Im Umkreis (VIII): Schloß Söder

PDF der Druckausgabe aus Sezession 125/ April 2025

 Druckausgabe

Beitrag aus der Druckausgabe der Sezession. Abonnieren Sie!

von Uwe Wolff –

Wir sind wie­der unter­wegs. Unser Ziel ist Schloß Söder, fünf Kilo­me­ter und ein­mal über die Sau­ber­ge. Hier wur­de der Film Du mein stil­les Tal (1955) mit Curd Jür­gens, Win­nie Mar­kus und Bern­hard Wicki gedreht. Im Vor­spann erklingt das Volks­lied »Im schöns­ten Wie­sen­grun­de ist mei­ner Hei­mat Haus«.

Ich habe es noch in der Volks­schu­le gesun­gen, mei­ne Frau nicht mehr. ­Irgend­wo zwi­schen unse­ren Geburts­da­ten voll­zog sich ein kul­tu­rel­ler Bruch. Erzäh­len wir die alten Geschich­ten. Sin­gen wir die alten Lie­der. Hei­mat liegt in der Zukunft.

Zuerst geht es ste­tig empor bis zur Ham­mer­steins Höhe (315 Meter), dann wei­ter auf den Sau­bergs­hö­hen­weg. Der Wild­schwein­be­stand ist hoch, und die Sau­en ken­nen kein Par­don. Hund Tobit geht an der Lei­ne, und ich klat­sche zuwei­len in die Hän­de, damit die Ban­de im dunk­len Tann bleibt. Rechts und links des Pfa­des sind Bom­ben­trich­ter zu sehen. Eng­li­sche Pilo­ten war­fen sie auf dem Rück­flug von Hil­des­heim ab.

Schloß Söder blieb erhal­ten, wie frü­her unter den Napo­leo­ni­schen Plün­de­run­gen und Brand­schat­zun­gen. Aber das Nürn­berg des Nor­dens, wie Ricar­da Huch Hil­des­heim nann­te, ver­sank in Schutt und Asche. Bald sehen wir das baro­cke Was­ser­schloß. Hier wohnt heu­te eine Schweinezüchterin.

Der Geruch von Gül­le weht durch das stil­le Tal. In den Stäl­len sol­len eini­ge hun­dert Zuchtsauen mit ihrem quir­li­gen Nach­wuchs lie­gen. Eine glei­che Grö­ße hat­te die Bil­der­samm­lung des Hil­des­hei­mer Dom­herrn Moritz von Bra­beck (1742 – 1814). Dazu kam eine Biblio­thek mit 5145 Bänden.

Einst war der Kunst­samm­ler Mit­glied des Dom­ka­pi­tels und desi­gnier­ter Nach­fol­ger des Bischofs. Dann wur­de er out­ges­ourct. Gegen­wind sorgt für fri­sche Luft und kul­tu­rel­le Auto­no­mie. Moritz von Bra­beck hei­ra­te­te und zog sich mit sei­ner Bil­der­samm­lung aufs Land zurück. Kul­tur blüht gera­de heu­te im stil­len Winkel.

Die Samm­lung in sie­ben Räu­men des Schlos­ses mit Bil­dern von Raf­fa­el, Rem­brandt und Rubens war auch durch die Ver­mitt­lung des Busen­freun­des im Kar­di­nals­pur­pur, Gio­van­ni Bat­tis­ta Capra­ra Mont­e­cuc­co­li, zustan­de gekom­men. Er hat­te in Rom dafür gesorgt, daß der Wech­sel vom Stand des Pries­ters in den eines Lai­en rei­bungs­los ver­lief. Der Katho­li­zis­mus ist im Kern sehr libe­ral und offen für Sonderregelungen.

Die Bil­der­samm­lung zog Besu­cher aus ganz Euro­pa an. Freund­schaft tut gut. Zu vie­le Gäs­te im Haus ner­ven. Des­halb errich­te­te der Schloß­herr für sie eine Unter­kunft an der heu­ti­gen B 243. Spä­ter befand sich hier die Knei­pe »Söder Hei­de­krug«. Heu­te haben die Jungs des Road­brea­k­er MC mit den schwe­ren Motor­rä­dern hier eine neue Hei­mat gefunden.

Hin­ter dem Schloß liegt tief ver­bor­gen im Wald ein Fried­hof mit Grä­bern der Fami­li­en Har­den­berg, von Schwi­cheldt und Ham­mer­stein-Equord. Wir stei­gen über eine Allee aus sehr alten brü­chi­gen Lin­den mit einem hohen Bestand an Mis­teln zu einem Gedenk­stein. Auf ihm ist das Datum des Besuchs Kar­di­nals Capra­ra (29. Juni MDCCXC) ein­ge­mei­ßelt. Ja, die
latei­ni­schen Jahreszahlen!

Dann ste­hen wir vor einem ver­fal­le­nen Freund­schafts­tem­pel, an dem Cas­par David Fried­rich sein Gefal­len gefun­den hät­te. Bra­beck ließ den Pavil­lon 1790 auf der Anhö­he errich­ten. Von ihm aus konn­te er auf sein Schloß hin­un­ter­schau­en. Hier ließ er Musi­ker spie­len oder belausch­te das Trei­ben der Nym­phen in den alten Eichen.

Drya­den wer­den sie im Grie­chi­schen genannt, wie die Eichen (drys). Grie­chisch und Latein hat­te man damals drauf. Wir dage­gen haben Mühe, die latei­ni­sche Inschrift im Innen­raum des Drya­den­tem­pels oder Nymphai­ons zu ent­zif­fern. Da ist die Rede vom ein­fa­chen Leben fern der Metro­po­len und von der stil­len Zufrie­den­heit mit Büchern und Freunden.

Nym­phen sind wie ihre Schwes­tern im Meer sehr sen­si­ble, lie­bes­be­dürf­ti­ge Wesen. Kann es einen schö­ne­ren Ort für die Pfle­ge der Freund­schaft geben als die­sen Tem­pel in frei­er Natur? Schon Goe­thes Wert­her und sei­ne gelieb­te Lot­te tän­del­ten bei Regen­wet­ter an einem Lust­ort die­ser Art.

Wohin sind die alten Tage? Das Dach des Pavil­lons ist längst ein­ge­fal­len. Eine gro­ße Plas­tik­fo­lie flat­tert im Wind. Auch die Schie­fer­ta­feln brö­ckeln. Dilet­tan­ti­sches Flick­werk und Pfusch am Bau. Der drei­stö­cki­ge Aus­sichts­turm oben auf dem Gip­fel des Turm­ber­ges, von dem angeb­lich der Blick bis Han­no­ver schwei­fen konn­te, ist längst abge­tra­gen. Und doch: Im Ver­fall erwacht die Kul­tur zu neu­em Leben. Über­all ist Nie­der­gang. Über­all ergeht der Ruf an Hand­wer­ker und Men­schen des Geis­tes. Nichts ist ver­lo­ren. Über­all will Hei­mat werden.

 Druckausgabe

Beitrag aus der Druckausgabe der Sezession. Abonnieren Sie!

Nichts schreibt sich
von allein!

Das Blog der Zeitschrift Sezession ist die wichtigste rechtsintellektuelle Stimme im Netz. Es lebt vom Fleiß, von der Lesewut und von der Sprachkraft seiner Autoren. Wenn Sie diesen Federn Zeit und Ruhe verschaffen möchten, können Sie das mit einem Betrag Ihrer Wahl tun.

Sezession
DE58 8005 3762 1894 1405 98
NOLADE21HAL

Kommentare (0)