gan­ze Anwe­sen im Speck­gür­tel einer west­deut­schen Groß­stadt). Sie und vor allem ihre Eltern hät­ten sich aber „unter Coro­na“ unsäg­lich ver­hal­ten („alle x‑fach gespritzt, nie ohne Mas­ke außer Haus“), daß er das Tes­ta­ment nun revi­diert hätte.

Lie­be Frau Kositza. Ich sag es frei her­aus: Ich möch­te mein beträcht­li­ches Erbe gern in die Hän­de eines Ihrer Kin­der geben. Ich weiß es da in guten Hän­den. Das sage ich, ohne Ihre Kin­der per­sön­lich zu ken­nen. Ich habe eine for­mi­da­ble Men­schen­kennt­nis – was Ihnen jeder bestä­ti­gen wird, der mich kennt – und ver­fol­ge ihr Tun und das ihres Man­nes seit lan­gem. Zur Sache: Die Über­nah­me des Hau­ses wird Sie bezie­hungs­wei­se Ihr Kind eine Men­ge Erb­schafts­steu­er kos­ten. Aber ich habe hin­zu ein gewis­ses Ver­mö­gen. Und damit wür­de Ihr Kind als Allein­er­be – nach mei­nem und dem Tod mei­ner Frau ‑schlicht­weg aus­ge­sorgt haben.

Puh. Was sagt man da? Erst­mal jeden­falls nicht Nein, man bit­tet um Bedenkzeit.

Auf so was hat man nie spe­ku­liert in der poli­ti­schen Arbeit. Auf so was ist man auch gar nicht ange­wie­sen! Uns geht‘s gut ohne irgend­wel­ches Erbe.

Aber bit­te. Ich reagier­te wochen­lang nicht. Von Lub­o­mir­ski hak­te mehr­fach nach. Er schlug dann einen kon­kre­ten Ter­min für ein Tref­fen vor („nun zie­ren Sie sich nicht, Frau Kositza“, dann wie­der das dröh­nen­de Lachen), und ich schlug ein.

Ich wur­de her­vor­ra­gend bewirt­schaf­tet, Vier-Gang-Menü nach Gas­tro-Mode der Acht­zi­ger, aber wirk­lich for­mi­da­bel. Wein­aus­wahl dazu: Einsplus

Die ange­prie­se­ne „Resi­denz“ mit ange­kün­dig­tem „Ost- und West­flü­gel“ ent­pupp­te sich als adret­tes Rei­hen­haus. Wir unter­hiel­ten uns gut. Von Lub­o­mir­skis Rede­an­teil lag bei 80%, mei­ner bei 10%, genau wie der sei­ner sehr herz­li­chen, deut­lich jün­ge­ren Frau Rena­te. Er ent­pupp­te sich als Hob­by-His­to­ri­ker (Schul­ab­bre­cher auf­grund sei­nes frei­sin­ni­gen Geis­tes), der aber alles bes­ser wuß­te als die bestall­ten Historiker.

Das gibt es ja wirk­lich – das war noch kein Ein­wand mei­ner­seits. Er war Revi­sio­nist. Prüf­te mein Fach­wis­sen alt­vä­ter­lich, lob­te mich. Er hät­te nicht gedacht, daß man bei einem moder­nen Geschichts­stu­di­um noch wirk­lich etwas lerne.

Dann ging es um’s Erbe. Ihm war sei­ne hoch­spe­zi­el­le For­schungs­bi­blio­thek enorm wich­tig. Die müs­se unbe­dingt gepflegt wer­den! Herz­blut! Da er ein All­round-Genie war, hat­te er auch ein Regal­sys­tem dazu ent­wi­ckelt. Güns­tig sei es, wenn ich einen Anwalt kenn­te, der der­glei­chen paten­tie­ren las­sen könne.

Mir wur­de ein Kata­log sei­ner „Bestän­de“ in die Hand gedrückt, und in den kom­men­den Mona­ten erhielt ich per Mail stets Aktua­li­sie­run­gen. Peter Hah­ne war drun­ter, Hen­ry M. Bro­der, Hans-Olaf Hen­kel, sol­che Sachen. Schon auch gutes Zeug, wohl auch Wertvolles.

Mit dem Anwalt für‘s Patent hielt ich erst­mal zurück, eine bücher­gie­ri­ge Toch­ter hat­te ich aber.

Jedoch zunächst woll­te ich gern wis­sen: Habe er, Lud­ger von Lub­o­mir­ski, denn kei­ne Ver­wand­ten, denen er die­ses Erbe über­ant­wor­ten wol­le? Ich hät­te kei­ner­lei Inter­es­se, mir den Ärger eines Nef­fen zuzie­hen. Was auch für die Toch­ter gälte.

Nein. Kaum Ver­wandt­schaft, Geschwis­ter auch kin­der­los. Mit all den übri­gen sei er völ­lig verkracht.

Das war die ers­te Red Flag.

Als von Lub­o­mir­ski und sei­ne Frau Rena­te dann mei­ne Toch­ter ken­nen­lern­ten, gab es kein Hal­ten mehr: Das Kind sei „der abso­lu­te Sech­ser im Lot­to!“ Es war ein tota­ler Begeis­te­rungs­über­schwang. Es war von „natür­li­cher Herz­lich­keit“, „klu­gen Nach­fra­gen“ und einem „alles spren­gen­dem Air“ die Rede.

Es gab noch drei wei­te­re Tref­fen. Nach dem ers­ten wur­de uns eine Abschrift des nun nota­ri­ell geän­der­ten Tes­ta­ments über­sandt. Die Toch­ter als Allein­er­bin von Fami­lie von Lubomirski!

Der Puls hielt sich in Gren­zen. Wir sind kei­ne Mate­ria­lis­ten, wir sind Idea­lis­ten. Aber: ja, schon nett. Auch irgend­wie verdient.

Die Toch­ter war aller­dings bereits nach dem ers­ten Tref­fen genervt:

Lud­ger redet nicht nur in Dau­er­schlei­fe, stun­den­lang ohne Punkt und Kom­ma, er macht sei­ne Frau auch dau­ernd run­ter. Er tut, als sei sie ein dum­mes Kind. Er behan­delt sie wie eine Die­ne­rin, das ist abar­tig. Er sagt ihr wirk­lich vor mei­nen Ohren, daß sie doof sei. Dabei ist sie total lieb und gar nicht dumm.

Das war die zwei­te Red Flag. Nach der all­ge­mei­nen Beleh­rung über Welt­la­ge etc. kam dann (ins­ge­samt drei­mal) eine akku­ra­te Beleh­rung, wie sein welt­weit ein­zig­ar­ti­ges Bücher­zim­mer zu behan­deln und zu pfle­gen sei.

Die drit­te Red Flag war, als Lud­ger von Lub­o­mir­ski zum wie­der­hol­ten Mal beton­te, daß die Kin­der­lo­sig­keit ja nicht an ihm läge. Was die Her­vor­ra­gendheit sei­nes Sper­mas gegen­über der Qua­li­tät der Eizel­len sei­ner Frau bedeu­te­te. Jahr­zehn­te her das The­ma. Trä­nen­trei­bend für Rena­te. Sie muß­te bit­ter­lich wei­nen. Mei­ne Toch­ter konn­te nicht anders, als von Lub­o­mir­ski zu tadeln und Rena­te zu trös­ten. (Was im Sin­ne unse­res Erzie­hungs­auf­trags war.)

Beim letz­ten Tref­fen im west­deut­schen Rei­hen­haus mit Ost- und West­flü­gel zeig­te mei­ne Toch­ter furcht­ba­re Feh­ler in punc­to Geschichts­kennt­nis. Es ging um die Tei­lung Ober­schle­si­ens 1920/21, und sie wuß­te nichts dazu zu sagen, OBWOHL SIE SCHLESISCHE AHNEN HAT! Von Lub­o­mir­ski fal­te­te sie ver­bal zusammen.

Zudem hat­te sie im dor­ti­gen Haus­halt ein Cognac-Glas als ein Whis­key-Glas behan­delt. Das brach­te den Spi­ri­tuo­sen-Con­nois­seur und übri­gens Ket­ten­rau­cher von Lub­o­mir­ski voll­ends in Wal­lung. Er schrieb mir böse Mails, wie bit­ter ent­täuscht er sei über mei­ne „kul­tur­lo­se“ Toch­ter. Vier­te Red Flag; hochrot!.

Zwei Mona­te spä­ter erhielt ich eine Email (mit Beleg), daß unse­re Toch­ter hier­mit ent­erbt sei. (Sie seufz­te erleich­tert auf.)

Vor etwa einem Jahr kam ich drauf, mal „Lud­ger von Lub­o­mir­ski“ zu goog­len. Ich fand eine Trau­er­an­zei­ge. Er ist weni­ge Tage nach der Enter­bung gestorben.

Mei­ne Toch­ter, die wirk­lich beson­ders lieb & treu ist, unter­hält noch Kon­takt zur Wit­we, die gott­lob neu ver­part­nert (dies­mal statt 15 Jah­re älter 15 Jah­re jün­ger, sehr tren­dy!) und wie befreit ist.

Sie erzäh­len ein­an­der viel. Die Wit­we hat ihr ges­tern berich­tet, daß der gan­ze „Bücher­scheiß inklu­si­ve der SOO hoch­ge­lob­ten Genie-Rega­le“ nun auf den Müll gewan­dert sei. Na, schon schade…

Im Gan­zen eine Geschich­te, die man sich kaum aus­den­ken könnt.

Wir, als Fami­lie, zeh­ren immer noch von den vie­ler­lei Lub­o­mir­ski-Anek­do­ten. Er war übri­gens eng mit Lud­wig Erhard und Franz Josef Strauß befreun­det. Talk­show-Anfra­gen hat­te er stets ausgeschlagen.

Er möge ruhen in Frie­den, der Arme.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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Kommentare (22)

SMHJanssen

24. März 2026 21:29

Der Mann mag ja schrullig und altbacken gewesen sein, wahrscheinlich auch ein furchtbarer Macho, aber das seine Frau so lieblos mit seiner Bibliothek umgegangen ist, spricht er für mangelnden Geist bei ihr. Traurig das es eine solch gruselige Mißachtung des geschriebenen Worts gibt!
Herzlichst,
Siebo M. H. Janssen

Kositza: In meinen Augen dennoch ein cooler Cut. Sie hat einfach ein gigantisches Feuerwerk entzündet. Das "geschriebene Wort" ist ja auch ein bißchen überwertet.

RMH

24. März 2026 21:41

"daß der ganze „Bücherscheiß inklusive der SOO hochgelobten Genie-Regale“ nun auf den Müll gewandert sei."
Irgendwie hat man sowas bei Beginn der Lektüre des Artikels schon geahnt. Und es ist auch tatsächlich häufig so, dass Steckpferde, Sammlungen aller Art, die von denjenigen, die sie zu Lebzeiten zusammentrugen und oft im Wert gnadenlos überschätzt werden, dann, nach ggf. 1 bis 2 Versuchen der Erben, etwas davon zu versilbern, auf dem Müll landen.
Ein Lateiner würde wohl sagen, sic transit gloria mundi.

Carsten Lucke

24. März 2026 21:56

Sie nun wieder, verehrte Frau Kositza, mit Ihren Geschichtchen ..., also Sie nun wieder ! Also wirklich - raubt mir viel Zeit beim Biertrinken !

Ein gebuertiger Hesse

24. März 2026 22:03

Mit den red flags immer einsteigen ins Gespräch zu einer jeweiligen Sache im Detail and the truth will come out relentlessly.

SMHJanssen

24. März 2026 22:13

@EK: Persönlich kann ich den Cut gut verstehen, die Trauer um die Druckwerke, zumindest wohl um einen Teil, bleibt.
Herzlichst,
Siebo M. H. Janssen

ede

24. März 2026 22:15

Tya, als Promi hat man halt Promi Probleme :) Ich kann mir gut vorstellen das bei Ihnen öfter mal Nervensägen vorstellig werden.
Andererseits gibt es auch bei völlig unbedeutenden Mitmenschen wie mir, Geschichten die glaubt kein Mensch. 

Erstbeschreiber

24. März 2026 22:25

Frau Kositza,
war Ihrer Meinung nach dieser Herr tatsächlich genial oder nur ein begabter Exzentriker, der ein bisschen zu viel von sich selbst hielt? War er im Besitz historischer Erkenntnisse welche man nicht bei Nicht-Genies finden kann?

Kositza: Natürlich war er nicht genial. Ich bilde mir ein, das merkt man lesend auch.

Ein gebuertiger Hesse

24. März 2026 22:45

@ede
Süß. Erzählen Sie eine solche Geschichte? Die Woche ist noch jung.

Teilzeitaustralier

24. März 2026 23:03

Also wenn die Bibliothek wirklich v.a. aus Peter Hahne, Hendrik M. Broder und Hans-Olaf Henkel bestanden hat, dann hätte ich das Zeug auch weggeschmissen ehrlich gesagt :) 
Bücher entsorgen tut natürlich immer weh, aber unter einer qualitativ hochwertigen Bibliothek mit Büchern ohne kurzer Halbwertszeit an Relevanz stellt man sich dann doch was anderes vor...aber das passt zum westdeutschen Reihenhaus, klingt nach einer Zeitreise in die späten 90er. Und spannende Geschichte natürlich!

Laurenz

24. März 2026 23:42

Bücher von Peter Hahne, Henry M. Broder, Hans-Olaf Henkel & Co. haben gebraucht nur den Wert von Toilettenpapier. Als ich vor ein paar Jahren meinen persönlichen Bücherbesitz halbierte (10 Kartons), bot ich die Bücher der früheren Bürochefin in Schnellroda & mehreren Stadtbibliotheken an. Die Chefin der Stadtbibliothek Oberusel erklärte mir, nur Bücher, die mehr als 80 Jahre alt seien, stellten einen gewissen Wert dar & Ausnahmen, wie meine Deutsche Erstauflage des "Schwarzbuch des Kommunismus" (Stephane Courtois), eben weil die (Opfer-) Zahlen in späteren Auflagen, auf politischen Druck hin, massiv gekürzt wurden oder meine Fachbücher über Seekriegsgeschichte. Aber das Schwarzbuch & Co. habe ich natürlich behalten. Öffentliche Bücherschränke in meiner Region sind völlig überfüllt. Wenn man gebrauchte Bücher sammeln würde, könnte mal wohl über Jahre einen Kachelofen heizen. Meine 10 Bücher-Kartons gingen in die Schredderpresse im Oberurseler Bauhof. Mit dem Verkauf von Altpapier machen Gemeinden Kasse. Testamente sind, wie im beschriebenen Fall, nicht der Weisheit letzter Schluß. Steuerlich optimaler sind Erwachsenen-Adoptionen. Allerdings muß man dann exakt über die finanziellen Risiken informiert sein, die sich aus solch einer Verbindung ergeben.

SMHJanssen

25. März 2026 01:16

Korrektur: Es muss beim ersten Kommentar natürlich eher statt er heißen.
Gut Nächtle!

Le Chasseur

25. März 2026 05:53

@SMHJanssen
Was anderes könnte man mit den Schriften Peter Hahnes, Henry M. Broders und Hans-Olaf Henkels machen, als sie dem Feuer zu übergeben?

das kapital

25. März 2026 08:08

Das ist der Mann, der keine Spuren hinterlässt. Nur Anekdoten. Regale weg, Patente weg, Bücher weg. Schlesien auch weg. Und seine Frau ist befreit und hat sich von ihm befreit. Kein Ballast mehr, nur noch ein unsaniertes Reihenhaus im Westen. Und eure Tochter muss sich was eigenes (er-) schaffen.

RMH

25. März 2026 09:04

Ein Antiquar sagte zu mir einmal, dass er gerne solche Komplettnachlässe gratis abholt. 90 bis 99% landen dann beim Altpapier, aber fast jeder Nachlass hat ein paar Bücher, die es dann in seinen Laden schaffen. Das wissen auch immer mehr Erben & statt dem Antiquar, der ja doch Arbeit damit hat, ein bisschen was zu gönnen (& den Buchhandel damit zu unterstützen) oder einen symbolischen Preis von 50 Euro zu nehmen, schmeißen sie es lieber komplett weg, weil gönnen können ist eine Tugend, die es kaum noch gibt. Ich halte das Verhalten der Witwe als spätes Nachtreten, wenn sie das Zeug ohne Versuch des Verschenkens verklappt hat (mir wurde bspw. schon von einigen angeboten: Komm vorbei, such Dir was aus, danach wird der Rest zum Altpapier gegeben, was ich für ein die Bücher respektierendes Verhalten halte). Sie wird bei der Dominanz des Gatten, von dem sie offenbar gelebt & jetzt geerbt hat, Gründe haben. Unabhängig davon hat das große Wegwerfen schon lange begonnen. Wer einen Entrümpler kennt, der hört so einiges. Der gesamte Nachkriegsplunder landet im Müll. Schmuck von teilweise Antiquitäten- Wert, wird zerlegt, in Steine & Einschmelzbares. Das "gute Familiensilber" ist Anfang des Jahres, beim Silberhoch, in Tonnen bei den Scheideanstalten gelandet etc. Ich kann es zum großen Teil aber nachvollziehen.

RMH

25. März 2026 09:12

"Peter Hahne, Henry M. Broder, Hans-Olaf Henkel & Co."
Das sind dann so die Konsaliks, Simmels, Du Mauriers, Pearl S. Books aus dem polit- zeitgeschichtlichen Bereich. Davon wurden bereits Tonnen entsorgt.
Bei den häufig auch anzutreffenden Scholl-Latours schmeißt man dann am Ende auch alles weg, wenn man mal nen Satz davon beisammen hat. 
Was eben schade ist, wie wenig echt guter Literatur in den Nachlässen vorhanden sind. Mal was von Hamsun oder Mann taucht gelegentlich auf, aber sonst ... Land der Dichter und Denker? In der Breite war es das nie. Das erkennt man an den Nachlässen.

MARCEL

25. März 2026 09:21

Wer in der Öffentlichkeit steht, muss mit allerlei mehr oder weniger harmlosen Gestörten, Psychopathen etc. rechnen. Es sind viele Trittbrettfahrer ("Teppichhändler des Geistes") unterwegs, viel Unerlöstes...

dojon86

25. März 2026 09:22

Ein Zeitgenosse, der, wie es bei alten Menschen oft der Fall ist, ein bisschen mühsam war. Man fasse sich bei der Nase, damit man nicht selbst so werde. Der bösartige Spötter in mir bemerkte ein klitzekleines Stück Trauer, angesichts der Enterbung und dem Ableben des Erblassers wenige Tage später. Was die Bücher betrifft. habe ich ein ähnliches Problem. Die Bibliothek meines Vaters. Ich habe für den Nachwuchs im Falle meines Ablebens 5 Titel beiseitegelegt, die möglicherweise die Bewahrung oder den Einzelverkauf rentieren würden. Das würde ich jedem in ähnlicher Lage empfehlen. Der Rest, sicher mehrere Hundert Titel geht in den Schredder oder wohin auch immer. Seufz.

Waldgaenger aus Schwaben

25. März 2026 10:06

Erbrecht und Erbschaftssteuerrecht sind mir fast schon zum Hobby geworden. Falls die alleinerbende Kositza-Tochter keine Verfremdung der Geschichte ist (und es sich z.B. um eine Schenkung handelt), mutet das Konstrukt seltsam an. Falls kein Erb- und Ehevertrag vorliegt und bei gesetzlicher Zugewinngeschmeinschaft erbt die Frau gesetzlich alles, weil keine Kinder da sind. Ihr Pflichtteil wäre die Hälfte des gesetzlichen Erbteils, also das halbe Haus. Den Pflichtteil hätte sie dann von der Kositza-Tochter einklagen können (als Geldzahlung). 
Geschickter wäre es gewesen, der Ehefrau das halbe Haus zu vererben und die Kositza-Tochter als Nacherbin einzusetzen und die andere Häfte der Tochter mit dem Vermächtnis eines lebenslangen Wohnungsrecht für die Ehefrau. Vice versa auch für den Fall, dass der Ehemann die Ehefrau überlebt. Das würde den Erbschaftssteuerfreibetrag von 20 000 Euro zweimal ausnutzen. Bei einem Steuersatz von 30% (ich gehe mal davon aus, dass das Erbe weniger als 6 Millionen wert war), sind das immerhin 6000 €. Das Wohnungsrecht würde den Wert des Erbes im ersten Erbfall (Mann zu Kositza-Tochter) nochmals zusätzlich mindern.
Je nach Lebensalter des potentiellen Erblassers wäre auch eine Schenkung in Höhe von 20 000 Euro Frage gekommen, weil der Freibetrag alle 10 Jahre in Anspruch genommen werden kann.
Wenn Ihnen nochmal jemand etwas vererben will, empfehle ich einen Anwalt und Steuerberater hinzuzuziehen. 

Kositza: Ich kenne mich mittlerweile auch gut aus damit. Ich hatte doch geschrieben, daß noch ein größeres Vermögen dranhing und daß das Erbe nach dem Tod der Frau erst auf meine Tochter übergehen sollte.

Maxx

25. März 2026 10:20

Tolle Geschichte/Erlebnisse :-) All diese Dinge gibt es also (tatsächlich).

dojon86

25. März 2026 11:39

@RMH In der Breite ist kein Land der Dichter und Denker. Und was mich betrifft, ich würde gerne per Zeitmaschine eine Bibliothek der 20ger und 30ger Jahre besuchen und in der damaligen historischen und politischen Belletristik blättern. Ebenso wie ich gerne eine unbereinigte  Flugblattsammlung diverser linker Splittergruppen der 70ger einsehen würde. Mit größerem Interesse jedenfalls als die druckfrische weil nie gelesenen Klassiker Gesamtausgabe studieren.  Leider wurde in einer allerdings verständlichen Panikattacke 1945 alles weggeschmissen. Für den Historiker ist das Banale oft weitaus interessanter als die Klassiker. Nicht umsonst geraten die Archäologen bei jedem 2000 Jahre alten Graffitispruch in Begeisterung.

RMH

25. März 2026 12:38

@dojon86, ich empfehle ihnen einmal den Gang zu örtlichen Stadt- und Gemeindearchiven. Es ist erstaunlich, was da alles vorhanden ist. Da die lokalen Tageszeitungen früher auch die Funktion von Amtsblättern mitausübten, sind da auch oft Zeitungen aus den 20er Jahren noch da. Und manch anderes, was an Nachlässen auf irgendwelchen Wegen seinen Weg dahin gefunden hat. Überhaupt: Noch gibt es die Archive in allen möglichen Bereichen.

Maxx

25. März 2026 12:52

Trotzdem stimmt mich die Geschichte (nach der Lektüre) auch etwas traurig, denn mag er auch ein schrulliger alter Kauz gewesen sein, vermutlich im Laufe der Jahrzehnte (unmerklich für ihn selbst, wie so oft) zur Karikatur seiner selbst geworden, so war er doch irgendwie auch einer von uns, sonst wäre er ja nicht mit diesem Ansinnen gekommen ... Jetzt ist diese Person eben weg, tot, vergessen, mit allem, was ihn mal ausmachte. Nur als Lachnummer verewigt ...