von Uwe Jochum –
Als die Bundesfamilienministerin Paus in der Debatte um das »Selbstbestimmungsgesetz« (SBGG) (1) auf einer Pressekonferenz im Sommer 2022 verkündete: »Transfrauen sind Frauen«, (2) da hatte sie den woken Zeitgeist auf den Punkt gebracht. Dieser Punkt liegt nicht nur in der Gleichsetzung von Männern, die sich für Frauen halten, mit Frauen, die Frauen sind; vielmehr liegt der eigentliche Punkt darin, daß diese Gleichsetzung durch einen einfachen Satz und mithin sprachlich hergestellt wird.
Nicht anders verfährt das »Selbstbestimmungsgesetz«, das am 1. November 2024 in Kraft trat. Es macht den Geschlechtseintrag im Personenstandsregister an einer »Geschlechtsidentität« fest, die Sache eines Sprechaktes ist, bei dem die sich selbst geschlechtlich bestimmen wollende Person dem Standesbeamten mitteilt, wer oder was sie ist: Mann oder Frau oder nichts dergleichen (§ 2 SBGG). Und das, je nach gefühlter Identitätslage, jedes Jahr neu und anders (§ 3 SBGG). »Die Deutungshoheit darüber, welchem Geschlecht wir angehören«, sagte ein Psychotherapeut und Arzt der taz, gehe vom fremdbestimmenden Staat auf die sich selbst bestimmende Person über. (3)
Spätestens an dieser Stelle muß man genauer hinhören. Denn hier wird die Bestimmung dessen, was wir als Menschen sind, von objektiven Kriterien abgelöst und umgemünzt zu einem Problem der »Deutungshoheit« und damit zu einer Machtfrage. Es geht nicht mehr darum, was etwas von sich her ist, sondern darum, wer etwas wie benennen und diese Benennung durchsetzen kann. Beharrt man darauf, daß es so etwas wie eine »natürliche Ordnung« von Dingen und Lebewesen gebe und allem, was ist, ein unveränderliches »Wesen« zukomme, (4) wird einem entgegengehalten, daß es zwar ein »Grauen der Ordnung« gebe, (5) aber keine »Wesenheiten«.
Sie sind – da ist man sich sicher – nichts weiter als ein sprachlicher Schein, hinter dem sich gesellschaftliche Machtverhältnisse und zuletzt ein repressives »Herrschaftswissen« verberge. (6) Folglich komme alles darauf an, den Schein nicht nur zu erkennen, sondern durch ein anderes Sprechen und Schreiben den falschen Schein zu zerstören und dadurch andere gesellschaftliche Verhältnisse zu ermöglichen. Solche nämlich, die, siehe oben, eben dadurch selbstbestimmt sind, daß jeder widerspruchslos sagen kann, wer und was er »ist«.
Wer das für einen Spleen des linkswoken Milieus und seiner universitären Dependancen hält, der übersieht, daß die hinter dem »Selbstbestimmungsgesetz« erkennbar werdende Weltanschauung sich schon vor langer Zeit in der westlichen Kultur einzuwurzeln begann. Wer nach dieser Wurzel zu graben beginnt, stößt zuoberst auf Judith Butler (*1956) als der wirkmächtigsten Stichwortgeberin des queeren Zeitgeistes. Für sie ist der Leib ein »in der öffentlichen Sphäre geschaffenes soziales Phänomen«, dessen Integrität und Selbstbestimmung es herzustellen gelte. (7)
Die sozialen Interaktionen, die den Leib »schaffen«, sind für Butler freilich nicht neutral, sondern »immer durch Diskurs und Machtverhältnisse konstruiert«, will sagen: Sie hängen von sprachlichen »Fiktionen« ab, die die Kategorien bereitstellen, mit denen wir denken und unseren Umgang miteinander regulieren. (8) Aus der materialistischen Dialektik, die stets den Vorrang des Objekts vor dem Subjekt betont hatte, (9) kürzt Butler das Objekt heraus und behält folglich auch vom Körper nichts weiter als einen Zeichensatz übrig: Er wird performativ »durch leibliche Zeichen und andere diskursive Mittel« hergestellt und hat keinen ontologischen Status. (10)
Damit ist die Wahrheitsfrage als Frage nach der Wahrheit von Sachen und Sachverhalten erledigt. Der Butlersche »Aufstand auf der Ebene der Ontologie« (11) führt notwendigerweise dazu, die »Diskurse« – also die gesellschaftlichen Äußerungssysteme – danach zu befragen, wem sie jeweils das Wort erteilen und welche Wörter und Sätze sie unterdrücken.
Butlers Denkpate ist hier Michel Foucault (1926 – 1984), der in der Nachfolge von Nietzsche eine »Archäologie des Wissens« betrieb, die Diskurse als »Ereignisse« betrachtete, deren Erscheinen nicht vom Wahrheitswillen der Menschen abhing, sondern von der Kontrolle, Selektion, Organisation und Kanalisierung von Sprache. (12)
Wer noch nach der Wahrheit in und hinter und mit der Sprache suchte, dem warf Foucault »Logophobie« vor: Angst »vor jenem großen unaufhörlichen und ordnungslosen Rauschen des Diskurses«, der nicht vom Willen zur Wahrheit in Gang gehalten werde, sondern ein »Spiel« sei. (13) Damit war nun allerdings auch das Subjekt erledigt. Seither spricht in der Welt der avancierten philosophischen Theorien kein Subjekt mehr über eine objektive Welt, vielmehr rauschen unaufhörlich Diskurse, die auf spielerische Weise performative Fabrikationen generieren.
Wahrheit meldet sich in diesem selbstverliebten Spiel nur noch dann, wenn irgendwo ein Opfer sichtbar wird, dessen Opferstatus darin besteht, vom herrschenden Diskurs ausgeschlossen zu sein. Denn – so heißt es jetzt in der Übernahme einer altlinken Erbschaft – die Subjekte werden durch das Leiden angezeigt, das ihnen durch den Ausschluß vom Diskurs angetan wird; und das Bedürfnis, dieses Leiden beredt werden zu lassen, »ist Bedingung aller Wahrheit«. (14)
Dadurch aber wird die Wahrheit von einer Sachfrage zu einer Frage der Moral, und die Wahrheitsdebatte mutiert zu einem Opferdiskurs, der nicht nur immer sensibler nach diskursiven Machtstrukturen fragen muß, sondern ein Subjekt nur noch dann als solches anerkennen kann, wenn es gänzlich außerhalb der diskursiven Machtstrukturen steht und damit unbefleckt von aller Macht ist. Das reine Subjekt ist das reine Opfer, das wir in seiner Opferrolle anzuerkennen haben, weil dies der einzige Akt von Anerkennung ist, den wir zu leisten vermögen, ohne weiter schuldig zu werden.
Natürlich ist das ein Nachklang und zugleich eine Verkehrung von Nietzsche (1844 – 1900) in sein Gegenteil. Es klingt nach, daß Nietzsche Wahrheit auf die Sprache und ihr »bewegliches Heer von Metaphern, Metonymien, Anthropomorphismen« zurückgeführt hatte und Wahrheiten folglich für »Illusionen« hielt, »von denen man vergessen hatte, daß sie welche sind«. (15) Aber es verkehrt Nietzsche in der entscheidenden Dimension, daß es ihm niemals um die Identifizierung von Opfern ging, sondern um den metaphernbildenden »Fundamentaltrieb des Menschen«, der ihn zur Schaffung von Mythen und Kunst befähigt und ihn als ein »künstlerisch schaffendes Subjekt« in den Blick nimmt. (16)
Auch das ist ein Nachklang und eine Verkehrung, nämlich der Philosophie Kants (1724 – 1804). Dieser hatte wie Nietzsche das allergrößte Interesse am Subjekt und seinem produktiven Vermögen, aber er nahm das Subjekt nicht von der Seite seiner künstlerischen Potenz, sondern von der Seite seiner Fähigkeit zur Bildung wahrer Aussagen über die Welt. Das war für Kant kein Spiel, sondern Arbeit, (17) die von dem »Ich denke«, das »alle meine Vorstellungen begleiten können« muß, (18) geleistet werden sollte.
Will sagen: Das Ich hatte die Mannigfaltigkeit des Wahrgenommenen und Vorgestellten durch den Verstand zu einer Einheit zu formieren, in der das Wahrgenommene zu einem konkreten Etwas werden konnte. Dabei stand dem Ich eine Welt gegenüber, die sich aus »Dingen« zusammensetzte, die einen Punktraum bildeten, aus dem der Verstand seine Gegenstände als »Data« inselförmig herausschnitt, die sodann von der Vernunft als »oberstem Gerichtshof« in ihrem Etwas-Sein erkannt wurden. (19)
Daß Verstand und Vernunft bei ihrem Geschäft keinen Illusionen aufsaßen, wollte Kant dadurch garantiert wissen, daß er das Bewußtsein des eigenen Daseins an das Bewußtsein des »Dasein[s] der Gegenstände im Raum außer mir« band. Denn indem ich in der Zeit Beharrendes wahrnehme, muß ich auch mein Ich als ein in der Zeit Beharrendes erkennen, andernfalls würde sich die Welt in einen reinen Ereignisstrom auflösen. (20) Mit anderen Worten: Man konnte mit Kant zwar wissen, daß »da draußen« etwas ist, aber was es war, wußte man erst, wenn das Ich sich mit Verstand und Vernunft an die Kartierung des Punktraums der Dinge gemacht hatte. Die Dinge sprachen von sich aus nicht; und der Mensch sprach in seinem Ich nur über die Dinge, nicht mit ihnen.
Daß es das Ich in seinem Denken ist, das immer nur über, aber nicht mit den Dingen spricht, hatte Kant bei René Descartes (1596 – 1650) finden können. Für ihn stand fest, daß sich unsere Sinne nicht nur leicht in diesem oder jenem täuschen können, sondern wir können uns auch insgesamt darüber täuschen, ob wir überhaupt wahrnehmen und nicht vielmehr träumen. (21)
Dagegen biete, so Descartes, das Ich in seinem Denken Erkenntnissicherheit: Indem es in dem »Ich denke, also bin ich« verstanden hatte, daß es in seinem Zweifel an der Wirklichkeit der Welt nicht daran zweifeln konnte, daß es selbst es sei, das zweifelte, wurde es im Denken des Zweifels seiner selbst als existierend inne. (22) Damit war im Ich der archimedische Punkt gefunden, von dem aus die Realität der Welt in den Blick kam. Daß man über die Welt auch Wahres aussagen konnte, garantierte für Descartes ein Gott, der uns mit Vernunft ausgestattet hatte, um das Wahre zu erkennen, und der uns mit dieser Ausstattung nicht hatte betrügen wollen. (23)
Man darf an Descartes’ Argument nicht zu schnell vorübergehen. Denn obgleich er durchaus meinte, wir seien in der Lage, etwas zu erkennen, ist das einzige, von dem er überzeugt war, daß es in einem nicht weiter beweispflichtigen Sinne auch wirklich ist, weil es klar und bestimmt (clare et distincte) erkannt ist – das Denken, das sich seiner selbst bewußt wird. (24) Was auch immer im letzten wahr sein mochte, es konnte niemals mit Gewißheit auf der Seite der Welt und der in der Welt existierenden Lebewesen und Dinge zu finden sein, sondern einzig und allein auf der Seite des seiner selbst bewußten Denkens.
Darin schloß sich Descartes sachlich Wilhelm von Ockham (um 1288 – 1347) an, denn schon Ockham war der Meinung gewesen, daß alles, was wir über die Welt und ihre Gegenstände aussagen, seinen Ort entweder in unserem Kopf oder auf dem Papier hat und aus »Universalien« besteht – also allgemeinen Aussagen –, die eine »Intention der Seele« sind. (25) Damit bahnte Ockham der Moderne den Weg, auf dem wir nicht nur eine aus Dingen bestehende Welt sehen, sondern auch davon ausgehen, daß wir intuitiv wüßten, daß und was diese Dinge sind, weil ebendiese intuitive Erkenntnis den Gegenstand »in sich selbst berühre« und ihn uns damit »evident« mache. (26)
Seither glauben die Wissenschaften, ihre Aufgabe bestünde darin, empirische Erfahrungen von in der Welt vorkommenden und irgendwie evidenten einzelnen Gegenständen zu sammeln, um sich hinterdrein Begriffe von dem als evident Erfahrenen zu bilden. Dabei soll das evidente Einzelding in sich und für sich feststehen, während das Universale »unvollkommener und später« als das Einzelding sei. (27) Mit anderen Worten: Mit Ockham beginnt Wissenschaft als Erfahrungswissen (notitia experimentalis) von feststehenden Dingen, (28) über denen das bewegliche Reich des Mentalen schwebt.
Das war eine fatale Wegbahnung. Denn seither geht nicht nur ein Riß durch die Welt, der die Dinge von unserem Denken und Sprechen trennt, sondern seither wird immer wieder aufs neue versucht, den Riß von der Seite des Denkens und Sprechens her zu flicken. Das mochte solange angehen, solange man glaubte, man könne den nötigen Flicken mit dem Klebstoff namens »Gott« aufbringen und dadurch die Dinge und das Denken samt der Sprache zusammenhalten. Sobald man aber meinte, man dürfe auf Gott verzichten, war kein Halten mehr: Seither klebt das Abendland im Geiste an die Dinge kleine Zettelchen, auf denen steht, wie die Dinge zu nennen seien.
Eine Notwendigkeit, etwas so und nicht anders zu nennen, gibt es nicht mehr, und daß sie es nicht mehr gibt, verbucht man entweder als Freilegung der künstlerischen Kräfte der Sprache (Nietzsche) oder als Einsicht in die in jeder Sprache sich meldenden Herrschaftsverhältnisse (Adorno, Foucault, Butler). Künstlerisch kreativ zu sein und die Herrschaftsverhältnisse zu verändern läuft folglich auf dasselbe hinaus: auf die Veränderung der Sprache. Seit Ockham wandert das Abendland auf einem welt- und seinsvergessenen Pfad.
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1 »Gesetz über die Selbstbestimmung in Bezug auf den Geschlechtseintrag und zur Änderung weiterer Vorschriften: SBGG«, in: Bundesgesetzblatt I 2024, Nr. 206.
2 Vgl. »Lisa Paus (Grüne): ›Transfrauen sind Frauen‹«, in: youtube.com vom 30. Juni 2022.
3 Shoko Bethke: »Mehr Anerkennung für trans Menschen: Eigener Name, eigenes Geschlecht«, in: taz.de vom 30. Juni 2022.
4 Vgl. Maximilian Krah: Politik von rechts, Schnellroda 32023, S. 14: »Der Konservatismus im Sinne der politischen Rechten hat als zentralen Begriff die natürliche Ordnung.« In sie ist der Mensch eingefügt durch seine eigene Natur, sein Wesen und seine jeweilige Tradition (vgl. ebd. S. 15, 32 f. und weitere).
5 Theodor W. Adorno: Negative Dialektik, Frankfurt a. M. 31982, S. 96.
6 Ebd., S. 105.
7 Judith Butler: Gefährdetes Leben: Politische Essays, Frankfurt a. M. 62020, S. 42 f.
8 Vgl. Judith Butler: Das Unbehagen der Geschlechter, Berlin 232023, S. 56 u. 59.
9 Vgl. Adorno: Negative Dialektik, S. 184 – 193.
10 Butler: Das Unbehagen, S. 200.
11 Butler: Gefährdetes Leben, S. 50.
12 Vgl. Michel Foucault: Die Ordnung des Diskurses: Inauguralvorlesung am Collège de France, 2. Dezember 1970, Frankfurt a. M./Berlin/Wien 1982, S. 7.
13 Ebd., S. 34 f.
14 Adorno: Negative Dialektik, S. 29 u. 74.
15 Friedrich Nietzsche: »Ueber Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne«, in: Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe, Bd. 1, hrsg. von Giorgio Colli und Mazzino Montinari, München/Berlin/New York 1988, S. 873 – 890, hier S. 880 f.
16 Ebd., S. 887 u. 883.
17 Vgl. Immanuel Kant: Kritik der reinen Vernunft, hrsg. von Raymund Schmidt, Hamburg 1993, Vorrede, B XXXVII.
18 Ebd., B 132.
19 Zu den »Data«: ebd., B XVIII–XXXI. Zum »Land des reinen Verstandes« als einer Insel: ebd., B 294 f. Die Vernunft als »oberster Gerichtshof«: ebd., B 697 und weitere.
20 Vgl. ebd., B 275 f.
21 Vgl. René Descartes: Meditationes de prima philosophia, hrsg. von Lüder Gäbe, Hamburg 31992, I,5 f. und VI,7.
22 Vgl. René ‑Descartes: Abhandlung über die Methode des richtigen Vernunftgebrauchs. Discours de la méthode, übers. von Kuno Fischer, Stuttgart 1988, Kap. 4.
23 Vgl. Descartes: Discours, Kap. 4 und Descartes: Meditationes, III,38, VI,11 und VI,24.
24 Dazu Arbogast Schmitt: Denken ist Unterscheiden. Eine Kritik an der Gleichsetzung von Denken und Bewußtsein, Heidelberg 2020, S. 104 – 118.
25 Wilhelm von ‑Ockham: Texte zur Theorie der Erkenntnis und der Wissenschaft. Lateinisch/Deutsch, hrsg. von Ruedi Imbach, Stuttgart 2008, S. 73 (SL I,15 [12 – 15]).
26 Ebd., S. 153 und 163 (Sentenzenkommentar, Prolog 1,1 [29] und [49]).
27 Ebd., S. 177 (Sentenzenkommentar I,3,6 [12 – 12]).
28 Vgl. ebd., S. 151 (Sentenzenkommentar, Prolog 1,1 [25]).