von Uwe Wolff –
Wir sind wieder unterwegs. Unser Ziel ist Schloß Söder, fünf Kilometer und einmal über die Sauberge. Hier wurde der Film Du mein stilles Tal (1955) mit Curd Jürgens, Winnie Markus und Bernhard Wicki gedreht. Im Vorspann erklingt das Volkslied »Im schönsten Wiesengrunde ist meiner Heimat Haus«.
Ich habe es noch in der Volksschule gesungen, meine Frau nicht mehr. Irgendwo zwischen unseren Geburtsdaten vollzog sich ein kultureller Bruch. Erzählen wir die alten Geschichten. Singen wir die alten Lieder. Heimat liegt in der Zukunft.
Zuerst geht es stetig empor bis zur Hammersteins Höhe (315 Meter), dann weiter auf den Saubergshöhenweg. Der Wildschweinbestand ist hoch, und die Sauen kennen kein Pardon. Hund Tobit geht an der Leine, und ich klatsche zuweilen in die Hände, damit die Bande im dunklen Tann bleibt. Rechts und links des Pfades sind Bombentrichter zu sehen. Englische Piloten warfen sie auf dem Rückflug von Hildesheim ab.
Schloß Söder blieb erhalten, wie früher unter den Napoleonischen Plünderungen und Brandschatzungen. Aber das Nürnberg des Nordens, wie Ricarda Huch Hildesheim nannte, versank in Schutt und Asche. Bald sehen wir das barocke Wasserschloß. Hier wohnt heute eine Schweinezüchterin.
Der Geruch von Gülle weht durch das stille Tal. In den Ställen sollen einige hundert Zuchtsauen mit ihrem quirligen Nachwuchs liegen. Eine gleiche Größe hatte die Bildersammlung des Hildesheimer Domherrn Moritz von Brabeck (1742 – 1814). Dazu kam eine Bibliothek mit 5145 Bänden.
Einst war der Kunstsammler Mitglied des Domkapitels und designierter Nachfolger des Bischofs. Dann wurde er outgesourct. Gegenwind sorgt für frische Luft und kulturelle Autonomie. Moritz von Brabeck heiratete und zog sich mit seiner Bildersammlung aufs Land zurück. Kultur blüht gerade heute im stillen Winkel.
Die Sammlung in sieben Räumen des Schlosses mit Bildern von Raffael, Rembrandt und Rubens war auch durch die Vermittlung des Busenfreundes im Kardinalspurpur, Giovanni Battista Caprara Montecuccoli, zustande gekommen. Er hatte in Rom dafür gesorgt, daß der Wechsel vom Stand des Priesters in den eines Laien reibungslos verlief. Der Katholizismus ist im Kern sehr liberal und offen für Sonderregelungen.
Die Bildersammlung zog Besucher aus ganz Europa an. Freundschaft tut gut. Zu viele Gäste im Haus nerven. Deshalb errichtete der Schloßherr für sie eine Unterkunft an der heutigen B 243. Später befand sich hier die Kneipe »Söder Heidekrug«. Heute haben die Jungs des Roadbreaker MC mit den schweren Motorrädern hier eine neue Heimat gefunden.
Hinter dem Schloß liegt tief verborgen im Wald ein Friedhof mit Gräbern der Familien Hardenberg, von Schwicheldt und Hammerstein-Equord. Wir steigen über eine Allee aus sehr alten brüchigen Linden mit einem hohen Bestand an Misteln zu einem Gedenkstein. Auf ihm ist das Datum des Besuchs Kardinals Caprara (29. Juni MDCCXC) eingemeißelt. Ja, die
lateinischen Jahreszahlen!
Dann stehen wir vor einem verfallenen Freundschaftstempel, an dem Caspar David Friedrich sein Gefallen gefunden hätte. Brabeck ließ den Pavillon 1790 auf der Anhöhe errichten. Von ihm aus konnte er auf sein Schloß hinunterschauen. Hier ließ er Musiker spielen oder belauschte das Treiben der Nymphen in den alten Eichen.
Dryaden werden sie im Griechischen genannt, wie die Eichen (drys). Griechisch und Latein hatte man damals drauf. Wir dagegen haben Mühe, die lateinische Inschrift im Innenraum des Dryadentempels oder Nymphaions zu entziffern. Da ist die Rede vom einfachen Leben fern der Metropolen und von der stillen Zufriedenheit mit Büchern und Freunden.
Nymphen sind wie ihre Schwestern im Meer sehr sensible, liebesbedürftige Wesen. Kann es einen schöneren Ort für die Pflege der Freundschaft geben als diesen Tempel in freier Natur? Schon Goethes Werther und seine geliebte Lotte tändelten bei Regenwetter an einem Lustort dieser Art.
Wohin sind die alten Tage? Das Dach des Pavillons ist längst eingefallen. Eine große Plastikfolie flattert im Wind. Auch die Schiefertafeln bröckeln. Dilettantisches Flickwerk und Pfusch am Bau. Der dreistöckige Aussichtsturm oben auf dem Gipfel des Turmberges, von dem angeblich der Blick bis Hannover schweifen konnte, ist längst abgetragen. Und doch: Im Verfall erwacht die Kultur zu neuem Leben. Überall ist Niedergang. Überall ergeht der Ruf an Handwerker und Menschen des Geistes. Nichts ist verloren. Überall will Heimat werden.